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14.02.2018

Absatz rezeptfreier Medikamente sinkt in Frankreich

Nahrungsergänzungsmittel legen kräftig zu / Wenig Selbstmedikation im EU-Vergleich / Von Peter Buerstedde

Paris (GTAI) - Der Verkauf rezeptfreier Medikamente ist in Frankreich 2017 zurückgegangen. Dies geht aus den Umsatzzahlen der Apotheken hervor, die der Verband Afipa am 2. Februar 2018 vorgestellt hat. Demnach hat 2017 vor allem ein späterer Einsatz saisonaler Krankheitswellen gegenüber einem sehr starken Jahr 2016 den Absatz gedrückt. Auch war für Medikamente auf der Basis von Kodein und von Opium- und Morphinderivaten im Juli 2017 die Rezeptpflicht wieder eingeführt worden. (Kontaktadressen)

In Frankreich beschränkt sich der Verkauf rezeptfreier Medikamente weiterhin per Gesetz auf Apotheken. Unter 1 Prozent entfällt auf das Internet - allerdings ebenfalls ausschließlich durch Apotheken. Einige Startups haben Plattformen eingerichtet, die deren Internethandel erleichtern, darunter Pharmarket und Doctipharma. Sie bieten regional rezeptfreie Medikamente aus dem Bestand von Apotheken an und diese führen auch den Versand durch. Viele Apothekengruppen haben für ihre Dependancen eigene Internetshops eingerichtet.

Nach zwei Jahren kräftigen Wachstums ist der Absatz rezeptfreier Medikamente in Frankreich 2017 um 3,7 Prozent auf 2,24 Milliarden Euro zurückgefallen. In den Vorjahren war er noch 2015 um 5,2 Prozent und 2016 um 3,3 Prozent gestiegen. Nach Informationen des Verbandes Afipa (Association française de l'industrie pharmaceutique pour une automedication responsable) gehen die geringeren Verkäufe vor allem auf schwächere saisonale Krankheitswellen zurück.

Eine Magen-Darm-Epidemie habe später und schwächer eingesetzt ebenso wie die Wintergrippe, die sich stärker im Januar 2018 ausgewirkt hat. Allergien waren demnach ebenfalls 2017 schwächer. Daher sind die drei umsatzstärksten Kategorien Medikamente für Atemwegserkrankungen, Schmerzmittel und Magen-Darm-Medikamente kräftig zurückgegangen. Insgesamt entfielen 57 Prozent der Umsätze mit rezeptfreien Medikamenten auf die drei Bereiche.

Absatz von rezeptfreien Medikamenten in Frankreich 2017
Einsatzbereich Umsatz (in Mio. Euro) Veränderung 2017/16 (in %)
Atemwegserkrankungen 490 -8,4
Schmerzmittel 472 -4,1
Magen und Darm 306 -2,7
Dermatologie 221 +0,2
Homöopathie 129 +2,4
Kreislauf 126 -3,6
Vitamine und Mineralien 109 -5,4
Anti-Tabak-Mittel 85 +0,6
Beruhigungsmittel 79 -3,0
Andere 224 -1,6
Gesamt 2.240 -3,7

Quelle: Afipa

Einige Medikamente haben sich aber nach Informationen der Afipa entgegen dem Trend behaupten können wie Humex (Firma Urgo), Strepsils (Reckitt Benckiser), Berocca (Bayer), Nurofenflash (Reckitt Benckiser) und Fervex (BMS/UPSA). An erster Stelle stand 2017 das dritte Jahr in Folge das homöopathische Mittel Oscillococcinum des französischen Herstellers Boiron gefolgt von Humex der Firma Urgo und DolipraneTabs von Sanofi. Die Homöopathie erfreut sich in Frankreich weiter großer Beliebtheit und dies erklärt die Marktführerschaft von Boiron bei rezeptfreien Arzneimitteln vor Sanofi, BMS/UPSA, Johnson & Johnson und Bayer.

Für die Marktentwicklung 2017 hat auch die erneute Rezeptpflicht für Produkte auf der Basis von Codein oder Dextromethorphan eine Rolle gespielt. Diese hatte das Gesundheitsministerium im Juli verhängt, nachdem zwei Jugendliche nach der Einnahme von Mischungen auf der Basis entsprechender Medikamente verstorben waren. Dadurch war der Absatz derartiger Schmerzmittel 2017 um 31 Prozent auf 36,2 Millionen Euro zurückgefallen.

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Rezeptfreie Medikamente und der gesamte Bereich Selfcare machen nur einen kleinen Teil der Umsätze in Apotheken aus, die 2017 leicht um 0,3 Prozent auf 36,2 Milliarden Euro gestiegen sind. Sie hängen vor allem vom Absatz rezeptpflichtiger Medikamente ab, der 2017 um 0,4 Prozent gesunken ist. Insgesamt stiegen die Verkäufe von Selfcare-Produkten um 0,8 Prozent, angetrieben von Nahrungsergänzungsmitteln (+12,1 Prozent) sowie medizintechnischen Produkten und Verbrauchsmaterial (+3,5 Prozent).

Die umsatzstärkste Kategorie bei Nahrungsergänzungsmitteln mit der Stärkung von Immunität/Vitalität (163 Millionen Euro) konnte um 4,2 Prozent zulegen, während Schlaf- und Beruhigungsmittel (142 Millionen Euro) und Verdauung (132 Millionen Euro) mit 28,2 Prozent beziehungsweise 14,4 Prozent zweistellige Wachstumsraten erreichten. Hier führt das Unternehmen Arkopharma vor PiLeJe, Nutergia und Merck. Bei medizintechnischen Produkten haben 2017 Hartmann, Urgo, Omega Pharma und Cooper die höchsten Umsätze erzielt.

Die Aussichten für den Absatz rezeptfreier Medikamente sind 2018 nicht rosig. Am 18. Dezember 2017 hatte die Aufsichtsbehörde für die Arzneimittelsicherheit ANSM (Agence Nationale de Securite du Medicament et des Produits de Sante) die Werbung für zehn sehr verbreitete Grippemittel untersagt. Bei den Präparaten seien unerwünschte Nebenwirkungen festgestellt worden, die zwar äußerst rar aber schwerwiegend sind. Diese Maßnahme betrifft unter anderem die Produkte Dolirhume, Actifed, Humex und Rhinadvil.

Nach Informationen von Afipa plant das Gesundheitsministerium zudem Einschränkungen bei der Nutzung von Dachmarken. Nach Ansicht des Verbands richten sich diese Maßnahmen gegen eine stärkere Prävention im Gesundheitssystem durch eine verantwortungsvolle Selbstmedikation. Besser seien Informationskampagnen wie in anderen Ländern, so der Vizepräsidenten des Verbandes, Pascal Brossard.

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Frankreich weist einen geringeren Anteil rezeptfreier Medikamente am Arzneimittelabsatz auf als andere EU-Länder. Der Verband Afipa will, dass die Regierung 92 Wirkstoffe von der Rezeptpflicht entbindet, die bereits in anderen europäischen Ländern frei verfügbar seien. Dies betreffe Medikamente gegen Allergien, Refluxkrankheit, Magen-Darm-Beschwerden oder Migräne.

Durch die Freigabe könnte die Sozialversicherung hohe Einsparungen erreichen. Das Marktforschungsunternehmen OpenHealth, auf dessen Erhebungen sich der Verband Afipa für seine Jahreszahlen stützt, hatte Anfang 2016 eine Analyse veröffentlicht, die eine Ersparnis von 1,5 Milliarden Euro pro Jahr in Aussicht stellt. Aufgrund der geringen Zuzahlung je Arzttermin (1 Euro im Regelfall) suchen Patienten in Frankreich schnell einen Arzt auf und diese gelten als sehr verschreibungsfreudig.

Die Sichtweise des Verbandes hat sich noch nicht in der Breite durchgesetzt. Vor allem Verbraucherschutzvereine stehen einer Ausweitung der Selbstmedikation skeptisch gegenüber. Das staatliche Institut für Verbraucherschutz INC (Institut National de la Consommation) hat in seinem Magazin "60 millions de consommateurs" im Dezember 2017 eine Analyse von 62 rezeptfreien Medikamenten veröffentlicht, die sie gemeinsam mit Ärzten durchgeführt hatte. Demnach sollten 45 Prozent verboten werden, da sie ein negatives Kosten-Nutzen-Verhältnis aufwiesen, so das Blatt. Bei 33 Prozent sei die Wirksamkeit zwar ungewiss, aber zumindest seien sie nicht schädlich. Lediglich 21 Prozent wurden als gesundheitsfördernd bewertet. Auf der Negativliste befinden sich viele der Bestseller im Markt.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
AHK Frankreich http://frankreich.ahk.de Berät beim Markteinstieg in Frankreich
Association française de l'industrie pharmaceutique pour une automedication responsable (Afipa) http://www.afipa.org Verband der Hersteller von Over the Counter-Medikamenten
Ministere des Solidarites et de la Sante http://solidarites-sante.gouv.fr Gesundheitsministerium
Agence Nationale de Securite du Medicament et des Produits de Sante (ANSM) http://ansm.sante.fr Aufsichtsbehörde für Arzneimittelsicherheit
OpenHealth http://www.openhealth.fr Marktforschungsunternehmen, das den Arzneimittelmarkt erfasst

(P.B.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Frankreich Medizintechnik, allgemein, Arzneimittel, Diagnostika

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