Wirtschaftsausblick

15.06.2018

Wirtschaftsausblick - Vereinigtes Königreich (Juni 2018)

Inhalt

Land steuert planlos auf Brexit zu / Wirtschaft hofft auf Übergangsphase bis Ende 2020 / Von Annika Pattberg

London (GTAI) - Die Vorbereitungen für den geplanten Brexit am 29. März 2019 stellen sich als extrem schwierig heraus und liegen weiter hinter dem ursprünglichen Zeitplan. Zu welchen Bedingungen EU-Unternehmen und britische Firmen nach dem Brexit Geschäfte werden machen können, ist weiterhin unklar. Große Hoffnungen liegen auf einer angedachten Übergangsphase bis Ende 2020, die aber nicht garantiert ist. Die Wirtschaft sieht sich gezwungen, sich auf den Worst Case, einen Brexit ohne Abkommen, vorzubereiten.

Wirtschaftsentwicklung: Brexit wirkt sich negativ auf Wirtschaft aus

Die Economist Intelligence Unit (EIU) rechnet für das Vereinigte Königreich 2018 mit einem Wachstum des Bruttoinlandprodukts von real 1,4 Prozent. Damit wächst die britische Wirtschaft deutlich langsamer als vor dem Brexit-Referendum 2016 prognostiziert.

Die Vorbereitungen für den Austritt aus der Europäischen Union (EU) am 29. März 2019 liegen weit hinter ursprünglichen Zeitplänen zurück. Zu welchen Konditionen deutsche Unternehmen nach dem Brexit Waren in das Vereinigte Königreich liefern und ihre Dienstleistungen auf den britischen Inseln anbieten können, ist weiterhin unklar.

Vor Ort hart diskutiert werden unter anderem ein Verbleib in der Zollunion beziehungsweise Modelle für einen weiterhin zollfreien Handel mit der EU. Somit könnte eine harte Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland vermieden werden. Vertreter eines harten Brexits lehnen eine weitere Mitgliedschaft in der Zollunion allerdings ab. Sie wünschen Spielraum für Handelsverträge mit neuen Partnern. Die zerstrittene Minderheitsregierung und vor allem Premierministerin Theresa May stehen unter großem Druck. Vorzeitige Neuwahlen sind nicht ausgeschlossen.

Viele Wirtschaftsvertreter hoffen auf eine von Brüssel und London angedachte Übergangsphase bis Ende 2020, in welcher an alten Konditionen festgehalten wird. Bedingung für die Realisierung dieser ist allerdings ein Austrittsabkommen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich, das bis Oktober 2018 vorbereitet und unterzeichnet werden soll.

Unternehmen sehen sich in ihren Brexit-Strategien dazu gezwungen, sich auf alle denkbaren Ausgänge der Verhandlungen vorzubereiten. Der Worst Case, ein harter Brexit ohne Abkommen, bei dem der Handel nach den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) stattfinden würde, galt zu Redaktionsschluss unter Beobachtern als nicht sehr wahrscheinlich, konnte aber nicht ausgeschlossen werden.

Konsum: Schwaches Pfund Sterling fördert Exporte, mindert aber Kaufkraft

Das seit dem EU-Referendumsjahr 2016 schwache Pfund Sterling fördert tendenziell britische Exporte. Der schwache Außenwert der britischen Währung treibt allerdings auch die Inflation in die Höhe. Diese erreichte im November 2017 mit 3,1 Prozent einen Höhepunkt, betrug im April 2018 aber immer noch 2,4 Prozent. Als Konsequenz sanken 2017 die Reallöhne. Experten rechnen daher für 2018 lediglich mit einem sehr geringen Wachstum des für die Wirtschaft so wichtigen privaten Konsums.

MKT201806148004.14

Wirtschaftliche Eckdaten Vereinigtes Königreich
Indikator 2016 2017 *) Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. Euro) 2.401 2.326 3.263
BIP (nominal, Mrd. £) 1.963 2.038 k.A.
BIP pro Kopf (Euro) 36.585 35.208 39.475
BIP pro Kopf (£) 29.907 30.849 k.A.
Bevölkerung (Mio.) 65,6 66,1 *) 82,7
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Pfund Sterling (£) = ... Euro) 1,2233 1,1413 k.A.

*) Schätzung

Quellen: Office for National Statistics (ONS); Bank of England; Berechnungen von Germany Trade & Invest; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Staat fördert E-Mobility und andere neue Technologien

Die verunsicherte Wirtschaft hält sich seit dem EU-Referendum mit Investitionen zurück. Die Regierung versucht dies zu kompensieren und investiert in die Schieneninfrastruktur, Straßen sowie Sozialwohnungen. Auch fördert London verstärkt neue Technologien, darunter die 5G-Mobilfunktechnik, Elektromobilität und autonomes Fahren. Der für das Land so wichtige Pharmasektor erhält als Beruhigungspille für schwierige Brexit-Zeiten ebenfalls ein Förderpaket (http://www.gtai.de/vk-pharma).

Die Unternehmensinvestitionen lagen im 1. Quartal 2018 rund 0,2 Prozent unter dem Niveau des Vorquartals, aber 2 Prozent über dem Vorjahresquartal. Die Bruttoanlageinvestitionen stiegen im 1. Quartal 2018 aufgrund höherer Regierungsinvestitionen um 0,9 Prozent gegenüber dem Vorquartal und um 4,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Im Jahr 2017 lagen die Unternehmensinvestitionen rund 2,4 Prozent über dem sehr niedrigen Niveau des Referendumsjahres 2016 (2016 gegenüber 2015: -0,5 Prozent). Die Bruttoanlageinvestitionen legten 2017 auch aufgrund höherer privater und öffentlicher Wohnbauinvestitionen um 4 Prozent zu.

Unabhängig von den Brexit-Unsicherheiten investieren Autobauer in die Bereiche Elektromobilität und autonomes Fahren.

Ausgewählte Großprojekte im Vereinigten Königreich
Projekt Investitionssumme (Mrd. Euro) 1) Projektstand Entwickler/Anmerkung
Schienenprojekt Highspeed Rail 2 (HS2) 64,1 2) Baustart des Abschnitts London-Birmingham: 2018 HS2 Ltd., http://www.hs2.org.uk
Schienenprojekt Crossrail 2 35,5 2) Konsultationen über Finanzierung laufen Crossrail 2 Ltd.; finaler Entscheid steht noch aus
Atomkraftwerk Hinkley Point C in Somerset 23,2 Fundamentarbeiten im März 2017 begonnen Joint Venture: EDF Energy/China General Nuclear Power Generation (CGN)
Ausbau: Flughafen Heathrow, 3. Start- und Landebahn 16,0 3) Anhörungen laufen (Umweltauflagen, Anwohner etc.) Entscheidung für Sommer 2018 erwartet
Restaurierung Parlamentsgebäude (Westminster Palace) 6,5 4) Projektstart ab 2020 geplant Genaues Vorgehen ist noch unklar
Offshore-Windfarm Hornsea One (1,2 GW), Nordengland 3,2 Baustart: Januar 2018; Geplantes Bauende: 2020 Orsted, vormals Dong Energy; Zulieferer: Siemens, EEW Special Pipe Constructions (Rostock)
Gas- und Dampfkombikraftwerk (2.500 MW), Selby, Yorkshire k.A. Endgültige Entscheidung: Herbst 2018 Eggborough Power Ltd.
Gas- und Dampfkombikraftwerk (1.700 MW), Teesside, Nordostengland k.A. Plan vorgelegt im November 2017 Sembcorp Utilities (UK) Ltd.
Fabrikneubau für Schienenfahrzeuge in Goole, Yorkshire 0,2 Angekündigt: März 2018; Baustart: 2018 Siemens UK

1) Bank of England-Tageswechselkurs vom 23. März 2018: 1 Pfund Sterling (£) = 1,1448 Euro; 2) inklusive Ausgaben für Grundstückskauf und Schienenfahrzeuge; 3) inklusive Ausgaben für Grundstückskauf; 4) Weitere Informationen unter http://www.gtai.de/vk-denkmalschutz

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen, Bank of England

Nationale Ausschreibungsdatenbank: https://www.gov.uk/contracts-finder

Konsum: Haushalte spüren Brexit in ihren Portemonnaies

Im Jahr 2018 wird die private Nachfrage nach EIU-Schätzung lediglich um 0,8 Prozent zulegen. Im Jahr 2017 hatte die private Konsumnachfrage mit 1,7 Prozent bereits deutlich schwächer zugelegt als 2016 mit 2,9 Prozent.

Der einst von kauffreudigen Kunden verwöhnte britische Einzelhandel befindet sich in einer Krise. Die britischen Kaufhaus-Ketten Marks & Spencer und House of Fraser erwägen massive Schließungen. Gleiches gilt für den Discounter Poundworld.

Hintergrund für die deutlich getrübte Konsumlaune sind unter anderem die inflationsbedingt (Harmonisierter Verbraucherpreisindex 2017: +2,7 Prozent) sinkenden Realeinkommen. Die Inflation erklärt sich aus dem seit dem EU-Referendum schwachen Pfund Sterling, welches importierte Waren, Vorprodukte und Rohstoffe verteuert. Die schwache Konsumnachfrage ist damit ein Beispiel dafür, dass der geplante EU-Austritt bereits vor der eigentlichen Umsetzung seine Schatten vorauswirft.

Beim Shoppen im Internet sind die Briten gemessen an den E-Commerce-Ausgaben pro Kopf Weltmeister. Dies gilt auch für den Kauf von Lebensmitteln. Dies wiederum trägt neben dem schwachen Konsum zu einem Sterben der sogenannten "High Streets" (Einkaufsstraßen) bei.

Außenhandel: Schwaches britisches Pfund Sterling verteuert Importe

Das seit dem Referendum schwache Pfund Sterling begünstigt britische Exporte und verteuert britische Importe. Nach Angaben des Statistikamtes ONS stiegen die britischen Warenausfuhren 2017 um real 7,1 Prozent. Die Einfuhren legten hingegen nur um real 3,3 Prozent zu. Im 1. Quartal 2018 stiegen die Ausfuhren um real 1,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal und die Einfuhren um real 1,2 Prozent.

Von der aktuell hohen Auslandsnachfrage profitiert beispielsweise der britische Maschinenbau. Britische Automobilbauer, Nahrungsmittelproduzenten und Baufirmen müssen nun allerdings zu höheren Preisen Vorprodukte und Rohstoffe importieren.

Ein etwas anderes Bild als ONS zeigen die jüngsten Zahlen von Eurostat auf Euro-Basis. Deren Statistik zufolge stiegen die britischen Warenausfuhren 2017 um nominal 6,4 Prozent. Die Gesamteinfuhren sanken hingegen um nominal 0,8 Prozent und die Importe aus Deutschland um 0,3 Prozent. Der Anteil der Einfuhren aus Deutschland an den Gesamteinfuhren lag 2017 bei 13,7 Prozent (2016: 13,6 Prozent). Besonders hoch sind die Anteile deutscher Lieferungen unter anderem bei Pkw, Kfz-Teilen und Maschinen.

Die EIU-Analysten gehen von einem realen Wachstum der britischen Waren- und Dienstleistungsimporte von 2,7 Prozent in 2018 und von 3 Prozent in 2019 aus.

Außenhandel des Vereinigten Königreiches (in Mio. Euro, Veränderung in %)
2016 2017 Veränderung 2016/2017 *)
Importe 574.908 570.464 -0,8
Exporte 370.023 393.680 6,4
Handelsbilanzsaldo -204.885 -176.784 -13,7

*) nominale Veränderung im Vergleich zur Vorjahresperiode

Quelle: Eurostat (Stand: 17. April 2018)

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/vereinigtes-koenigreich

Dieser Artikel ist relevant für:

Vereinigtes Königreich Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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