Wirtschaftsausblick

13.06.2018

Wirtschaftsausblick - Iran (Juni 2018)

Inhalt

US-Sanktionen sind schwerer Schlag / Rezession wahrscheinlich / Von Robert Espey

Teheran (GTAI) - Schon vor der Entscheidung, die US-Sanktionen wieder in Kraft zu setzten, waren Irans Wirtschaftsperspektiven eher mittelmäßig. Jetzt ist nur noch mit schwachem, wahrscheinlich auch mit negativem Wachstum zu rechnen. Die Forderung der iranischen Regierung an die Europäer, effektive Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um negative Auswirkungen der US-Politik auf Irans Wirtschaft zu verhindern, erscheint nur begrenzt realistisch. Iran dürfte nun die Kooperation mit China und Russland weiter ausbauen.

Wirtschaftsentwicklung: Ende der kurzen Wachstumsphase droht

Die im Mai von US-Präsident Donald Trump angeordnete Reaktivierung der US-Sanktionen könnte 2019/20 (iranisches Jahr 1398; 21.3 bis 20.3.) zu einem erneuten Abgleiten der iranischen Wirtschaft in die Rezession führen. Nach Angaben der Zentralbank konnte nach der Anfang 2016 erfolgten Sanktionslockerung 2016/17 ein Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu Faktorkosten um real 12,5 Prozent erreicht werden. Das kräftige Plus wurde vor allem durch die starke Ausweitung der Ölförderung erreicht, die Nicht-Öl-Wirtschaft legte nur um 3,3 Prozent zu.

Die vorläufigen Daten des Statistikamtes für 2017/18 (21.3. bis 20.12.) weisen ein reales BIP-Plus von 3,7 Prozent (zu Marktpreisen) aus, ohne die Ölförderung waren es 4,3 Prozent. Die stärksten Wachstumsimpulse gab der Dienstleistungssektor mit einem Zuwachs von 6,8 Prozent. Die Bauwirtschaft konnte nach einer fünfjährigen Rezession ein Plus von 3,2 Prozent erzielen. Die verarbeitende Industrie legte um 3,6 Prozent zu. Für die Öl- und Gasförderung wird ein Anstieg um nur 1,5 Prozent angegeben, im Vorjahr (2016/17) betrug der Zuwachs 35,0 Prozent.

MKT201806138020.14

Bei Prognosen für 2018/19 und die folgenden Jahre ist zu berücksichtigen, ob bereits die erwarteten Auswirkungen der US-Sanktionen einkalkuliert sind. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnete in seiner im März 2018 veröffentlichten Prognose (also ohne Sanktionseffekte) mit einer Verlangsamung des BIP-Anstiegs von geschätzten 4,3 Prozent 2017/18 auf 4,0 Prozent im laufenden Jahr und mit ebenfalls 4,0 Prozent im nächsten. Die Economist Intelligence Unit (EIU) erwartet unter Berücksichtigung der Sanktionen 2018/19 ein BIP-Wachstum von nur noch 1,9 Prozent, für 2019/20 und 2020/21 wird mit Schrumpfungen um 2,6 und 1,2 Prozent kalkuliert. Noch im März hatte EIU für 2018/19, 2019/20 und 2020/21 BIP-Zuwächse von 4,2, 5,1 und 4,8 Prozent prognostiziert.

Wirtschaftliche Eckdaten 1)
Indikator 2016/17 (1395) 2) 2017/18 (1396) 3) Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. US$) 4) 419,0 444,5 3.686,7
BIP pro Kopf (US$) 4) 5.257 5.492 44.595
Bevölkerung (Mio.) 79,7 80,9 82,7
Wechselkurs (Zentralbankrate; Jahresdurchschnitt, 1 US$ = Rial) 31.389 34.214 --
Wechselkurs (freie Marktrate; Jahresdurchschnitt, 1 US$ = Rial) 5) 36.440 43.294 --

1) jeweils iranische Jahre (21.3. bis 20.3.); 2) vorläufige offizielle Angaben; 3) Schätzung für BIP; 4) zu Marktpreisen, Umrechnung zum durchschnittlichen Zentralbankkurs; 5) der freie Devisenmarkt wurde im April 2018 verboten

Quellen: Central Bank of Iran, Statistisches Bundesamt, Deutsche Bundesbank, Germany Trade & Invest

Die Auswirkungen der US-Sanktionen werden besonders stark im Öl- und Gassektor sowie in wichtigen Sparten der verarbeitenden Industrie zu spüren sein. Die Ölförderung könnte deutlich sinken, die geplanten Zuwächse bei der Gasförderung dürften sich nicht realisieren lassen. Ein Großteil der Expansionspläne in der Petrochemie liegt jetzt auf Eis. In der Automobilindustrie ist eine deutliche Schrumpfung der Produktion zu erwarten, ebenso im Metallsektor. Auch in den meisten Dienstleistungssparten ist jetzt mit negativen Entwicklungen zu rechnen. Das nun zu erwartende verstärkte Engagement chinesischer und russischer Firmen wird den Rückzug der europäischen Wirtschaft teilweise kompensieren können.

Sollte Iran (wie angedroht) den Atomvertrag ebenfalls aufkündigen und seine Urananreicherung wieder signifikant ausweiten, würden auch die aufgehobenen UN- und EU-Sanktionen wieder in Kraft treten. Dann müssten die BIP-Prognosen nochmals nach unten korrigiert werden.

Investitionen: Viele Pläne nun auf Eis

Die iranische Regierung geht in ihrer Entwicklungsplanung von einem starken Anstieg der ausländischen Direktinvestitionen aus. Angesichts der amerikanischen Sanktionspolitik dürften jedoch die meisten der in den letzten zwei Jahren mit europäischen, aber auch mit südkoreanischen und japanischen Unternehmen verhandelten Investitions- und Finanzierungspläne vorerst kaum Chancen auf Realisierung haben.

Viele ausländische Firmen sprechen derzeit noch von einer Prüfung der neuen Lage. Wichtige Großunternehmen (Total, PSA, Siemens etc.) haben aber schon erklärt, ihre Iran-Aktivitäten aufgeben, einfrieren oder zurückfahren zu wollen. Anfang Juni gab das südkoreanische Unternehmen Daelim bekannt, ein 2,1 Milliarden US-Dollar (US$) Raffinerieprojekt (Esfahan Refinery Upgrading) aufgrund der US-Sanktionen nicht durchführen zu können.

Nach Angaben der Zentralbank befanden sich die Bruttoanlageinvestitionen zwischen 2012/13 und 2016/17 auf rasanter Talfahrt, unterbrochen durch eine Belebung 2014/15. Die Quartalsdaten der Statistikbehörde zeigen seit Anfang 2017 eine Belebung der Investitionstätigkeit. Im Gesamtjahr 2017/18 legten die Investitionen um 3,4 Prozent zu, bei Ausrüstungsinvestitionen gab es ein Plus von 3,6 Prozent, bei Bauinvestitionen von 3,2 Prozent. Jetzt ist wieder mit einer Investitionsabschwächung beziehungsweise -schrumpfung zu rechnen.

Iran: Ausgewählte Großprojekte
Projektbezeichnung Investitions-summe (Millionen US$) Projekt-stand *) Projektträger
Chabahar Petrochemical Complex (Mokran) 20.000 ST Negin Mokran Development Company
Imam Khomeini International Airport Expansion: New Terminal 2.460 PQ Iran Ministry of Roads & Urban Development
Esfahan Refinery Upgrade 2.000 FEED Esfahan Oil Refining Company (EORC)
Rail Electrification Project Tehran to Tabriz 1.340 ST Iran Railways
Iran Oman Gas Pipeline: Onshore (Iran) and Subsea 1.200 FEED Iranian National Gas Export Company / Oman Ministry of Oil
Shiraz International Airport Expansion 1.000 ST Iranian Airports Holding Company
Chabahar Power Plant 1.000 ST Government of Iran / Korea Electric Power Corporation
Tehran Hospital (1000 Beds) 750 ST Ministry of Health
Ethylene Plant 400 ST Arya Sasol Polymers
Expansion of 5th Olefins Plant 300 FEED Morvarid Petrochemical Company

*) ST = Studie, PQ = Präqualifizierung, FEED = Front-End Engineering Design

Quellen: Pressemeldungen, Recherchen von Germany Trade & Invest, MEED Projects

Konsum: Wenig Spielraum für höhere Ausgaben

Der private Konsum stieg 2016/17 um 3,8 Prozent, lag damit aber nur auf dem 2012/13 erreichten Niveau, so die Zentralbank. Auch für 2017/18 ist noch einmal von einer Erhöhung auszugehen, wobei die Zentralbank für die ersten neun Monate 2017/18 ein Plus von nur 1,4 Prozent ausweist, die Statistikbehörde hingegen einen Zuwachs um 7,5 Prozent. Der Verfall des iranischen Rial, die wieder auf über 10 Prozent gestiegene Inflation und die drohende Rezession dürften zu einer Abschwächung des privaten Konsums führen.

Die sehr hohe und vermutlich jetzt weiter steigende Arbeitslosigkeit unter den jungen, eigentlich konsumfreudigen Iranern lässt kaum Spielraum für mehr Konsum. Der offiziellen Statistik zufolge gab es 2017/18 in der Altersgruppe bis 29 Jahre im Jahresdurchschnitt 1,8 Millionen Arbeitslose, dies entsprach einer Arbeitslosenquote von 25,3 Prozent.

Die Einkommenssituation der privaten Haushalte hat sich in den letzten Jahren nicht wesentlich verbessert. Die durchschnittliche Kaufkraft ist niedrig und zeigt keinen oder nur einen schwachen Wachstumstrend. Aus nominalen Zuwächsen wurden durch die hohe Inflation reale Kaufkraftverluste. Nimmt man allerdings die offiziellen Teuerungsraten hat sich die reale Kaufkraft der städtischen Haushalte 2015/16 und 2016/17 leicht erhöht. Nach Erhebungen der Zentralbank verfügte 2016/17 ein durchschnittlicher städtischer Haushalt mit 3,3 Personen über ein Monatseinkommen von 32,7 Millionen Rial (897 US$).

Außenhandel: Schrumpfung zu erwarten

Nach vorläufigen Angaben des iranischen Zolls sind 2017/18 die Importe um 24 Prozent auf 54,3 Milliarden US$ gestiegen. Der hohe Zuwachs wurde vor allem durch die Verdoppelung der Einfuhren von CKD-Kits (Completely Knocked Down) zur Herstellung von Pkw und landwirtschaftlicher Traktoren verursacht. Im laufenden Jahr 2018/19 könnten die reaktivierten US-Sanktionen zu einem Importrückgang führen. Allerdings ist auch ein Plus nicht auszuschließen, wenn vor Wiederinkrafttreten der Sanktionen im August beziehungsweise November noch viele "Vorratsbeschaffungen" getätigt werden können. Im kommenden Jahr erscheint ein Minus sicher.

Iran: Außenhandel 2011/12 bis 2016/17 (in Millionen US$; Veränderung in Prozent) 1)
2011/12 (1390) 2) 2013/14 (1392) 2) 2014/15 (1393) 2) 2015/16 (1394) 3) 2016/17 (1395) 3) Veränderung 1394/1393
Importe (fob) 78.027 63.584 70.915 52.419 63.135 20,4
.Öl- und .Gaserzeugnisse 5.726 3.263 2.597 2.233 1.388 -37,8
.sonstige .Erzeugnisse 72.301 60.321 68.318 50.186 61.747 23,0
Exporte (fob) 145.806 92.910 88.976 64.597 83.978 30,0
.Öl und Gas 119.148 64.540 55.406 33.569 55.752 66,1
.Nichtöl-.erzeugnisse 26.658 28.369 33.569 31.028 28.226 -9,0
Handelsbilanz-saldo 67.779 29.326 18.060 12.178 20.843 71,2

Anmerkung: Die Importdaten der Zentralbank liegen deutlich über den von der Zollstatistik registrierten Einfuhren.

1) jeweils iranische Jahre (21.3. bis 20.3.); 2) offizielle Angaben; 3) vorläufig

Quelle: Central Bank of Iran

Iran steigerte 2017/18 seine Bezüge aus China um 23 Prozent auf 13,2 Milliarden US$, dies entsprach einen Anteil an Irans Gesamtimport von 24 Prozent. Die Einfuhren aus den Vereinigten Arabischen Emirates erhöhten sich um 57 Prozent auf 10,1 Milliarden US$, der Großteil der Lieferungen sind Re-Exporte über Dubai. Es folgten Korea (Rep.) mit 3,7 Milliarden US$, die Türkei mit 3,2 Milliarden US$ und Deutschland mit 3,1 Milliarden US$, so die iranische Zollstatistik.

Eurostat meldet für 2017 einen Anstieg der Iran-Exporte der EU28 Gruppe um 31,5 Prozent auf 10,8 Milliarden Euro. Deutschland erzielte einen Zuwachs um 15,2 Prozent auf 3,0 Milliarden Euro, gefolgt von Italien (12,5 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro) und Frankreich (107,9 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro). Das französische Plus wurde wesentlich durch die Auslieferung von drei Airbus Maschinen verursacht. Im 1. Quartal 2018 gingen die EU28 Ausfuhren nach Iran gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum um 5,5 Prozent zurück, Deutschland meldet -0,6 Prozent.

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/iran

Dieser Artikel ist relevant für:

Iran Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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