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Türkei forciert Infrastrukturausbau

Schwerpunkte bei Straßen und Nahverkehr

Istanbul (gtai) - Die Türkei treibt den Ausbau der Infrastruktur voran. Das Metronetz in Istanbul wird um mehrere Linien erweitert. Der Tourismus an der östlichen Mittelmeerküste soll vom Bau eines Regionalflughafens und dem Ausbau der Küstenstraße profitieren.

Im Energiebereich steigen die Investitionen von Jahr zu Jahr an. Die Regierung hält an ihren Plänen zum Bau von drei neuen Kernkraftwerken fest. Aber auch Wind- und Wasserkraft sowie die Geothermie spielen eine zunehmend größere Rolle.

Der Ausbau der Istanbuler Untergrundbahn geht weiter. Für die zweite Linie auf der asiatischen Seite der Stadt von Üsküdar über Ümraniye und Cekmeköy nach Sancaktepe gingen Mitte September 2011 die Ausschreibungsgebote ein. Den niedrigsten Preis legte mit 563 Mio. Euro die Firma Dogus Insaat vor. Die 20 km lange Strecke mit 16 Stationen soll in einer sehr kurzen Zeit von 38 Monaten fertiggestellt sein.

In den kommenden Jahren sollen drei weitere neue Verbindungen in Angriff genommen werden. Die Strecke Besiktas-Mahmutbey legt einen nördlichen Ring um die Innenstadt und wird 24 km lang sein. Die 9 km lange Verbindung Bagcilar-Bakirköy schließt den Fährhafen Bakirköy an bestehende Linien an. Die wachsenden Stadtteile im Istanbuler Westen erschließt eine geplante Linie von Bakirköy nach Beylikdüzü. Sie soll zunächst 25 km lang sein, könnte in der Zukunft aber auch den noch weiter westlich geplanten dritten Flughafen der Bosporus-Metropole bei Silivri anbinden.

Der Verkehr am zentralen Istanbuler Taksim-Platz soll komplett unter die Erde gelegt werden. Diesen Beschluss fasste die Stadtverwaltung im September 2011. Darüber sieht der Plan Pressemeldungen zufolge eine 98.000 qm große Fläche für Fußgänger vor. Die U-Bahnstation erhält neue Eingänge. Ein großer Teil der heute noch oberirdisch vom Platz abfahrenden Buslinien kann mit dem weiteren Ausbau des Metronetzes entfallen.

Die zentralanatolische Stadt Kayseri will ihr Straßenbahnnetz mit einer weiteren Linie verdoppeln. Die geplante Strecke soll das Industriegebiet Kayseri OSB mit der Mimarsinan-Kreuzung verbinden und 17,5 km lang sein. Die Kosten werden mit 250 Mio. Türkische Lira (TL; circa 100 Mio. Euro; Wechselkurs 2010: 1 Euro = 1,99 TL, 1 US$ = 1,50 TL) angesetzt. Der Wagenpark soll von derzeit 22 Fahrzeugen auf 52 erweitert werden.

Verschoben wurde die Ausschreibung des umstrittenen Projektes einer dritten Brücke über den Bosporus im Norden von Istanbul. Bis August 2011 hatten 16 Firmen die Unterlagen angefordert. Die Frist zur Abgabe von Angeboten wurde bis zum 10.1.12 verlängert.

Unterschrieben wurde am 8.9.11 bereits der Auftrag an das japanische Unternehmen IHI zum Bau der Brücke über den Golf von Izmit, einem wesentlichen Teil der geplanten Autobahnverbindung von Istanbul nach Izmir. Die Brücke und die Strecken bis Bursa sollen in drei bis dreieinhalb Jahren fertig werden.

Die Angebote für die mehrfach angekündigte Ausschreibung des als BOT-Projekt geplanten Regionalflughafens Cukurova mussten bis zum 3.11.11 bei der staatlichen Flughafenbehörde DHMI eingehen. Der Flughafen zwischen Mersin und Adana soll die Anbindung der Region an den Luftverkehr verbessern und die Grundlage schaffen für den Ausbau des Tourismus an der östlichen Mittelmeerküste der Türkei.

Hierzu trägt auch der bis 2014 geplante Ausbau der Küstenstraße bei. Zudem wird derzeit die Eisenbahnverbindung zwischen Adana und Mersin erneuert, so dass die Fahrtzeit zukünftig von 70 Minuten auf etwa 40 Minuten sinken kann.

Drei Kernkraftwerke geplant

Die türkische Regierung hält auch nach dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima an ihren Plänen zum Bau von drei Kernkraftwerken fest. Angesichts der auf der anatolischen Halbinsel ebenfalls sehr hohen Erdbebengefahr stellte der Energieminister Taner Yildiz im Frühjahr 2011 fest, dass es sich bei den projektierten Anlagen um Technologie einer neuen Generation handele, die wesentlich geringere Risiken im Falle von Naturkatastrophen mit sich bringe.

Den in Deutschland beschlossenen Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie interpretierte Yildiz gegenüber der türkischen Presse als rein ökonomisch begründet. Die Anlagen hätten ihre wirtschaftliche Lebensdauer von 30 bis 40 Jahren erreicht und sollten deshalb bis 2022 abgeschaltet werden. Bei den geplanten Kernkraftwerken in der Türkei handele es sich natürlich um neue Anlagen mit einer entsprechenden Lebensdauer.

Im Juni 2011 nannte er sogar ein Datum für die Abschaltung dieser noch nicht existierenden Kraftwerke, um seine Argumentation zu unterstreichen. Demnach sollen sie 2071 vom Netz genommen werden.

Während der Bau der ersten Anlage in Akkuyu bei Mersin näher rückt, hat der Technologiepartner für den zweiten Standort Sinop, die japanische Tesco, die auch den havarierten Reaktor in Fukushima betreibt, im August 2011 ihren Rückzug aus dem Projekt erklärt. Das türkische Energieministerium ließ daraufhin verlauten, es würden Gespräche mit potenziellen Partnern aus Frankreich und Kanada geführt.

Danach wurde auch Korea als möglicher Partner erneut erwähnt. Das dritte Kernkraftwerk, das dem Vernehmen nach in Igneada nahe der bulgarischen Grenze errichtet werden soll, hat derzeit nach Aussage des Energieministers geringere Priorität. Geplant war, bis 2023 an den drei Standorten eine Kapazität von rund 15.000 MW aufzubauen.

Die Kosten für die von einem russisch-türkischen Konsortium zu bauende Atomanlage mit 4.800 MW aus vier Reaktoren in Akkuyu werden auf 20 Mrd. US$ geschätzt. Die Regulierungsbehörde für den Energiemarkt (EPDK) hat im August 2011 die Bedingungen für die Lizenzerteilung vereinfacht, um den Start für die Anlage zu beschleunigen.

Die Partner an dem Projekt müssen hierzu eine gemeinsame Firma gründen, die dann bei der Behörde den Lizenzantrag stellen kann. Dies soll bis Ende 2011 geschehen sein.

Private Unternehmen mit wachsendem Anteil an den Energieinvestitionen

Die Investitionen in den Energiesektor allgemein steigen von Jahr zu Jahr. Eine von dem türkischen Wirtschaftsmagazin Ekonomist veröffentlichte Schätzung geht 2011 von 6,8 Mrd. TL aus nach 5,0 Mrd. TL 2010. Wachsenden Anteil daran haben private Unternehmen. Enerjisa, der Energiezweig der Sabanci Holding, will bis 2015 alleine 5,5 Mrd. Euro in den Ausbau seiner Stromerzeugungskapazitäten stecken.

Mitte 2011 verfügte das Unternehmen über Kraftwerke (Erdgas, Wasserkraft, Wind) mit zusammen 1.557 MW. Ein Wasserkraftwerk mit 85 MW in der Provinz Adana soll noch 2011 ans Netz gehen. Insgesamt befinden sich zwölf Kraftwerke von Enerjisa mit zusammen 1.606 MW im Bau.

Wettbewerber Zorlu Enerji, der gleichnamigen Holding zugehörig, hat bislang etwa 2 Mrd. US$ in die Stromerzeugung investiert. In den kommenden fünf Jahren soll noch einmal so viel hinzukommen. Dabei gilt das Augenmerk von Zorlu vor allem der Windkraft und der Geothermie.

In beiden Feldern verfügt das Unternehmen bereits über Erfahrungen. In Gökcedag betreibt Zorlu das mit 135 MW größte Windkraftwerk der Türkei. In Kizildere ist geplant, der bestehenden Geothermalanlage mit 15 MW ein weiteres Kraftwerk mit 60 MW zur Seite zu stellen.

Die Demirer Holding betreibt bereits 13 Windkraftanlagen mit zusammen rund 300 MW. Im Jahr 2012 sollen 170 Mio. Euro in zusätzliche Kapazitäten von 136 MW aus Windenergie fließen. Für das folgende Jahr 2013 sind die Inbetriebnahme einer 110 MW-Anlage in Gebze und eines 31,5 MW-Windkraftwerks in Yalova geplant. Die Anadolu Enerji Gruppe erweitert ihre bestehenden etwa 2.000 MW Erzeugungskapazität mit drei Großvorhaben.

Mit Investitionen von circa 2 Mrd. US$ ist das Kohlekraftwerk Gerze bei Sinop das größte davon. Es soll eine Leistung von bis zu 1.200 MW erhalten und 2015 in Betrieb gehen. Ein Jahr früher will Anadolu ein Wasserkraftwerk mit 86 MW im Nachbarland Georgien eröffnen. Das dritte Projekt ist ein 120 MW-Wasserkraftwerk in Aslancik, das derzeit gebaut wird.

Bereits 2012 soll das gemeinsam von Turcas und RWE in Denizli gebaute Erdgaskraftwerk mit 800 MW in Betrieb gehen. Die Grundsteinlegung erfolgte im April 2011. Eine weitere große Auslandsinvestition im Energiesektor wurde Ende September 2011 in Izmir bekannt gegeben. Demnach will die türkische Firma Polat Madencilik mit dem chinesischen Partner Zhejiang Energy nahe den Kohlevorkommen von Kinik-Soma ein Kraftwerk mit rund 660 MW errichten.

Die Investitionssumme wird mit 1 Mrd. US$ angegeben, die Bauzeit ist auf fünf Jahre angesetzt.

Marcus Knupp
westeuropa@gtai.de

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