Wirtschaftsausblick

15.06.2018

Wirtschaftsausblick - Kenia (Juni 2018)

Inhalt

Oberschicht fragt nach teuren Konsumgütern / Von Martin Böll

Nairobi (GTAI) - Kenia setzt auf teure chinesische Infrastrukturprojekte, welche den Konjunkturmotor antreiben, langfristig aber abbezahlt werden wollen. Der Privatwirtschaft bleiben derweil wegen einer Zinsbremse Kredite versagt. Auf das Problem der rapide steigenden Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen hat der Staat derweil ebenso wenig eine Antwort wie seine traditionellen Entwicklungspartner. Für deutsche Firmen ist vor allem die Nachfrage aus der Mittel- und Oberschicht interessant.

Wirtschaftsentwicklung: Staat setzt auf Schulden, Privatwirtschaft schwächelt

Für 2018 erwartet die britische Economist Intelligence Unit (EIU) ein BIP-Wachstum von 5,3 Prozent, was sich in den Folgejahren noch verstärken wird. Treibende Kräfte sind das hohe Bevölkerungswachstum von etwa 2,6 Prozent und die meist teuer finanzierten staatlichen Infrastrukturvorhaben. Schon seit vier Jahren sei es der Staat, der den Konjunkturmotor antreibe, kritisiert die Weltbank, und nicht die Privatwirtschaft, deren Wachstumsbeitrag 2017 mit minus 0,7 Prozentpunkten sogar negativ gewesen sei. Enttäuscht hat zuletzt vor allem die Landwirtschaft, die vom Klimawandel (wie Trockenzeiten, Überschwemmungen) betroffen ist und auf keine Landreserven mehr zurückgreifen kann.

Auch die Industrie schwächelt, weil sie angesichts hoher Kosten (Bürokratie, Korruption) gegenüber Billigimporten kaum wettbewerbsfähig ist. Immerhin werden für 2018 wieder gute Ernten erwartet. Und sollte das Parlament im laufenden Jahr die Begrenzung der Kreditzinsen aufheben, könnte dies die Kreditvergabe wieder in Fahrt bringen und den aufgelaufenen Investitionsstau verringern. Eine Lösung zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit ist derweil nicht in Sicht: Gut eine Million Menschen verlassen jährlich Schulen und Universitäten - Chancen auf einen formalen Job hat nur jeder Zehnte. Um diese Zeitbombe zu entschärfen, bedarf es allerdings mehr als Sonntagsreden und traditioneller Entwicklungsansätze.

Im letzten "Fragile States Index" der privaten US-amerikanischen Denkfabrik Fund for Peace liegt Kenia auf Platz 17 (von 178 untersuchten Ländern) und gehört damit zu den Staaten, die Gefahr laufen, sich in einen gescheiterten Staat zu entwickeln (Platz 1: Südsudan; Platz 178: Finnland). Erfreulich ist die Verbesserung im "Ease of Doing Business Index" der Weltbank (Platz 80 von 190 untersuchten Ländern). Beschämend ist hingegen die Platzierung im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International (Rang 143 von 180 Ländern).

Kaum dass die problematische Präsidentschaftswahl im zweiten Halbjahr 2017 abgehakt ist, hat der Machtpoker um die nächsten Wahlen 2022 schon begonnen. Sollte Vizepräsident William Ruto nicht dem amtierenden Präsidenten Uhuru Kenyatta nachfolgen, sind gewalttätige Auseinandersetzungen geradezu vorprogrammiert, so Landeskenner.

MKT201806148013.14

Wirtschaftliche Eckdaten Kenia
Indikator 2017 2018 1) Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. US$) 74,9 82,9 3.686,7
BIP pro Kopf (US$) 1.508 2) 1.626 44.595
Bevölkerung (Mio.) 49,7 2) 51,0 82,7
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 US$ = ... K.Sh. (Kenia-Schilling)) 103,41 103,47

1) Prognose; 2) Schätzung

Quellen: EIU; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Banken kaufen lieber Staatsanleihen, statt Kredite zu vergeben

Kenias Investitionszuwächse werden für 2018 auf 7 Prozent prognostiziert. In den Folgejahren erwartet die EIU eine Verlangsamung auf 6 Prozent. Schwerpunkte sind staatliche Infrastrukturprojekte wie die Normalspureisenbahn und Dammprojekte, aber auch privat finanzierte Stromerzeugungsvorhaben. Viele öffentliche Projekte kommen mangels Bezahlung nicht voran, die Veruntreuung von Geldern ist längst die Regel (für internationale US-Dollar-Kredite müssen derweil immer höhere Zinsen gezahlt werden).

Die Staatsverschuldung dürfte in den nächsten zwölf Monaten einen Höchstwert von 63 Prozent des Bruttoinlandproduktes erreichen. Die Stimmen derjenigen, die warnen, dies könne nicht gut gehen, nehmen zu. Ausländische Direktinvestitionen sind 2017 wieder auf 672 Millionen US-Dollar (US$) angestiegen, nachdem sie seit 2011 kontinuierlich auf 394 Millionen US$ zurückgegangen waren. Zum Vergleich: Äthiopien konnte 2017 etwa 3,6 Milliarden US$ einsammeln und Tansania rund 1,2 Milliarden US$. Für 2018 erwarten Beobachter eine Lockerung der staatlich verordneten Deckelung von Kreditzinsen, in deren Folge Banken lieber hochverzinsliche Staatsanleihen kaufen, statt Kredite zu vergeben.

Ausgewählte Großprojekte in Kenia
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mrd. US$) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Lamu Port, South Sudan, Ethiopia Transport Corridor (LAPSSET) 15,0 bis 20,0 Baubeginn bei Einzelprojekten Langfristiges Vorhaben mit unterschiedlich realistischen Einzelkomponenten (http://www.lappset.go.ke).
.davon: Rohölpipeline 1,1 Design-Auftrag vergeben; antizipierte Fertigstellung der Pipeline 2021. Design: britische Wood Group. Halbierung der antizipierten Kosten wegen reduziertem Rohrdurchmesser.
.davon: drei Schiffsliegeplätze und Lamu-Isiolo-Straße 1,9 Erste Arbeiten Development Bank of Southern Africa
.davon: High Grand Falls Dam (Kibuka) 1,5 Auftragsvergabe; Baubeginn noch offen China State Construction Engineering Corporation
.davon: 1.050-Megawatt-Kohlekraftwerk 2,0 Verzögerungen wegen Umweltschutzbedenken und Anwohnerprotesten. Fragwürdiges Energieprojekt; Entwickler: Amu Power Co., Gemeinschaftsunternehmen von Centrum Investment, Gulf Energy, China Huadian Corp., Sichuan Number 3 Power Construction Company, Sichuan Electric Power Design and Consulting Company und General Electric (E-Mail: info@amupower.co.ke)
Konza Technology City nebst Flughafen 6,3 Erste kleinere Infrastruktur- und Bauarbeiten. Fragwürdiges Industrieentwicklungsvorhaben
Sechsspurige, 473 Kilometer lange Autobahn Mombasa-Nairobi 3,0 Absichtserklärung Vorschlag der US-amerikanischen Bechtel Corporation für ein Public-Private-Partnership-Projekt.
Eldoret Special Economic Zone 1,9 Absichtserklärung Guangdong New South Group
Normalspureisenbahn Nairobi-Naivasha 1,5 Im Bau; antizipierte Fertigstellung: September 2019 China Road and Bridge Corporation
445 Kilometer lange Küstenstraße zwischen Malindi (Kenia) und Bagamoyo (Tansania) 0,8 Planungsfortschritte auf tansanischer, Verzögerungen auf kenianischer Seite. 70-prozentige Finanzierung durch Afrikanische Entwicklungsbank.

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/kenia, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Steigende Nachfrage nach gehobenen Verbrauchsgütern

Der private Verbrauch dürfte 2018 um 6,5 Prozent zulegen. Für die nächsten vier Jahre erwartet die EIU Zuwächse auf einer Bandbreite von 5 bis 5,6 Prozent. Das reale Wachstum im staatlichen Verbrauch wird 2018 vermutlich bei 8,5 Prozent und in den Folgejahren zwischen 6,6 und 7 Prozent liegen. Die Inflation wird 2018 auf etwa 5,5 Prozent sinken, nachdem ergiebige Regenfälle im Frühjahr 2018 für bessere Ernteerträge gesorgt haben. Für die Folgejahre erwartet die EIU ein Inflationsniveau von 6,2 bis 6,9 Prozent. Die Verkaufschancen westlicher Markenprodukte - von Süßigkeiten über Badezimmerarmaturen bis zum SUV - steigen weiter an.

Vom relativen wirtschaftlichen Erfolg Kenias profitiert nahezu ausschließlich eine kleine Mittel- und Oberschicht, die ihren Bedarf an Luxus-Artikeln in den zahlreichen und anspruchsvoll gestalteten Einkaufszentren nach südafrikanischem Vorbild befriedigen kann. Damit steigen auch die Absatzchancen deutscher Produkte, die im internationalen Vergleich einen guten Ruf genießen. Weil sich immer mehr internationale Einzelhändler wie Carrefour in Kenia niederlassen, stehen einstige lokale Größen wie Nakumatt und Uchumi kurz vor dem Aus.

Außenhandel: Auslandskenianer bringen die meisten Devisen

Die kenianischen Exporte von Tee und Gartenbauprodukten entwickeln sich gut. Die einheimische Industrie verliert derweil weiter an Wettbewerbsfähigkeit und hat selbst in der Region kaum mehr eine Chance. Die größten Deviseneinnahmen verdankt Kenia der wachsenden Zahl von Auslandskenianern (in Europa: 180.000), die 2017 rund 2 Milliarden US$ nach Hause schickten (so viel wie Tee und Tourismus zusammen). Mehr als die Hälfte aller Kenianer, so eine Umfrage, würde gerne auswandern. Für die vielen chinesischen Infrastrukturprojekte muss fast alles importiert werden. Mit den chinesischen Großprojekten kommen auch viele Händler ins Land, die dafür sorgen, dass die Präsenz chinesischer Waren deutlich zunimmt.

Schon lange gilt: Mit Importgeschäften lässt sich mehr Geld verdienen als mit einer inländischen Produktion. Deutschland spielt mit einem Lieferanteil von etwa 2,3 Prozent nur eine marginale Rolle. Nach den noch vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes lieferte Deutschland 2017 für 307 Millionen Euro Waren nach Kenia, 7,8 Prozent weniger als 2016 und 16,1 Prozent weniger als 2015. Die deutschen Importe summierten sich 2017 auf 158 Millionen Euro, das sind 6,4 Prozent weniger als im Vorjahr.

Außenhandel Kenia (in Mio. US$; Veränderung in %)
2016 2017 Veränderung 2017/2016
Importe, fob 13.413 15.994 19,2
Exporte, fob 5.747 5.792 0,8
Handelsbilanzsaldo -7.666 -10.202

Quelle: EIU

Eine Analyse der Chancen und Risiken, die das Land aufweist, bieten wir Ihnen unter: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Geschaeftspraxis/swot-analyse,t=swotanalyse--kenia-juni-2018,did=1930786.html

Eine Prognose der Entwicklung interessanter Märkte finden Sie unter: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Branchen/branchencheck,t=branchencheck--kenia-juni-2018,did=1930818.html

Dieser Artikel ist relevant für:

Kenia Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

Kontakt

Katrin Weiper

‎+49 228 24 993 284

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche