06/2017

Vierter Trend: Nachhaltigkeit

Produktion von Tiefkühl-Pommes-frites bei Agrarfrost. Das Familienunternehmen setzt für viele Produkte Palmöl ein – achtet aber darauf, dass seine Rohstoffe nachhaltig sind. | © Agrarfrost GmbH & Co. KG

Kunden kaufen heute viel bewusster ein als früher. Lebensmittel sollen gut schmecken, außerdem aber möglichst gesund sein und nachhaltig produziert werden. Kosmetika sollen Konsumenten schön und jung aussehen lassen, dabei aber auch die Haut schonen und ohne zweifelhafte Rohstoffe auskommen.

Die Nahrungsmittelindustrie spürt diese Tendenz am stärksten. "Biolebensmittel sind längst mehr als ein Trend innerhalb einer besonders umwelt- und ernährungsbewussten Verbraucherschicht – sie sind auf einem guten Weg, den Massenmarkt zu erobern", sagt Gerd Bovensiepen, Handelsexperte der Unternehmensberatung Pricewaterhouse­Coopers. Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, ist da noch etwas vorsichtiger. "Eine gesunde, nachhaltige und qualitativ hochwertige Ernährung ist dem Verbraucher immer wichtiger. Der Kauf von Bio- oder Fair-Trade-Produkten ist aber noch lange nicht selbstverständlich." Hätten Verbraucher die Wahl, griffen sie bei einem besseren Preis-Leistungs-Verhältnis und einer größeren Auswahl doch immer noch zum konventionellen Produkt.

Agrarfrost - Nachhaltige Fritten

Volle Punktzahl auf der Palmöl-Scorecard des WWF – das erreichen nicht viele. Der Kartoffelveredler Agrarfrost aus dem niedersächsischen Wildeshausen-Aldrup, Hersteller von tiefgekühlten Kartoffelprodukten, hat es im Jahr 2015 geschafft. Die Scorecard bewertet die Einkaufspolitik von 200 Verarbeitern des Rohstoffes im Hinblick auf Nachhaltigkeit. "Bei Produkten, bei denen wir auf Palmöl nicht verzichten können, verwenden wir ausschließlich solches aus nachhaltigem Anbau", sagt Geschäftsführer Manfred Wulf. "Wir leisten jedoch stetig Überzeugungsarbeit, um das Volumen des Palmöls noch weiter zu reduzieren." Außerdem verzichtet Agrarfrost auf künstliche Geschmacksverstärker, Farbstoffe und Aromazusätze. Das Unternehmen exportiert weltweit. Seine Hauptabsatzmärkte liegen in Europa, Südamerika, den USA, Afrika, Asien und im Mittleren Osten.

David Bosshart vom Gottlieb Duttweiler Institut betont eine weitere Herausforderung: "Je mehr Nachhaltigkeit zur Selbstverständlichkeit wird, desto schwieriger wird die Differenzierung. Man braucht ein Alleinstellungsmerkmal. Reines Marketing durchschauen die Kunden heute." In jedem Fall sind Bioprodukte ihrer Nische entwachsen. Konzerne sind eingestiegen, und Ökolebensmittel haben den Weg in die Regale von Supermärkten und Discountern gefunden. "Im Rahmen der Free-from-Sortimente, die die Handelsketten aufgelegt haben, bilden auch gluten- und laktosefreie Angebote ein wichtiges Segment", sagt Heiko Zentgraf vom Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft. Außerdem steigt die Auswahl an vegetarischem Fleischersatz. Wer nicht auf Fleisch verzichten will, bekommt es immerhin von glücklichen Tieren.

Nach Angaben des Schweizer Forschungsinstituts für biologischen Landbau haben organische Lebensmittel im Jahr 2015 global rund 75 Milliarden Euro umgesetzt, vorn liegen die USA, Deutschland, Frankreich und ­China. Für die USA sieht der Marktforscher MarketLine bis 2020 ein jährliches Plus von zehn Prozent. In den USA bevorzugen viele Konsumenten Clean Labels und verzichten somit auf Produkte mit Farb- und Konservierungsstoffen oder Geschmacksverstärkern. Endverbraucher vieler Industriestaaten nehmen Margarine, Fertiggerichte und Süßigkeiten vom Einkaufszettel, die Palmöl enthalten. Der Grundstoff mit dem hohen Anteil an gesättigten Fettsäuren steckt laut World Wide Fund For Nature (WWF) in etwa jedem zweiten Supermarktprodukt. "Immer mehr Unternehmen nutzen zertifiziertes Palmöl und setzen sich mit ihrer Lieferkette auseinander", stellt WWF-Referentin Ilka Petersen fest.

Gut zu wissen:

Bio dient dem Wohlbefinden
Gesundheit ist einer der wichtigsten Wünsche der Konsumenten.

Der Trend ist Mainstream
Bioprodukte werden über verschiedenste Kanäle vertrieben, außer in Bioläden auch in großen Handels­ketten, Super- und Hypermärkten sowie Discountern.

Nur nachhaltig reicht nicht
Nachhaltigkeit allein reicht nicht als Verkaufsargument. Anbieter benötigen ein Alleinstellungsmerkmal.

Verpackung nicht vergessen
Auch das Verpackungsmaterial muss heute nachhaltig sein.

Aufklärungsarbeit zählt
Wer Kunden über tatsächliche Nachhaltigkeit aufklärt, schützt sich vor unlauterer Konkurrenz.

Gutes soll besonders gesund sein

Positiv punkten im Gegenzug Produkte mit Antioxidantien wie Vitaminen und Mineralien sowie mit sekundären Pflanzenstoffen, die zumindest bei hohem Obst- und Gemüseverzehr nachweislich Krankheitsrisiken vermindern können. Neben Etikett und Inhalt spielt aber auch das äußere Erscheinungsbild eine immer wichtigere Rolle. In den USA erwarten Konsumenten von Biolebensmitteln auch eine entsprechende alternative Verpackung, zum Beispiel aus kompostierbarem Kunststoff oder Glas.


10 %
der Deutschen könnten schon Vegetarier oder Veganer sein. Die Schätzungen darüber gehen weit auseinander. Der Trend zur Pflanzenkost ist aber weltweit nachweisbar.

41 %
der Bevölkerung sind einer Studie des Markt- und Meinungsforschungsinstituts YouGov zufolge pflanzlichen Fleisch- und Wurstalternativen gegenüber aufgeschlossen.