Wirtschaftsausblick

31.08.2017

Wirtschaftsausblick August 2017 - Argentinien

Inhalt

Frischer Rückenwind für Macris Reformkurs / Carl Moses

Buenos Aires (GTAI) - Nach einer unerwartet schweren Anpassungsrezession im Vorjahr kommt Argentiniens Wirtschaft 2017 immer besser in Fahrt. Verbesserte Chancen der Regierungskoalition Cambiemos für die Parlamentswahlen im Oktober 2017 lassen erwarten, dass Präsident Mauricio Macri nach der Wahl Unterstützung für weitere Reformen findet. Besonders große Hoffnungen ruhen auf den privaten Investitionen und auf PPP-Projekten zum Ausbau der Infrastruktur. Deutschen Zulieferern bieten sich dabei gute Chancen.

Wirtschaftsentwicklung: Investitionen tragen den Aufschwung

Die mittleren Prognosen für den realen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) 2017 lagen im Juli gemäß Umfrage der Zentralbank bei 2,7 Prozent (BIP 2016: -2,3 Prozent). Für die kommenden Jahre wird eine Beschleunigung des BIP-Wachstums auf 2,8 Prozent (2018) und 3,2 Prozent (2019) vorhergesagt. Während der private Verbrauch aufgrund von hohen Reallohnverlusten im Vorjahr noch schwächelt, ziehen die Investitionen bereits kräftig an. Im Gefolge von jüngsten Lohn- und Rentenerhöhungen sowie einer wieder leicht steigenden Beschäftigung dürfte in der zweiten Jahreshälfte 2017 auch der Konsum anspringen.

In der Außenwirtschaft steigen die Importe von Waren und Dienstleistungen bisher deutlich stärker als die Ausfuhr. Eine sehr gute Agrarernte und die allmähliche Belebung der Nachfrage beim wichtigsten Handelspartner Brasilien dürften jedoch bald auch den Export in Schwung bringen. Für 2018 wird auf beiden Seiten der Handelsbilanz mit kräftigen Zuwächsen gerechnet, besonders jedoch bei den Importen.

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Das gute Abschneiden des Mitte-rechts-Regierungsbündnisses Cambiemos bei den Mitte August abgehaltenen Vorwahlen für die Parlamentswahlen am 22. Oktober 2017 hat die Aussichten für die Verabschiedung dringend erforderlicher Strukturreformen verbessert. Das politische Comeback der linksperonistischen Expräsidentin Cristina Kirchner, das für Verunsicherung unter Investoren gesorgt hatte, fiel weniger erfolgreich aus als erwartet. Zwar wird Kirchner im Oktober wohl einen Senatssitz erringen. Ein möglicher Sieg Kirchners bei den Präsidentschaftswahlen 2019 erscheint jedoch unwahrscheinlich. Vielmehr sehen politische Beobachter jetzt bessere Chancen für eine Wiederwahl Macris. Die Aussichten auf eine Kontinuität von Macris Reform- und Stabilitätspolitik dürfte der Konjunktur zusätzlichen Auftrieb geben, was wiederum positive Rückwirkungen auf die Wiederwahlchancen Macris hätte.

Auf der To-do-Liste für die zweite Halbzeit der Macri-Regierung stehen zuvörderst eine Steuerreform, die einen schrittweisen Abbau der hohen Steuerbelastung bringen soll, sowie Reformen zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und zur Konsolidierung des Rentensystems. Auch nach den Wahlen im Oktober wird die Regierungskoalition allerdings über keine eigene Mehrheit im Parlament verfügen. Macri wird daher auf die punktuelle Zusammenarbeit mit Teilen der Opposition angewiesen bleiben. Aufgrund der weiterhin sehr angespannten sozialen Lage (Armutsrate: 30 Prozent) kann die Regierung lediglich graduelle Maßnahmen zur Senkung des hohen Staatsdefizits von rund 6 Prozent des BIP anpeilen.

Trotz einer Halbierung der Inflationsrate gegenüber dem Vorjahr liegt der Preisanstieg mit einer Rate von 21,5 Prozent (im Juli 2017 gegenüber dem gleichen Vorjahresmonat) immer noch deutlich über dem Zielwert der Zentralbank (maximal 17 Prozent für 2017 und 10 Prozent +/- 2 Prozentpunkte für 2018). Das zwingt die Notenbank vorerst zu einer Beibehaltung hoher Leitzinsen.

Wenngleich der Außenwert des argentinischen Pesos (1 arg$ = rund 0,048 Euro, Stand: 23.08.17) aufgrund der politischen Unsicherheit vor den Wahlen zeitweise unter Druck geraten war, gilt die argentinische Währung weiterhin als überbewertet. Allein schon die umfangreichen Kapitalimporte der öffentlichen Hand zur Finanzierung des hohen Staatsdefizits dürften dafür sorgen, dass der Peso inflationsbereinigt tendenziell unter Aufwertungsdruck - und Argentinien damit ein vergleichsweise teurer Standort - bleibt. Anfang 2018 wird Argentinien den Vorsitz der G-20-Gruppe der führenden Industrie- und Schwellenländer übernehmen.

Wirtschaftliche Eckdaten Argentiniens
Indikator 2016 2017 Vergleichsdaten Deutschland 2016
BIP (nominal, Mrd. US$) 545 606 3.467,6
BIP pro Kopf (US$) 12.503 13.760 41.914
Bevölkerung (Mio.) 43,6 44,0 82,2
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, arg$/US$) 14,77 16,98 -

Quellen: INDEC, Econométrica, Statistisches Bundesamt

Investitionen: Wachstum auf breiter Front

Die marktfreundlichen Reformen der Macri-Regierung haben das Investitionsklima deutlich verbessert. Im 1. Halbjahr 2017 lagen die Bruttoanlageinvestitionen laut Schätzung der Beratungsfirma OJF real um 6,4 Prozent über dem entsprechenden Vorjahresniveau. Nachdem zunächst vor allem die Ausrüstungsinvestitionen anzogen (+8,4 Prozent im 1. Halbjahr 2017), kamen zuletzt auch die Bauinvestitionen immer besser in Schwung (+4,4 Prozent). Allein die öffentlichen Ausschreibungen haben sich in den ersten sieben Monaten 2017 gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum in argentinischen Pesos verdoppelt. Zur Jahresmitte wuchsen auch die privaten Bauinvestitionen real bereits mit einer zweistelligen Rate. Für den Ausbau der Infrastruktur setzt die Regierung verstärkt auf die Beteiligung privater Investoren in PPP-Projekten.

Gute Aussichten für eine Fortsetzung der Reformen und der Haushaltskonsolidierung nach den Parlamentswahlen im Oktober dürften die Investitionsbereitschaft weiter stärken. Sollten sich die Erwartungen eines guten Wahlergebnisses für die Regierungskoalition bestätigen, ist mit einer Verminderung der noch sehr hohen Finanzierungskosten und einem neuen Investitionsschub zu rechnen. Hohe Steuern und Arbeitskosten sowie Engpässe in der Infrastruktur drücken bisher allerdings noch die Rentabilität vieler Investitionsprojekte. Zudem gilt der Peso weiterhin als überbewertet.

Ausgewählte Großprojekte in Argentinien
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. US$) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Straßentunnel am Andenpass Agua Negra 1.600 Ausschreibung (Präqualifikation der Anbieter) Binationales Projekt, Bauministerium Chile (contingenciasiac@mop.gov.cl), Transportministerium Argentinien (manlop@transporte.gob.ar)
Erneuerung der Bahnlinie Belgrano Cargas 2.500 In Bau, Ausschreibung von Teilabschnitten Staatliches Bahnunternehmen Argentiniens Adifse (jmayorca@adifse.com.ar)
Verlagerung der Sarmiento-Bahnlinie unter die Erde 3.000 In der Anfangsphase des Tunnelbaus COO IECSA - Nuevo Sarmiento Consortium (der brasilianische Konzern Odebrecht ist aus dem Konsortium ausgeschieden), aadur@grupoods.com.ar
Wasserkraftwerke Jorge Cepernic und Néstor Kirchner 4.000 Neuverhandlung von Details des Projektes mit den chinesischen Kreditgebern UTE Represas Patagonia (comunicacion@represaspatagonia.com.ar)
Wasserkraftwerk Chihuido I 2.200 Zuschlag an Baukonsortium erteilt. Suche nach Projektfinanzierung. Die Bayern LB bietet nach dem Rückzug des russischen Kreditgebers Finanzierung an. Ausschreibung: Innen- und Bauministerium Argentiniens (pbereciartua@interior.gob.ar), Baukonsortium unter Führung von Helport (Corporación América): Consorcio Chihuido I (juanmanuel.collazo@arhelport.com)
"Parque de la Innovación" - Technologiepark und Urbanisierungsprojekt in der Stadt Buenos Aires 2.000 Planung, erste Ausschreibungen in Vorbereitung Ministerium für städtische Entwicklung und Transport der Autonomen Stadt Buenos Aires; mduyt@buenosaires.gob.ar
Renovar 2 (neue Ausschreibungsrunde für erneuerbare Energien; insgesamt 1.200 MW; davon 550 MW Wind, 450 MW PV und 100 MW Biomasse) 2.000 Ausschreibung gestartet, Angebotsöffnung im Oktober, Zuschläge für Ende November erwartet Ministerium für Energie und Bergbau (privadarenovables@minem.gob.ar), Ausschreibungsunterlagen: https://www.boletinoficial.gob.ar/#!DetalleNorma/169273/20170817

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; BNamericas, Pressemeldungen

Offizielle Ausschreibungsdatenbank: https://comprar.gob.ar/Default.aspx

Weitere Informationen zu Infrastrukturprojekten in Argentinien finden Sie unter: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Trends/Infrastruktur/Land-Argentinien/trend-land-argentinien.html

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/argentinien, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Importwaren besonders stark gefragt

Der private Verbrauch entwickelt sich 2017 mit sehr uneinheitlichen Tendenzen. Während der Absatz von Waren des Massenkonsums in Super- und Verbrauchermärkten noch unter dem Vorjahr liegt (-1,5 Prozent im 2. Quartal), steigt der Absatz von Pkw und Krafträdern sprunghaft an. Während die Shopping Malls Kunden verlieren (Absatz -6 Prozent im 2. Quartal), kaufen die Verbraucher vermehrt bei preiswerten Grossisten oder aber in kleinen Mengen bei Tante-Emma-Läden in der Nachbarschaft. Auch der E-Commerce expandiert kräftig. Billige No-name-Produkte gingen im 1. Halbjahr 2017 besser als hochpreisige Markenware.

Grund für diese Entwicklung waren die hohen Verluste an Realeinkommen und der Rückgang der Beschäftigung im Vorjahr (Reallohn 2016: -5,4 Prozent). Zur Jahresmitte 2017 stiegen die Löhne und Renten jedoch real wieder an (Prognose für die Reallöhne 2017: +2 Prozent), auch die Beschäftigung nimmt langsam aber stetig wieder zu. Vor diesem Hintergrund ist für den Rest des Jahres 2017 sowie für 2018 mit einem beschleunigten und ausgewogeneren Wachstum des Konsums zu rechnen. Unabhängig von der Konjunkturentwicklung sind aufgrund der hohen Kaufkraft des argentinischen Peso in US-Dollar (US$) oder Euro Importartikel stark gefragt, ebenso Erzeugnisse der lokalen Industrie, die einen hohen Anteil an importierten Vorprodukten aufweisen (Autos, Elektronikartikel).

Außenhandel: Kräftiges Importwachstum trotz Einfuhrhemmnissen

Für die Warenimporte wird für 2018 ebenso wie 2017 ein kräftiges Wachstum erwartet. Neben der rasant steigenden Einfuhr von Kfz und Konsumgütern kommen auch die Importe von Investitionsgütern auf zweistellige reale Zuwachsraten. Trotz der Abschaffung der meisten Importrestriktionen Anfang 2016 klagen Unternehmen allerdings weiterhin über nicht-tarifäre Handelshemmnisse (Normen und Zertifizierung). Die angekündigte Modernisierung und Vereinfachung der Zollbestimmungen verzögere sich. Es herrsche weiterhin viel bürokratischer Aufwand (in Papierform), und das Zollpersonal habe einen hohen Ermessensspielraum bei der Auslegung von Bestimmungen.

Zudem sind für viele Importwaren weiterhin nicht-automatische Einfuhrlizenzen erforderlich. Angesichts der Überbewertung der heimischen Währung und der schwachen Inlandsnachfrage schreckt die Regierung offenbar vor einer radikaleren und schnelleren Öffnung des Importmarktes noch zurück. Schon jetzt laufen die einheimischen Kritiker der Marktöffnung und Vertreter besonders betroffener Branchen Sturm gegen die vermeintliche Importflut.

Die bisher noch schwächelnde Ausfuhr erhält Impulse durch eine neue Rekordernte. Zudem besteht Hoffnung auf eine allmählich wieder zunehmende Nachfrage des größten Handelspartners Brasilien, dem Hauptabnehmer argentinischer Industrieprodukte. Die seit 18 Jahren laufenden Verhandlungen zwischen dem südamerikanischen Wirtschaftsverbund Mercosur und der EU über ein Assoziierungsabkommen sind nicht zuletzt aufgrund des energischen Betreibens der argentinischen Regierung wieder in Schwung gekommen. Erste konkrete Ergebnisse werden für Ende 2017 erwartet, wenn Argentinien die Konferenz der Welthandelsorganisation (WTO) ausrichtet.

Außenhandel Argentiniens (in Mio. US$; Veränderung in Prozent)
2015 2016 Veränderung 1. Halbjahr 2017/ 1. Halbjahr 2016
Importe 59.757 55.610 +13,0
Exporte 56.788 57.737 +0,8
Handelsbilanzsaldo -2.969 2.128 -

Quelle: INDEC

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/argentinien.

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Argentinien Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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