Wirtschaftsausblick

15.06.2017

Wirtschaftsausblick Juni 2017 - Brasilien

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Wirtschaft wächst wieder / Politische Instabilität könnte neuen Aufschwung hinauszögern / Von Edwin Schuh

São Paulo (GTAI) - Im 1. Quartal 2017 zeichnete sich eine allmähliche Erholung der brasilianischen Wirtschaft ab, angetrieben von Agrarexporten und einer Stabilisierung der Industrieproduktion. Einige Sektoren stecken jedoch weiterhin in der Krise. Die hohe Arbeitslosigkeit und Verschuldung drücken auf den Konsum der Haushalte, während die Unternehmen wegen der unsicheren politischen Zukunft wenig investieren. Zinssenkungen der Zentralbank sollen das Wirtschaftswachstum ankurbeln.

Wirtschaftsentwicklung: Politische Instabilität gefährdet die Erholung

Brasiliens Wirtschaft sendete zu Beginn des Jahres 2017 Zeichen einer leichten Erholung. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) beendete im 1. Quartal eine Serie von acht negativen Quartalen in Folge und wuchs gegenüber dem Vorquartal um 1%. Allerdings beruhte dieses Wachstum weitgehend auf dem dynamischen Agrarsektor (+13,4%). Der Konsum der Haushalte und die Investitionen der Firmen blieben hinter den Erwartungen zurück. Daher wird befürchtet, dass das Wachstum in den kommenden Quartalen geringer ausfällt. Dennoch soll Brasilien 2017 nach zwei Krisenjahren aus der Rezession kommen, wenn auch nur mit einem geringfügigen Wachstum.

Nach Fortschritten bei den wichtigen Reformen des Rentensystems und Arbeitsmarktes geriet Präsident Temer im Mai 2017 wegen Korruptionsvorwürfen im Umfeld des Konzerns JBS stark unter Druck. Derzeit ist nicht absehbar, ob er sich im Amt halten kann. Wirtschaftsexperten hoffen, dass die Reformbestrebungen von der erneuten politischen Instabilität nicht beeinträchtigt werden. Die Wirtschaft leidet unter der Unsicherheit und Unternehmen halten sich mit neuen Investitionen zurück. Auch wird befürchtet, dass sich geplante Infrastrukturkonzessionen der Regierung verzögern könnten.

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Nach den Vorwürfen gegen Temer wertete der brasilianische Real (R$) gegenüber dem US-Dollar und dem Euro erneut stark ab. Dies kommt den Exporten zugute, die sich ohnehin schon gut entwickelten mit einem Wachstum von 4,8% im 1. Quartal. Die Importe wiederum, die mit 1,8% ebenfalls überdurchschnittlich zulegten, leiden unter dem schwachen Real. Die Zentralbank senkte seit Ende 2016 ihren Leitzins schrittweise um vier Prozentpunkte auf 10,25%, weitere Zinssenkungen werden erwartet. Dadurch sollen Konsum und Investitionen angekurbelt werden. Die hohe Arbeitslosigkeit und Verschuldung drücken weiterhin auf den Konsum der Haushalte.

Die Industrieproduktion hat sich nach drei rückläufigen Jahren etwas stabilisiert, kommt jedoch nicht recht vom Fleck. Zwischen Januar und April 2017 wurde ein Minus von 0,7% verzeichnet, der April war mit +0,6% aber besser als erwartet. Der Chemiesektor, die Kfz- und die Pharmaindustrie verkündeten steigende Produktionszahlen. Eine gute Entwicklung zeigt auch der Agrarsektor, der laut dem staatlichen Versorgungsunternehmen Conab mengenmäßig 24% mehr ernten wird. Im Maschinenbau lässt sich noch kein Umschwung erkennen.

Wirtschaftliche Eckdaten Brasilien
Indikator 2015 2016 Vergleichsdaten Deutschland 2016
BIP (nominal, Mrd. US$) 1.802 1.799 3.468
BIP pro Kopf (US$) 8.808 8.730 41.914
Bevölkerung (Mio.) 204,5 206,1 82,7
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 US$ = R$) 3,33 3,49 -

Quellen: Zentralbank, Bradesco, Statistisches Bundesamt

Investitionen: Unternehmen halten sich zurück

Im Jahr 2016 lagen die Bruttoanlageinvestitionen 26% unter ihrem bisherigen Rekordniveau von 2013. Hauptgründe für die Zurückhaltung waren gemäß einer Umfrage des Industrieverbandes CNI die wirtschaftliche Ungewissheit (80% der Befragten), die geringe Nachfrage und Kapazitätsauslastung (54%) sowie hohe Finanzierungskosten (39%). Auch im 1. Quartal 2017 entwickelten sich die Bruttoanlageinvestitionen schlechter als erwartet (-1,6% anstatt -0,3%). Die Ratingagentur Moody´s stufte Brasiliens Kreditwürdigkeit im Mai 2017 wegen des Korruptionsskandals um Temer erneut auf negativ herab, nachdem sie die Bewertung erst im März auf stabil angehoben hatte.

Wegen des engen Staatshaushaltes will die Regierung die Investitionen des privaten Sektors fördern. Sie stellte Ende 2016 das Konzessions- und Privatisierungsprogramm PPI (Programa de Parcerias de Investimentos) vor. Es wurden bereits Flughäfen und Stromnetze konzessioniert, Häfen, Autobahnen und Hafenterminals sollen folgen. Insgesamt umfasst das PPI 55 Projekte in den Bereichen Infrastruktur, Energie, öffentliche Versorgung, Telekommunikation sowie Erdöl und Bergbau. Es soll private Investitionen von 13,8 Mrd. US$ auslösen.

Ausgewählte Großprojekte in Brasilien
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. US$) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Libra-Erdölfeld 80.000 Exploration; Pilotprojekt soll ab 2020 180.000 bpd produzieren Konsortium um Petrobras, Total, Shell, CNOOC, CNPC
Hochgeschwindigkeitszug Rio de Janeiro - São Paulo - Campinas 14.900 nach jahrelangem Stillstand und Desinteresse bei Unternehmen schlug die chinesische CRCC Mitte 2016 das Projekt erneut vor 511 km Zugverbindung mit 91 km Tunneln und 103 km Brücken; Agência Nacional de Transportes Terrestres, CRCC
Zugstrecke Bioceânica zwischen Atlantik und Pazifik 10.000 IDB will Machbarkeitsstudie finanzieren Verbindung nach Peru; Bolivien und Paraguay ebenfalls interessiert
Fertigstellung Zugstrecke Norte-Sul 5.300 zum Teil im Bau; gehört zum aktuellen Konzessionsprogramm PPI; Betrieb soll im 2. Halbjahr 2017 konzessioniert werden 1.537 km durch Bundestaaten São Paulo, Minas Gerais, Goiás und Tocantins; staatliche Eisenbahngesellschaft Valec
Zugstrecke Oeste - Leste (Fiol) zwischen Ilheus (Bahía) und Figueirópolis (Tocantins) 3.500 Bau stockt; gehört zum PPI; Ausschreibung für Betrieb 2. Halbjahr 2017 geplant 1.526 km in 7 Abschnitten; staatliche Eisenbahngesellschaft Valec
Zugstrecke Ferrogrão zwischen Sinop (Mato Grosso) und Miritituba(Pará) 3.159 Studien; gehört zum PPI; Ausschreibung für 2. Halbjahr 2017 geplant 930 km; für den Transport von Agrarerzeugnissen; Handelsunternehmen Amaggi, Bunge, Cargill, Louis Dreyfus und ADM interessiert
Bau eines Stahlwerks in Bacabeira, Maranhão 3.125 im September 2016 unterzeichnet; Baubeginn 2017 CB Steel
Brücke Salvador - Itaparica (Bahía) 2.580 Projektstudien durch chinesische CRBC; Baustart für 2018 geplant Hängebrücke mit Länge von 11,7 km inklusive zwei Tunnel; eventuell als PPP; Regierung des Bundesstaates Bahía
Flughäfen Porto Alegre, Salvador, Florianópolis und Fortaleza 2.074 im März 2017 Konzessionen vergeben an Fraport, Vinci und Flughafen Zürich Ausbau und Betrieb der Flughäfen für 25 bzw. 30 Jahre
Autobahnnetz Rodovia dos Calçados im Bundesstaat São Paulo 2.010 im April 2017 an Arteris (Spanien) und Brookfield (Kanada) vergeben; Konzession umfasst Ausbau und Betrieb für 30 Jahre 720 km zwischen Itaporanga und Franca; insgesamt 10 Strecken inkl. High-Tech-Kontrollzentrum

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest, Pressemeldungen

Die nationale Ausschreibungsdatenbank der brasilianischen Bundesregierung findet sich unter http://www.comprasnet.gov.br. Weitere Ausschreibungsportale sind die von der staatlichen Banco do Brasil betriebene http://www.licitacoes-e.com.br/aop/index.jsp und die Beschaffungsseiten der Bundesstaaten (zum Beispiel São Paulo http://www.bec.sp.gov.br). Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/brasilien, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Arbeitslosigkeit und Verschuldung drücken Kauflaune

Die Arbeitslosigkeit ist seit 2014 sprunghaft von 6,7% auf 13,9% gestiegen und drückt die Konsumlaune der Brasilianer. Rund 14,2 Mio. Personen sind arbeitslos, so viele wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Zudem nahm das reale Einkommen in der Krise ab, dem Marktforscher Nielsen zufolge stiegen daher viele Brasilianer auf günstigere Marken um und kaufen verstärkt im Großhandel und online. Auch ist die Kreditvergabe wegen der hohen Verschuldungsquote beschränkt, weshalb der Absatz langlebiger Güter wie Kfz mittelfristig schwach bleibt.

Der Konsum der Haushalte sank im 1. Quartal 2017 nur noch um 0,1%, immerhin der beste Wert seit zwei Jahren. Für den weiteren Jahresverlauf wird eine Stabilisierung erwartet, jedoch noch kein neuer Wachstumszyklus. Der Umsatz im Einzelhandel soll 2017 um 1,5% wachsen, so der Handelsverband CNC. Dafür seien jedoch weitere Zinssenkungen der Zentralbank notwendig. Als verkaufsfördernd gilt die im Vergleich zur Vergangenheit geringe Inflation. In den zwölf Monaten bis April 2017 lag sie bei 4,1%, der niedrigste Wert seit 2007 und unter dem Ziel der Zentralbank. Für das Gesamtjahr 2017 wird eine Inflation von 3,9% erwartet. Der vom Industrieverband CNI erhobene Index der Verbraucherzuversicht INEC lag im April bei 103 Punkten, 4,8% unter dem durchschnittlichen Niveau seit seiner Einführung.

Außenhandel: Exporte wachsen stark

Brasiliens Außenhandel verzeichnet nach mehreren rückläufigen Jahren wieder Wachstum. Zwischen Januar und April 2017 stiegen die Importe um 9,5% auf 46,8 Mrd. US$, die Exporte erhöhten sich sogar um 21,8% auf 55,9 Mrd. US$. Die Ausfuhren profitieren von leicht höheren Rohstoffpreisen und der starken Ernte. Auch konnten die chemische Industrie und die Kfz-Branche die schwache Binnennachfrage durch gestiegene Exporte in gewissem Maße ausgleichen. Die Importe erholten sich dank des zu Jahresbeginn wieder etwas stärkeren Real, der wegen der erneuten politischen Instabilität in der Jahresmitte jedoch abgewertet hat. Entsprechende Auswirkungen auf den Außenhandel sind in der zweiten Jahreshälfte zu erwarten.

Die Importe aus Deutschland waren zwischen Januar und April 2017 entgegen dem allgemeinen Trend leicht rückläufig (-0,9%), weshalb Argentinien Deutschland vom dritten Platz der wichtigsten Lieferländer verdrängte. Die VR China und die USA waren wie im Vorjahr als Spitzenduo praktisch gleichauf. Die deutschen Lieferungen lagen in den ersten vier Monaten 2017 bei 2,8 Mrd. US$, was 6,1% der Importe Brasiliens entspricht. Die Lieferungen von Maschinen und Anlagen (+2,9%), chemischen Erzeugnissen (-7,8%) und Transportmaterial (-1,5%) machen rund drei Viertel der deutschen Verkäufe aus.

Außenhandel Brasiliens (in Mio. US$; Veränderung in %)
Indikator 2015 2016 Veränderung 2016/2015
Importe 171.449,1 137.552,0 -19,8
Exporte 191.134,3 185.235,4 -3,1
Handelsbilanzsaldo 19.685,3 47.683,4 142,2

Quelle: MDIC

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/brasilien.

Dieser Artikel ist relevant für:

Brasilien Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten

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