Wirtschaftsausblick

17.07.2017

Wirtschaftsausblick Juni 2017 - Vereinigtes Königreich

Inhalt

Große politische und wirtschaftliche Unsicherheiten vor dem Brexit / Von Annika Pattberg

London (GTAI) - Die Unsicherheiten vor dem geplanten EU-Austritt der Briten sind enorm. Zu welchen Bedingungen EU-Unternehmen und britische Firmen nach dem für Ende März 2019 angedachten Brexit Geschäfte werden machen können, hängt von den anstehenden Verhandlungen zwischen der EU-27 und den Briten ab. Nach der Parlamentswahl im Juni 2017 gilt die neu gebildete britische Regierung allerdings als nicht besonders stabil.

Wirtschaftsentwicklung: Vorerst passable Konjunktur könnte bald umschlagen

Für 2017 und 2018 rechnen Analysten der Economist Intelligence Unit (EIU) mit einem Wachstum des britischen Bruttoinlandsprodukts um real 1,7% (2017) und 1,0% (2018). Im Jahr 2016 hatte die Wirtschaft vor allem aufgrund eines deutlichen Wachstums des starken Dienstleistungssektors um insgesamt 1,8% zugelegt. Während das Land noch bis zum eigentlichen EU-Austritt die Vorzüge einer EU-Mitgliedschaft genießt, begünstigt das seit dem Referendum schwächere Pfund Sterling britische Exporte.

Der schwache Außenwert der britischen Währung sorgt allerdings auch für eine höhere Inflation (April 2017: 2,7%), die bereits im Frühjahr 2017 zu sinkenden Realeinkommen führte. Für 2017 und 2018 ist daher von deutlich geringeren Wachstumsraten des für die britische Wirtschaft so wichtigen privaten Konsums auszugehen.

Der EU-Austritt der Briten ist für Ende März 2019 geplant. Zu welchen Konditionen deutsche Unternehmen nach dem britischen Austritt Waren in das Vereinigte Königreich werden liefern und ihre Dienstleistungen auf den britischen Inseln anbieten können, hängt von den anstehenden Verhandlungen zwischen den Briten und den verbleibenden 27 EU-Mitgliedsländern ab. Zuallererst müssen allerdings andere schwierige Themen verhandelt werden wie beispielsweise die Höhe der von den Briten zu zahlenden Austrittsrechnung.

Die kurzfristig angesetzte Parlamentswahl am 8.6.17, von der sich Premierministerin Theresa May eine stärkere Mehrheit und ein Mandat für den Brexit erhofft hatte, endete stattdessen mit einer deutlichen Schwächung der konservativen Tories und im politischen Chaos. Daraufhin vereinbarten die Tories eine Zusammenarbeit mit der nordirischen Democratic Unionist Party (DUP), um so die notwendige Mehrheit im Parlament zu erreichen.

Nach dem Wahldebakel der Tories sehen Beobachter vor Ort Chancen für einen weniger harten Brexit-Kurs als er bisher von Premierministerin Theresa May anvisiert wurde. So gibt es inzwischen wieder mehr Hoffnungen auf einen möglichen Verbleib der Briten in der Zollunion.

Weiterhin denkbar ist auch eine Verlängerung der zweijährigen Austritts- und Verhandlungsphase. Umstritten ist, ob die Briten ihr Austrittsgesuch zurückziehen können. Möglich ist allerdings auch ein Abbruch der Verhandlungen. Sollte es zu keiner Einigung und keiner Übergangslösung kommen, drohen Wirtschaftsbeziehungen nach den Regeln der World Trade Organization (WTO), inklusive Zölle, was für beide Seiten nachteilig wäre.

MKT201707148008.14

Wirtschaftliche Eckdaten des Vereinigtes Königreichs
Indikator 2015 2016 Vergleichsdaten Deutschland 2016
BIP (in Mrd. £) 1.873 1.940 -
BIP (in Mrd. Euro) 2.581 2.373 3.132,7
BIP pro Kopf (in Euro) 39.640 36.185 37.866
Bevölkerung (Mio.) 65,1 65,6 82,2
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 GBP (£) = ... Euro) 1,3782 1,2233 -

Quellen: Office for National Statistics (ONS), Bank of England, eigene Berechnungen, Statistisches Bundesamt

Investitionen: Staat investiert verstärkt in Infrastruktur und Wohnungsbau

Aufgrund der großen Unsicherheiten vor dem Brexit investiert die Privatwirtschaft nur sehr verhalten. Der Staat versucht Impulse zu geben. Finanzminister Philip Hammond kündigte ein milliardenschweres Konjunkturpaket an (Schienen, Straßen, sozialer Wohnungsbau, Digitalisierung, Elektromobilität, autonomes Fahren etc.).

Im Jahr 2016 lagen die Bruttoanlageinvestitionen gerade mal 0,5% über dem Niveau von 2015. Die Unternehmensinvestitionen, die Teil der Bruttoanlageinvestitionen sind, sanken 2016 um alarmierende 1,5%.

Nach den jüngsten verfügbaren Daten des britischen Statistikamtes legten die Bruttoanlageinvestitionen in den ersten drei Monaten des Jahres 2017 um 2,2% gegenüber dem Vorjahresquartal zu. Allerdings waren höhere Regierungsinvestitionen die Hauptursache dafür (+6,3% gegenüber 1. Quartal 2016). Die Unternehmensinvestitionen stiegen im 1. Quartal 2017 um 0,8% gegenüber dem Vorjahresquartal und damit deutlich schwächer als in den Vor-Referendumsjahren 2014 und 2015, aber stärker als 2016. Die Investitionen in IT-Ausrüstungen und Maschinen lagen im 1. Quartal 2017 nur auf dem Niveau des Vorjahresquartals und 1,6% unter dem Niveau des 4. Quartals 2016.

Ausgewählte Großprojekte im Vereinigten Königreich
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mrd. Euro/GBP) 1) Projektstand Entwickler/Anmerkung
Schienenprojekt Highspeed Rail 2 (HS2): London-Birmingham-Manchester/Leeds 2) 56,7 (48,2 £) Geplanter Baustart des Abschnitts London-Birmingham: 2017 HS2 Ltd: http://www.hs2.org.uk Schnellzug-Expertise aus dem Ausland wird gesucht
Schienenprojekt Crossrail 2 im Großraum London 35,3 (30,0 £) Genauer Streckenverlauf wird diskutiert.Baustart: 2020/2030 Crossrail 2 Ltd:http://crossrail2.co.uk
Atomkraftwerk Hinkley Point C in Somerset 21,2 (18,0 £) Fundamentarbeiten begannen im März 2017; Experten bezweifeln völlige Umsetzung EDF: http://www.edfenergy.com mit Beteiligung von China General Nuclear Power Generation (CGN)
Flughafen London Heathrow (dritte Start- und Landebahn, Terminalbau) 20,7 (17,6 £) 2) Regierung genehmigte Projekt im Oktober 2016 Anhörungen laufen (Umweltauflagen, Anwohner etc.)
Neuentwicklungs-projekt Earls Court in West-London (u. a. 7.500 Wohneinheiten) 9,4 (8,0 £) Im Bau EC Properties LP: http://www.myearlscourt.com
Restaurierung Parlamentsgebäude (Westminster Palace) 3) 6,7 (5,7 £) Genaues Vorgehen ist noch unklar. Projektstart ab 2020 geplant Derzeit prognostizierte Projektdauer: 32 Jahre
Abwasserkanal Thames Tideway Tunnel (25 km) 4,9 (4,2 £) Start der Tunnelarbeiten: April 2017 Geplantes Bauende: 2023 Bazalgette Tunnel Ltd: www.tideway.london
U-Bahn Erweiterung London Bakerloo Line 3,6 (3,1 £) Angedachter Baustart: 2023 Transport for London: http://www.tfl.gov.uk
Weltweit größte Offshore- Windfarm: Hornsea One (1,2 GW), Nordengland 3,3 (2,8 £) Geplanter Baustart: 2018; geplantes Bauende: 2021 Dong Energy; Zulieferer: Siemens, EEW Special Pipe Constructions (Rostock): http://www.hornseaprojectone.co.uk
Straßentunnel Silvertown Tunnel unter der Themse in London 1,2 (1,0 £) Geplanter Baustart: 2019; geplantes Bauende: 2023 Transport for London;Verlauf: Zu den bevorzugten Bietern gehört Hochtief PPP Solutions

1) 1 £ = 1,1764 Euro, Bank of England-Wechselkurs vom 24.4.17; 2) Inklusive Kosten für notwendigen Grundstückskauf; 3) siehe auch: http://www.gtai.de/vk-denkmalschutz

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen, Bank of England

Nationale Ausschreibungsdatenbank: https://www.gov.uk/contracts-finder

Einen Überblick über sämtliche Ausschreibungsdatenbanken im Vereinigten Königreich hat Germany Trade & Invest im Rahmen einer Studie zum Thema Denkmalschutz zusammengestellt: http://www.gtai.de/vk-denkmalschutz

Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de.

Konsum: Realeinkommen der Briten sinken

Die bedingt durch die gestiegene Inflation (April 2017: +2,7%) fallenden Reallöhne (1. Quartal 2017: -0,2%) bremsen die Konsumlust der sonst so kauffreudigen Briten. Nach einem Wachstum der privaten Nachfrage um rund 2,8% im Jahr 2016 prognostizieren die Analysten der Economist Intelligence Unit (EIU) für 2017 nur noch ein Konsumwachstum um 1,7% und für 2018 sogar nur um 0,7%. Auch die geringere Zahl an Einwanderern schmälert die bisher starken Konsumwachstumszahlen.

Der Einzelhandel meldete entsprechend für die ersten Monate 2017 eine schwächere Nachfrage. Bereits Ende 2016 zeigte sich die geringere Kauflaune der verunsicherten Briten an deutlich gesunkenen Pkw-Verkaufszahlen und Kfz-Neuregistrierungen.

Das Vereinigte Königreich gilt als Weltmeister im Online-Shoppen. Kein anderes Volk kauft so viel im Internet wie die Briten (gemessen an den E-Commerce-Ausgaben pro Kopf). Dies gilt auch für den Kauf von Lebensmitteln.

Außenhandel: Schwaches britisches Pfund Sterling macht Importe teurer

Das seit dem EU-Referendum schwächere Pfund Sterling verteuert britische Importe. Doch auch nach dem Referendum bleibt Deutschland der bedeutendste Handelspartner der Briten und mit Abstand wichtigstes Lieferland. Rund 14,8% der britischen Warenimporte stammten 2016 nach Angaben des Statistikamtes ONS aus Deutschland (zweitwichtigstes Lieferland: VR China mit nur 9,3%). Im 1. Quartal 2017 fiel der Anteil der Einfuhren aus Deutschland nur minimal auf 14,7%. Deutschland blieb dabei aber mit Abstand wichtiges Lieferland. Besonders hoch sind die Anteile deutscher Lieferungen unter anderem bei Pkw, Kfz-Teilen und Maschinen.

Die Analysten der EIU gehen von einem realen Wachstum der britischen Waren- und Dienstleistungsimporte um 2,0% für 2017 und um 1,4% für 2018 aus (2016: 2,8%). Die meist nominalen Angaben der Statistikämter sind aufgrund des deutlich gesunkenen Pfund Sterling-Kurses mit Vorsicht zu betrachten. Nach den Daten des Statistikamtes ONS legten die britischen Einfuhren im Jahr 2016 um 6,9% zu, dabei die Importe aus Deutschland um 4,5% (jeweils nominal und auf Pfund-Basis). Eurostat meldete für 2016 hingegen ein nur leichtes Plus der britischen Importe um 1,8%, allerdings ein Minus der Einfuhren aus Deutschland um -6,6% (jeweils nominal und auf Euro-Basis).

Außenhandel des Vereinigten Königreiches (in Mio. Euro; nominale Veränderung im Vergleich zur Vorjahresperiode
2015 2016 Veränderung in % 2015/2016
Importe 564.551 574.473 1,8
Exporte 414.739 370.120 -10,8
Handelsbilanzsaldo -149.812 -204.353 k. A.

Quelle: Eurostat (Stand: 24.4.17)

Eine Analyse der Chancen und Risiken, die das Land aufweist, bieten wir Ihnen unter:

https://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/suche,t=swotanalyse--vereinigtes-koenigreich,did=1595994.html

Eine Prognose der Entwicklung interessanter Märkte finden Sie unter:

http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Branchen/produktmaerkte,t=produktmaerkte-vereinigtes-koenigreich-juni-2017,did=1737168.html

Aktuelle Artikel zum Brexit und Wirtschaftsmeldungen zum Vereinigten Königreich finden Sie unter http://www.gtai.de/brexit und http://www.gtai.de/vereinigtes-koenigreich

Dieser Artikel ist relevant für:

Vereinigtes Königreich Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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