Wirtschaftsausblick

14.06.2018

Wirtschaftsausblick - Lettland (Juni 2018)

Inhalt

Bankenkrise hemmt Realwirtschaft nicht / Von Marc Lehnfeld

Riga (GTAI) - Lettland verzeichnete im ersten Quartal 2018 das stärkste Realwachstum unter den europäischen Staaten. Der saisonbereinigte Anstieg um 5,1 Prozent sorgt für positive Aufmerksamkeit, obwohl der Bankensektor des Landes wegen vermutlich illegaler Finanzgeschäfte der ABLV-Bank mit Nordkorea und Korruptionsvorwürfen gegen den lettischen Notenbankchef in Verruf geraten war. Lettlands Realwirtschaft zeigt sich davon weitgehend unbeeindruckt. Die Wachstumsprognosen für 2018 bleiben gut.

Wirtschaftsentwicklung: Kräftiges Wachstum erwartet

Das Beben im lettischen Finanzsektor spiegelt in keiner Weise die realwirtschaftliche Situation im Land wieder. Mit dem stärksten Wachstum unter den Ländern der Europäischen Union (EU) im ersten Quartal 2018 zeigt sich Lettlands Wirtschaft in guter Verfassung. Führende Prognoseinstitute erwarten für dieses Jahr einen preisbereinigten Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Spektrum von 3 (Swedbank) bis 4,2 Prozent (Luminor-Bank). Im besten Fall könnte das Land am Ende des Jahres das höchste Wachstum unter den drei baltischen Staaten einfahren.

Grund für die gute Wirtschaftslage ist zum einen die starke Binnennachfrage, getrieben von EU-geförderten Großprojekten und konsumhungrigen Privathaushalten. Hinzu kommt die noch immer starke Nachfrage aus dem Ausland. Mit ihrer etwas nachlassenden Dynamik werden die lettischen Exporte 2018 nicht mehr so stark zulegen wie im Vorjahr. Auch der Investitionsboom erreichte 2017 seinen Zenit. Deshalb fällt der BIP-Anstieg in diesem Jahr etwas niedriger aus als im Vorjahr, als die lettische Volkswirtschaft noch um 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr wuchs.

Immer lauter beklagen die Prognoseinstitute den Fachkräftemangel, der das Wirtschaftswachstum 2019 bremsen könnte. Die Ökonomen der SEB-Bank weisen darauf hin, dass schon 2017 die ausgeschriebenen Stellen im öffentlichen und privaten Sektor um 12 beziehungsweise 22 Prozent zugenommen haben. Immer öfter fehlen geeignete Fachkräfte. Die Arbeitslosigkeit fällt 2018 laut EU-Kommission weiter auf 8,2 Prozent.

Analog steigen die Bruttolöhne seit Jahren stark, 2018 voraussichtlich nominal um etwa 7,8 bis 9 Prozent. Was die lettischen Privathaushalte und den Konsum freut, wird aber auf Dauer zu einer Gefahr für die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Die Regierung muss die Ausbildungsqualität weiter erhöhen, den Abwanderungstrend stoppen und wertschöpfungsreicheren Branchen fördern. Keine leichten Aufgaben für die Politik, die im Herbst wieder für sich werben muss, denn am 6. Oktober 2018 wählt Lettland ein neues Parlament.

MKT201806138003.14

Wirtschaftliche Eckdaten Lettlands
Indikator 2016 2017 Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. Euro) 24,9 26,9 3.263,4
BIP pro Kopf (Euro) 12.721 13.855 39.475
Bevölkerung (Mio.) 2,0 2,0 82,7

Quellen: Lettisches Statistikamt; Statistisches Bundesamt

Investitionen: EU-Fördermittel und hohe Auslandsnachfrage sorgen für ein deutliches Plus

Die wieder umfangreich fließenden EU-Fördermittel führten die lettische Wirtschaft 2017 von der Investitionsklemme im Vorjahr zu einem Boom, der im Jahr 2018 etwas an Dynamik verliert. Die Analysten der EU-Kommission gehen für 2018 von einem Realwachstum der Bruttoanlageinvestitionen um 7,9 Prozent aus. Sie bleiben damit im Vergleich zur Swedbank, die ein Plus von 12 Prozent erwartet, und zur SEB, die von 14 Prozent ausgeht, deutlich konservativer. Klar ist, dass die implementierten EU-Förderprojekte das Investitionsniveau noch bis 2019 und 2020 stützen werden, wovon vor allem das Baugewerbe profitieren wird.

Aber auch die lettischen Industrieunternehmen müssen weiter in Maschinen und Anlagen investieren. Schließlich liegen Kapazitätsauslastung, Produktionsvolumen und der Auftragsbestand auf äußerst hohen Niveaus. Dabei macht der Fachkräftemangel Automatisierungslösungen höchst interessant.

Ausgewählte Großprojekte in Lettland
Projektbezeichnung Investitionssumme (Euro) Projektstand Anmerkung
Bahnlinie Rail Baltica, Estland-Lettland-Litauen Bis zu 5,8 Mrd., davon 2 Mrd. in Lettland Planung, Ausschreibungen Europäisches Schienenprojekt; Unter anderem Bahnverbindung vom Flughafen Riga zum Hauptbahnhof inklusive Stationsneubau; Pläne für intermodales Terminal; Geplanter Baubeginn 2019, geplante Inbetriebnahme 2026; http://www.railbaltica.org; http://edzl.lv/en
Stadtautobahn im Norden von Riga 1,5 Mrd. Planung, Finanzierung fehlt Langwieriges Projekt zum Ausbau von 30 km Straße inklusive Neubau einer Brücke über die Daugava; Geplante Fertigstellung 2022; Staatliche Finanzierung nicht abschließend geklärt
Modernisierung von Bahnlinien 1,3 Mrd. Planung der ersten Stufe; Ausschreibung in Vorbereitung Elektrifizierungsprojekt; erste Stufe 2019 bis 2023: 660 Mio. Euro, zweite Stufe 2020 bis 2025: 529 Mio. Euro; dritte Stufe 2025 bis 2030: Ausbau in der Region Riga; http://www.ldz.lv
Ausbau des Freihafens von Riga 460 Mio. Planung, teilweise Bau Zehn neue Container-, Dünger-, Kühl-, Getreide- und andere Terminals samt Logistikpark; Dezentrale Ausschreibung über unterschiedliche Terminalbetreiber, unter anderem Riga fertilizer terminal SIA (http://www.rft.lv); http://www.rop.lv
Programm zur Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden 377 Mio. Planung, Umsetzung EU-finanziertes Förderprogramm zur Sanierung privater, öffentlicher und industrieller Gebäude (317 Mio. Euro) sowie Investitionen in Fernwärmesysteme (60 Mio. Euro); Laufzeit bis 2022; http://www.em.gov.lv
Ausbau des Stromnetzes 320 Mio. Planung Bau einer dritten Verbindung nach Estland (190 km in Lettland, 100 Mio. Euro, geplante Fertigstellung 2020) und Vervollständigung des Kurzeme Rings (330 km Stromleitungen, 220 Mio. Euro, geplante Fertigstellung 2020); Projekte mit EU-Förderung; http://www.ast.lv
Rigaer Stadtviertel Skanste 250 Mio. Planung, teilweise Bau, teilweise Baustopp Immobilienunternehmen Pillar investiert rund 160 Mio. Euro in neues Stadtviertel (Fläche: 2,15 qkm; Geplante Fertigstellung 2033; http://www.skanste.lv/en
Modernisierung der Wasserkraftwerke Plavinas, Kegums, Riga 200 Mio. Umsetzung Erneuerung der Turbinen und Kapazitätserhöhung, Realisierung bis 2022 geplant; Alstom ist Auftragnehmer; http://www.latvenergo.lv
Modernisierung Gasspeicher Incukalns k.A. Planung, Vorstudie beendet Modernisierung und Ausbau der Speicherkapazitäten; EU-Förderung angestrebt; http://www.conexus.lv/en

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Öffentliche Ausschreibungen werden von der Aufsichtsbehörde für öffentliche Beschaffungen (Iepirkumu Uzraudzibas Birojs, https://www.iub.gov.lv) in lettischer Sprache bekannt gegeben. Allerdings publizieren öffentliche Einrichtungen ihre Ausschreibungen teilweise auch auf eigenen Plattformen, wie zum Beispiel auf dem Verwaltungsportal der Hauptstadt Riga (Rigas Pasvaldibas Pakalpojumu Portals, https://www.eriga.lv/Anonymous/Service.aspx).

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/lettland, "Ausschreibungen".

Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de.

Konsum: Stärkster Zuwachs des Privatkonsums in der Eurozone

Die Analysten der EU-Kommission erwarten, dass der lettische Privatkonsum 2018 preisbereinigt um 4,7 Prozent zulegen wird und damit so stark wie in keinem anderen Land der Eurozone. Das liegt vor allem am prognostizierten, deutlichen Reallohnanstieg von 5 Prozent, der die Konsumfreude der Letten anheizt. Der Fachkräftemangel im Land lässt die Löhne stark steigen. Er wird die Arbeitslosigkeit 2018 weiter auf 8,2 Prozent drücken. Der deutsche Lebensmitteleinzelhändler Lidl nutzt das Momentum, um den Markt zu erschließen und plant derzeit vier Filialen in der Hauptstadt Riga.

Trotz allem zeigen sich in der Konsumdynamik bereits leichte Brüche: Das von den lettischen Einzelhändlern erwartete Geschäftsklima in den nächsten drei Monaten erreichte im jährlichen Spitzenmonat April nicht mehr ganz die Niveaus aus 2016 und 2017. Auch die Reallohnanstiege werden 2019 schwächer ausfallen und das Portemonnaie der Letten etwas langsamer füllen als noch in diesem Jahr.

Außenhandel: Dienstleistungssektor verschiebt Außenhandel

Der lettische Außenhandel wird sich 2018 etwas verschieben. Die Probleme im Finanzsektor und der abnehmende Russland-Transit werden die bisher positive Bilanz im Dienstleistungsaußenhandel kürzen. Davon werden aber deutsche Exporteure nichts spüren, denn die lettischen Güterimporte werden vor allem wegen des großen Investitionsbedarfs steigen, der üblicherweise zum Großteil aus dem Ausland bedient wird.

Die Analysten der EU-Kommission gehen davon aus, dass die Waren- und Dienstleistungsimporte 2018 insgesamt um 6,4 Prozent zulegen werden. Bei den Exporten wird ein Anstieg um 3,7 Prozent erwartet. Die Probleme im weltweiten Freihandel und die nachlassende Wachstumsdynamik der EU werden aber zunehmend auch die lettische Wirtschaft treffen.

Außenhandel Lettlands (in Mio. Euro; nominale Veränderung in Prozent)
2016 2017 Veränderung 2016/2017
Importe 12.309,3 13.951,4 13,3
Exporte 10.391,3 11.349,7 9,2
Handelsbilanzdefizit 1.918,0 2.601,7 35,6

Quelle: Eurostat

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/lettland.

Dieser Artikel ist relevant für:

Lettland Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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Barbara Kussel

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