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18.10.2017

Argentinien mobilisiert Kapital für den Ausbau der Wasserwirtschaft

Großer Nachholbedarf bei Kanalisation und Abwasserbehandlung / Von Carl Moses

Buenos Aires (GTAI) - Argentinien plant für die nächsten 15 Jahre Investitionen von 44 Milliarden US-Dollar (US$) in die Wasserwirtschaft. Schwerpunkte sind der Ausbau der Trinkwasser- und Kanalisationsnetze, Bewässerung, Überschwemmungsschutz und Umweltsanierung. Bei zahlreichen Projekten setzt die Regierung auf die Beteiligung privater Investoren. Deutsche Zulieferer von Ausrüstungen und Dienstleistungen haben gute Chancen, an dem stark wachsenden Markt zu partizipieren. (Kontaktadressen)

Argentinien hat großen Nachholbedarf bei der Trinkwasserversorgung und Kanalisation. Diesen zu decken, ist eine der Prioritäten der Regierung des liberal-konservativen Präsidenten Macri. Bis 2023 soll der Anteil der an die Kanalisation angeschlossenen Haushalte in städtischen Gebieten von 58 auf 75 Prozent steigen, die Versorgung mit Trinkwasser (derzeit 87 Prozent) soll dann 100 Prozent erreichen. Besonders groß ist der Rückstand bei der Abwasserbehandlung. Bisher wird bestenfalls ein Fünftel aller Abwässer gereinigt. Vor allem im Großraum Buenos Aires ist der Bedarf zur Sanierung von teilweise extrem verschmutzten Gewässern groß. Argentinien leidet überdies unter zunehmenden Klimaausschlägen. Schwere Überschwemmungen und Dürreperioden plagen das Land gleichermaßen und erfordern dringende Maßnahmen.

Die Leitlinien der staatlichen Wasserpolitik sind im Plan Nacional de Agua formuliert. (https://www.argentina.gob.ar/interior/plandelagua). Da die öffentlichen Haushaltsmittel zur Deckung des Investitionsbedarfs nicht ausreichen, wirbt die Regierung um die Beteiligung von privatem Kapital in Form von öffentlich-privaten Partnerschaften (PPP) oder BOT-Verträgen. Überdies stehen deutlich ausgeweitete Kredite multilateraler Geber (BID, Weltbank, CAF) zur Verfügung. Allein die Interamerikanische Entwicklungsbank BID sagte im August und September 2017 neue Kredite von 1,2 Milliarden US$ für Wasserprojekte im Land zu.

Rahmenbedingungen der Wasserwirtschaft

Mangel und Verschwendung zugleich

Argentiniens umfangreiche Wasserressourcen sind sehr ungleich über das Land verteilt. Rund 85 Prozent der Süßwasservorkommen befinden sich im Gebiet des La-Plata-Beckens, das nur ein Drittel der Gesamtfläche Argentiniens ausmacht. Die übrigen zwei Drittel sind überwiegend aride und semiaride Gebiete. Argentinien nutzt laut Regierung nur 7,5 Prozent seiner Süßwasserressourcen. Mit fast 300 Litern je Kopf ist der private Wasserverbrauch mehr als doppelt so hoch wie in den Nachbarländern (Brasilien 116 Liter, Chile 140 Liter). Ursachen sind der aufgrund niedriger Wassertarife verschwenderische Umgang mit Trinkwasser sowie hohe Verluste durch Lecks in den maroden Leitungssystemen.

Die Wasserwirtschaft liegt überwiegend in öffentlicher Hand. Privatisierungen in den 1990er Jahren hatten die Kirchner-Regierungen von 2003 bis 2015 rückgängig gemacht. Die Einfrierung der Wasserpreise nach der schweren Krise 2001/02 hatte die Betreiber vollständig von staatlichen Zuschüssen abhängig gemacht. Immer höhere Subventionen deckten die Differenz zwischen steigenden Kosten und über viele Jahre nicht an die hohe Inflation angepassten Tarifen. Erst die Macri-Regierung erhöhte die Wasserpreise drastisch, im Großraum Buenos Aires decken sie inzwischen 80 bis 85 Prozent der Betriebskosten. Weitere Erhöhungen sind geplant. Zugleich soll in die bisher kaum verbreitete Messung des individuellen Verbrauchs investiert werden.

Rahmendaten zum Wassersektor in Argentinien
Indikator Wert
Bevölkerung (2016, in Mio.) 43,6
Erneuerbare Wasserressourcen pro Kopf und Jahr (2013, in cbm) 7.045
Wasserverbrauch p.a. (2011, in Mrd. cbm), davon 37,69
nach Ressourcen
.Grundwasser (in %) 30
.Oberflächenwasser (in %) 70
nach Sektoren
.Kommunen (in %) 15
.Industrie (in %) 11
.Landwirtschaft (in %) 74
Anschlussgrad der Bevölkerung an Trinkwassernetz (2016, in %) 87
Anschlussgrad der Bevölkerung an Abwassernetz (2016, in %) 58

Quellen: Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO); AAICI

Projekte

Regierung setzt auf PPP

Die Regierung erwartet bis 2022 Investitionen von 21,6 Milliarden US$ in Trinkwasserversorgung, Kanalisation und Abwasserbehandlung. Es sollen 55.000 Kilometer neue Trinkwasserleitungen und 30.000 Kilometer Kanalisationsrohre gelegt werden. Weiterer Schwerpunkt sind Bewässerung und Hochwasserschutz (Investitionen bis 2019: 4,5 Milliarden US$). Die Bewässerung von bis zu 4 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Flächen könnte langfristig Investitionen von bis zu 18 Milliarden US$ mobilisieren, schätzt die Regierung.

Bisher sind nur fünf Prozent der landesweiten Wasserversorgung in privater Hand (vornehmlich das Wasserwerk von Córdoba). Die Macri-Regierung will die Beteiligung der Privatwirtschaft durch PPP ausbauen. Im August 2017 hat sie 38 Projekte identifiziert, die mit privater Kofinanzierung realisiert werden sollen (Gesamtinvestitionen: 9,5 Milliarden US$). Auf der Webseite https://www.argentina.gob.ar/manifestacion-de-interes können Interessenten Realisierungsvorschläge (einschließlich Finanzierungsangebote) unterbreiten. Zuständig ist das Subsecretaría de Recursos Hídricos (Kontakt: Unterstaatssekretär Pablo Bereciartúa, pbereciartua@interior.gob.ar).

In der Industrie dürfte die größte Nachfrage nach Wassertechnik aus den Sektoren Nahrungsmittel und Getränke, Fleisch- und Lederproduktion, Erdölförderung, Stahl, Chemie sowie Papier und Zellstoff kommen. Auch aus dem aufstrebenden Bergbau, dessen Betreiber nach mehreren Unfällen (Abwasserlecks) unter starker Beobachtung stehen, ist steigende Nachfrage zu erwarten.

Wettbewerbsstruktur

Neue Anbieter drängen auf den Markt

Zahlreiche in- und ausländische Bau- und Ingenieurfirmen konkurrieren um Aufträge der Wasserwirtschaft. Angesichts des stark wachsenden Potenzials und im Zuge der zunehmenden Öffnung und Transparenz des Marktes steigen neue Anbieter in Argentinien ein. Der Wettbewerb dürfte somit in den nächsten Monaten und Jahren deutlich zunehmen. Zu den führenden lokalen Bau- und Ingenieurunternehmen mit Aktivitäten in der Wassersparte gehören Benito Roggio, Supercemento, José Cartellone Construcciones Civiles (JCCC), Rovella Carranza, Tecma, Iecsa, Panedile, Eleprint, Decavial, Grupo Petersen und Electroingeniería.

Unter den ausländischen Anbietern dominierten lange brasilianische Firmen wie Odebrecht, OAS oder Camargo Correa. Nach den Korruptionsskandalen in Brasilien (und Argentinien) haben diese jedoch einen schweren Stand. Daneben sind italienische und spanische Unternehmen prominent vertreten. Stark im Kommen sind chinesische Anbieter, allen voran die China Gezhouba Group Corporation. Deutsche Zulieferer sind durch etliche Handelsvertreter und Repräsentanzbüros gut vertreten Weitere Informationen zur Wettbewerbsstruktur im argentinischen Wassersektor finden sich im GTAI-Artikel unter http://www.gtai.de/MKT201710168007.

Zuständigkeiten im Wassersektor

Für die Verwaltung des Wassersektors ist auf Bundesebene das Ministerio del Interior, Obras Públicas y Vivienda zuständig (Ausschreibungen: http://www.mininterior.gov.ar/plan/licitaciones-plan.php), samt einem halben Dutzend angeschlossener Behörden, die zusammen mit dem staatlichen Wasserwerk des Großraums Buenos Aires (AySA) das "Wasserkabinett" der Regierung bilden.

Besonders wichtig ist die Behörde Enhosa, der die Förderung, Finanzierung und Durchführung von Projekten der Wasserwirtschaft obliegt (Ausschreibungen: http://www.enohsa.gob.ar/obras_licitadas.php). Weitere Zuständigkeiten fallen auf die Behörden der 23 Provinzen und der Gemeinden. Die Behörde Acumar (http://www.acumar.gob.ar) koordiniert die Umweltpolitik der drei für den Großraum Buenos Aires zuständigen Regierungen (die Nationalregierung sowie die Regierungen der Stadt und der Provinz Buenos Aires). Hauptaufgabe ist die Sanierung des Matanza-Riachuelo-Beckens.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Germany Trade & Invest http://www.gtai.de/argentinien Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft
Ministerium für Inneres, öffentliche Bauten und Wohnungsbau https://www.argentina.gob.ar/interior
Wasserwerk des Großraums Buenos Aires http://www.aysa.com.ar
Vereinigung der Wasseringenieure/-berater http://www.aidisar.org.ar
Fachzeitschrift http://www.revista-agua.com.ar

(C.M.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Argentinien Wasserversorgung, -gewinnung, Bewässerung, Kläranlagenbau, Abwasserentsorgung

Jenny Eberhardt Jenny Eberhardt | © GTAI

Kontakt

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‎ +49 228 24 993 248

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