Wirtschaftsausblick

25.05.2017

Wirtschaftsausblick Mai 2017 - Tschad

Inhalt

Wirtschaftskrise bringt die Geber zurück / Von Carsten Ehlers

N'Djamena (GTAI) - Nach dem Verfall des Ölpreises 2015 befindet sich die tschadische Wirtschaft in einer schweren Krise. Das stark vom Ölexport abhängige Land steckt in einer Rezession. Andere Sektoren sind nur schwach ausgeprägt. Um das von zahlreichen Krisenherden umgebene Land über Wasser zu halten, übernehmen die Geberorganisationen einen beträchtlichen Teil der Infrastrukturinvestitionen sowie auch humanitärer Hilfe. Liefer- und Beratungschancen für deutsche Unternehmen bestehen in kleinerem Umfang.

Wirtschaftsentwicklung: Nach Ölboom nun schwierige Zeiten

Der seit 2015 gesunkene Ölpreis beschert Tschad die heftigste Wirtschaftskrise seit Anfang der 1990er Jahre. Im letzten Jahr wurde mit einem Minuswachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 3,1% ein äußerst schlechtes Ergebnis verzeichnet. Für 2017 prognostiziert Economist Intelligence Unit (EIU) eine Fortsetzung der Rezession mit -0,7%. Die Talsohle, so die Hoffnung, ist damit erreicht. Ein spürbarer Aufwärtstrend hängt weitgehend von einem Anstieg des Ölpreises ab. Der Ölsektor hat sich seit 2003 zum dominierenden Motor der tschadischen Ökonomie entwickelt. Mit den fließenden Öleinnahmen erlebte das Land zwischen 2003 und 2014 eine prosperierende Wirtschaft. Zwar wurde im Zuge dieser Hochphase auch die Infrastruktur verbessert, ein Großteil des Geldes floss jedoch in Projekte, von denen die Bevölkerung nur wenig hat, wie der Neubau von Ministerien, Denkmälern und Luxushotels. Auch wurde die Weiterentwicklung anderer wirtschaftlicher Sektoren vernachlässigt. Somit wirkten sich in Tschad die Öleinnahmen eher kontraproduktiv für eine langfristige Entwicklung aus. Ein Bild, das man aus anderen afrikanischen Ländern kennt.

Die für das Land so wichtige Landwirtschaft wurde nicht nur vernachlässigt. Sie leidet auch unter dem seit Jahren spürbaren Klimawandel. Die inzwischen deutlich kürzeren Regenzeiten sorgen für Produktionsrückgänge in der Landwirtschaft und in einigen Landesteilen für Mangel- und Unterernährung. Der Human Development Index weist Tschad auf Platz 186 von 188 aus. Regierung und Geber sehen die Weiterentwicklung der Landwirtschaft als dringend an. Potenzial ist vorhanden.

Im April 2016 wurde der seit 1990 regierende Präsident Idriss Déby wiedergewählt. Der seit jeher von Frankreich unterstützte Präsident verleiht dem Land immerhin eine gewisse politische Stabilität. Das ist für das Investitions- und Geschäftsklima insofern von Vorteil, weil man zumindest weiß, mit wem man es in den kommenden Jahren zu tun haben wird. Gleichwohl gelten die staatlichen Institutionen als schwach. Destabilisierend auf die politische Stabilität wirken sich die zahlreichen Krisenherde in den Nachbarländern aus. Boko Haram sowie die Konflikte in Darfur und der Zentralafrikanischen Republik sorgen für heftige Migrationsbewegungen ins "stabile" Tschad. Hinzu kommen tausende tschadische Rückkehrer aus Libyen.

MKT201705248013.14

Wirtschaftliche Eckdaten
Indikator 2015 2016 Vergleichsdaten Deutschland 2016
BIP (nominal, Mrd. US$) 10,9 10,4 3.467,6
BIP pro Kopf (US$) 942,5 880,7 41.914
Bevölkerung (Mio.) 14,0 14,5 82,7
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = x Franc CFA) 655,9 655,9 -

Quellen: EIU, Statistisches Bundesamt, Internationaler Währungsfonds (IWF)

Investitionen: Geber finanzieren fast alle Projekte

Im September 2017 ist in Paris ein Runder Tisch für Tschad geplant. Dort wollen die Geber und auch private Akteure ihre geplanten Hilfen für das Land miteinander abstimmen, die bei insgesamt weit über 1 Mrd. US$ liegen dürfte. Beträchtliche Teile davon dürften in den Ausbau der Infrastruktur sowie in die Unterstützung der Landwirtschaft fließen. Bei Ersterem liegt der Fokus auf einer besseren Anbindung Tschads an seine Nachbarn, wie der Ausbau von Straßen nach Kamerun sowie der Neubau von Überlandleitungen für das Strom- und das Telekommunikationsnetz. Bereits jetzt spielen die EU, die Afrikanische Entwicklungsbank (AfDB) oder bilaterale Geber eine wichtige Rolle bei den Investitionen. Auch die Weltbank und die deutsche GIZ, derzeit nur mit sehr geringer Kapazität in Tschad aktiv, wollen ihre Hilfe ab 2018 deutlich aufstocken.

Private Investitionen finden derzeit so gut wie keine statt. Im Ölsektor aktive Unternehmen haben ihre Vorhaben auf Eis gelegt. Abgesehen von hochprofitablen Sektoren wie dem Mobilfunk dürften private Unternehmen nur bei finanziellen Anreizen des Staates oder der Geber investieren. Das Investitionsklima in Tschad ist traditionell schlecht. Im Doing Business Report 2017 belegt das zentralafrikanische Land Platz 180 von insgesamt 190 Ländern.

Ausgewählte Großprojekte in Tschad
Projektbezeichnung Investitionssumme (in Mio. Euro) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Rehabilitierung der Wasserinfrastruktur in N'Djamena circa 50 Geplant. Durchführung wird derzeit noch diskutiert. Sollte das Projekt beschlossen werden, könnten noch 2018 erste Aufträge vergeben werden.
Brücke für die grenzüberschreitende Straße nach Kamerun zwischen Bongor und Yagoua über den Logone-Fluss 100 Geplant. Technische Studien wurden angefertigt. Finanzierung durch EU und AfDB. 2018 könnte es zu ersten Ausschreibungen kommen.
400 kV-Interconnector Tschad-Kamerun (Stromverbindung) Mehr als 50 Geplant. Finanzierung durch EU und AfDB. Zeitpunkt der Realisierung ist unklar.
Transsaharisches Fiberoptikkabel nach Niger k.A. Geplant. Hohe Wahrscheinlichkeit der Realisierung. Finanzierung durch EU und AfDB. Kabel verläuft durch Tschad, Niger, Mali und Algerien bis an die Mittelmeerküste.
Djermaya-Solar-IPP (30 MW) circa 60 Geplant. Durchführung völlig ungewiss. Ein privates Konsortium will den Großteil der Finanzierung aufbringen. Auch die Europäische Investitionsbank hat 6 Mio. Euro in Aussicht gestellt.

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/tschad, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Kaum Chancen für deutsche Unternehmen

Aufgrund der Wirtschaftskrise befindet sich auch der Konsum in Tschad auf einem niedrigen Niveau. Fast alle Konsumgüter werden aus Kamerun ins Land geliefert. Billigere Produkte wie Getränke, Back- und Süßwaren, Shampoos und Cremes für die weniger zahlungskräftigen Kunden werden zunehmend im kamerunischen Industriezentrum Duala hergestellt. Die über Duala importierten Produkte kommen überwiegend aus Frankreich, denn ein Großteil der Bevölkerung sowohl in Kamerun als auch in Tschad ist frankofon und französische Produkte gewohnt.

Fast alle importierten Produkte werden in der Hauptstadt N'Djamena mit ihren etwas über 1 Mio. Einwohnern angeboten. Der dortige Einzelhandel ist nur schwach entwickelt. Es gibt seit 2016 mit dem libanesisch geführten "Modern Market" gerade einen größeren Supermarkt. Sollten internationale Geber ihre Präsenz in den kommenden Jahren verstärken, dann dürften deren Expats zusätzliche Nachfrage nach importierten Nahrungsmitteln nach sich ziehen. Die lokale Bevölkerung versorgt sich fast ausschließlich über die eher informellen Märkte. Mit etwa 880 US$ Pro-Kopf-Einkommen pro Jahr ist deren Kaufkraft sehr gering, sodass importierte Produkte zu teuer sind.

Außenhandel: Frankreich und VR China dominieren

Die deutschen Exporte nach Tschad 2016 beliefen sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes auf 18,5 Mio. Euro und lagen damit auf einem ähnlichen Niveau wie 2015 (18,1 Mio. Euro). Für die deutsche Wirtschaft spielt Tschad als Absatzmarkt innerhalb Afrikas nur eine geringe Rolle. Einige Unternehmen sehen das Land als eine Erweiterung des kamerunischen Marktes. Vom kamerunischen Hafen Duala können neben Kamerun auch die anderen Länder der Zentralafrikanischen Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft CEMAC versorgt werden. Einen Großteil des Importvolumens des Landes in Höhe von etwas mehr als 2 Mrd. US$ decken die Franzosen ab. Auch chinesische Lieferanten konnten in den letzten zehn Jahren einen deutlich größeren Marktanteil hinzugewinnen.

Aufgrund geringer wirtschaftlicher Verflechtungen tauchen deutsche Produkte in Tschad so gut wie nicht auf. Im Konsumgüterbereich tendieren tschadische Kunden eher zu französischen oder den deutlich günstigeren chinesischen Produkten. Investitionsgüter wie Maschinen werden aufgrund der geringen Industrialisierung nur selten beschafft. Die deutschen Importe aus Tschad beliefen sich 2016 auf gerade einmal 3,7 Mio. Euro.

Außenhandel (in Mio. US$; Veränderung in %)
2015 2016 *) Veränderung 2016/2015
Importe 2.572 1.984 -22,9
Exporte 2.629 2.173 -17,3
Handelsbilanzsaldo 57 189

*) Schätzung

Quelle: EIU

Eine Analyse der Chancen und Risiken, die das Land aufweist, bieten wir Ihnen unter: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Geschaeftspraxis/swot-analyse,t=swotanalyse--tschad,did=1734944.html

Eine Prognose der Entwicklung interessanter Märkte finden Sie unter: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Branchen/produktmaerkte,t=produktmaerkte-in-tschad-mai-2017,did=1723158.html

Dieser Artikel ist relevant für:

Tschad Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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Samira Akrach

‎+49 228 24 993 238

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