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02.02.2017

Argentiniens Digitalisierung soll an Fahrt gewinnen

Argentinische Unicorns sind führend in der Region / Regierung will Firmengründern helfen / Von Carl Moses

Buenos Aires (GTAI) - Argentinien fährt bei der Digitalisierung je nach Branche und Anwendungsgebiet mit sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Während in vielen Bereichen großer Nachholbedarf besteht, ist das einheimische Ökosystem der Internetbranche gut entwickelt. Einige argentinische Technologieunternehmen gehören zu den Topadressen der Branche in ganz Lateinamerika und darüber hinaus. Die Regierung treibt im Parlament ein Fördergesetz voran, um die Gründung von Startups zu beschleunigen.

"Argentinier stechen in der Region durch Talent und Kreativität für die vorteilhafte Nutzung neuer Technologien hervor", beobachtet der Lateinamerikachef der Softwareschmiede SAP, Claudio Muruzábal. Der beste Beweis dafür sei, das vier der fünf lateinamerikanischen Unicorns (Technologieunternehmen mit einem Marktwert von mehr als 1 Mrd. US$) aus Argentinien kommen: Mercado Libre, Globant, OLX und Despegar. Mercado Libre ist das "ebay" Südamerikas und klarer Marktführer im Online-Einzelhandel der Region. Despegar.com ist eine führende Plattform für Flug- und Reisebuchungen in Südamerika. Globant ist Argentiniens größter Softwareentwickler, der ebenso wie der Onlinehändler OLX den weitaus größten Teil seines Geschäfts außerhalb Argentiniens tätigt.

Erfolgreiche Technologieunternehmen

Aufgrund des relativ überschaubaren Binnenmarktes, aber auch aufgrund des zeitweise wenig unternehmerfreundlichen Umfeldes haben sich Argentiniens Technologieunternehmen frühzeitig auf das Auslandsgeschäft konzentriert. "Wir haben von Anfang an den globalen Markt angepeilt", erzählt Martín Migoya, CEO des 2003 von vier Studenten gegründeten Softwareunternehmens Globant, das heute mit weltweit 5.300 Mitarbeitern Kunden wie Google, Linkedin und Coca Cola betreut. 82% des Umsatzes erzielt Globant in den USA, 11% in Lateinamerika. Von Argentinien aus gründete der Internetunternehmer Alec Oxenford unter anderem den Online-Kleinanzeigenanbieter OLX, den in Argentinien kaum jemand kennt, der in Indien und anderen asiatischen Ländern jedoch zum Marktführer aufstieg.

"Mit dem Geld, das man in San Francisco für einen Softwareentwickler zahlt, kann man hier fünf bezahlen, erklärt Matías Woloski von dem aufstrebenden Unternehmen Auth0, das mit 160 Mitarbeitern in 24 Ländern Sicherheitssoftware entwickelt. Auch der vielleicht erste Internetmillionär Argentiniens, Wences Casares, der in den 90er Jahren bereits das Finanzportal Patagon lanciert und für 750 Mio. US$ an Spaniens Banco Santander verkauft hatte, sieht große Chancen für das Zusammenwirken zwischen argentinischen Technologiefachleuten und dem US-amerikanischen Silicon Valley. Nicht nur aus Kostengründen und wegen der ähnlichen Zeitzonen, sondern auch wegen der größeren Nähe zum Kunden.

Das Silicon Valley verstehe die neuen Internetnutzer nicht, sagt Casares. "Die ersten 2 Mrd. Nutzer waren so wie sie selbst, die hatten ein Haus, ein Auto und Kreditkarten. Die nächsten 4 Mrd. sind anders, das genaue Gegenteil. Und das verstehen die immer noch nicht (im Silicon Valley)", erklärt Casares. Der argentinische Internetpionier ist seit 15 Jahren vornehmlich im Silicon Valley tätig und gründete dort unter anderem das mobile Zahlungssystem Lemon und den global bedeutenden Bitcoinanbieter Xapo, den er heute führt. "5 Mrd. Menschen haben keine Kreditkarte, aber ein internetfähiges Handy haben sie alle", sagt der Internetunternehmer. Casares selbst lebt in Palo Alto (USA). Doch alle seine Softwareentwickler und IT-Ingenieure arbeiten in Argentinien. Die beste Fördermaßnahme für Argentiniens Startup-Branche wäre es, eine direkte Flugverbindung von Buenos Aires ins Silicon Valley anzubieten, meint Casares.

Zur Förderung der Startup-Szene hat die argentinische Regierung ein "Unternehmergesetz" (Ley del Emprendedor) auf den Weg gebracht, das die Gründung einer Firma drastisch vereinfachen und beschleunigen soll (http://www.produccion.gob.ar/todo-sobre-la-ley-de-emprendedores/). Die letzte Lesung im Parlament steht noch aus, doch die Verabschiedung hat für die Regierung hohe Priorität. Zudem will das Produktionsministerium gemischte öffentlich-private Fonds auflegen, um Startups zu finanzieren (40% des Kapitals will der Staat beitragen).

Ein Ministerium für Modernisierung

Der seit Dezember 2015 amtierende Präsident Mauricio Macri hat ein gesondertes "Ministerium für Modernisierung" geschaffen, das unter anderem die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung voranbringen soll. In der Steuerverwaltung ist dieser Prozess bereits sehr weit fortgeschritten. Steuererklärungen werden elektronisch eingereicht, die meisten Unternehmen müssen an ihre Kunden elektronische Rechnungen auf einer Plattform der Steuerbehörde AFIP ausstellen. Die Justiz stapelt dagegen noch Papierberge.

Zentralbank fördert bargeldlose Zahlungen

Argentiniens Zentralbankpräsident Federico Sturzenegger hat sich die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs auf die Fahnen geschrieben. Sein erklärtes Vorbild sind die skandinavischen Länder, bei denen Bargeld im Zahlungsverkehr kaum noch eine Rolle spielt. Bis dahin ist es in Argentinien allerdings noch ein weiter Weg. Die Hälfte der Bevölkerung hat nicht einmal ein Bankkonto. Zudem ist die Verwendung von Bargeld kulturell tief verwurzelt, nicht zuletzt aufgrund des hohen Anteils der informellen Wirtschaft, in der rund ein Drittel der Argentinier beschäftigt ist. Selbst Immobilienkäufe werden meist in bar bezahlt. Der Anteil von Bargeld an der Geldversorgung ist in Argentinien mit rund 40% der Geldmenge M1 doppelt so hoch wie im Nachbarland Chile.

Die Zentralbank hat in jüngster Zeit indes eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um den bargeldlosen Zahlungsverkehr zu fördern. So dürfen die Banken von ihren Kunden keine Gebühren für Homebanking und die Nutzung von Geldautomaten erheben. Die digitale Bezahlung wurde durch die Einführung von Alias-Namen zum Ersatz der endlosen Kontonummern vereinfacht. Die Einführung von Mini-POS-Lesegeräten, die an ein Smartphone angeschlossen werden können, ermöglicht es auch kleinen Geschäften, Handwerkern und Taxifahrern bei ihren Kunden elektronisch zu kassieren. Ein Erfolgsbeispiel für den bargeldlosen Zahlungsverkehr ist die schon vor Jahren eingeführte Prepaid-Karte "Sube", die inzwischen das nahezu ausschließliche Zahlungsmittel im öffentlichen Nahverkehr von Buenos Aires ist und auch an Mautstellen von Autobahnen akzeptiert wird. Das Computergeld Bitcoin führt dagegen in Argentinien bisher eine Randexistenz mit lediglich 10.000 Nutzern.

Importliberalisierung pusht Onlinehandel

Beim E-Commerce dürfte die Liberalisierung der Einfuhr Impulse bringen. Seit August 2016 sind ausländische Warensendungen direkt an den Endabnehmer wieder zulässig. Das Verfahren für die Lieferungen von Tür zu Tür ist jedoch immer noch kompliziert, und die Kosten sind hoch. Für Warensendungen, die geringe Freibeträge überschreiten, sind Zollabgaben von 50% zu leisten, wenn sie per Post an den Endempfänger gesendet werden. Für Einkäufe die nicht über die staatliche Post, sondern über einen privaten Kurierdienst abgewickelt werden, ist die zulässige Anzahl der Transaktionen auf fünf Einkäufe im Jahr begrenzt. Und es gibt keine Freigrenze. Für die Waren sind gemäß dem argentinischen Zolltarif Einfuhrabgaben zu entrichten. Die Wertgrenze für jede Sendung beträgt 1000 US$ bei maximal 50 kg Gewicht. Das Geschäft der Direktlieferungen läuft bisher mit vielen Haken und Ösen. Von rund 500.000 Auslandsbestellungen seit August 2016 waren bis Jahresende 2016 mehr als die Hälfte nicht beim Kunden angekommen. 101.600 Sendungen gingen zurück, 173.000 Pakete hängen noch im argentinischen Zoll fest.

(C.M.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Argentinien Zahlungsverkehr, Kreditauskunfteien, Inkassodienste, Telekommunikationsdienste, Software / EDV-Dienstleistungen, Internetdienste, Digitalisierung

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