Wirtschaftsausblick

20.07.2018

Wirtschaftsausblick - Bulgarien (Juli 2018)

Inhalt

Investitionen und Privatverbrauch beflügeln das Wachstum / Von Michael Marks

Sofia (GTAI) - Die bulgarische Wirtschaft entwickelt sich weiter positiv. Privatverbrauch und deutlich steigende Investitionen stützen das Wachstum. Hinzu kommt die verstärkte Umsetzung von Projekten, die mit Mitteln der EU-Förderperiode 2014 bis 2020 finanziert werden. Insgesamt bietet sich ein günstiges Umfeld für wirtschaftliche Aktivitäten aller Art. Kopfzerbrechen bereitet der ungebremste Bevölkerungsschwund.

Wirtschaftsentwicklung: Bulgarische Wirtschaft ist weiter auf Wachstumskurs

Bulgarien könnte 2018 das höchste Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) seit der globalen Finanzkrise erreichen. Auch 2019 stehen die Chancen auf eine Fortsetzung nicht schlecht. Im 1. Quartal 2018 stieg das BIP im Vergleich zum Vorjahr um 3,6 Prozent. Der Beschäftigungszuwachs und der Lohnanstieg beflügeln weiterhin den privaten Verbrauch. Die Ausrüstungsinvestitionen ziehen erheblich an, während die Bauinvestitionen im Zuge der Umsetzung des EU-Förderrahmens 2014 bis 2020 Fahrt aufnehmen. Die Zuflüsse aus EU-Fonds sollen von 1,5 Prozent im Jahr 2017 auf über 2 Prozent des BIP 2018 zunehmen. Die Importe steigen stärker als die Exporte, das Handelsbilanzdefizit weitet sich aus.

Die Politik ist auf die Einführung des Euro ausgerichtet. Zu diesem Zweck wurde Mitte Juli der Antrag auf Teilnahme am Wechselkursmechanismus II gestellt, die letzte Stufe vor dem Beitritt zur Währungsunion. Der jüngste Konvergenzbericht der Europäischen Kommission bescheinigt dem Land erneut bedeutende Fortschritte bei der Erfüllung der formalen Voraussetzungen. Jedoch bleiben erhebliche strukturelle und institutionelle Herausforderungen. Für eine absehbare Überwindung des Wohlstandsgefälles zum EU- und Euroraum reichen die Wachstumsraten bei weitem nicht aus.

MKT201807198004.14

Der fortlaufende Bevölkerungsschwund hat das Potenzial, sich zu einer ernsten Belastung für Wirtschaft und Gesellschaft auszuwachsen. Ende des 1. Halbjahrs 2018 fiel die Bevölkerung unter 7 Millionen Einwohner. Auf dem Höhepunkt 1985 waren es fast 9 Millionen. Nach Überwindung einer mehrjährigen Deflationsphase wächst nun die Inflation. Die Verbraucherpreise stiegen 2017 um 2,1 Prozent, in den Jahren 2018 und 2019 könnte die Inflationsrate dann etwa 2,7 Prozent erreichen. Die Devisenreserven des Landes standen Ende Mai 2018 bei 22,8 Milliarden Euro. Dies entsprach einer Importdeckung (Waren) von rund 8,5 Monaten.

Wirtschaftliche Eckdaten Bulgarien
Indikator 2017 2018 Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. Euro) 50,4 53,5 3.263
BIP pro Kopf (Euro) 7.099 7.560 39.475
Bevölkerung (Mio.) 7,104 7,075 82,7
Wechselkurs (Fixkurs, 1 Euro = Lewa) 1,96 1,96 -

Quellen: Frühjahrsprognose der Europäischen Kommission 2018; Statistisches Bundesamt

Die öffentlichen Finanzen bleiben intakt. Der gesamtstaatliche Haushalt weist auch 2018 einen Überschuss von 0,6 (2017: 0,9) Prozent des BIP auf. Die öffentliche Schuld sinkt weiter von 25,4 auf 23,3 Prozent des BIP. Im 1. Quartal 2018 betrug die weiter rückläufige Erwerbslosenquote 5,7 Prozent. Wirtschaftsminister Emil Karanikolov hofft auf ein deutlich steigendes Interesse an Bulgarien als Wirtschaftsstandort, speziell für das produzierende Gewerbe und Unternehmensdienstleistungen.

Investitionen: Stark steigende Investitionen erwartet

Die Investitionstätigkeit soll sich 2018 und 2019 deutlich beleben. Laut EU-Kommission werden die Ausrüstungsinvestitionen 2018 um real 12,3 Prozent steigen und im Folgejahr um weitere 9,3 Prozent Die Bauinvestitionen sollen 2018 um 5,6 Prozent und 2019 um 4,5 Prozent zulegen. Unicredit erwartet einen zweistelligen Zuwachs der öffentlichen Investitionen im laufenden Jahr, da die Inanspruchnahme von EU-Mitteln in ihre kritischste Phase eintritt. Zu einem Investitionshindernis könnte die Knappheit an qualifizierten Arbeitskräften werden.

Nach Erhebungen des bulgarischen Statistikamtes wird 2018 vor allem in die Erweiterung der Produktionskapazitäten investiert, gefolgt von der Erneuerung der Ausrüstungen sowie von Investitionen in Mechanisierung, Automatisierung und den Einsatz neuer Technologien. Die größten Investitionen werden von den Herstellern von Zwischenprodukten und aus der Energie- und Wasserwirtschaft erwartet. Von Bedeutung, wenn auch in geringerem Umfang, sind die Konsum- und Investitionsgüterindustrie. Die ausländischen Nettodirektinvestitionen sollen laut Unicredit 2018 auf 2,2 Prozent des BIP zulegen, nach 1,4 Prozent im Jahr 2017.

Ausgewählte Großprojekte Bulgarien
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. Euro) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Ausbau des Kernkraftwerks Belene 10.500 (davon Bau: 6.300) In der Schwebe Möglichkeiten der Projektrealisierung sollen erneut erkundet werden; http://www.bulatom-bg.org/en.html
Bau des Gas-Hub-Balkan in Varna 1.400 bis 2.400 EU-Finanzierung der Vorprojektstudie; Bauende für 2022 vorgesehen Vertrag zur Durchführung der Vorprojektstudie zwischen Bulgartransgaz und dem bulgarisch-schweizerischen Konsortium AF-EMG Konsult unterzeichnet; Zwischenbericht Mitte Juni in Brüssel vorgestellt;Internet: http://www.me.government.bg/en;http://www.bulgartransgaz.bg/en/pages/izgrajdane-na-gazov-hab-v-balgariya-poi-6-25-4--135.html
Landesweite Erneuerung der Wasser- und Abwassersysteme 1.196 Unterschiedliche Stadien Finanzierung: Weltbank, EBRD; Internet: Operationelles Programm (OP) Umwelt http://ope.moew.government.bg/en/pages/programirane-2014-2020/18#1
Bau des Gasübertragungssystems Eastring Bulgaria-TRA-N-654 in zwei Etappen 700 (1. Etappe) 1. Etappe: Gasleitung 257 km bis rumänische Grenze; 2. Etappe: 374 MW Kompressoranlagen https://www.bulgartransgaz.bg/en/pages/proekt-eastring-balgariya-poi-6-25-1--136.html
Infrastruktur zur Abfallbehandlung 228 Ausschreibungen seit 2017 Finanzierung: OP Umwelt, Europäische Investitionsbank; http://www.moew.government.bg/en/waste/
Ausbau der Straßeninfrastruktur 235 Ausschreibungen 2017 für Projektierung, Bauaufsicht Finanzierung: OP Transport; http://www.optransport.bg/en/index.php ; http://www.mrrb.government.bg/en/
Bau von Erdgasverbindungsleitung mit Griechenland 239 Ausschreibungen laufen für Röhrenlieferung und Bau, für technischen Berater erneut verzögert 45 Mio. Euro von der Europäischen Union; https://me.government.bg/bg/themes/mejdusistemna-gazova-vrazka-garciya-balgariya-igb-1475-347.html
Erweiterung der Kapazität des unterirdischen Gasspeichers Tschiren 220 Ausschreibungen für Ausrüstungen 2019; geplantes Bauende 2024 Finanzierung: EU; https://www.bulgartransgaz.bg/en/pages/chirenobshta-107.html
Bau von Erdgasverbindungsleitung mit Serbien 45 Vorbereitungen laufen; im Mai unterschrieben Bulgarien und Serbien eine Erklärung zur Beschleunigung der Arbeiten; betriebsbereit 2022 Finanzierung OP Innovation und Wettbewerbsfähigkeit; https://me.government.bg/bg
Bau von Erdgasverbindungsleitung mit der Türkei 180 Bauabschluss 2018 Finanzierung: EU; https://www.bulgartransgaz.bg/en/pages/mejdusistemna-vrazka-balgariya-turciya-poi-7-4-2--137.html

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Agentur für öffentliche Ausschreibungen: http://www.aop.bg/index.php?ln=1

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/bulgarien ("Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte")

Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de

Konsum: Zuwachs leicht abgeflacht

Steigende Beschäftigungszahlen, sinkende Erwerbslosigkeit und wachsende Löhne begünstigen weiterhin den privaten Verbrauch. Die durchschnittlichen Löhne und Gehälter stiegen im 1. Quartal 2018 nominal um 7,1 Prozent im Jahresvergleich, dabei im öffentlichen Sektor um 9 Prozent und im Privatsektor um 6,6 Prozent. Insgesamt dürfte sich der Anstieg des privaten Verbrauchs 2018 und 2019 leicht abflachen.

Die Einzelhandelsumsätze stiegen im Jahresvergleich im April 2018 um real 5 Prozent. Den größten Zuwachs verbuchte der Versand- und Internethandel (16,4 Prozent), gefolgt von Apotheken (9,1 Prozent), dem Einzelhandel mit Waren verschiedener Art (7,9 Prozent) sowie mit Audio-, Video- und Hausgeräten (4,9 Prozent). Der Einzelhandel mit Textilien, Bekleidung, Schuhen und Lederwaren (-4,3 Prozent) setzte trotz tendenzieller Besserung seine Schwächephase der ersten vier Monate 2018 fort. Das durchschnittliche Gesamteinkommen je Haushaltsmitglied stieg im 1. Quartal 2018 zum Vorjahr um 9,8 Prozent auf 240 Euro, die Ausgaben um 11,5 Prozent auf 215 Euro.

Außenhandel: Weiter im Aufwind

Bulgariens Warenaußenhandel wird 2018 und 2019 weiter wachsen. Die Importe dürften etwas stärker zunehmen als die Exporte. Deutlich wachsende Investitionen, vor allem bei den Ausrüstungen, lassen den Importbedarf 2018 und 2019 steigen. Dieser profitiert zudem von einem zunehmenden privaten Verbrauch. Auch die EU-kofinanzierten öffentlichen Infrastrukturvorhaben geben Impulse. Die ebenfalls stark EU-orientierten Ausfuhren dürften angesichts eines tendenziell flacheren Wachstums in der Union hinter dem Anstieg der Einfuhren zurückbleiben, so dass sich das Handelsbilanzdefizit erhöht.

In den ersten drei Monaten 2018 entfielen auf die EU 72,2 Prozent der Ausfuhr und 66,5 Prozent der Einfuhr. Deutschland blieb das wichtigste Lieferland mit einem Anteil von 16,5 Prozent, gefolgt von Italien (9,5 Prozent), Rumänien (8 Prozent), der Türkei (6,6 Prozent) und China (2,4 Prozent). Bedeutendster Abnehmer war Deutschland (Anteil 13,1 Prozent) vor Italien (7,4 Prozent), Rumänien und der Russischen Föderation (je 7,3 Prozent). Maschinenbauerzeugnisse und Fahrzeuge waren mit einem Anteil von 26,4 Prozent, bearbeitete Waren mit 17,7 Prozent und chemische Erzeugnisse mit 14,8 Prozent die wichtigsten Importgruppen.

Außenhandel Bulgariens (in Mio. Euro; Veränderung in %)
2016 2017 Veränderung 2017/2016
Importe 26.158,7 30.172,1 15,3
Exporte 24.021,8 26.577,3 10,6
Handelsbilanzsaldo -2.136,9 -3.594,9 -

Quelle: Eurostat

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/bulgarien

Dieser Artikel ist relevant für:

Bulgarien Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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