Wirtschaftsausblick

06.12.2017

Wirtschaftsausblick November 2017 - Rumänien

Inhalt

Leichte Abkühlung der Wirtschaftsentwicklung / Investitionen nehmen Fahrt auf / Von Michael Marks

Bukarest (GTAI) - Rumäniens kräftiges Wirtschaftswachstum schwächt sich 2018 leicht ab. Dies scheint angesichts einer durch Konsum und prozyklische Finanzpolitik hervorgerufenen Überhitzung positiv. Umgekehrt wird eine Stärkung der Investitionen erhofft, die zu einer nachhaltigen Erhöhung der Produktion führt. Die Fördermittelperiode 2014 bis 2020 der Europäischen Union (EU) spielt dabei eine wichtige Rolle. Das Land bleibt als Partner für Außenhandel und Investitionen in jedem Fall interessant.

Wirtschaftsentwicklung: Einige Hausaufgaben stehen für die Regierung an

Rumäniens Wirtschaft wird sich 2018 voraussichtlich etwas abkühlen. Der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wird aber weiter um etwa 1 Prozentpunkt über dem Potenzialwachstum (mögliches Wachstum einer Volkswirtschaft pro Jahr bei normaler Auslastung der Produktionskapazitäten) liegen. Im Jahr 2017 war der BIP-Zuwachs stark vom Konsum getrieben - mit allen Nebenwirkungen. Budgetdefizit, Inflation, Zinsanstieg, ein schwächerer Kurs des Leu (RON), sinkende Wettbewerbsfähigkeit sowie ein wachsendes Leistungs- und Handelsbilanzdefizit sind zu beachten. Auch eine effiziente Nutzung von EU-Geldern bleibt eine Daueraufgabe der Regierung.

Das Jahr 2017 dürfte das höchste Wirtschaftswachstum der letzten Dekade vorweisen. Nach Schnellschätzung des rumänischen Statistikamts INS legte das BIP im dritten Quartal 2017 real auf Jahresbasis um 8,8 Prozent zu. Dies treibt den Neunmonatsanstieg auf rund 7 Prozent. Vor allem die Agrarwirtschaft, daneben auch der Handel und der Dienstleistungssektor gelten als Urheber. Der überraschende Verlauf veranlasst die Wirtschaftswissenschaftler nun zu einer Heraufsetzung der BIP-Prognose für 2017 auf eine Sechs vor dem Komma. Dies könnte auch das Budget retten.

MKT201712058006.14

Denn der starke nominale BIP-Anstieg soll das Budgetdefizit gerade noch an der kritischen Dreiprozentmarke halten. Der Haushalt ist aufgrund von Lohnerhöhungen und Steuersenkungen unter Druck geraten. Eine Beschneidung der öffentlichen Investitionen war kurzfristig ein Rettungsanker. Im Jahr 2018 wird die Rechnung schwieriger aufgehen. Ohne Gegenmaßnahmen dürfte sich der Haushaltsfehlbetrag in Richtung der Vierprozentmarke bewegen. Die öffentliche Schuld bleibt mit weniger als 40 Prozent des BIP überschaubar.

Die Inflation hat sich im Oktober auf Jahresbasis mit 2,6 Prozent deutlich beschleunigt. Im ersten Quartal 2018 wird der Höhepunkt nahe 4 Prozent erwartet. Zu diesem Zeitpunkt erwarten die Prognosen auch eine Erhöhung des Leitzinses von derzeit 1,75 Prozent. Zum Jahresende 2018 tendiert die Inflationsrate gegen 3 Prozent.

Wirtschaftliche Eckdaten Rumänien
Indikator 2016 2017 Vergleichsdaten Deutschland 2016
BIP (nominal, Mrd. Euro) 169,6 180,0 3.144,1
BIP pro Kopf (Euro) 8.608 9.234 38.114
Bevölkerung (Mio.) 19,7 19,5 82,5
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = RON/Leu) 4,49 4,56 -

Quellen: Herbstprognose 2017 der Europäischen Kommission; Statistisches Bundesamt

Vor allem aufgrund des steigenden Handelsbilanzdefizits hat der Fehlbetrag der Leistungsbilanz die Dreiprozentmarke überschritten. Die ausländischen Direktinvestitionen (FDI) legten in den ersten neun Monaten marginal zum Vorjahr auf 3,4 Milliarden Euro zu. Im Jahr 2018 sollen sie sich auf 5 Milliarden oder 2,6 Prozent des BIP erhöhen. Die Devisenreserven des Landes lagen Ende Oktober 2017 bei 33,9 Milliarden Euro. Dies entspricht einer soliden Importdeckung (Waren) von 5,5 Monaten.

Investitionen: Belebung erwartet

Die Investitionstätigkeit wird sich voraussichtlich 2018 und 2019 deutlich beleben. Die Erwartungen stützen sich dabei auf eine schnellere Realisierung von Vorhaben aus der EU-Förderperiode 2014 bis 2020, allen voran im Bereich der Infrastruktur. Dies würde die öffentlichen Investitionen von 3 Prozent des BIP im Jahr 2017 über 3,5 (2018) auf 3,8 Prozent des BIP 2019 erhöhen. Fragezeichen bleiben allerdings mit Blick auf die Projektfähigkeiten und damit das Tempo. Auch mögliche Einsparungen im Investitionshaushalt zwecks Einhaltung der EU-Defizitkriterien sind ein Thema. Andererseits sollen ein ab 2018 aktiver Staatsfonds und eine forcierte Nutzung des Instruments der öffentlich-privaten Partnerschaften für größere Spielräume sorgen.

Die private Investitionsbereitschaft leidet unter einem Vertrauensverlust angesichts rechtlicher Regelungen, wie etwa neue Unternehmenssteuern und die vollständige Zahlung der Sozialversicherungsbeiträge durch die Arbeitnehmer. Im Zuge der steigenden Inflation ist zudem ein höherer Leitzins mit nachfolgend höheren Kreditkosten zu erwarten. Die EU-Kommission sieht einen signifikanten Anstieg der Bauinvestitionen 2018 um 9,7 Prozent mit Abflachung auf 3,5 Prozent im Folgejahr. Umgekehrt sollen die Ausrüstungsinvestitionen 2019 eine größere Dynamik (+6,5 Prozent) entfalten als im Jahr davor (+3 Prozent).

Ausgewählte Großprojekte Rumänien
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. Euro) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Erweiterung des Atomkraftwerks Cernavoda um zwei Blöcke 6.500 Verhandlungen Staat und China General Nuclear Power Corporation Chinesische Beteiligung am Projekt von 51%; http://www.nuclearelectrica.ro
Autobahn Sibiu-Pitesti (117 km) 3.340 Zwei Lose wurden ausgeschrieben, zwei weitere folgen Ende 2017/Anfang 2018 Straßenbauunternehmen: http://www.cnadnr.ro
Bau von 15.000 Wohnungen und 250.000 Quadratmeter Büroräumen rund um das Shopping Center Baneasa 1.700 Frühstadium; Eigenfinanzierung und Bankkredite Baneasa Developments, http://www.baneasa.ro
U-Bahn-Linie 6 Bukarest zum Flughafen Otopeni (14 km; 12 Stationen) 1.674 Ausschreibung Ende 2017/Anfang 2018; Baustart in der zweiten Hälfte 2018 http://www.metrorex.ro
Flughafen Otopeni / Bukarest: Bau eines Passagierterminals 819 Bau soll 2022 starten; Investoren werden gesucht http://www.bucharestairports.ro/cnab/
Bau einer Hängebrücke bei Braila 500 Gewinner: Japanisch - italienisches Joint Venture Straßenbauunternehmen: http://www.cnadnr.ro
Digitalisierung und Smart-Metering-Projekte 400 Bis 2020 Installation von 2,1 Millionen intelligenten Stromzählern Enel, http://www.enel.ro
Modernisierung Bahnlinie Sighisoara - Coslariu (100 km) 201 EU-Finanzierung; Arbeiten sollen 2018 durchgeführt werden http://www.cfr.ro
Bau von zwei Gasleitungen (169 km) 131,7 Finanzierung erfolgt zum Teil durch EU; Bau: 2018 Transgaz Medias, http://www.transgaz.ro
Modernisierung von Reaktor 1 des Kraftwerks Cernavoda k.A. Frühstadium; beschlossen wurde Verlängerung der Lebensdauer um 30 Jahre http://www.nuclearelectrica.ro

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Nationale Ausschreibungsdatenbank: http://www.e-licitatie.ro

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/rumaenien "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de.

Konsum: Höhepunkt überschritten

Rumänien hat 2016 und 2017 einen wahren Konsumboom erlebt. Dieser konnte sich auf Mehrwertsteuersenkungen, ein hohes Gehaltswachstum und eine niedrige Inflation stützen. Diese Faktoren verlieren an Einfluss, auch wenn der private Verbrauch die treibende Kraft für das Wirtschaftswachstum bleibt. Die Reallohnzuwächse je Beschäftigten fallen 2018 mit 7,8 Prozent um ein Drittel niedriger aus als zuvor. Während die Erwerbslosenquote mit 5 Prozent historische Tiefststände erreicht, nimmt die Gesamtbeschäftigung nur geringfügig zu. Gründe liegen in regional sehr unterschiedlichen Arbeitsmärkten bei zunehmendem Fachkräftemangel.

Nach Kaufkraftstandard pro Kopf soll der private Endverbrauch 2018 (EU15 = 100) bei 67,1 Prozent des EU-Durchschnitts liegen. Die Einzelhandelsumsätze (ohne Kfz) legten in den ersten neun Monaten 2017 saisonbereinigt um 8,8 Prozent zu. Waren, die nicht zum Verzehr geeignet sind, wuchsen mit 13,1 Prozent deutlich stärker als Lebensmittel mit 4,6 Prozent. Die Nachfrage nach Logistikdiensten, Einzelhandelsfläche und Warenlagern hat erheblich zugenommen. Der organisierte Einzelhandel hat 2017 knapp 300 Läden hinzugefügt. Kräftig wächst der Markt für Franchising auf fast 3 Milliarden Euro 2017. Ebenfalls dynamisch legt der Online-Einzelhandel auf 2,4 Milliarden Euro zu. Dabei werden mobile Endgeräte immer wichtiger.

Außenhandel: Steigendes Defizit

Die Entwicklung der Inlandsnachfrage aus privatem Verbrauch und Investitionen begünstigt ein deutliches Einfuhrwachstum. Die weltweit verbesserte konjunkturelle Situation - vor allem in der EU - steigert auch die Auslandsnachfrage. Sie kann aber ein wachsendes Defizit im Warenaußenhandel Rumäniens nur zum Teil begrenzen. Dieses wird sich laut EU-Kommission von 6,5 (2017) über 7,1 auf 7,4 Prozent (2019) des BIP erhöhen. Laut rumänischem Statistikamt entfielen in den ersten neun Monaten 2017 auf die EU 75,9 Prozent der Ausfuhr des Landes oder 35,4 Mrd. Euro (+10,1 Prozent) und ebenfalls 75,9 Prozent der Einfuhr oder 42,1 Mrd. Euro (+9,9 Prozent).

Außenhandel Rumäniens (in Mio. Euro; Veränderung in %)
2016 Januar bis September 2017 Veränderung Januar bis September 2017/2016 in %
Importe 67.364,4 55.485,5 11,8
Exporte 57.392,2 46.597,7 9,2
Handelsbilanzsaldo -9.972,2 -8.887,8 -

Quelle: Statistikamt Rumäniens (INS)

Die Importe aus Nicht-EU-Ländern stiegen um 18,4 Prozent und die Exporte dorthin um 6,3 Prozent. In den ersten acht Monaten 2017 blieb Deutschland wichtigstes Lieferland Rumäniens, mit einem Anteil von 20 Prozent an den Gesamtlieferungen. Die Einfuhren aus Deutschland erreichten knapp 9,8 Milliarden Euro (+8,6 Prozent). Weitere wichtige Importpartnerländer waren Italien (Anteil 10,1 Prozent), Ungarn (7,6 Prozent), Polen und Frankreich (jeweils 5,3 Prozent). Bedeutende Positionen bildeten Kraftfahrzeuge (37,1 Prozent), chemische Erzeugnisse (13,6 Prozent) sowie Nahrungsmittel (Anteil 8,7 Prozent). Deutschland blieb mit einem Anteil von 23,2 Prozent wichtigstes Ausfuhrziel.

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/rumaenien

Dieser Artikel ist relevant für:

Rumänien Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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