Wirtschaftsausblick

13.12.2016

Wirtschaftsausblick Winter 2016/17 - Argentinien

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Wirtschaftsausblick Winter 2016/17 - Argentinien

2017 kommt der Aufschwung - offen ist, wie nachhaltig er sein wird / Carl Moses

Buenos Aires (GTAI) - Nach einer unerwartet starken Anpassungsrezession 2016 dürfte Argentiniens Konjunktur 2017 endlich in Fahrt kommen. Investitionen und Importe werden überdurchschnittlich wachsen. Deutschen Unternehmen bieten sich gute Geschäftsmöglichkeiten etwa bei den Themen erneuerbare Energien und Energieeffizienz, die in Argentinien jetzt schlagartig an Bedeutung gewinnen. Die viel gelobte Reformpolitik von Präsident Mauricio Macri kommt allerdings nur noch stockend voran.

Wirtschaftsentwicklung: Zuversicht trotz Flaute

Konjunkturexperten rechnen für 2017 mit einem Aufschwung der argentinischen Wirtschaft. Gemäß dem von der Zentralbank ermittelten Konsens der Ökonomen ist 2017 ein realer Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um etwa 3% zu erwarten (BIP-Schätzung 2016: -2,2%). Anders als 2016 werden die Reallöhne 2017 wieder steigen und auch die Beschäftigung dürfte leicht zunehmen. 2016 hatten die Abwertung des Argentinischen Peso und drastische Erhöhungen der Preise für Strom, Gas, Wasser und den öffentlichen Nahverkehr die Inflationsrate auf 40% getrieben und zu einem Rückgang der Reallöhne um etwa 6% geführt. Trotz der schlechten Konjunkturlage blicken Verbraucher und Unternehmer jüngsten Umfragen zufolge optimistisch in die Zukunft.

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Während die Vorgängerregierung kontinuierlich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage angekurbelt hatte, ohne auf Engpässe im Angebot zu achten, geht die Macri-Regierung eher den entgegengesetzten Weg und würgte mit drastischen Anpassungsmaßnahmen die Nachfrage ab. Besonders deutlich wird dies in der Energiewirtschaft, wo die sprunghafte Erhöhung der zuvor jahrelang eingefrorenen Strom- und Gaspreise den Verbrauchern Anreize zum Energiesparen und den Erzeugern Mittel zur Ausweitung der Investitionen verschaffen soll.

Angesichts der scharfen Rezession erhöhte die Regierung zuletzt aber die Renten und andere Sozialtransfers. Vor den Teilwahlen zum Parlament im Oktober 2017 wird sie das Wirtschaftswachstum anzukurbeln versuchen. Der für 2017 erwartete Aufschwung der Investitionen dürfte zunächst unter Führung öffentlicher Bauvorhaben in Gang kommen. Die offiziell angestrebte graduelle Rückführung des auf mehr als 7% des BIP angestiegenen Staatsdefizits wird dagegen wohl vertagt. Zudem hat die eigentlich eher orthodox ausgerichtete Zentralbank ab November 2016 im Wochenrhythmus die Leitzinsen gesenkt, obwohl der erwartete Preisanstieg noch deutlich über dem von der Notenbank angepeilten Inflationsziel von maximal 17% im Jahresverlauf 2016 liegt.

Während an der Konjunkturerholung 2017 kaum Zweifel bestehen, bleibt abzuwarten, ob es der Macri-Regierung gelingt, die wirtschaftliche Stagnation der letzten fünf Jahre dauerhaft zu überwinden. Dazu wären neben einer Stabilisierung von Makro-Größen wie Inflation und Staatsverschuldung auch strukturelle Reformen zur Steigerung von Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit vonnöten. Den nötigen politischen Rückhalt dafür sucht Macri in den Oktober-Wahlen.

Wirtschaftliche Eckdaten
Indikator 2015 2016 *) Vergleichsdaten Deutschland 2015
BIP (nominal, Mrd. US$) 604 520 3.358
BIP pro Kopf (US$) 14.014 11.900 41.147
Bevölkerung (Mio.) 43,1 43,6 81,6
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 US$ =) 9,66 arg$ 14,71 arg$ 0,90 Euro

*) Schätzungen

Quellen: Germany Trade & Invest auf Basis von Indec, Banken und Beratungsunternehmen; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Regierung setzt auf PPP-Projekte

Trotz marktfreundlicher Reformen wie der Aufhebung der Restriktionen für Devisen und Außenhandel werden die realen Investitionen im Rezessionsjahr 2016 geschätzt um rund 5% sinken. Nun wird im Jahresverlauf 2017 der Durchbruch erwartet. Fest gerechnet wird im Vorfeld der Parlamentswahlen im Oktober 2017 mit steigenden öffentlichen Investitionen. Die Verabschiedung eines neuen Gesetzes über öffentlich-private Partnerschaften (PPP) hat zudem die Voraussetzungen für eine stärkere Beteiligung von Privatunternehmen an Energie- und Infrastrukturprojekten geschaffen, die in den nächsten Jahren insgesamt mehr als 150 Mrd. US$ erreichen sollen.

Trotz höherer Risikoaufschläge für Anleihen von Schwellenländern nach den US-Wahlen werden neue Kredite für Argentinien, nach der Flaute in der vergangenen Dekade, recht üppig fließen, nachdem die Macri-Regierung fast alle Schuldenkonflikte bereinigt hat. Die privaten Bauinvestitionen dürften bei billigeren Krediten 2017 anziehen. Die noch bis März 2017 laufende Steueramnestie bringt bislang verborgene Milliardenbeträge in den offiziellen Wirtschaftskreislauf. Bis November 2016 wurden bereits 22 Mrd. US$ nachdeklariert, in den nächsten Monaten könnte der Betrag auf das Vierfache steigen. Ein Teil der Mittel soll über Investmentfonds in Bau- und Energieprojekte fließen.

Ausgewählte Großprojekte
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mrd. US$) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Wasserkraftwerke Jorge Cepernic und Néstor Kirchner 3 bis 4 Neuverhandlung von Details Finanzierung durch Kredite aus China
Wasserkraftwerk Chihuido I 2,2 Neuausschreibung in Vorbereitung Suche nach neuer Finanzierung nach dem Rückzug Russlands / pbereciartua@interior.gob.ar
Straßentunnel am Andenpass Agua Negra 1,6 Ausschreibung (Präqualifikation der Anbieter) Verbindung von San Juan (Argentinien) zum chilenischen Hafen Coquimbo
Regionales Bahn-Express-Netz (RER) 8,5 Planung Vernetzung der regionalen Bahnlinien im Großraum Buenos Aires in einem unterirdischen Bahnhof / manlop@transporte.gob.ar
Erneuerung der Bahnlinie Belgrano Cargas 2,4 Ausschreibung von Teilabschnitten 1.500 km bis 2018, Finanzierung aus China, ein Drittel liefergebunden / gfiad@adifse.com.ar
Ufer-Autobahn Buenos Aires 0,65 Vorbereitung der Ausschreibung, geplante Fertigstellung 2019 6,7 km Tunnel entlang dem alten Hafen zur Entlastung des Verkehrs / erebruj@buenosaires.gob.ar
Mehrere große Bergbauvorhaben insgesamt 32 Planung, teilweise in Bau, einige Projekte verzögert bzw. ausgesetzt Finanzierungs- und Umweltfragen z.T. nicht geklärt / privadamineria@minem.gob.ar
Nationaler Wasserplan (bis 2019) 13 Planung 55.000 km Trinkwasserrohre und 30.000 km Kanalisation / ptarantini@invest.org.ar

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Öffentliche Ausschreibungen: https://comprar.gob.ar/Default.aspx und https://www.argentinacompra.gov.ar/prod/onc/sitio/Paginas/Contenido/FrontEnd/index2.asp

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/argentinien , "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Nachholbedarf an importierten Premiumwaren

Die Konsumausgaben werden sich 2017 von den Einbußen des Vorjahres erholen, voraussichtlich aber nur ein moderates reales Wachstum erreichen. Grundlage des erwarteten Aufschwungs werden wieder steigende Löhne und Beschäftigung, sinkende Inflationsraten, eine zunehmende Kreditvergabe bei sinkenden Zinsen und der hohe Außenwert des Peso sein. Die Reallöhne werden 2017 um 3 bis 4% steigen, prognostizieren Ökonomen. Das von der Universität UTDT ermittelte Verbrauchervertrauen, das nach der Peso-Abwertung und den starken Erhöhungen der Preise für Strom, Gas, Wasser und öffentlichen Nahverkehr in der ersten Jahreshälfte 2016 eingebrochen war, hat sich in der zweiten Jahreshälfte stabilisiert, zeigte bis November aber noch keinen Aufwärtstrend. Relativ stabil hält sich der Konsum der einkommensstärksten Verbraucherschichten. Nach dem Ende der Devisen- und Importrestriktionen decken besonders kaufkräftige Argentinier ihren Nachholbedarf an importierten Premiumerzeugnissen, und dies auch zu Phantasiepreisen (zum Beispiel eine 100-g-Tafel gängiger Importschokolade zum Gegenwert von 5 Euro).

Außenhandel: Kräftiger Anstieg der Importe erwartet

Im Außenhandel wird 2017 ein kräftiges Wachstum erwartet. Argentiniens Importe, die zu vier Fünfteln auf Rohstoffe, Ausrüstungen, Teile und Halbwaren entfallen, dürften durch eine Besserung der Binnenkonjunktur stärker wachsen als die Exporte. Die Ausfuhr erhält Impulse durch die Rekordernte, leidet aber unter der schwachen Nachfrage aus Brasilien, dem Hauptabnehmer argentinischer Industrieprodukte. Die Stärke des Peso verbilligt Einfuhren. Zwar wurden Argentiniens Importrestriktionen für die meisten Waren seit Jahresbeginn 2016 abgeschafft, die Regierung hat jedoch weiterhin ein Auge auf "sensible Produkte" und versucht übermäßige Importkonkurrenz einzudämmen. Deshalb hat die Zahl der genehmigungspflichtigen Zollpositionen wieder zugenommen. In den ersten neun Monaten 2016 ging die Einfuhr wertmäßig um 8,9% gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum zurück. Mengenmäßig gab es jedoch ein Plus von 4,2%. Kräftige Einfuhrzuwächse gab es bei Pkw (+28% in US$) und bei Konsumgütern (+9%). Der Importmarktanteil deutscher Lieferungen stieg von 5 auf 6%. Da im Wirtschaftsverbund Mercosur inzwischen konservativ-liberale Regierungen den Ton angeben, ist das Interesse der Südamerikaner an einem baldigen Abschluss des seit zwei Jahrzehnten geplanten Assoziierungsabkommens mit der EU deutlich gestiegen.

Außenhandel (in Mrd. US$; Veränderung im Vergleich zum Vorjahr in %)
Indikator 2014 2015 2016 *) Veränderung 2015/2014
Importe 65,2 59,8 56,0 -8,3
Exporte 68,3 56,8 57,0 -16,9
Handelsbilanzsaldo 3,1 -3,0 1,0

*) Schätzung

Quelle: Germany Trade & Invest auf Basis von Indec, Banken und Beratungsfirmen

Eine Prognose der Entwicklung interessanter Märkte finden Sie unter

http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/suche,t=produktmaerkte-in-argentinien-2017,did=1593928.html

Eine Analyse der Chancen und Risiken in Argentinien bieten wir Ihnen unter

http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/suche,t=swotanalyse--argentinien,did=1593522.html

(C.M.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Argentinien Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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