Suche

20.09.2017

Argentiniens Biodieselindustrie setzt auf Europa

EU senkt Antidumpingzoll / Europäische Hersteller klagen, aber argentinische Zulieferer profitieren / Von Carl Moses

Buenos Aires (GTAI) - Argentiniens exportstarke Biodieselindustrie ist erleichtert. Just nachdem die US-amerikanische Regierung im August 2017 prohibitiv hohe Strafzölle auf argentinische Biodiesellieferungen eingeführt hatte, beschloss die EU eine drastische Senkung des 2013 erhobenen Antidumpingzolls auf die Einfuhr von argentinischem Biodiesel. Während die europäischen Biodieselhersteller nun eine Importflut fürchten, profitieren deutsche Zulieferer in Argentinien von der Stärkung ihrer Abnehmer.

Das Trade-Defence-Komitee der EU beschloss am 7. September 2017, die Zölle auf Biodieseleinfuhren aus Argentinien deutlich zu reduzieren. Wenige Tage zuvor, am 22. August 2017, hatte das US-Handelsministerium (Department of Commerce) eine vorläufige Entscheidung zu Ausgleichszöllen (contervailing duties) von bis zu 64 Prozent auf argentinischen Biodiesel auf seiner Internetseite verkündet. Am 28. August wurde diese im US-Gesetzblatt veröffentlicht. Was auf den ersten Blick als konterkarierende Maßnahme der EU gegen den Protektionismus des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump erscheinen mag, ist tatsächlich eine seit langem fällige Anpassung der EU an einen Schiedsspruch der Welthandelsorganisation (WTO) zugunsten Argentiniens.

Strafmaßnahme für die Verstaatlichung von YPF

Die EU hatte 2013 Antidumpingzölle auf argentinische Biodiesellieferungen eingeführt, die je nach Hersteller 216 bis 245 Euro je Tonne Biodiesel betrugen. Antidumpingzollsätze werden zum regulären Zollsatz hinzugerechnet. Begründet hatte die EU die Einführung dieser Antidumpingmaßnahmen mit der differenzierten Besteuerung der Exporte von Sojabohnen und Erzeugnissen daraus in Argentinien. Während der Ausfuhrzoll für Sojabohnen und -öl 30 und 27 Prozent beträgt, liegt die variable Abgabe auf den Export von Biodiesel derzeit lediglich bei 0,13 Prozent. Beobachter sahen in der Zollerhöhung der EU seinerzeit allerdings zugleich eine Art Strafmaßnahme gegen Argentinien als Reaktion auf die Verstaatlichung der argentinischen Mineralölgesellschaft YPF aus dem Besitz des spanischen Ölkonzerns Repsol im Jahr 2012.

Argentinien hatte 2013 bei der WTO gegen die Erhebung der Sonderzölle durch die EU geklagt und von einem WTO-Schiedsgericht 2016 Recht erhalten. Zwar folgte das WTO-Schiedsgericht der grundsätzlichen Argumentation der EU in Bezug auf die Subventionen in Argentinien, kritisierte jedoch die Berechnungsmethoden der EU. Dem WTO-Schiedsspruch und der Berechnungsmethodik der WTO Rechnung tragend senkt die EU Zollabgaben auf argentinischen Biodiesel jetzt auf durchschnittlich rund 13 Prozent. Das Inkrafttreten der neuen Zollsätze wird für Ende September erwartet.

Argentinien selbst hat ein Dekret erlassen, wonach die Exportzölle auf Soja und Sojaöl ab Januar 2018 monatlich um jeweils 0,5 Prozentpunkte gesenkt werden. Ende 2019 wird der Exportzoll für Sojabohnen demnach nur noch 18 Prozent betragen, der für Sojaöl 15 Prozent. Entsprechend dürfte der inländische Preis für Sojaöl steigen und die Subventionierung der Produktion von Biodiesel durch den verbilligten Rohstoffeinkauf schrittweise abnehmen.

Biodieselschwemme aus Argentinien erwartet

Die europäische Biodieselindustrie läuft gleichwohl Sturm gegen die Entscheidung der EU. Nach der Zollsenkung erwarten die Hersteller eine Flut von Biodieselimporten aus Argentinien. Mit der Halbierung der Zollsätze bestehe "kein wirksamer Außenschutz für europäischen Biodiesel mehr gegen die unfairen Handelspraktiken Argentiniens", sagte Elmar Baumann, Geschäftsführer beim Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB). In Erwartung der Entscheidung seien bereits erste Tankschiffe mit Biodiesel aus Argentinien in europäischen Häfen eingetroffen.

Nachdem Argentiniens Ausfuhren in die EU ab 2013 weitgehend zum Erliegen gekommen waren, hatten die USA die EU als Hauptabnehmer argentinischen Biodiesels abgelöst. Der Anteil der EU an den argentinischen Exporten sank von 89 Prozent (2012) auf nur noch 1 Prozent (2015). Im Jahr 2016 importierten die USA 1,5 Millionen Tonnen im Wert von 1,24 Milliarden US-Dollar (US$) aus Argentinien. Dieser Handelsstrom könnte nach der Zollerhöhung in den USA und der Senkung in der EU nun in die EU umgeleitet werden, befürchtet die europäische Industrie. Dadurch könnten laut dem VDB 15 Prozent des Absatzes der europäischen Hersteller verloren gehen. Vor der Einführung der Sonderzölle in der EU hatte Argentinien 2012 rund 1,4 Millionen Tonnen Biodiesel an die EU geliefert.

Veränderungen der Beimischungsquoten

Branchenexperten in Argentinien allerdings halten vorerst lediglich Exporte von etwa 500.000 Tonnen jährlich in die EU für erreichbar, da sich der Verbrauch in der EU reduziert habe. Nach der Diskussion um "Tank oder Teller" hat die EU 2015 beschlossen, die zunächst auf 10 Prozent festgelegte Beimischung von Biokraftstoffen bis 2021 auf maximal 7 Prozent und bis 2030 auf 3,8 Prozent zurückzuführen. Gleichzeitig laufen bereits Verhandlungen zwischen Argentinien und den USA, die eine Rücknahme der Sonderzölle und deren Ersatz durch eine Kontingentierung der Exporte und/oder die Festlegung von Mindestexportpreisen zur Folge haben könnten.

Um die Verluste von Exportmärkten nach den EU-Restriktionen auszugleichen, hatte Argentinien die inländische Beimischungspflicht von Biodiesel zu herkömmlichem Dieseltreibstoff 2013 auf 10 Prozent erhöht. Branchenvertreter und die Regierung der Provinz Santa Fé (wo die meisten Biodieselproduzenten angesiedelt sind) dringen darauf, die Quote bis auf 20 Prozent weiter zu erhöhen. Das Müllabfuhrunternehmen von Buenos Aires, Cliba, befeuert seine Wagen bereits zu 100 Prozent mit Biodiesel.

Zulieferer in Argentinien profitieren

Von guten Exportchancen für argentinischen Biodiesel profitieren nicht zuletzt deutsche Zulieferer von Landtechnik, Kfz oder Agrar- und Industriechemikalien in Argentinien. So haben die Chemiekonzerne Evonik und BASF in Argentinien und Brasilien Anlagen zur Produktion von Natriummethylat als Katalysator für die Biodieselproduktion errichtet. Der Landtechnikhersteller Claas gehört zu den größten Lieferanten von Erntemaschinen in Argentinien. Bayer und BASF sind führende Zulieferer von Agrarchemikalien für die Sojaproduktion. Volkswagen macht sein Hauptgeschäft in Argentinien mit der Produktion des Pick-ups Amarok für vorwiegend landwirtschaftliche Abnehmer. Daimler will demnächst mit einem eigenen Pick-up nachziehen und liefert den Großteil seiner Lkw an die Landwirtschaft.

In- und ausländische Agrarkonzerne haben in den vergangenen zehn Jahren in Argentinien rund 4 Milliarden US$ in Anlagen zur Produktion von Biodiesel investiert. Die meisten Anlagen stehen in der Provinz Santa Fé in der Umgebung der Stadt Rosario, wo entlang des Paraná-Flusses das laut Branchenexperten weltweit größte Cluster für die Verarbeitung und Verschiffung von Soja angesiedelt ist. Argentiniens Produktion von Biodiesel hatte 2016 ein Volumen von 2,7 Millionen Tonnen erreicht. Davon gingen 1,7 Millionen Tonnen in den Export, überwiegend in die USA. Im 1. Halbjahr 2017 stieg die Produktion laut Statistikinstitut INDEC um 22,5 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum, die Ausfuhr expandierte um 24,4 Prozent.

(C.M.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Argentinien Zolltarif, -wert, -verfahren, Warenursprung, allgemein, Strom-/ Energieerzeugung, Bioenergie

Jenny Eberhardt Jenny Eberhardt | © GTAI

Kontakt

Jenny Eberhardt

‎ +49 228 24 993 248

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche