06/2017

Erster Trend: Convenience

Eine Mitarbeiterin von Mister Spex gibt einer Brille vor dem Versand den letzten Schliff. Der Onlineoptiker will Kunden den Brillen¬kauf besonders leicht machen. | © Mister Spex GmbH

Der Wunsch nach einem bequemen und mühelosen Leben begleitet die Menschheit durch die Jahrhunderte. Während früher vor allem der gesellschaftliche Stand darüber bestimmte, wer einen einfacheren und wer einen anstrengenderen Lebenswandel hatte, eröffnen technische und soziale Innovationen Spielräume für breitere Bevölkerungsschichten. An die Stelle von Dienstpersonal treten Maschinen, spezialisierte Dienstleister und in jüngster Zeit digitale Algorithmen.

Im Vergleich zur Fahrt ins Stadtzentrum und dem beschwerlichen Gang durch verschiedene Geschäfte ist ein Onlinekauf deutlich bequemer. Gleichzeitig bietet das Internet schnelle Preisvergleiche und günstigere Angebote als im Laden, ohne Kosten für Geschäftsräume und Verkaufspersonal zu verursachen. Bei einer europaweiten Untersuchung von Goldsmiths, University of London, war für 53 bis 65 Prozent der Befragten die Bequemlichkeit das wichtigste Kriterium beim Einkauf.

Mister Spex - Weitblicker

Große Auswahl, günstige Preise und hohe Qualität – mit diesen Argumenten macht der 2007 gegründete Brillenanbieter Mister Spex aus Berlin Werbung für sein Onlineangebot. Das wahre Produkt der Gründer aber heißt: Bequemlichkeit. Denn wer seine Sehstärke kennt, kann im Prinzip alles von zu Hause aus erledigen. Probebrillen kommen per Post, die Beratung erfolgt per Telefon oder E-Mail. Und wenn das nicht klappt, gibt es bundesweit immer noch 550 Partneroptiker.

Clever kombiniert das Unternehmen Onlinetechnologie wie die virtuelle Anprobe per Webcam und die eigene Optikerwerkstatt mit einem Partnermodell und stationären Geschäften für die persönliche Beratung. Man bietet buchstäblich das Beste der unterschiedlichen Verkaufskanäle und macht es den Kunden damit besonders einfach. Mister Spex ist inzwischen in mehreren europäischen Ländern aktiv.

Kunden werden älter und anspruchsvoller

Gesellschaften werden auch deshalb bequem, weil sie altern und sich verändern. Der demografische Wandel lässt den Anteil von Menschen an der Bevölkerung steigen, die weniger belastbar sind. Mehr als 21 Prozent der Deutschen sind heute 65 oder älter – 1990 waren es gerade 15 Prozent. Die Zahl der Einpersonenhaushalte stieg von 34 Prozent im Jahr 1994 auf 41 Prozent 2015. Das gemeinsame Kochen für mehrere Personen wird seltener, die Nachfrage nach fertigen oder einfach zuzubereitenden Gerichten steigt. In den Familien verschieben sich die Prioritäten: Mehr als die Hälfte der Frauen in Deutschland ist heute berufstätig. Viele Menschen wünschen sich mehr Freizeit und freuen sich, wenn ihnen Interneteinkäufe und Lieferservices etwas Luft verschaffen.

Dann ist da noch die Flexibilisierung der Arbeitswelt. Feste Essens- oder Ladenöffnungszeiten passen immer weniger in den Tagesablauf. Kunden wünschen sich vielmehr jederzeit und überall verfügbare Shoppingangebote.
Die einzige Frage ist: Wie kommt das Produkt zum Kunden? Eine Möglichkeit ist es, die Übergabe dorthin zu verlagern, wo der Kunde ohnehin vorbeikommt. Die seit den 1970er-Jahren zunächst in den USA und in Japan entstandenen Convenience-Stores sind kleine Nachbarschaftssupermärkte, die 24 Stunden am Tag geöffnet haben. In dieselbe Kategorie gehören Tankstellenshops oder der Verkauf von Sandwiches und süßen Teilchen auf dem U-Bahn-Bahnsteig.

Gut zu wissen:

Mehr Zeit für Selbstverwirklichung
Angebote vergleichen, einkaufen und kochen – all das verschlingt Zeit, die für Familie, Freunde und Hobbys fehlt. Convenience heißt in vielen Fällen: Zeitersparnis.

Alles soll jederzeit verfügbar sein
Die Flexibilisierung der Arbeitszeiten und die globale Onlinewirklichkeit lassen fest gefügte Zeitraster verschwimmen. Essen unterwegs wird zum Normalfall.

Einpersonenhaushalte konsumieren spontaner
Familien dominieren beim geplanten wöchentlichen Großeinkauf. Singles und alleinstehende Ältere schätzen dagegen den spontanen Kauf im Laden um die Ecke.

Bequemlichkeit hat ihren Preis
Wer nachts einkaufen kann, das Essen gebracht bekommt oder sofort findet, was er sucht, ist oft bereit, mehr zu zahlen.

Der Wettbewerb wird härter
Bücher an der Tankstelle, Lunch beim Bäcker, Brillen im Internet. Die Jagd nach dem Convenience-Kunden zwingt Anbieter dazu, sich anzupassen.

On- und Offlineangebote verschwimmen

Die Ware kann auch zum Kunden kommen. Das Spektrum reicht hier vom klassischen Pizza­boten über den Paketversand bis zum technischen Neuland der vollautomatischen Auslieferung per Drohne. Eine Zwischenform ist das in Frankreich populäre Drive-in-System: Kunden bestellen ihre Waren im Internet und holen den Einkauf dann kurz darauf an der Supermarkttheke ab – oder in einem kleinen Drive-in-Laden in der Pariser Innenstadt, wo ihnen so trotzdem das Angebot eines vorstädtischen Supermarktes zur Verfügung steht. Landesweit gibt es mittlerweile rund 3.500 solcher Abholstellen.

Die Angebotsformen verschwimmen: Einzelhandelsketten pflastern die Zentren mit kleinen Cityfilialen zu. Stationäre Geschäfte bieten Onlineplattformen, Bäckereien belegen Sandwiches und brühen Kaffee, Bahnhöfe werden zu rund um die Uhr geöffneten Einkaufszentren.

Zum Komforteinkauf gehört für viele Kunden auch, Zeit und lästige Wege zu sparen und dennoch eine große Auswahl an Qualitätsprodukten zu bekommen. Diese Bedürfnisse befriedigen heute zahlreiche Onlineanbieter. Je kompletter das Angebot ist und je durchdachter die Serviceleistungen sind, desto erfolgreicher sind sie am Markt. Ob Mode bei Zalando, eine neue Brille von Mister Spex oder das Abendessen von Lieferando – das alles lässt sich vom heimischen Sofa aus erledigen. Zum Komfort gehört natürlich, dass Pakete pünktlich kommen. Und dass Anbieter die Produkte anstandslos umtauschen.

12,5 %
höher als 2015 war der Umsatz mit Waren im E-Commerce in Deutschland im Jahr 2016. Der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel meldet auch: Die Nachfrage nach Dienstleistungen stieg um 17,8 Prozent.

60 %
ihres Einkommens erwirtschaften Tankstellen in Deutschland nach Angaben von Aral bereits mit ihrem Shop- und Gastronomieangebot. Die Gründe: Sie liegen auf dem Weg und verkaufen rund um die Uhr.