Wirtschaftsausblick

15.06.2018

Wirtschaftsausblick - Belgien (Juni 2018)

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Wirtschaftsausblick - Belgien (Juni 2018)

Robuste Konjunktur lässt Importbedarf weiter steigen / Von Torsten Pauly

Brüssel (GTAI) - Belgiens Wirtschaft wird jüngsten Prognosen zufolge 2018 um 1,8 Prozent wachsen. Dabei ziehen der Außenhandel und die Investitionen besonders stark an. Das Nachbarland eröffnet deutschen Anbietern viele Geschäftschancen. Zum einen ist Belgien eine sehr offene Volkswirtschaft und bei vielen Produkten auf Importe angewiesen. Zum anderen sind die Margen dank des hohen Preisniveaus oft attraktiv. Ein Problem sind die großen regionalen Unterschiede bei der Wirtschaftskraft.

Wirtschaftsentwicklung: Inlandsnachfrage und Außenhandel wachsen weiter

Belgiens reales Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird nach Prognosen der EU-Kommission im Mai 2018 um 1,8 Prozent und 2019 um 1,7 Prozent wachsen. Stärkster Konjunkturmotor ist weiterhin der Export von Waren und Dienstleistungen, der um 5 Prozent (2018) sowie 4,4 Prozent (2019) zulegen soll.

Insgesamt bleibt das Wachstum breit aufgestellt, denn auch die Investitionen und der Privatkonsum steigen 2018 um 4 Prozent beziehungsweise 1,7 Prozent. Alles in allem zieht die belgische Inlandsnachfrage 2018 und 2019 um 1,7 und 1,8 Prozent an. Dies eröffnet deutschen Lieferanten hervorragende Geschäftschancen, soll doch Belgiens Einfuhr von Waren und Dienstleistungen 2018 um 5 Prozent zunehmen.

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Belgien profitiert stark von seiner Lage und seiner Rolle als Drehkreuz in Nordwesteuropa. Die Volkswirtschaft des Landes ist sehr offen: Der Warenimport entsprach 2017 über 82 Prozent und der Export sogar mehr als 87 Prozent des BIP. Allerdings haben auch Reexporte dabei eine große Bedeutung.

Allein Europas zweitgrößter Hafen Antwerpen hat 2017 mit 224 Millionen Tonnen mehr umgeschlagen als Hamburg (137 Millionen Tonnen) und Bremen (73 Millionen Tonnen) zusammen. Dieser sehr intensive wirtschaftliche Austausch mit dem Ausland hat Belgien auch geholfen, die globale Rezession ab 2008 besser als viele andere EU-Staaten zu überwinden. Belgiens BIP war 2009 um 2,3 Prozent gesunken. Doch seit 2010 ist die Wirtschaftsleistung wieder so stark gestiegen, dass das reale Niveau 2017 um 8,8 Prozent höher war als vor der Krise 2008. Das EU-weite BIP hat sich im selben Zeitvergleich nur um 7,8 Prozent erhöht.

Allerdings bestehen in Belgien sehr große regionale Unterschiede bei der Wirtschaftskraft. Das Königreich gliedert sich in das niederländischsprachige Flandern, das frankophone Wallonien und den zweisprachigen Hauptstadtraum Brüssel. Im Jahr 2016 lag das BIP pro Kopf in Brüssel um 70 Prozent über dem Landesdurchschnitt. Zwischen den anderen beiden Regionen gab es ein Gefälle von 41 Prozent zugunsten von Flandern.

Die Autonomie der belgischen Regionen hat in den letzten Jahrzehnten einen hohen Grad erreicht. Die damit einhergehenden Kompetenzverlagerungen haben auch zu einer aufgeblähten und heterogenen Verwaltung geführt. Dies wiederum ist ein wichtiger Grund dafür, dass das Niveau der belgischen Staatsschuld 2018 in der Erwartung der EU-Kommission mit 101,5 Prozent des BIP den Prognosen zufolge hoch bleiben wird.

Wirtschaftliche Eckdaten von Belgien
Indikator 2016 2017 Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. Euro) 422,7 437,2 3.263,4
BIP pro Kopf (Euro) 37.400 38.500 39.475
Bevölkerung (Mio.) 11,3 11,4 82,7

Quellen: Eurostat; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Ausrüstungsbeschaffungen und Bautätigkeit bieten Chancen

Die belgische Investitionstätigkeit dürfte 2018 preisbereinigt um 4 Prozent und 2019 um 2,7 Prozent zulegen, erwartet die EU-Kommission. Die reinen Ausrüstungsbeschaffungen nehmen dabei noch überdurchschnittlich um 5,6 Prozent (2018) und 3,6 Prozent (2019) zu. Die Produktionsauslastung des verarbeitenden Gewerbes lag im April 2018 mit durchschnittlich 80,7 Prozent über dem langjährigen Durchschnitt (79 Prozent). Auch die Bauinvestitionen steigen um 2,4 Prozent (2018) beziehungsweise 2,1 Prozent (2019). Deutschen Anbietern eröffnen auch Großprojekte wie Chemie- und Hafenanlagen in Antwerpen, eine neue U-Bahnlinie in Brüssel oder der Ausbau der Elektromobilität Geschäftschancen.

Die belgische Investitionstätigkeit war im Zuge der Rezession 2009 und 2010 überdurchschnittlich um insgesamt 7,4 Prozent eingebrochen. Auch in den Jahren danach traten zunächst Schwankungen auf. Seit 2014 gab es jedoch wieder einen kontinuierlichen, kräftigen Anstieg und das Niveau lag 2016 preisbereinigt wieder um 8,1 Prozent über dem Vorkrisenstand von 2008. Im EU-Durchschnitt waren die Bruttoanlageinvestitionen 2017 noch um 1,2 Prozent geringer als 2008.

Ausgewählte Großprojekte in Belgien
Projektbezeichnung Investitionssumme Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Total/neue Raffinerie in Antwerpen 1 Mrd. Euro Planung http://www.total.be
Ineos/neue PDH-Anlage in Antwerpen *) 1 Mrd. US$ Planung Jahreskapazität 750.000 Tonnen; http://www.ineos.be
Nördliche U-Bahn-Verlängerung in Brüssel 570 Mio. Euro Planung Realisierung bis 2024 geplant; https://metro3.be
Saeftinghe-Containerterminal in Antwerpen 660 Mio. Euro Planung Realisierung bis 2021 geplant; http://www.portofantwerp.be
Wohn-, Einkaufs-, Freizeitareal Neo, Brüssel k.A. (öffentliche Hand: 335 Mio. Euro; Mall: 550 Mio. Euro) Planung In Phase 1 entstehen unter anderem 590 Wohnungen, ein Kino und 81.000 qm Einkaufsfläche von 2019 bis 2021; PPP-Projekt der Stadt Brüssel mit Konsortium Uniball-Rodamco-Besix-CFE; http://www.neobrussels.be, http://www.mallofeurope.com
8.300 öffentliche Ladestationen für Elektroautos k.A. schrittweise Realisierung bis 2020 Davon 7.400 in Flandern, 688 in Wallonien und 200 in der Region Brüssel; http://www.febiac.be
"Closing-the-Circle"-Projekt in Altdeponie Houthalen-Helchteren 230 Mio. Euro Planung, teilweise Umsetzung Wiederverwertung und Energiegewinnung aus deponiertem Abfall; http://www.elfm.eu
Erweiterung Bankzentrale BNP Paribas Fortis, Brüssel 190 Mio. Euro Planung 100.000 qm; geplante Fertigstellung 2021; Hauptauftragnehmer ist Eiffage; http://www.bnpparibasfortis.com

*) PDH: Propandehydrogenierung

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Belgiens föderale Regierung hat mit der Homepage http://www.publicprocurement.be ein Portal für Ausschreibungen öffentlicher Institutionen eingerichtet. Entsprechende Internetseiten haben auch die Regionen Flandern https://overheid.vlaanderen.be/duurzame-innovatieve-overheidsopdrachten), Wallonien und Brüssel (http://marchespublics.cfwb.be).

Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de.

Konsum: Löhne steigen moderat, Beschäftigung wächst kräftig

Der belgische Einzelhandel hat im ersten Quartal 2018 etwa 0,7 Prozent weniger umgesetzt als vor Jahresfrist. Dennoch wird der Privatkonsum 2018 insgesamt um 1,7 Prozent steigen, erwartet die EU-Kommission im Mai. Die Kauflaune der Bevölkerung fördert, dass die Beschäftigung 2018 kräftig um 1,2 Prozent zunehmen wird. Die Reallöhne dürften dagegen nur moderat um 0,3 Prozent zulegen.

Der Verbrauch der belgischen Haushalte hat selbst im Krisenjahr 2009 zugelegt. und war 2017 preisbereinigt um 9,7 Prozent höher als 2008. Im EU-Mittel war das Niveau im selben Zeitvergleich um 6,5 Prozent besser. Das Preisniveau für Endverbraucher lag 2016 in Belgien um 9,1 Prozent über dem EU-Schnitt und war somit deutlich höher als das deutsche, das nur um 3,6 Prozent teurer als das EU-Mittel war.

Viele belgische Haushalte kaufen auf Kredit. Im April 2018 gab es landesweit 8,2 Millionen Konsumentendarlehen. Davon waren 536.000 Kreditnehmer in Zahlungsverzug, was einem Rückgang um 3,6 Prozent gegenüber demselben Vorjahresmonat entspricht. Auch bei der Kaufkraft gibt es große regionale Unterschiede. Das verfügbare Einkommen pro Kopf lag neuesten Zahlen zufolge 2014 in Flandern bei 19.860 Euro. In Wallonien betrug es 17.064 Euro und in der Hauptstadtregion Brüssel 16.898 Euro.

Außenhandel: Exportüberschuss steigt weiter

In Belgien tragen die hohen Ausfuhrüberschüsse in hohem Maße zum Wohlstand bei. Das Plus ist 2017 um 22,2 Prozent gestiegen und hat 4,9 Prozent des BIP entsprochen. Der Auslandsabsatz hat auch Belgiens rasche Bewältigung der wirtschaftlichen Krise gefördert. Zwar war der Warenexport 2009 um 17,1 Prozent eingebrochen, doch von 2010 bis 2017 gab es einen kräftigen Anstieg um insgesamt 43,2 Prozent.

Dennoch ist Belgien als relativ kleine Volkswirtschaft bei vielen Produkten auf Einfuhren angewiesen, was deutschen Anbietern vielfältige Geschäftschancen eröffnet. Zudem reexportiert Belgien einen Teil des Imports ohne Weiterverarbeitung, da es ein ausgesprochenes Transitland ist.

Der belgische Import aus Deutschland ist 2017 überdurchschnittlich um 7,1 Prozent gewachsen. Die Bundesrepublik ist mit einem Einfuhranteil von 13,8 Prozent Belgiens zweitwichtigster Lieferant, nach den Niederlanden (17,2 Prozent) und vor Frankreich (9,5 Prozent). Im bilateralen Handel mit Deutschland gibt es aus belgischer Sicht aber einen Exportüberschuss, der 2017 um 2,8 Prozent auf 13,4 Milliarden Euro gestiegen ist. Im Jahr 2017 gingen 16,6 Prozent aller belgischen Ausfuhren nach Deutschland. Zweitwichtigster Auslandsmarkt ist Frankreich (14,9 Prozent) vor den Niederlanden (12,0 Prozent).

Außenhandel von Belgien (in Mio. Euro; Veränderung in %)
2016 2017 Veränderung 2017/2016
Importe 342.480 360.173 5,2
Exporte 359.544 381.021 6,0
Handelsbilanzsaldo 17.063 20.848 22,2

Quelle: Eurostat

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/Belgien

Dieser Artikel ist relevant für:

Belgien Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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