02/2016

Digitalisierung im Kern der Industrie

Megatrend. Lauter Nullen und Einsen – warum soll die Digitalisierung damit die Welt verändern? Immerhin: Wer Google danach fragt, erhält über vier Millionen Treffer. 

Digitalisierung im Kern der Industrie | © derekgarvey/flickr

Heute sind nicht mehr nur Menschen über digitale Kanäle vernetzt, sondern auch Maschinen untereinander. Die Digitalisierung trifft Gesellschaft und Wirtschaft. In der Industrie können sich Anlagen durch diese intelligente Rückkopplung über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg selbst analysieren. "Die Maschine entscheidet anhand von Daten, was in der Produktion gerade die optimale Tätigkeit ist", sagt Dr. Friso Schlitte vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut. In Deutschland steht dieser Bereich der Digitalisierung im Vordergrund – die intelligente Produktion. Schlitte sieht Deutschland und andere Länder noch am Anfang der Industrie 4.0. Schlüsseltechnologien der Digitalisierung wie Sensorik gelten dagegen als eine Stärke deutscher Unternehmen. "Die Industrie 4.0 lässt klassische Branchengrenzen verschwinden und verändert Wertschöpfungsprozesse. Das bedeutet für die Sensorik und Messtechnik eine Vielzahl neuer Anforderungen – der Bedarf an intelligenten Sensoren wird weiter ansteigen", sagt Dr. C. Thomas Simmons, Geschäftsführer des Verbands für Sensorik und Messtechnik.

"Vernetzte Prozesse sind in der Produktion bereits vielfach etabliert. Dennoch lassen sich bestimmte Auswirkungen der Digitalisierung bislang kaum bewerten. Das gilt auch für mögliche Einflüsse auf die Exportwirtschaft. Dafür ist die Zeitspanne zu kurz, der Erfahrungsschatz zu gering. Das Potenzial des 3-D-Drucks wird beispielsweise derzeit stark diskutiert. Ersatzteile könnten direkt dort hergestellt werden, wo sie benötigt werden. Ein Versand aus dem Zentrallager ins In- oder Ausland entfällt. Bei einfachen Teilen wäre das schnell umzusetzen, doch bei allem, was montiert und geprüft wird, muss nach wie vor der sachkundige Monteur vor Ort sein. Daher ist noch nicht absehbar, welche Geschäftsmodelle sich durchsetzen werden."

ZF Friedrichshafen, Automobilzulieferer

Höhere Anforderungen an Ausrüstung

Unternehmen erhoffen sich von der intelligenten Fertigung einige Vorteile: Die Produktion soll flexibler werden, kleine Losgrößen und individualisierbare Produkte ermöglichen. Schon heute kann sich beispielsweise ein Kunde sein Auto nach eigenen Wünschen zusammenstellen. Durch die Individualisierung erhöhen sich die Anforderungen an die Ausrüstung der produzierenden Betriebe. Die Maschinen müssen für die smarte Produktion in der Lage sein, einzelne Werkstücke zu erkennen und den bestellten Arbeitsschritt einzuleiten. Daraus lassen sich nicht nur Verkaufsargumente ableiten, sondern auch langfristige Geschäftsmodelle: Die Maschine wird nicht verkauft, sondern vermietet oder verleast, und der Kunde erwirbt Stückzahlen oder Laufzeiten. Wartung und Service betreffen den Hersteller der Maschine dadurch noch unmittelbarer als bisher.

Für deutsche Maschinenbauer nimmt der Wettbewerb auch auf dem Heimatmarkt zu. Vernetzten Datenströmen wird man sich weder im Inland noch im internationalen Geschäft verschließen können. Laut einer Umfrage von TNS Emnid glauben nur 24 Prozent der deutschen mittelständischen Maschinenbauunternehmen, dass Deutschland im Bereich der vernetzten Produktion 2025 führend sein wird. In Indien oder auch in China gelten nach Einschätzung von IT-Dienstleistern Maschinenbauunternehmen als besonders offen für die Integration von IT-Anwendungen.

Neue Wettbewerber für deutsche Traditionsbranchen können sich auch aus bisher fachfremden Bereichen entwickeln. Unternehmen, die ursprünglich aus der Informationstechnologie (IT) kommen, träten in andere Branchen ein, beispielsweise in den Automobilsektor, sagt Schlitte. Google hat es mit seinem selbstfahrenden Auto vorgemacht.

Erleichterter Service

Der Export kann von der Digitalisierung profitieren. Frank Welge, Partner beim Berater Inverto, sieht beispielsweise im Ersatzteilegeschäft oder im Servicebereich Ansatzpunkte. "In den kommenden Jahren sind Servicearbeiten, die bei Maschinen im Ausland durchgeführt werden, schneller und einfacher handhabbar." Ein Fremdmitarbeiter könne Servicedienstleistungen vor Ort durchführen, angeleitet mittels Tablet oder Datenbrille von einem Experten, der sich weit entfernt befindet. Allerdings sei dieses Szenario heute noch mehr Wunsch als Realität. Durch 3-D-Druck könnten auch bestimmte Ersatzteile vor Ort gefertigt werden, Transportwege würden entfallen.

Den Weg in die digitale Zukunft erschweren noch einige Hürden. Der konkrete Nutzen für die Unternehmen ist schwer zu prognostizieren. "Wenn ich nicht weiß, welche Standards sich durchsetzen, dann können die Anreize für Investitionen fehlen", sagt Schlitte. Auch Datenschutz und Datenhoheit sowie die passende Qualifikation der Mitarbeiter sind kritische Themen. Dazu kommen rechtliche Fragen: Wer haftet, wenn die Maschine eine falsche Entscheidung umsetzt?

Wie fit deutsche Unternehmen für die Digitalisierung sind, ist sehr unterschiedlich. Bezogen auf Branchen ist die Automobilindustrie nach Welges Einschätzung Vorreiter. Tendenziell stuft er kleinere Unternehmen als weniger weit fortgeschritten ein als große. Dabei ist die Digitalisierung auch für kleine Firmen wichtig. "Mittlerweile suchen große Hersteller ihre Sublieferanten auch nach deren Digitalisierungsfähigkeit aus", so Welge. Gerade für kleine und mittelständische Unternehmen sind die Investitionskosten aber ein sehr kritischer Punkt.

Ob die Industrie 4.0 wirklich eine vierte digitale Revolution ist oder doch eher eine Evolution, werde sich rückwirkend zeigen, sagt Schlitte. Unausweichlich sei aber der zunehmende Einfluss digitaler Technologien auf Wirtschaft und Gesellschaft. 

Text: Eva-Maria Korfanty-Schiller & Peter Schmitz, Germany Trade & Invest Bonn

Foto: flickr/derekgarvey

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