Wirtschaftsausblick

15.06.2018

Wirtschaftsausblick - Slowakei (Juni 2018)

Inhalt

Starker Konsum und Exporte unterstützen die Konjunktur / Unternehmen investieren in Automatisierung / Von Gerit Schulze

Bratislava (GTAI) - Die Slowakei verzeichnet eine der höchsten Wachstumsraten in Europa. Die Konjunktur bekommt dabei Rückenwind von drei Seiten: vom Privatkonsum, von den Investitionen und vom steigenden Export. Mittelfristig lässt sich diese Dynamik aber nicht fortsetzen. Schon jetzt führen Engpässe am Arbeitsmarkt dazu, dass Investoren ihre Ausbaupläne zurückstellen. Für Unsicherheit sorgt auch der Brexit, weil das Vereinigte Königreich ein wichtiger Absatzmarkt ist.

Wirtschaftsentwicklung: Hohes Wachstum dank steigender Autoexporte

Die Slowakei gehört 2018 wieder zu den wachstumsstärksten Volkswirtschaften der Eurozone. Nach Prognosen der Regierung legt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 4,2 Prozent zu. Die Europäische Kommission erwartet ein Plus von 4 Prozent. Für 2019 sind die Vorhersagen noch positiver, weil dann die Produktion in der neuen Autofabrik von Jaguar Land Rover hochgefahren wird. Daher hält die Regierung im kommenden Jahr einen BIP-Zuwachs von 4,5 Prozent, die Europäische Kommission von 4,2 Prozent für möglich. Das wäre hinter Malta der zweitbeste Wert in Europa.

Der Aufschwung steht auf mehreren Säulen, wobei der Privatverbrauch 2018 den größten Beitrag leistet. Dank der sinkenden Arbeitslosigkeit und hohen Lohnsteigerungen konsumieren die Haushalte überdurchschnittlich viel.

Zugleich investieren die Unternehmen verstärkt in Ausrüstungen und Automatisierungstechnik, um den Personalmangel und den Lohnanstieg zu kompensieren. Die Ausfuhren werden ab Ende 2018 wieder eine wichtigere Rolle spielen, wenn die Land Rover aus Nitra in größeren Stückzahlen in den Export gehen.

Bei der Konjunkturumfrage ausländischer Handelskammern im Frühjahr 2018 bewerteten zwei Drittel der teilnehmenden Unternehmen die Wirtschaftsentwicklung in der Slowakei als positiv. Nur 8 Prozent der Firmen erwarten, dass sich ihre Geschäftslage in diesem Jahr verschlechtert. Jedes zweite Unternehmen setzt auf steigende Umsätze und will Personal einstellen. Über 40 Prozent der Betriebe erhöhen ihre Investitionsausgaben.

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Für die mittelfristige Perspektive gehen Experten davon aus, dass die Slowakei ihr Potenzial weitgehend ausgeschöpft hat. Der kleine Binnenmarkt mit einer stagnierenden und alternden Bevölkerung bietet wenig Spielraum für noch höhere Wachstumsraten. Der Brexit könnte die Ausfuhr von Pkw in den wichtigen Absatzmarkt Vereinigtes Königreich erschweren. Im nächsten Förderzeitraum der Europäischen Union (EU) ab 2021 bekommt das Land zudem weniger Geld aus Brüssel. Darüber hinaus verringern die Personalengpässe die Attraktivität für neue Investitionen.

Die Regierung hat daher im Mai 2018 ein neues Maßnahmenpaket zur Verbesserung des Geschäftsklimas gebilligt. Unter anderem sollen einige Meldepflichten für Unternehmen wegfallen, die Teilnahme am dualen Ausbildungssystem vereinfacht und die IT-Kenntnisse von Beschäftigten verbessert werden.

Wirtschaftliche Eckdaten der Slowakei
Indikator 2016 2017 Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. Euro) 81,15 84,99 3.263,4
BIP pro Kopf (Euro) 14.940 15.630 39.475
Bevölkerung (Mio.) 5,43 5,44 82,7

Quellen: Slowakisches Statistikamt, Statistisches Bundesamt

Investitionen: Firmen automatisieren ihre Produktionsprozesse

Die Bruttoanlageinvestitionen werden 2018 nach Prognosen der Regierung um über 5 Prozent zulegen. Dazu trägt der Endspurt beim Bau der Fabrik von Jaguar Land Rover bei und die Errichtung einer Ringautobahn in Bratislava. In den Folgejahren nimmt die Investitionsdynamik ab, wächst jedoch laut den Vorhersagen bis 2021 weiter mit mindestens 3 Prozent pro Jahr.

Steigende Löhne und der Personalmangel zwingen die Unternehmen, Automatisierungstechnik anzuschaffen. Eine größere Dynamik bei den Investitionen wäre möglich, wenn die Slowakei EU-Fonds effizienter abschöpfen würde. Zwar gab es zuletzt Fortschritte, dennoch waren per 31. Mai 2018 erst 11 Prozent der in der aktuellen Förderperiode bereitstehenden Gelder für einen Abruf vorbereitet (insgesamt knapp 14 Milliarden Euro im Zeitraum 2014 bis 2020).

Vereinzelt kommt es aufgrund der fehlenden Fachkräfte bereits zu Desinvestitionen größerer Firmen. So schließt Samsung seine Fernseherproduktion in Voderady. Bei der Investorenanwerbung setzt die Regierung künftig weniger auf die Schaffung von Arbeitsplätzen und mehr auf Wertschöpfung und Technologien. Unter den neuen Investoren sind weiterhin viele Kfz-Zulieferer.

Ausgewählte Großprojekte in der Slowakei
Projektbezeichnung/Investor Investitionssumme (Mio. Euro) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Neues Reifenwerk in Kosice/Linglong Tires 500 Slowakei einer der potenziellen Standorte (Tschechien, Serbien) Reifenproduktion und Entwicklungszentrum geplant; http://www.linglongtire.com
Fabrik für Elektroautos in Kosice/Zhi Dou 400 Endgültige Entscheidung über Standort steht aus, auch Rumänien im Gespräch, Betrieb ab 2020 Werk zur Produktion von Elektromobilen; http://zd-sr.sk
Produktionsstätte für Bioethanol in Leopoldov/Enviral 180 100 Arbeitsplätze im Energiesektor und 100 in der Agrarproduktion (Heuvorbereitung) Produktion von Biotreibstoffen aus Heu; http://www.enviral.sk
Gasspeicher in Velke Kapusany/Nafta 178 Baubeginn 2020, Betrieb ab 2023 Kapazität 340 Mio. cbm; http://www.nafta.sk
Ausbau von Teilstrecken der Autobahn D1 und Schnellstraße I/61/Verkehrsministerium und Autobahn-Gesellschaft NDS 170 Zwei Etappen, Baubeginn für erste Etappe 2020 Erweiterung der Zufahrtswege von Senec nach Bratislava; http://www.ndsas.sk
Modernisierung Aluminiumproduktion in Ziar nad Hronom/Slovalco 150 Perspektivisch Verdopplung der Kapazitäten für Gesamtsumme von 1,25 Mrd. Euro angedacht Modernisierung der Produktionsstätte; http://www.slovalco.sk
Umbau Stadtteil Vydrica in Bratislava/Vydrica 100 Wohnungen und Büros, Projektentwurf wird vorbereitet, soll bis zum 2. Halbjahr 2018 fertig sein Umbau des Areals in der Nähe der Burg; http://www.vydrica.com
Ökologischer Umbau des Stahlwerks von U.S. Steel/Kosice 100 Förderung aus EU-Fonds Dutzende Projekte zur Entschwefelung, Entstaubung; http://www.usske.sk
Bau einer Straßenbahnlinie/Stadt Bratislava 100 Fertigstellung bis 2023, EU-Förderung, Verspätung durch Einwohnerproteste Streckenführung Bosakova - Janikov dvor; http://www.bratislava.sk
Umbau Krankenhaus Ruzinov/Uniklinik Bratislava 80 Dauer drei Jahre, Projektvorbereitung, erste Phase: Parkplatz, Straßenbau Kompletter Umbau und neue Verkehrskonzeption; http://www.unb.sk

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Beim Amt für öffentliche Ausschreibungen der Slowakei (http://www.uvo.gov.sk) können aktuelle Beschaffungsvorgänge recherchiert werden.

Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de.

Konsum: Einzelhandel profitiert von steigenden Löhnen

Der Privatkonsum leistet nach dem Exportüberschuss den wichtigsten Beitrag zum slowakischen Wirtschaftswachstum. Das soll auch in den kommenden drei Jahren so bleiben, wofür die gute Lage am Arbeitsmarkt spricht. Die Arbeitslosenquote liegt auf einem historischen Tiefstand. Im April 2018 betrug sie nach Angaben des Arbeitsamtes 5,4 Prozent und damit 2,3 Prozentpunkte weniger als im Vorjahresmonat. Über 80.000 Stellen sind unbesetzt, die Beschäftigten können Lohnerhöhungen durchsetzen. Laut Statistikamt sind die Durchschnittslöhne 2017 nominal um fast 5 Prozent gestiegen. Die Regierung rechnet damit, dass die Nominallöhne zwischen 2018 und 2021 jährlich um mindestens 5 Prozent zulegen.

Das verbessert die Aussichten für den Binnenkonsum. Die Einzelhandelsumsätze waren 2017 real um 6 Prozent gestiegen. Die Verkäufe von Elektronik und IT-Geräten verzeichneten besonders hohe Zuwächse. Die geplanten Sozialpakete der Regierung sorgen dafür, dass Rentnern und Familien mit Kindern mehr Geld zur Verfügung steht.

Kehrseite des Kaufrauschs ist die steigende Verschuldung der Privathaushalte. Der Wert ausstehender Verbraucherkredite ist innerhalb eines Jahres um fast ein Fünftel gestiegen. Dabei nimmt das Volumen notleidender Kredite zu.

Außenhandel: Luxusautos kurbeln ab Ende 2018 die Exporte an

Der slowakische Außenhandel entwickelt sich dynamisch. Spätestens 2020 wird das Einfuhr- und Ausfuhrvolumen jeweils 100 Milliarden Euro überschreiten. Zuletzt stiegen besonders die Importe stark an, weil der Bedarf an hochwertigen Konsumgütern zunimmt und die Unternehmen mehr Maschinen im Ausland orderten. Ab Ende 2018 könnten die Exporte schneller wachsen als die Importe. Dann startet Jaguar Land Rover seine Produktion, die überwiegend auf Auslandsmärkte geht. Laut Regierungsprognose wachsen die Exporte 2018 und 2019 real um rund 8 Prozent, die Importe um 7 Prozent.

Deutschland hat 2017 als wichtigstes Lieferland an Boden verloren. Die Importe aus der Bundesrepublik stiegen nur um 3 Prozent. Stark zulegen konnten Lieferanten aus Österreich (13 Prozent), Ungarn (12 Prozent) und dem Vereinigten Königreich (43 Prozent). Die Importe aus Russland sind wegen der höheren Gaspreise kräftig gewachsen.

Die höheren Rohstoffkosten verursachten 2017 auch bei Eisen und Stahl einen besonders hohen Anstieg des Importwertes von 22 Prozent. Ein Plus von 15 Prozent gab es bei Arbeitsmaschinen, zu denen Landtechnik und Baumaschinen gehören. Weniger gefragt waren Pharmaprodukte und Messtechnik.

Außenhandel der Slowakei (in Mio. Euro; Veränderung in %)
2015 2016 2017 Veränderung 2017/2016
Importe 66.167 68.216 73.698 8,0
Exporte 67.845 70.070 74.752 6,7
Handelsbilanzsaldo 1.678 1.854 1.054 -

Quelle: Eurostat

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/slowakei.

Dieser Artikel ist relevant für:

Slowakei Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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