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11.03.2015

Äthiopien setzt auf Textil-, Bekleidungs- und Lederindustrie

Niedrige Produktionskosten locken Investoren / Hürden: Baumwollerzeugung, fehlende Zulieferer und Devisen / Von Martin Böll

Addis-Abeba (gtai) - Äthiopien hat Chancen, sich in den kommenden Jahren als ein neues internationales Zentrum der Textil-, Bekleidungs- und Lederproduktion zu etablieren. Dafür müssen neue Maschinen angeschafft und bestehende Fabriken modernisiert werden. Darüber hinaus gilt es, neue Baumwollfarmen und Zulieferbetriebe aufzubauen, sowie Logistik- und Finanzierungshürden zu schleifen. Deutsche Unternehmen sollten sich zumindest mal ein passendes Fähnchen auf ihre Weltkarte pinnen.

Namhafte internationale Textil- und Lederfirmen geben sich in der äthiopischen Hauptstadt die Klinke in die Hand. Dabei sind westliche Unternehmen vornehmlich am Bezug preiswerter Waren und dem Verkauf von Produktionstechnik interessiert, während türkische und asiatische Firmen in kostengünstige Produktionsstätten investieren wollen. So haben zum Beispiel die britische Handelskette Tesco, die irische Primark und die schwedische Hennes & Mauritz (H&M) angekündigt, in Zukunft mehr Kleidung in Äthiopien einkaufen zu wollen. Der staatliche Swedfund will Zulieferer von H&M mit 8,6 Mio. US$ Investitionskapital unterstützen. Aus chinesischer Sicht sind das allerdings alles Peanuts. So will der chinesische Schuh- und Lederwarenproduzent Huajin nach eigenen Angaben 2,2 Mrd. $ investieren, der indische Baumwollspinner ShriVallabh Pittie 550 Mio. $ und die chinesische Jiangsu Lianfa Textile Co. Ltd. 500 Mio. $.

"Bekleidungsfirmen sind Nomaden", sagt ein auf das Gewerbe spezialisierter Berater, "sie gehen dorthin, wo es für sie am billigsten ist. Steigen Löhne und Nebenkosten in Ländern wie der VR China zu stark, zieht die Karawane weiter." Südlich der Sahara hat sich bislang nur Mauritius einen Namen als Produzent hochwertiger Bekleidung gemacht. Versuche, in Namibia und Lesotho in größerem Stil Textil- und Bekleidungsfirmen anzusiedeln, waren bislang nicht sonderlich erfolgreich. Kenia und Ghana haben derweil viel zu teure Produktionsbedingungen.

Tradition der Textil- und Lederproduktion wird fortgesetzt

Äthiopien bietet unterdessen niedrige Löhne und Nebenkosten, verfügt dabei aber über eine Tradition der Textil- und Bekleidungsproduktion sowie der Lederverarbeitung und damit erfahrene Fachkräfte. Die Versorgung mit einheimischer Baumwolle und Leder gilt, positiv formuliert, als stark ausbaufähig. Die Regierung zeigt sich zunehmend kooperativ für die Bedürfnisse der Produzenten. Durch die vergleichsweise niedrigen Lohn- und Nebenkosten gibt es günstige Arbeitskräfte, welche zudem als leistungsbereit und engagiert gelten. Die Infrastruktur wird aktuell nachhaltig verbessert, insbesondere die Transportwege zum Seehafen Dschibuti, von dem aus Europa sehr viel schneller zu erreichen ist als aus Fernost. Und, last not least, verfügt die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba über ein fähiges Luftverkehrsdrehkreuz mit zehn Direktflügen in die EU, darunter Frankfurt und Wien.

Wenn es nach dem äthiopischen Wirtschaftsplan geht, dann sollen schon 2015/16 alleine mit dem Export von Textilien und Bekleidung Ausfuhrerlöse von 1 Mrd. US$ erwirtschaftet werden. Nach den letzten Ausfuhrstatistiken sieht die Realität allerdings noch anders aus. So exportierte Äthiopien 2013 nur für 222 Mio. $ Textilien, Bekleidung und Lederwaren einschl. Schuhe.

Äthiopische Exporte von Textilien, Bekleidung und Lederwaren (einschl. Schuhen; in Mio. US$)

SITC-Warengruppe 2011 2012 2013
61 Leder und Lederwaren 122,71 85,62 103,48
65 Garne, Gewebe, fertiggestellte Spinnstofferzeugnisse und verwandte Waren 37,25 26,93 47,14
84 Bekleidung und Bekleidungszubehör 34,55 39,07 42,58
85 Schuhe 8,64 14,40 28,34
Summe 203,15 166,02 221,54

Quelle: Comtrade, Stand 1.1.15

Einer höheren Textil- und Bekleidungsproduktion stehen bislang noch eine Reihe von Hindernissen im Weg: So reicht die bisherige Erzeugung von Baumwolle bei weitem nicht aus. Die Regierung will dies zügig ändern und hat große Flächen Land für die Baumwollproduktion bereitgestellt. Die Konsistenz der Baumwolle ist für die bislang hergestellten Produkte überdurchschnittlich gut, reicht für sehr hochwertige Stoffe allerdings nicht aus. Baumwolle gilt derweil als anfällig für Krankheiten; die bislang lokal hergestellten und eingesetzten Pestizide enthalten dem Vernehmen nach weltweit geächtete Substanzen. Als Ausweg aus der Misere wird der Einsatz von genetisch modifiziertem Saatgut diskutiert (GM or BT crops). Bislang ist der Import solchen Saatguts aber verboten. Bis eine Lösung gefunden werden kann, setzen einige Unternehmen deshalb auch auf Baumwollimporte. Nach der äthiopischen Außenhandelsstatistik importierte das Land 2013 für 20 Mio. $ Spinnstoffe (SITC 26).

Rohstoffversorgung und Zulieferindustrie muss verbessert werden

Ein weiteres Problem ist die fehlende Zulieferindustrie: Accessoires wie Knöpfe, Reißverschlüsse, Applikationen und selbst Verpackungsmaterial müssen komplett importiert werden. In einer schnelllebigen Modewelt, in der Unternehmen oft alle zwei Wochen die Produkte wechseln, bleibt den äthiopischen Produzenten zu wenig Zeit, Rohstoffe und Zulieferprodukte zu beschaffen. Erschwerend kommt die ständige Devisenknappheit in Äthiopien hinzu. Im Klartext: Wenn man sechs Wochen Produktionszeit hat, aber drei Wochen auf Devisen und dann weitere zwei Wochen auf importierte Einsatzmittel warten muss, dann reicht das nicht und beeinträchtigt die Attraktivität des Produktionsstandortes. Äthiopien bleibt so nur die Herstellung von "zeitlosen" Basisprodukten wie Baumwoll-T-Shirts und Baumwollbettlaken.

Im Ledersegment ist die Problematik eine andere: Das Land hat mit mehr als 26 Mio. Tieren die größte Herde von "Hair Sheeps" in der Welt. Dem äthiopischen Schaf wächst nur eine kleine Wolldecke und sein Leder ist sehr viel dünner sowie feiner als bei anderen Schafsrassen und deshalb beispielsweise für Damenhandschuhe sehr beliebt. Die äthiopischen Züchtungserfolge sind allerdings noch sehr bescheiden. Die Reproduktionsrate liegt lediglich bei 37%, während es in Neuseeland 180% sind. Damit kann Äthiopien jährlich nur 9,5 Mio. Schaffelle produzieren, Neuseeland aber trotz einer deutlich kleineren Herde 30 Mio. Mit etwas mehr Know-how und besserem Schutz gegen Parasiten ließe sich die äthiopische Lederproduktion deutlich steigern, sagen Experten. Die äthiopische Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Exporte von verarbeitetem Leder kurzfristig auf 500 Mio. $ zu steigern. Die Ausfuhr von unbehandeltem Rohleder wurde derweil verboten.

Gegenwärtig werden in Äthiopien 60 größere Textilfabriken betrieben. Hinzu kommen 15 Tuchfabriken, 28 Ledergerbereien und 18 Schuhfabriken (Germany Trade and Invest liegen entsprechende Anschriftenlisten vor). Die Mehrzahl der Unternehmen sind nach äthiopischer Lesart in Clustern angesiedelt, was nach Ansicht ausländischer Beobachter allerdings noch eine Wunschvorstellung ist, weil es zwar (zum Teil weit auseinander liegende) Einzelproduzenten, nicht aber Dienstleister und Zulieferer gibt.

Firmen im Einzugsbereich von Addis Abeba (teilweise zwei Autostunden entfernt):

Ayka, eines der größten Textilunternehmen in der Türkei, erklärtes Ziel ist die Beschäftigung von 20.000 Arbeitnehmern in Äthiopien, aktuell geplante Erweiterungsinvestition: 40 Mio. $.

Saygin Dima Textile Share Co,. Gemeinschaftsunternehmen der türkischen Bekleidungsfirma Saygin-Gruppe und der äthiopischen Regierung, Ziel ist ein Jahresumsatz von 100 Mio. $.

Adama Spinning Factory, äthiopischer Garnproduzent mit 400 Mitarbeitern.

DH Geda, äthiopischer Hersteller u.a. von Decken (4.000/Tag) und Acrylfasern.

Akber, türkische Firma, mit 175 Mio. $ teuren Textilfabrik.

Else Addis Industrial Development, Tochter der türkischen Else Group, Exportproduktion seit 2011.

Pittards, britische Lederbekleidungsfirma, will ihr Engagement in Äthiopien in den nächsten fünf Jahren vervierfachen. Das Unternehmen produziert derzeit mit 1.200 lokalen Mitarbeitern monatlich 100.000 Arbeits- und 5.000 Bekleidungshandschuhe sowie186.000 qm Qualitätsleder für die Weiterverarbeitung in hochwertige Bekleidung und Accessoires.

Huajin, chinesischer Schuh- und Lederwarenproduzent, Vertragspartner von Calvin Klein, Coach und Louis Vuitton, Ziel: 100.000 Arbeitnehmer binnen weniger Jahre, angepeilte Gesamtinvestition angeblich 2,2 Mrd. $.

Jiangsu Lianfa Textile Co. Ltd., chinesisches Textilunternehmen, geplante Investition: 500 Mio. US$, Beschäftigungsziel: 20.000 Arbeitnehmer.

Firmen im Einzugsbereich der Stadt Mek'elē im Norden des Landes (teilweise bis zu einer Tagesreise entfernt):

MAA Garment and Textiles Factory, Tochtergesellschaft der Midroc-Gruppe des saudi-arabischen Milliardärs Scheich Al-Amoudi.

Bahir Dar Textile Mills, staatliches Unternehmen.

Almeda Textile Factory, Teil der Effort-Unternehmensgruppe mit Bindung zur Regierungspartei.

ShriVallabh Pittie, indisches Unternehmen, plant 550 Mio. $ in eine Baumwollspinnerei zu investieren.

Velocity Apparel, indisches Unternehmen, plant eine Textilfabrik für 150 Mio. $.

Eshet Engineering, israelisch-äthiopisches Joint-Venture für den Export von Textilien und Leder, plant Investitionen in Höhe von 200 Mio. $.

BDL Group, bangladeschische Textil- und Bekleidungsfirma, plant eine Anfangsinvestition in Höhe von 30 Mio. $.

Äthiopische Importe von Maschinen, Apparaten und Geräten für die Textil- und Lederindustrie sowie Teile davon (SITC 724; in Mio. US$; Veränderungen in%)

Lieferland 2011 2012 2013 Veränd.
Insgesamt 71,89 79,52 95,65 20
..Italien 8,11 8,94 19,58 119
..Türkei 23,71 32,72 18,57 -43
..VR China 15,04 14,44 17,86 24
..Japan 2,01 3,32 3,58 8
..Deutschland 6,85 1,89 3,26 72
..Indien 4,17 4,45 3,08 -31
..Schweiz 3,39 6,19 2,99 -52

Quelle: Comtrade, Stand 1.1.15

Deutsche Verkäufer von Technik für die Textil-, Bekleidungs- und Lederindustrie sind in Äthiopien bislang nicht gut aufgestellt. Nach der äthiopischen Statistik belief sich der einschlägige deutsche Marktanteil 2013 auf lediglich 3,4%. Nach der deutschen Statistik (SITCM 724) war es in absoluten Zahlen noch weniger: 0,37 Mio. Euro 2013, 0,71 Mio. Euro 2012 und 3,40 Mio. Euro 2011. Zu hoffen bleibt, dass sich das mittel- bis langfristig ändert: Im Rahmen des Markterschließungsprogramms des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie war Mitte Oktober 2014 eine Delegation von mittelständischen deutschen Technikverkäufern mit dem Schwerpunkt Textilmaschinen in Äthiopien. Die Resonanz war nach Einschätzung des durchführenden Beraterunternehmens, SBS Systems for Business Solutions, und dem begleitenden Fachverband, VDMA, durchweg positiv.

(m.b.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Äthiopien Textilien, Bekleidung, Leder, allgemein, Textil- und Ledermaschinen, Leder, -erzeugnisse (einschl. Bekleidung), Schuhe

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