Wirtschaftsausblick

18.01.2017

Wirtschaftsausblick Winter 2016/17 - Bulgarien

Inhalt

Deflationsphase vor dem Ende / Michael Marks (Dezember 2016)

Sofia (GTAI) - Bulgarien steht vor einer Übergangsregierung oder vorgezogenen Neuwahlen zum Parlament. Dies schafft Unsicherheiten in einem ansonsten positiven wirtschaftlichen Umfeld. Das ärmste Mitglied der Europäischen Union hat viele Herausforderungen vor sich. Dennoch hat sich die Wirtschaft zuletzt überraschend günstig entwickelt. Konsum und Investitionen sollen 2017 weiter zulegen. Die Einfuhren des Landes profitieren von der starken Inlandsnachfrage.

Wirtschaftsentwicklung: Positiver Verlauf unter politischem Vorbehalt

Bulgariens Wirtschaft kann den positiven Verlauf der letzten beiden Jahre auch 2017 und 2018 fortsetzen. Der sich leicht abflachende private Verbrauch erhält nun Unterstützung durch eine wieder belebtere Investitionskonjunktur. Dabei stützen sich die Hoffnungen auf Impulse der neuen EU-Förderperiode 2014 bis 2020. Die starke Inlandsnachfrage und gestiegene Preise für Energieeinfuhren lassen bei gedämpfter Ausfuhrentwicklung die Bedeutung des Außenbeitrags für das Wirtschaftswachstum zurückgehen. Der Nachholbedarf Bulgariens beim Pro-Kopf-Einkommen als Schlusslicht in der EU bleibt hoch und bedarf fortgesetzter, auch politischer Anstrengungen.

Das Wachstum von Bulgariens Bruttoinlandsprodukt (BIP) speisten 2016 verschiedene Quellen: vor allem die verarbeitende Industrie, der Groß- und Einzelhandel, Informations- und Kommunikationstechnik und die Landwirtschaft. Schwach tendierte hingegen das Baugewerbe.

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Deutlich zugelegt hat auch der private Verbrauch, während die Investitionen leicht nachgaben. Die seit Mitte 2013 anhaltende Deflation dürfte im Jahresverlauf 2017 enden. Nach -1,1 (-0,9)% im Jahr 2015 (2016) soll der Harmonisierte Konsumgüterpreisindex 2017 (2018) mit +1,0 (+1,2)% wieder im Plus liegen. Die Haushaltspolitik steht im Zeichen der weiteren Konsolidierung. Die Regierung strebt einen fortgesetzten Defizitabbau auf 1,4 (1,0; 0,5)% des BIP in den Jahren 2017 bis 2019 an. Die öffentliche Schuld bleibt überschaubar. Nach Anstieg auf 29,4% des BIP 2016 soll sie 2017 (2018) auf 26,3 (25,9)% zurückgehen.

Der Rücktritt der Regierung unter Ministerpräsident Bojko Borissow im Zuge der Präsidentschaftswahl im Herbst 2016 hinterlässt zunächst ein Vakuum. Derzeit ist nicht klar, ob und wie eine nachhaltige Lösung gefunden wird. Als kontraproduktiv gilt eine längere Phase politischer Instabilität mit negativen Auswirkungen vor allem auf die Investoren, aber auch die Konsumenten und in der Folge auf die wirtschaftlichen Perspektiven.

Wirtschaftliche Eckdaten Bulgariens
Indikator 2015 2016 Vergleichsdaten Deutschland 2015
BIP (nominal, Mrd. Euro) 45,3 46,7 3.033
BIP pro Kopf (Euro) 6.293 6.521 37.100
Bevölkerung (Mio.) 7,197 7,154 81,2
Wechselkurs (1 Euro = Lewa) 1,95583 1,95583 -

Quellen: Herbstprognose 2016 der Europäischen Kommission; Statistisches Bundesamt

Positive Perspektiven eröffnet die neue EU-Förderperiode 2014 bis 2020. Erhofft wird eine Verbesserung von unternehmerischer Wettbewerbsfähigkeit und Infrastruktur durch eine hohe Abrufung der Fördermittel. Ende Dezember 2015 lag die Absorptionsquote für die ausgelaufene Förderperiode 2007 bis 2013 bei 86,53%. Im 3. Quartal 2016 betrug die offizielle Erwerbslosenquote 7,0%. Die Devisenreserven Bulgariens beliefen sich Ende September 2016 auf 21,1 Mrd. Euro. Dies entsprach einer Importdeckung von etwa zehn Monaten.

Investitionen: Bewegung durch neue EU-Förderperiode

Die Investitionen werden nach leichtem Rückgang 2016 in den beiden Folgejahren (2017: +3,2%; 2018: +3,6%) wieder deutlich zulegen. Der Anstieg der Ausrüstungsinvestitionen soll sich dabei laut EU-Kommission von +5,0% (2017) auf +3,5% (2018) etwas abflachen. Die Bauinvestitionen dürften nach vierjähriger Schwächeperiode (2017: +1,1%; 2018: +3,3%) wieder Fahrt aufnehmen. Die Erwartungen stützen sich auf eine dann verstärkt einsetzende Umsetzung von EU-kofinanzierten Vorhaben. Die EU-Förderperiode 2014 bis 2020 soll ab 2017 ihre Wirkung entfalten. In diesem Zeitraum stehen Bulgarien rund 7,6 Mrd. Euro aus Struktur- und Investitionsfonds zur Verfügung.

Die Industrie sendet unterschiedliche Signale aus. Nach Erhebungen des bulgarischen Statistikamts vom Oktober ist 2016 (2017) von einem Rückgang der Investitionen um 15,2 (-8,4)% auszugehen. Energie- und Wasserunternehmen sollen 30,4% der Investitionen 2017 tätigen. Die ausländischen Direktinvestitionen (FDI; netto) sanken laut Zentralbank BNB in den ersten neun Monaten 2016 auf 1,3 Mrd. Euro (2,8% des BIP) nach 1,6 Mrd. Euro (3,6% des BIP) zuvor. Die Regierung erwartet 2017 FDI von 3,7% des BIP. Die gesamtwirtschaftliche Investitionsquote verfestigt sich bei gut 20,5%.

Ausgewählte Großprojekte in Bulgarien
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. Euro) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Ausbau des Kernkraftwerks Kosloduy 4.160 Projekt in der Schwebe Bau des 7. Blocks geplant (1.000 MW)
Bau des "Gas-Hub Balkan" in Varna 2.400 Bauende 2022; geplant ist Bau einer neuen Infrastruktur; Erneuerung des Gasnetzes und des Durchleitungsnetzes Finanzierung noch nicht gesichert; Internet: http://www.me.government.bg/bg
Landesweite Erneuerung der Wasser- und Abwassersysteme 1.196 Unterschiedliche Stadien Finanzierung: EU, Weltbank, EBRD; Internet: http://www.moew.government.bg
Intermodales Terminal Ruse; Modernisierung und Erneuerung der Schienenwege 678 Ausschreibungen im Jahr 2017 für Bauaufsicht und Lieferung von Ausrüstungen Finanzierung: EU; Internet: http://www.rail-infra.bg
Infrastruktur zur Abfallbehandlung 288 Ausschreibungen ab 2017 Finanzierung: EU (OP Umwelt); Europäische Investitionsbank; Internet: http://www.moew.government.bg
Erweiterung der Straßeninfrastruktur 235 Ausschreibungen 2017 für Projektierung, Bauaufsicht Finanzierung: EU (OP Transport); Internet: http://www.ncsip.bg
Bau von Erdgasverbindungsleitung mit Griechenland 220 Baugenehmigungen in Bulgarien bis Ende 2016 und in Griechenland bis 1. Quartal 2017, Bauende 2019. Finanzierung: EU; bilaterales Investitionsabkommen; Internet: http://www.moew.government.bg
Erweiterung der Kapazität des unterirdischen Gasspeichers Chiren 220 Ausschreibung für Ausrüstung in 2019; Bauende 2021 Finanzierung: EU; Internet: http://www.bulgartransgaz.bg/bg
Bau von Erdgasverbindungsleitung mit der Türkei 180 Ausschreibungen ab 2017 für Bauaufsicht und Bau, Bauabschluss bis Ende 2020 Finanzierung: EU; Internet: http://www.moew.government.bg
Einführung eines IT Systems zur Überwachung des Gesamtverkehrs (Auto-, Eisenbahn- und Schiffsverkehr) 47 Ausschreibungen 2017 für Projektierung, Beschaffung von Soft- und Hardware, Bauaufsicht Finanzierung: EU (OP Transport); Internet: http://www.mtitc.government.bg

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Agentur für öffentliche Ausschreibungen: http://rop3-app1.aop.bg:7778/portal/page?_pageid=173,1&_dad=portal&_schema=PORTAL

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/bulgarien, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de

Konsum: Weiter auf Wachstumskurs

Der private Verbrauch wird laut EU-Kommission mit einem fortgesetzten realen Zuwachs um nahe 3% in den nächsten beiden Jahren nur wenig von seiner Dynamik einbüßen. Er folgt nahezu identisch dem Anstieg des BIP und bleibt damit Wachstumsmotor. Bei leicht zunehmender Beschäftigungs- und weiter rückläufiger Arbeitslosenquote nimmt das nominale Lohn- und Gehaltswachstum geringfügig ab. Das real verfügbare Einkommen dämpft eine wieder positive Inflationsrate. Der tatsächliche Individualverbrauch (Verbrauch pro Kopf in Kaufkraftstandards; KKS) betrug laut Eurostat 2015 für Bulgarien 53% des EU-Durchschnitts, während das BIP pro Kopf in KKS bei 47% lag.

Die Einzelhandelsumsätze stiegen im Jahresvergleich im September 2016 saisonbereinigt um 2,0%. Günstig entwickelte sich der Verkauf von Textilien und Bekleidung sowie Schuhen und Lederwaren (+14,5%), Lebensmitteln, Getränken und Tabak (+7,0%). Der Fernabsatz über Telefon und E-Commerce legte mit plus 6,2% ebenfalls deutlich zu. Der Bruttodurchschnittslohn lag im September 2016 bei 954 Lewa (rund 488 Euro). Zum 1.1.17 ist eine Anhebung des Mindestlohns auf 460 Lewa vorgesehen. Das Gesamteinkommen je Haushaltsmitglied lag im 3. Quartal 2016 bei rund 1.309 Lewa bei Ausgaben von 1.223 Lewa.

Außenhandel: Deutschland bleibt wichtigster Partner

Der Warenaustausch mit dem Ausland sollte 2017 eine leichte Belebung erfahren. Er profitiert von der konjunkturellen Erholung im In- und Ausland. Steigende Investitionen im Inland dürften 2017 der Importdynamik neue Impulse geben. Allerdings steht die Intensität hier unter dem Vorbehalt der weiteren politischen Entwicklung. Höhere Energiepreise führen zu einer größeren Belastung der Einfuhrrechnung. Bei flacherem Exportwachstum tendiert das Handelsbilanzdefizit insgesamt wieder zu einer Ausweitung.

Außenhandel Bulgariens (in Mio. Euro; Veränderung in %)
2014 2015 Januar bis September 2016 *) Veränderung zu Januar bis September 2015
Importe CIF 26.125,8 26.356,7 18.847,9 -3,1
Exporte FOB 22.105,0 22.982,3 17.252,4 -0,5
Handelsbilanzsaldo FOB/CIF -4.020,8 -3.374,4 -1.595,5

*) vorläufige Angaben; 1 Euro = 1,95583 (Fixkurs)

Quelle: NSI

Der bulgarische Außenhandel entwickelte sich nach vorläufigen Angaben des bulgarischen Statistikinstituts in den ersten neun Monaten 2016 im Vorjahresvergleich negativ. Die Ausfuhren sanken dabei weniger stark als die Einfuhren, das Handelsbilanzdefizit schrumpfte auf rund 1,6 Mrd. Euro. Die Exporte in die EU (+6,0%) stiegen, während sie in Drittländer (-12,0%) sanken. Die Einfuhren aus der EU (+1,5%) legten zu, die aus Drittländern (-11,1%) nahmen ab. Deutschland blieb der wichtigste Außenhandelspartner Bulgariens vor dem bedeutenden Brennstofflieferanten Russland sowie Italien, Rumänien und der Türkei. Zweistellige Rückgänge verbuchten die bulgarischen Ausfuhren in die Ukraine, nach China, Russland und in die Türkei.

Eine Prognose der Entwicklung interessanter Märkte finden Sie unter: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/suche,t=produktmaerkte-in-bulgarien-2017,did=1625896.html

Eine Analyse der Chancen und Risiken, die das Land aufweist, bieten wir Ihnen unter: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/suche,t=swotanalyse--bulgarien,did=1625916.html

Dieser Artikel ist relevant für:

Bulgarien Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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