| Suchanfrage: | Land: Bolivien |
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| Datenbank: | Länder und Märkte |
| Titel: | Wirtschaftstrends kompakt Bolivien Jahresmitte 2008 |
| Datum: | 28.08.2008 |
| Land: | Bolivien |
| Produktkategorie: | Broschüren |
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Verfasser: Carl Moses (August 2008)
La Paz (bfai) - Boliviens Wirtschaft ist 2008 sehr gegensätzlichen Einflüssen ausgesetzt. Während die starke Auslandsnachfrage nach bolivianischen Rohstoffen den realen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) mit +6,1% im 1. Quartal 2008 auf die höchste Rate seit Jahrzehnten trieb, beinträchtigen innenpolitische Konflikte das Investitionsklima und damit die weiteren Wachstumschancen. Da zuletzt auch die Rohstoffpreise wieder purzeln, könnte sich der Konjunkturhorizont schon bald wieder eintrüben. Die Warenimporte expandieren überdurchschnittlich stark (+46% im 1. Halbjahr 2008).
Gestärkt durch den Sieg beim Abberufungsreferendum vom 10.8.08 will Staatschef Morales die 2006 begonnene Politik der Verstaatlichung fortsetzen. Nachdem die Regierung zunächst in der Öl- und Gasförderung wieder die Kontrolle übernommen hatte, kam 2008 mit dem Unternehmen Entel auch die Telekommunikation wieder unter staatliche Regie. Ferner wurde der Gasleitungsbetreiber Transredes (zuvor im Besitz von Shell) verstaatlicht. Mit der Übernahme des Öl-Logistikunternehmens Compañía Logística de Hidrocarburos Boliviana S.A. (CLHB) im Mai 2008 wurde mit der Firma Oiltanking (eine Tochter der Marquard & Bahls AG, Hamburg) auch erstmals ein deutsches Unternehmen von der Verstaatlichungspolitik betroffen.
Trotz der fortwährenden politischen Konflikte haben sich die makroökonomischen Indikatoren in den letzten zwei Jahren deutlich verbessert. Anders als noch vor wenigen Jahren weisen die Staatsfinanzen einen Überschuss aus, der sich zuletzt auf 2,5% des BIP belief. Die Abführungen der Mineralölindustrie allein erbringen inzwischen fast die Hälfte der gesamten Staatseinnahmen. Allerdings steigen auch die Staatsausgaben rasant, so dass bei einem anhaltenden Rückgang der Öl- und Gaspreise rasch wieder ein Loch in der Staatskasse entstehen könnte. Im 1. Quartal 2008 expandierten die Ausgaben (+29%) sogar noch schneller als die Einnahmen (+28%).
Hohe Exportüberschüsse (950 Mio. US$ allein im 1. Halbjahr 2008) ließen die Devisenreserven im Mai 2008 auf den Rekordwert von 6,8 Mrd. US$ steigen - 78% höher als ein Jahr zuvor. Auch die Überweisungen der im Ausland arbeitenden Bolivianer bringen üppige Devisen ins Land. Die aus dem Devisenüberschuss resultierende Aufwertung der Landeswährung Bolivano bringt allerdings die Wettbewerbsfähigkeit der lokalen Industrie unter Druck. In zwölf Monaten zum Mai 2008 hatte der Boliviano inflationsbereinigt um 6,5% gegenüber dem Euro und um 18,5% gegenüber dem US-Dollar aufgewertet.
Im ersten Vierteljahr 2008 wurde das BIP-Wachstum vor allem vom Anstieg der Bergbauproduktion getragen. Ohne den Beitrag der Förderung von Metallerzen, Erdöl und Erdgas wäre die bolivianische Wirtschaft im 1. Quartal nur um 3,1% gewachsen, kalkulieren Ökonomen der Stiftung Fundación Milenio. Vor allem die Inbetriebnahme der Zink-, Zinn- und Silbermine San Cristóbal im letzten Quartal 2007 hat den Ausstoß des Erzbergbaus im 1. Quartal 2008 um 54% gegenüber dem Vorjahr steigen lassen. Der Ausbau der Mine, die im Besitz des US-amerikanischen Unternehmens Apex Silver (65% des Kapitals) und des japanischen Konzerns Sumitomo (35%) ist, hat über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren Entwicklungszeit insgesamt 700 Mio. US$ Investitionen verschlungen. Der Beitrag zur Wertschöpfung in Bolivien wird dennoch begrenzt sein, weil die Mine Erze mit geringem Metallgehalt fördert und exportiert, die erst in Übersee weiterverarbeitet werden.
Einen Rückschlag erlebte die ansonsten so aufstrebende Landwirtschaft, die unter den Auswirkungen von verheerenden Überschwemmungen im Februar 2008 litt. Im 1. Quartal 2008 stieg die Agrarproduktion lediglich um 2,1%. Die Landwirtschaftskammer Ost-Boliviens CAO schätzt die von der Klimakatastrophe bewirkten Gesamtverluste auf 546 Mio. US$, gut die Hälfte davon allein im Sojaanbau, dessen Erzeugung in der Ernteperiode 2007/08 um 38% gegenüber der Vorjahresernte auf 837.000 t einbrach.
Auf Wachstumskurs bleibt die Bauwirtschaft, auch wenn sich der Zuwachs des Sektor-BIP im 1. Quartal 2008 mit +8,5% gegenüber dem Wachstum des Gesamtjahres 2007 (+14,4%) abgeschwächt hat. Tonangebend waren die öffentlichen Bauinvestitionen sowie gewerbliche Projekte (Bergbau, Industrie und Tourismus), während die Baugenehmigungen im Wohnungsbau zuletzt leicht zurückgingen. In der verarbeitenden Industrie (+5,3% im 1. Quartal 2008; +6,1% in ganz 2007) zeigten die Branchen Bier und Erfrischungsgetränke, Baustoffe und die Holzverarbeitung die größte Dynamik. Ein überdurchschnittliches Wachstum verzeichneten 2007 und im 1. Quartal 2008 auch die Finanzdienstleister, während der Sektor Transport und Kommunikation hinter dem Wachstum der Gesamtwirtschaft zurückblieb.
Auf der Nachfrageseite des BIP expandierten im 1. Quartal 2008 vor allem die Exporte (laut Daten des Statistikinstituts INE: +11,5%) und die Investitionen (+19,3%). Der private Konsum legte demgegenüber unterdurchschnittlich zu (+4,4%), der Staatsverbrauch sank im 1. Quartal sogar (-1,8%). Die Importe von Waren und Dienstleistungen stiegen um 10,4%.
Negativ schlägt die steigende Inflation zu Buche. In den zwölf Monaten zu Juli 2008 beschleunigte sich der Preisanstieg auf 14,8% gegenüber 11,7% im Gesamtjahr 2007. Für 2008 erwarten Ökonomen der Stiftung Fundación Milenio eine Inflationsrate von 17,5%. Während die Regierung auf der einen Seite durch Preiskontrollen, Subventionen, Exportverbote und andere Eingriffe versucht, die Inflation einzudämmen, alimentiert sie den Preisauftrieb gleichzeitig durch eine überaus großzügige Geldversorgung. Im Mai 2008 war die Geldbasis um 75% höher als ein Jahr zuvor. Dahinter steht der Ankauf der hohen Devisenzuflüsse durch die Zentralbank, der nur teilweise durch Maßnahmen zur Liquiditätsabschöpfung ausgeglichen wird.
Sorge bereitet auch die Schwäche der Investitionstätigkeit. Zwar zogen die Bruttoanlageinvestitionen im 1. Quartal 2008 nach amtlichen Daten um 19,3% gegenüber dem Vorjahr an. Mit einem Anteil von lediglich 15% des BIP weist Bolivien jedoch im Vergleich mit anderen Ländern Lateinamerikas weiterhin eine der niedrigsten Investitionsquoten auf. Auch bei den ausländischen Direktinvestitionen gehört Bolivien zu den Schlusslichtern der Region - 2007 strömten nur 164 Mio. US$ ins Land (1,2% des BIP).
Vor allem in den strategisch wichtigen Bereich der Erdöl- und Erdgasindustrie fließen unzureichende Mittel, nachdem unter der Morales-Regierung ab 2006 der Staat die Kontrolle in den Förderunternehmen übernommen hat und die Abführungen an die Staatskasse drastisch erhöht wurden. So ist die Anzahl der Förder- und Explorationsbohrungen von durchschnittlich 64 in den Jahren 1998 bis 2000 auf nur noch drei im Jahr 2007 zurückgegangen, berichtet die Cámara Boliviana de Hidrocarburos (CBH). Die Investitionen der Öl- und Gasbranche sanken von durchschnittlich 440 Mio. US$ pro Jahr im Zeitraum 1997 bis 2002 auf zuletzt nur noch knapp 150 Mio. US$ (2007).
Die Tagesförderung von Erdgas, dem wichtigsten Exportprodukt Boliviens, hat in den letzten vier Jahren nur noch um 1,5% pro Jahr zugenommen und im 1. Quartal 2008 ein Volumen von 42,4 Mio. cbm erreicht. Allein um den gegenüber dem Nachbarland Argentinien eingegangenen Lieferverpflichtungen nachkommen zu können, müsste die Produktion bis 2010 um rund 25 Mio. cbm pro Tag gesteigert werden. Der seit Jahren geplante Bau einer neuen Gasleitung von Bolivien nach Argentinien (Gasoducto del Noroeste; 1.400 km Länge, 1,9 Mrd. US$ erforderliche Investitionen), der eigentlich schon 2006 hätte fertiggestellt sein sollen, verzögert sich immer weiter. Während die argentinischen Leitungsbauer angeblich darauf warten, dass Bolivien ausreichend Gas anbieten kann, erklärt der Chef des staatlichen bolivianischen Öl- und Gasunternehmens Yacimentos Petrolíferos Fiscales Bolivianos (YPFB), Ramírez Valverde, Bolivien könne erst in den Ausbau der Förderung investieren, wenn gleichzeitig die Leitung für den Export fertiggestellt werde.
Die seit der "Nationalisierung" der Öl- und Gasförderung im Mai 2006 nur noch im Rahmen von Dienstleistungsverträgen auf Rechnung der Staatsfirma YPFB operierenden Öl- und Gasförderbetriebe wie Petrobras, Repsol und Total haben nach Angaben der bolivianischen Regierung für 2008 ein "Investitionsbudget" von 877 Mio. US$. Davon entfallen gemäß einer Analyse der CBH allerdings nur 332 Mio. US$ auf Investitionen in Exploration und Förderanlagen. Der Rest entfällt auf operative Kosten (190 Mio. US$) und auf Abschreibungen (355 Mio. US$), die keine aktuelle Erweiterung des Kapitalstocks bedeuten.
Auch das Großprojekt zur Ausbeutung und Verarbeitung der riesigen Eisenerzreserven von Mutún im östlichen Tiefland Boliviens ist von der Verfügbarkeit zusätzlicher Gaslieferungen abhängig. Rund 8 Mio. cbm Gas pro Tag würden ab 2012 dort für die Befeuerung eines Stromkraftwerks und für die Direktreduktion des Eisenerzes benötigt. Das indische Unternehmen Jindal Steel & Power Ltd. will 2,1 Mrd. US$ in die Erschließung des Erzes und die teilweise Verarbeitung vor Ort investieren. Die Investitionssumme entspräche rund 16% des bolivianischen BIP. Ein entsprechender Vertrag wurde Mitte 2007 mit der bolivianischen Regierung abgeschlossen. Mit 40 Mrd. t Erz verfügt Mutún über die größten Eisenerz-Reserven Südamerikas. Jindal darf davon die Hälfte ausbeuten. Ab 2012 sollen jährlich 10 Mio. t Pellets exportiert werden. Jindal plant zudem den Bau eines Stahlwerks mit 1,7 Mio. t Jahreskapazität, die Installation eines gasbetriebenen Stromkraftwerks mit 450 MW Kapazität sowie einen Verladehafen und eine Eisenbahnlinie. Der Staatskasse sollen aus dem Mutún-Projekt jährliche Einnahmen von mehr als 300 Mio. US$ zufließen.
In Boliviens Außenhandel waren im 1. Halbjahr 2008 auf beiden Seiten der Handelsbilanz kräftige Wachstumsraten zu verzeichnen. So expandierten die Exporte wertmäßig um 54,4% auf 3.206 Mio. US$, die Importe legten um 46,1% auf 2.257 Mio. US$ zu. Im Gesamtjahr 2007 standen einem Exportwert von 4.780 Mio. US$ Importe für 3.430 Mio. US$ gegenüber.
Allein die Erlöse aus dem Export von Kohlenwasserstoffen (Erdöl und -gas) expandierten im 1. Halbjahr 2008 um 55% auf 1.544 Mio. US$, die Exporte von Metallerzen stiegen sogar um 75% auf 774 Mio. US$. Nachdem sich die Exportpreise von Metallerzen und Erdgas seit 2003 nahezu verdreifacht haben, scheint sich in den letzten Monaten allerdings eine Kehrtwende der Preisentwicklung abzuzeichnen. Ein anhaltender Preisrückgang würde die Überschüsse in der Handelsbilanz und vor allem im Staatshaushalt gefährden.
Auf der Einfuhrseite stiegen im 1. Halbjahr 2008 vor allem die Importe von industriellen Zwischenprodukten (+47%), Investitionsgütern (+44%) und Transportmitteln (+44%). Hauptlieferländer sind Brasilien (18% der Gesamteinfuhr im 1. Halbjahr 2008), Argentinien (14,6%), Japan (10,4%), die USA (10,2%), die VR China (8,3%), Peru (7,2%), Chile (7,0%) und Venezuela (3,6%). Deutschland kommt auf einen Lieferanteil von 2,3%.

