Wirtschaftsausblick

23.12.2016

Wirtschaftsausblick Winter 2016/17 - Nigeria

Inhalt

Das Devisenproblem überschattet alles / Von Carsten Ehlers

Abuja/Lagos (GTAI) - Nigeria befindet sich in einer tiefen wirtschaftlichen Krise. Die Folgen bekommen auch deutsche Zulieferer zu spüren. Der gefallene Ölpreis sorgt für sinkende Einnahmen aus der Ölproduktion und damit für Devisenknappheit. Investitionen bleiben aus und Handelsgeschäfte können nur noch mit großen Schwierigkeiten finanziert werden. Auch der Konsum geht spürbar zurück.

Wirtschaftsentwicklung: Einbruch der Geschäfte

Nigeria erlebte 2016 eine wirtschaftlich gesehen äußerst schwierige Phase und auch für die kommenden Jahre ist kein durchgreifender wirtschaftlicher Aufschwung in Sicht. Zwar prognostizieren diverse Wirtschaftsexperten ein Ende der Rezession von 2016. Ob aber die für 2017 von Economist Intelligence Unit vorhergesagten 1,2% Plus des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreicht werden, hängt von diversen externen Faktoren wie der Entwicklung des Ölpreises ab. Und selbst 1,2% wären ein schlechtes Ergebnis für Nigeria. Das politisch instabile westafrikanische Land verzeichnet ein jährliches Bevölkerungswachstum von etwa 3%. Um steigende Pro-Kopf-Einkommen zu erreichen und damit auch mehr Stabilität, braucht es deutlich höheres Wachstum von mindestens 6 oder 7%.

Stark behindert wird das Wirtschaftsleben durch die Devisenproblematik. Banken führen Handelsgeschäfte nur noch begrenzt durch, aufgrund eines hohen Zahlungsausfallrisikos seitens der nigerianischen Kunden. Mangelnde Verfügbarkeit von Devisen sowie deren sehr restriktive Zuteilung seitens der Zentralbank sind das Problem. Durch das Auseinanderdriften von offiziellem Naira-US-Dollar-Zentralbank-Wechselkurs und den Graumarkt-Wechselkursen steigt zudem der Abwertungsdruck auf die Naira. Beobachter gehen davon aus, dass die Zentralbank erneut eine Abwertung vornehmen muss, wie bereits im Juni 2016 geschehen.

Die in Nigeria aktiven deutschen Unternehmen leiden unter der Situation. Sie sind vor allem als Zulieferer im Land aktiv und berichten darüber, dass viele Geschäfte aufgrund der Devisenknappheit nicht zustande kommen. Vorteile haben Zulieferer, wenn sie in der Lage sind, ihren Kunden flexible Zahlungsbedingungen einzuräumen. Damit kann man die schwierige Situation für eine Weile überbrücken. In Panik verfallen die wenigsten deutschen Unternehmen. Sie sind in Nigeria ein schwieriges Umfeld gewohnt. Dass das westafrikanische Land mittelfristig ein interessanter Markt bleibt, steht angesichts von etwa 187 Mio. Einwohnern für die meisten Landeskenner außer Frage. Frühestens 2018 oder 2019 rechnen Beobachter indes mit einer Besserung der Lage.

MKT201612228008.14

Wirtschaftliche Eckdaten
Indikator 2015 2016 Vergleichsdaten Deutschland 2015
BIP (nominal, Mrd. US$) 493,8 424,7 3.357,6
BIP pro Kopf (US$) 2.763,1 2.260,3 41.147
Bevölkerung (Mio.) 182,2 187,0 81,6
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 US$ = x Naira 192,73 256,40 -

Quellen: EIU; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Abzug, Pleiten und Übernahmen prägen das Bild

Nigeria erfährt eine Phase der Pleiten, des Abzugs von Unternehmen und der billigen Übernahmen. Neue Großprojekte werden derzeit kaum begonnen - dafür sind die Zeiten zu unsicher. Andere seit Jahren geplante Großvorhaben wie die Dangote-Raffinerie oder die Tiefseehäfen von Lekki und Badagry bleiben weiter im Gespräch, werden aber ebenfalls nicht begonnen. Bereits in der Realisierung befindliche und von der Finanzierung her gesicherte Projekte werden in der Regel weiter gebaut. Dazu zählen insbesondere die von der chinesischen Regierung finanzierten Vorhaben wie der Vorortzug "Blue Train" in Lagos oder die neuen Flughafenterminals. Neben den Chinesen werden in Nigeria auch andere internationale Geber wieder vermehrt aktiv, darunter die Afrikanische Entwicklungsbank, Weltbank und die EU.

Die Ölindustrie hat einen Teil ihrer Kapazitäten abgezogen. Ob sie nach Nigeria zurück kommt und weiter investiert, wenn der Ölpreis wieder steigt, ist offen. Schon seit Jahren stagnierte die Produktionskapazität, weil die Ölgesellschaften keine größeren Investitionen mehr vornahmen. Mittelfristig großes Potenzial wird der Konsumgüterindustrie zugesprochen. Daher kaufen derzeit kapitalstarke Unternehmen eine Reihe von Produzenten auf, die die derzeitige Krise nicht überstehen.

Ausgewählte Großprojekte in Nigeria
Projektbezeichnung Investitionssumme (in Mrd. Euro) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Bahntrasse "Lagos-Calabar" 12,0 Geplant Finanzierung und Bauausführung der 1.400 km langen Trasse sollen aus China kommen
Dangote-Ölraffinerie 9,0 Geplant Geplante Kapazität: 400.000 bpd
Tiefseehafen in Lekki 1,5 Geplant Terminal soll von Schiffen mit bis zu 10.000 TEU angelaufen werden, jährliche Kapazität 2,5 Mio. TEU (größter Terminal in Subsahara-Afrika); weitere Informationen auf http://www.lekkiport.com
Tiefseehafen in Badagry 2,4 Geplant Baubeginn ursprünglich geplant 2016, Kapazität: 10 Mio. TEU pro Jahr, mit angeschlossener Freihandelszone, Ölraffinerie und Kraftwerk, Betrieb durch APM Terminals; weitere Informationen auf http://www.badagry-port.com
Eko Atlantic Project 6,0 Im Bau Erweiterung von Victoria Island in Lagos mit eigener Infrastruktur für circa 250.000 Bewohner; nähere Informationen auf http://www.ekoatlantic.com
Lagos "Blue Line" Light Rail 1,2 Im Bau Strecke von Lagos Island in Richtung Westen; die Public-private-Partnership (PPP) soll von der privaten Eko-Rail betrieben werden; nähere Informationen auf http://www.lamata-ng.com/rail
Bau von fünf Flughafenterminals (unter anderem Lagos, Port Harcourt, Kano, Abuja) circa 0,5 Im Bau Finanziert von China EximBank; Betreiber soll die chinesische China Civil Engineering Construction Corporation (CCECC) im Rahmen von PPP werden

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/nigeria, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Der Boom ist vorerst vorbei

Nach Jahren des Konsumbooms kehrt vorübergehend Ernüchterung im Einzelhandel und der Konsumgüterindustrie ein. Den Nigerianern ist durch die Wirtschaftskrise ein beträchtlicher Teil ihrer Kaufkraft abhandengekommen. Auch die Mittelschicht muss sparen. Importierte Konsumgüter sind aufgrund der negativen Wechselkursentwicklung des Naira deutlich teurer geworden. Billige Verbraucherkredite, wie in Europa erhältlich, gibt es in Nigeria nicht. Viele zahlungskräftige Expats haben das Land zudem verlassen.

Interessant bleiben dürfte der Konsumgütermarkt (Nahrungsmittel, Kosmetika, Kfz, Einzelhandel, E-Commerce etc.) mittelfristig aber dennoch. In den letzten Jahren interessierten sich ausländische Unternehmen zunehmend für den riesigen nigerianischen Konsummarkt. Etwa 187 Mio. Menschen, zu denen jährlich rund drei bis vier Millionen hinzukommen, versprechen auch bei insgesamt niedrigem Pro-Kopf-Einkommen einen steigenden Bedarf an Konsumgütern. Für den Massenmarkt sind günstige und kleinteilige Produkte ideal. Für die mehrere Millionen Menschen umfassende Ober- und Mittelklasse sind hochwertige importierte Markenartikel sehr attraktiv.

Außenhandel: Nigeria bleibt zweitgrößter Markt für deutsche Unternehmen in Subsahara-Afrika

Die deutschen Exporte nach Nigeria sind 2016 angesichts der schlechten Wirtschaftslage in dem afrikanischen Land erwartungsgemäß eingebrochen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kamen aus Deutschland zwischen Januar und August Waren im Wert von 0,48 Mrd. Euro. Rechnet man diese Zahl hoch, dann dürfte der Rückgang bei etwa einem Drittel des Vorjahreswertes liegen. Im Jahr 2015 wurden noch Waren im Umfang von 1,03 Mrd. Euro geliefert. Aus Deutschland werden nach Nigeria Ausrüstungen für die Ölindustrie, Kfz (ein Großteil davon gebraucht), Maschinen und Chemikalien für den Bausektor und die Nahrungsmittelindustrie sowie auch Nahrungsmittel geliefert.

In den letzten Jahrzehnten entwickelte sich das westafrikanische Land zu einem der weltgrößten Nahrungsmittelimporteure, weil die eigene Landwirtschaft vernachlässigt wurde. Dies soll sich nach dem Willen der jetzigen Regierung wieder ändern. Nigeria lieferte nach Deutschland 2015 Waren im Wert von etwa 1,91 Mrd. Euro. Dabei handelte es sich fast ausschließlich um Öl, das nach Deutschland zur Weiterverarbeitung exportiert wurde. Auch dieser Wert dürfte 2016 deutlich sinken.

Außenhandel Nigerias (in Mio. US$; Veränderung in %)
2015 2016 *) Veränderung 2016/15
Importe 52.335 40.824 -22,0
Exporte 45.888 34.742 -24,3
Handelsbilanzsaldo -6.447 -6.082 -

*) Schätzung

Quelle: EIU

Eine Analyse der Chancen und Risiken, die das Land aufweist, bieten wir Ihnen unter: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/suche,t=swotanalyse--nigeria,did=1614452.html

Eine Prognose der Entwicklung interessanter Märkte finden Sie unter: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/suche,t=produktmaerkte-in-nigeria-2017,did=1614448.html

Dieser Artikel ist relevant für:

Nigeria Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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