Wirtschaftsausblick

09.02.2018

Wirtschaftsausblick Februar 2018 - Aserbaidschan

Inhalt

Geringes Wirtschaftswachstum in Sicht / Bankenmarkt weiterhin in der Krise / Von Uwe Strohbach

Baku (GTAI) - In der krisengeschüttelten Wirtschaft Aserbaidschans geht es 2018 in kleinen Schritten aufwärts. Dennoch bleiben viele Probleme ungelöst. Das stark angeschlagene Finanzsystem, eine anhaltend geringe Investitionsneigung, die schwache Kaufkraft der Bevölkerung und unzulängliche Reformen behindern einen soliden Aufschwung.

Wirtschaftsentwicklung: Wachstum von bis zu 2 Prozent erwartet

Die Regierung Aserbaidschans rechnet für das Jahr 2018 mit einem realen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,5 Prozent. Internationale Beobachter erwarten ein Plus in einer Bandbreite von 0,9 Prozent (Weltbank) bis 2 Prozent (Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung). Für 2019 prognostizieren sie Zuwächse von 1,5 bis 3 Prozent. Die Regierung hofft sogar auf ein Wachstum von 4 Prozent.

Träger des im Jahr 2018 erwarteten Wachstums sind der Agrar- und Bausektor, das verarbeitende Gewerbe und einige andere Sektoren des Nichtölsektors. Der leichte Konjunkturaufschwung dürfte von einem stabilen Wechselkurs des Aserbaidschan-Manat (AZN) zum US-Dollar (US$) sowie vom Beginn der Förderung im Gasfeld Shah Deniz 2 flankiert werden. Nicht zuletzt basiert das mäßige Wachstum auf den im Vergleich zu den Vorjahren wieder steigenden Ölpreisen.

Die Wachstumsprognosen sowohl für 2018 als auch für 2019 sind jedoch mit vielen Unwägbarkeiten verbunden. Keine Entwarnung gibt es für den Bankensektor. Der Anteil notleidender Kredite am Kreditportfolio betrug zum 1. Dezember 2017 rund 15,5 Prozent (1,1 Milliarden von 7,1 Milliarden US$) und dürfte weiter steigen. Jedes dritte der mehr als 30 Geldinstitute kämpft ums Überleben. Weitere Schließungen von Banken sind zu erwarten. Offen bleibt die Frage, inwieweit die von der Regierung Ende 2016 verabschiedeten Roadmaps zur Wiederbelebung der Wirtschaft, zur Verbesserung der unternehmerischen Rahmenbedingungen und zur Eindämmung der großen Schattenwirtschaft zügig umgesetzt werden.

In Teilbereichen sind Fortschritte zu beobachten, so zum Beispiel in der Zollverwaltung, bei der Verbesserung der Transparenz staatlicher Dienstleistungen oder in der Unternehmensförderung. Für einige Sektoren werden gegenwärtig neue gesetzliche Regelungen vorbereitet (Investitionsrecht, Beschaffungswesen). Die meisten für eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung erforderlichen Reformen lassen aber noch auf sich warten. Die aserbaidschanische Wirtschaft bleibt weiterhin stark von den Weltmarktpreisen für Öl und Gas abhängig.

MKT201802088003.14

Wirtschaftliche Eckdaten Aserbaidschans
Indikator 2016 2017 Vergleichsdaten Deutschland 2016
BIP (nominal, Mrd. US$) 37,8 40,8 3.480,2
BIP pro Kopf (US$) 3.956 4.192 42.188
Bevölkerung (Mio.) 9,81 *) 9,90 *) 82,5
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 US$ = AZN) 1,5993 1,7189 -

*) zum 31. Dezember

Quellen: Staatliches Komitee für Statistik; Deutsche Bundesbank; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Stagnation auf niedrigem Niveau erwartet

Die Bruttoanlageinvestitionen sind 2014 bis 2017 im Schnitt jährlich um real knapp 7 Prozent gesunken. Sie machten mit 9,1 Milliarden US$ im Jahr 2017 nur noch 40 Prozent des Niveaus von 2014 aus. Seit Jahren entfallen rund drei Viertel der Gesamtinvestitionen auf Bau- und Montageleistungen. Im Jahr 2017 wurde nur noch 1 Milliarde US$ in Maschinen und Ausrüstungen investiert gegenüber 2,6 Milliarden US$ im Jahr 2014. Für 2018 erwartet die Regierung eine Stagnation der Bruttoanlageinvestitionen auf dem Niveau des Vorjahres.

Branchenmäßig entfällt die Hälfte der gesamten Investitionen auf den Öl- und Gassektor. Es folgen der Hoch- und Industriebau (etwa 15 bis 17 Prozent) und der Transportsektor mit Fokus auf dem Straßen- und Gleisbau (bis zu 10 Prozent).

Die Investitionen in das verarbeitende Gewerbe dürften mit einem Volumen von kaum mehr als 300 Millionen US$ auf einem geringen Niveau verharren. Der Nationale Fonds für die Förderung des Unternehmertums stellt im Jahr 2018 Fördermittel von 100 Millionen US$ bereit (2017: 85 Millionen US$). Nach Angaben des Fondsmanagements könnten damit - ähnlich wie 2017 - bis zu 2.000 Projekte mit einem Gesamtwert von 350 Millionen bis 400 Millionen US$ kofinanziert werden. Die Gelder fließen vorrangig in Agrarparks, die Tier- und Fischzucht, die Gewächshauswirtschaft sowie die Produktion von Nahrungsgütern und Baustoffen.

Ausgewählte Großprojekte in Aserbaidschan
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. US$) Projektstand Anmerkung
Südlicher Gaskorridor für den Gastransport nach Europa (Erschließung des Gasfelds Shah Deniz 2, Ausbau/Erneuerung von Pipelines - TANAP, TAP und SCP) 11.700 Realisierungsquote zum 1.1.18: 72% (8,4 Mrd. US$), Projektvolumen 2018: 1,3 Mrd. US$ Southern Gas Corridor CJSC (Partner: Regierung Aserbaidschans und staatliche Ölgesellschaft SOCAR)
Komplex für Gasverarbeitung und Petrochemie (jährliche Verarbeitung von 10 Mrd. cbm Erdgas, jährliche Produktion von etwa 600.000 t Polyethylen und 120.000 t Propylen), Aljat, Stadtbezirk Garadagh/Baku 4.200 Projekt in Vorbereitung, endgültige Entscheidung über die Realisierung erfolgt im Mai/Juni 2018, voraussichtliche Bauzeit: Mitte 2018 bis Ende 2022 SOCAR GPC, Projekteinheit der staatlichen Ölgesellschaft SOCAR (http://www.socargpc.az); Technologiepartner: TechnipFMC, Univation Technologies, Axens und SINOPEC TECH; Finanzierung voraussichtlich größtenteils über die chinesische Entwicklungsbank
Modernisierung der Ölraffinerie H. Aliyev und Ausbau der jährlichen Verarbeitungskapazität von 6 Mio. auf 7,5 Mio. t, Baku 1.500 bis 1.700 Realisierung: 2017 bis 2020 Staatliche Ölgesellschaft SOCAR, Fachbereich SOCAR OGPC (Oil and Gas Processing and Petrochemical Complex; http://www.socar.az), Projektmanagement für die Modernisierung: Joint Venture SOCAR-KBR (Aserbaidschan/USA)
.Phase 1 (Anlage für die Produktion von Bitumen mit einer jährlichen Kapazität von 40.000 t) geplante Inbetriebnahme: 2. Halbjahr 2018 Bauausführung: Azfen (Aserbaidschan)
.Phasen 2 und 3 (Anlagen für die Produktion von Dieselkraftstoff und Benzin nach der Euronorm 5, geplanter jährlicher Gesamtausstoß: 3 Mio. t und 1,9 Mio. t) geplante Inbetriebnahme: 2020 EPC-Auftragnehmer: Tecnicas Reunidas, Spanien (Vertragswert: rund 800 Mio. US$)
Modernisierung und Ausbau des Bahnkorridors Nord-Süd (mehrere Teilprojekte) mehr als 1.000 Projekte in Vorbereitung Staatliche Eisenbahngesellschaft ADY (http://www.ady.az), Kofinanzierung über Kredite der ADB (2019 und 2020: jeweils 200 Mio. US$)
Modernisierung der Stromnetzausrüstungen auf der Mittelspannungs- und Niederspannungsebene inklusive von Umspannwerken und Transformatorenstationen mindestens 1.000 (Phase 1: 325) Realisierung: 2016/17 bis 2022 (Phase 1: 2016/17 bis 2019) Nationaler Stromnetzbetreiber Azerishiq (http://www.azerishiq.az). Finanzierung hauptsächlich über Kredite der ADB (750 Mio. US$)
Arzneimittelfabrik mit einer jährlichen Kapazität von 22,5 Mio. Packungen/500 Mio. Tabletten und Kapseln, Industriepark Pirallahi 74 Realisierung: Ende 2016 bis 2019 Hayat Pharm (http://www.hayatpharm.az; Partner: R-Pharm, Russland; Vita-A LLC und Azerbaijan Investment Company, beide Aserbaidschan)

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Staatliches Ausschreibungsportal: http://www.tender.gov.az

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/aserbaidschan ("Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte").

Konsum: Keine Belebung der Kaufkraft im Jahr 2018 in Sicht

Die massive Währungsabwertung im Jahr 2015, die schwierige Lage auf dem Arbeitsmarkt, eine hohe Inflation, spürbare kommunale Tariferhöhungen und eine deutlich gedrosselte Verbraucherkreditvergabe sind die Ursachen für den großen Kaufkraftverlust. Die offizielle Arbeitslosen- und Armutsquote von jeweils circa 5 Prozent ist weit unterzeichnet. Im Jahr 2018 ist noch keine Kaufkraftbelebung in Sicht. Die monatlichen Geldeinnahmen (2017 pro Kopf: 245 US$) und die Löhne dürften real weiter sinken.

Das Gros der Bevölkerung kann sich Einkäufe über Grundnahrungsmittel hinaus kaum leisten. Sonderangebote und niedrige Preise sind mehr denn je gefragt. Im Jahr 2017 gab ein Verbraucher im Einzelhandel im Schnitt nur 89 US$ pro Monat für Lebens- und Genussmittel und 87 US$ für Non-Food-Güter aus.

Die offizielle Statistik dürfte für 2018 analog der beiden Vorjahre wieder ein reales Plus für den Einzelhandel ausweisen (2017: +2,5 Prozent auf umgerechnet 20,5 Milliarden US$). Diese Angaben sind jedoch nicht vertrauenswürdig. Viele Geschäfte haben heute wenig Kundschaft oder stehen leer. Dennoch gibt es im öl- und gasreichen Aserbaidschan ein nicht zu unterschätzendes Klientel, das sich hochwertige Importprodukte leisten kann. Positiv auf das Handelsgeschäft wirkt sich der zunehmend in Fahrt kommende Indoor-Tourismus aus.

Außenhandel: Große Investitionsprojekte sorgen für leichte Importbelebung

Die Exporte legten 2017 um mehr als 50 Prozent zu. Der Zuwachs geht auf das Konto gestiegener Exporte von Öl und Gütern der Ernährungswirtschaft. Die Ölausfuhren stiegen mengenmäßig um 7 Millionen Tonnen auf 27 Millionen Tonnen und wertmäßig um 4,2 Millionen US$ auf 10,7 Milliarden US$. Dank der Umsetzung von Großprojekten wuchsen auch die Importe, allerdings nur um 3 Prozent. Für 2018 rechnen Marktkenner mit einer Exportsteigerung um mindestens 15 Prozent. Für die Importe sei nur ein kleines Plus zu erwarten.

Die Ausfuhr ist kaum diversifiziert. Öl, Gas und Ölprodukte standen 2017 für knapp 90 Prozent der wertmäßigen Exporte. Die übrigen Lieferungen entfielen hauptsächlich auf Obst und Gemüse (Exportanteil: 3,6 Prozent), Aluminium- und Eisenmetallerzeugnisse (1,5 Prozent) sowie chemische und Kunststofferzeugnisse (1,3 Prozent). Der gesamte Export von Nichtölprodukten betrug nur 1,5 Milliarden US$. Zwei Dutzend Firmen, darunter zehn staatliche Betriebe, stehen für drei Fünftel dieser Exporte. Hauptabnehmer waren Italien (Exportanteil: 31,9 Prozent), die Türkei (9,9 Prozent) und Israel (4,6 Prozent).

Haupteinfuhrgüter waren Maschinen und Ausrüstungen inklusive elektrischer Maschinen und Ersatzteile (Importanteil: 21,3 Prozent), Transportmittel (12,3 Prozent), Eisenmetallerzeugnisse (10,1 Prozent) sowie Kunststoffe und Erzeugnisse daraus (3,6 Prozent). Unter den Bezugsländern nahmen 2017 Russland (Importanteil: 17,7 Prozent), die Türkei (9,9 Prozent) und die VR China (9,7 Prozent) die Spitzenränge ein. Deutschland belegte Rang 7 (5,1 Prozent).

Außenhandel Aserbaidschan (in Mio. US$; nominale Veränderung in %)
2016 2017 Veränderung 2017/16
Importe (Waren, cif) 8.532 8.783 2,9
Exporte (Waren, fob) 9.143 13.812 51,1
Handelsbilanzsaldo 611 5.029 -

Quelle: Staatliches Zollkomitee Aserbaidschans

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/aserbaidschan

Dieser Artikel ist relevant für:

Aserbaidschan Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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