Wirtschaftsausblick

17.05.2017

Wirtschaftsausblick Mai 2017 - Polen

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Wirtschaftsausblick Mai 2017 - Polen

Firmen müssen Investitionsstau abbauen / Verbraucher steigern ihre Ausgaben / Von Michal Wozniak

Warschau (GTAI) - Mit einem BIP-Wachstum von rund 4% dürfte Polen 2017 wieder zu den dynamischsten Volkswirtschaften der EU zählen. Sinkende Arbeitslosigkeit, steigende Löhne und neue Sozialleistungen begünstigen die Konsumlust der Polen. Am schnellsten entwickeln dürften sich jedoch Firmeninvestitionen, was nicht zuletzt deutschen Anbietern gute Absatzchancen bietet. Im Polengeschäft sollte aber auf ein gestiegenes Währungsrisiko geachtet werden.

Wirtschaftsentwicklung: Großes Potenzial mit Währungsrisiko behaftet

Polen hat 2016 ein für seine Verhältnisse schwaches Wirtschaftswachstum von 2,8% verzeichnet. In internationalen Statistiken weist der Wert des Bruttoinlandsproduktes (BIP) sogar einen leichten Rückgang auf. Auslöser dafür war die zeitweise starke Abwertung der Landeswährung Zloty (Zl), deren Jahresdurchschnittskurs gegenüber dem Euro laut der Deutschen Bundesbank (http://www.bundesbank.de) 2016 zu 2015 um über 4% fiel. Bedingt sowohl durch einheimische als auch globale Faktoren durchlebte die Währung innerhalb der letzten zwei Jahre Wertfluktuationen von über 13%. Deutsche Unternehmen, die mit dem Nachbarland Geschäfte machen wollen, sollten eine entsprechende Absicherung erwägen.

MKT201705178011.14

Laut Prognosen sollte sich in den kommenden Jahren der Aufwand aber lohnen. Experten der Polnischen Nationalbank (NBP; http://www.nbp.pl) prognostizieren für 2017 ein BIP-Wachstum von 3,7%. Bis 2019 soll die Wirtschaftsleistung durchschnittlich um 3,4% zulegen. Noch optimistischer zeigen sich Analysten der Bank Pekao (http://www.pekao.com.pl), die für 2017 von 3,6% und für 2018 von 3,8% Wirtschaftswachstum ausgehen. Etwas konservativer fallen hingegen die Prognosen der Europäischen Kommission (http://bit.ly/2oCweFn) aus - dieses Jahr wird mit 3,5% und 2018 mit 3,2% Wirtschaftswachstum in Polen gerechnet.

Wirtschaftliche Eckdaten Polens
Indikator 2015 2016 Vergleichsdaten Deutschland 2016
BIP (nominal, Mrd. Euro) 429,8 424,6 3.132,7
BIP pro Kopf (Euro) *) 11.200 11.000 37.866
Bevölkerung (Mio.) 38,4 38,4 82,2
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = ... Zloty) 4,1841 4,3632 -

*) Schätzwerte

Quellen: Eurostat, Statistisches Hauptamt (GUS), Deutsche Bundesbank, Statistisches Bundesamt

Das Wirtschaftswachstum des Landes wird maßgeblich von der Mittelverteilung der Europäischen Union (EU) abhängen. Polen wurden in der EU-Finanzperiode 2014 bis 2020 mehr als 82 Mrd. Euro aus Brüssel zugesichert. Allerdings konnten beispielsweise aus den über 27 Mrd. Euro des Operationellen Programms Infrastruktur und Umwelt 2016 weniger als 4 Mrd. Euro vergeben werden. Größtenteils wurden zudem erst Verträge mit den Auftragnehmern unterschrieben, bis die ersten Gelder fließen werden noch Monate vergehen.

Von der EU-Förderung hängt auch maßgeblich der Erfolg der regierungseigenen Strategie für Nachhaltige Entwicklung ab. Mit einem Gesamtvolumen von knapp 500 Mrd. Euro soll sie die polnische Wirtschaft in den kommenden Jahren modernisieren, reindustrialisieren und zukunftssicher machen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf Innovationen, Start-ups und Zukunftstechnologien wie Elektromobilität oder Drohnen.

Investitionen: Folgt auf den Investitionsstau die Investitionsflut?

Trotz guter Absatzlage fielen die Bruttoanlageinvestitionen in Polen ansässiger Unternehmen 2016 um 5,5%. Ihr Anteil am BIP verzeichnete mit 18,5% den schlechtesten Wert seit Polens EU-Beitritt im Jahr 2004. Diese Entwicklung dürfte vor allem auf zwei Faktoren zurückzuführen sein: Das erste Amtsjahr der neuen Regierung bescherte dem Unternehmertum viele Unsicherheiten und die Verteilung der EU-Mittel schritt aufgrund bürokratischer Hürden nur schleppend voran.

Laut Prognosen dürfte 2017 die Talphase durchschritten sein. Die NBP rechnet für das laufende Jahr mit einer Investitionsdynamik von rund 6%, in 2018 von 5,4% und in 2019 von 4%.

Auch ausländische Investoren leisten ihren Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. Ihr Engagement dürfte 2016 ungefähr auf dem Vorjahresniveau geblieben sein. Die Erschließung neuer beziehungsweise den Ausbau bestehender Standorte kündigten neben deutschen Firmen wie Bosch, Mercedes-Benz, Miele oder Kirchhoff auch globale Konzerne, darunter Fiat, LG und Toyota an.

Ausgewählte Großprojekte in Polen
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. Euro) *) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Ausbau der II U-Bahn-Linie in Warschau - Etappe III 894 (inklusive Schienenfahrzeuge) Die Bauarbeiten sollen Ende 2017 ausgeschrieben werden; Investitionszeitraum: 2019 bis 2022 Zwei Abschnitte (3 Stationen Richtung Osten, 2 Stationen Richtung Westen; Investor: Metro Warszawskie Sp. z o.o.
Werksneubau in Jawor (SWZ Walbrzych Invest-Park) 500 Baubeginn: Juni 2017; Inbetriebnahme: 2019 Werk für Kfz-Motoren; Investor: Mercedes-Benz Manufacturing Polska
Bau eines Bahntunnels in Lodsch 471 Auschreibungsverfahren für Bauarbeiten; Fertigstellung: 2022 Unterirdischer Bahntunnel im Zentrum von Lodsch zwischen den Bahnhöfen: Lodsch Fabryczna, Lodsch Kaliska und Lodsch Zabieniec; Investor: PKP Polskie Linie Kolejowe
Logistikzentrum in Sosnowiec 120 Fertigstellung: IV Quartal 2017 Logistikzentrum für E-commerce; Investor: Amazon
Werksneubau in Breslau 118 Inbetriebnahme: September 2017 Zwei Werke für Herde und Kühlschränke; Investor: BSH
Werksneubau in Bochnia (SWZ Krakau) 85 Inbetriebnahme: Winter 2019 Werk für Kfz-Teile, u.a. kleine Elektromotoren; Investor: Mabuchi Motor Poland
Schiffsterminal für Agrarprodukte im Hafen Danzig 47 Baubeginn: 2017, Fertigstellung: 2019 Investor: OT Logistics
Modernisierung der Wasserstraßen in der Masuren-Region 42 Fertigstellung: 2021 Komplexe Modernisierung der Schifffahrtskanäle und der Uferlinien der Seen mitsamt Infrastruktur; das Projekt ist in drei Etappen eingeteilt; Investor: Marschallamt der Woiwodschaft Ermland-Masuren

*) Umrechnung anhand des Wechselkurses 1 Euro = 4,2485 Zloty; Stand: 12.4.17

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest, Pressemeldungen

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/Polen, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de.

Konsum: Kauflust steigt ununterbrochen

Der Privatkonsum bleibt unverändert die Antriebskraft der polnischen Wirtschaft. Nach einem Zuwachs von 3,6% im Jahr 2016 sollen 2017 nahezu 4% hinzukommen. In den beiden Folgejahren wird eine Konsumentwicklung von jeweils über 3% erwartet.

Der positive Trend wird von der sinkenden Arbeitslosigkeit im Land begünstigt. Die Erwerbstätigenquote nähert sich der 70%-Marke. Die Arbeitslosenquote erreichte 2016 mit 6,2% einen historischen Tiefstand und soll bis 2019 um über 1,5 Prozentpunkte abnehmen. Die daraus resultierende, zunehmend schwierige Arbeitskräftesuche zwingt Unternehmen zu Lohnerhöhungen: Die Gehälter der Polen stiegen 2016 durchschnittlich um knapp 4% und werden in den kommenden Jahren laut NBP ein weiteres Wachstum von bis zu 6% verzeichnen.

Auch die Regierung trägt dazu bei: 2017 wurden der Mindestlohn um 8% erhöht und erstmals Mindeststundensätze für zivilrechtliche Verträge eingeführt. Durch neue Sozialleistungen wie Kindergeld oder Gratismedikamente für Senioren wird der Konsum zusätzlich angekurbelt.

Außenhandel: Ungebremste Nachfrage nach "Made in Germany"

Polen konnte 2016 seinen Außenhandelsüberschuss mehr als verdoppeln. In den kommenden Jahren sollen die Einfuhren jedoch wieder schneller wachsen als die Ausfuhren. Die NBP rechnet 2017 mit einer Importdynamik von über 7%, ein Jahr später von 6,5%.

Deutschland bleibt vor der VR China, Russland, Italien und Frankreich weiterhin größter Handelspartner Polens. Zudem legt der deutsch-polnische Austausch bereits seit einigen Jahren schneller zu, als die Gesamtheit der Auslandsbeziehungen in Polen beheimateter Unternehmen. Laut Eurostat durchbrachen die bilateralen Warenumsätze 2016 zum ersten Mal die 100 Mrd. Euro-Marke.

Deutsche Maschinenbauer und Kfz-Hersteller machen knapp 40% der über 50 Mrd. Euro polnischer Importe aus Deutschland aus und stellen demnach die wichtigsten Branchen im Polengeschäft dar. Dahinter folgen Anbieter von bearbeiteten Gütern und Chemieerzeugnissen mit 9,7 Mrd. und 8 Mrd. Euro Einnahmen. Der Warenverkehr in die entgegengesetzte Richtung ist strukturell ähnlich.

Außenhandel Polens (in Mrd. Euro; Veränderung in %)
2015 2016 1) Veränderung 2016/2015 *)
Importe 177,2 178,9 0,9
Exporte 179,6 183,6 2,3
Handelsbilanzsaldo 2,3 4,8 -

*) vorläufige Ergebnisse

Quelle: Statistisches Hauptamt (GUS)

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/Polen

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Arbeitsmarkt / Löhne / Ausbildung, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Wirtschaftspolitik, allgemein, Außenhandel / Struktur, allgemein, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten

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Heiko Steinacher

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