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10.10.2017

Arzneimittelabsatz in Russland wächst 2017 um 9 Prozent

Einzelhandel sortiert sich neu / Gemeinsamer Pharmamarkt der Eurasischen Wirtschaftsunion in Kraft / Von Hans-Jürgen Wittmann

Moskau (GTAI) - Der russische Pharmamarkt wird 2017 um 9 Prozent auf fast 24 Milliarden Euro wachsen. In den Apotheken klingeln die Kassen, denn die Verbraucher konsumieren wieder mehr Medikamente als zu Krisenzeiten. Beim Apothekenverkauf von Arzneimitteln ist ein Absatzanstieg um 11 Prozent zu erwarten. Der Markt sortiert sich gerade neu. Große Apothekenketten haben die Krise genutzt, um Konkurrenten zu übernehmen und ihre Position auszubauen. Zugleich drängen Supermarktketten auf den Arzneimittelmarkt.

Der russische Pharmamarkt wuchs im 1. Halbjahr 2017 um 11,2 Prozent im Vergleich zum analogen Vorjahreszeitraum. Experten des Marktforschungsinstituts DSM Group erwarten, dass der Pharmamarkt im Gesamtjahr 2017 um 9 Prozent auf 1,5 Billionen Rubel (23,9 Milliarden Euro; EZB-Wechselkurs 1. Halbjahr 2017: 1 Euro = 62,81 Rubel) zulegt. Der Verkauf von verpackten Arzneimitteln über Apotheken wird voraussichtlich sogar um 11 Prozent auf 894 Milliarden Rubel (14,2 Milliarden Euro) steigen. Und das, obwohl die Russen fünfmal weniger Medikamente kaufen als Europäer und die frei verfügbaren Einkommen im 1. Halbjahr 2017 um 2,2 Prozent gesunken sind.

Staatliche und private Käufe legen zu

Krankenhäuser und Kliniken beschafften im 1. Halbjahr 2017 Arzneimittel zur Verwendung bei Operationen und im postoperativen Bereich (DLO) im Umfang von 434,5 Millionen Packungen für etwa 1,5 Milliarden Euro. Damit stieg der Absatz in der Menge um 22,2 Prozent und im Wert um 25,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Einzig die Beschaffung der Arzneimittel für schwere Erkrankungen (VZN) ging etwas zurück. Im 1. Halbjahr 2017 wurden über das Programm der staatlichen vergünstigten Versorgung mit Arzneimitteln 47,1 Millionen Verpackungen für 988,9 Millionen Euro gekauft. Dies entspricht einem wertmäßigen Rückgang um 5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Russische Verbraucher kauften im 1. Halbjahr 2017 für 4,6 Milliarden Euro Medikamente im Einzelhandel - und damit um 13,9 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, so die DSM Group. Dabei sanken die Preise für Arzneimittel im Einzelhandel um 2,3 Prozent auf Rubelbasis. Verschreibungspflichtige Arzneimittel machten mengenmäßig rund ein Drittel der Verkäufe aus. Wertmäßig liegen verschreibungspflichtige und nicht rezeptpflichtige Arzneimittel beinahe gleichauf.

Marktmacht großer Apothekenketten wächst

Im Arzneimitteleinzelhandel deutet sich derweil eine Marktbereinigung an. Große Apothekenketten stärken ihre Position. Die Top 15 konzentrieren bereits 80 Prozent des freien Marktes und 50 Prozent der staatlichen Beschaffungen auf sich. Die Gruppe Erkafarm mit ihren Apotheken Doktor Stoletow und Oserki übernimmt den Konkurrenten Rosta mit dessen Filialen Raduga, Perwaja Pomoschtsch und Laduschka. Die Kette Rigla erweitert ihr Netz um 20 Prozent auf bis zu 360 Apotheken. Der Marktführer Aptetchnaya Set 36,6 mit einem Marktanteil von 7 Prozent schließt hingegen einige Filialen. Dafür wird das Apothekennetz Pharmakor ein Franchiseunternehmen der Apothekenkette 36,6. Ziel ist es, die Präsenz in Sankt Petersburg und dessen Umland auszuweiten.

Größte Apothekenketten Russlands im Jahr 2016

Name Umsatz (Milliarden Rubel) Marktanteil (in Prozent)
Asna 1) 79,0 7,8
Aptechnaya set 36,6 2) 47,9 4,7
Rigla 3) 45,2 4,4
Implosiya 44,9 4,4
Doktor Stoletov 4) 25,4 2,5
Planeta sdorovya 24,3 2,4
Raduga 5) 20,2 2,0

1) Nichtkommerzielle Partnerschaft von Apotheken; 2) Ketten 36,6, A.v.e., Gorsdraw und andere; 3) Rigla, Bud sdorow, Schiwika; 4) Doktor Stoletow, Oserki und andere; 5) Raduga, Perwaja pomoschtsch, Laduschka und andere

Quelle: DSM Group

Supermarktketten eröffnen Apotheken

Neben Apotheken drängen Supermarktketten auf den Arzneimittelmarkt. Nach dem Verbot des Onlinehandels mit Medikamenten bieten sich für Inhaber von Verkaufsflächen lukrative Geschäftschancen. Der zweitgrößte russische Lebensmittelhändler Magnit eröffnet ein eigenes Apothekennetz. Ab Juni 2017 werden bis zu 5.000 Verkaufsflächen in bestehenden Supermärkten eingerichtet. Damit geht Magnit den gleichen Weg wie sein größter Konkurrent, die X5 Retail Group, mit ihren Apothekenketten A-Mega und Da Zdorov.

Preisbindung bei lebenswichtigen Medikamenten

Die Preise für lebensnotwendige Medikamente, die etwa die Hälfte des russischen Marktes ausmachen, regelt das Gesundheitsministerium. Der Bestand der rund 650 Präparate wird im öffentlichen Gesundheitswesen immer aufgefüllt, was einen sicheren Absatz garantiert. Industrieminister Denis Manturow hat allerdings das Ziel ausgegeben, bis 2018 etwa 90 Prozent der lebenswichtigen Medikamente im Inland zu produzieren. In den nächsten zwei bis drei Jahren laufen viele Patente auf Präparate aus. Russische Pharmafirmen warten bereits darauf, diese als Generika billiger auf den Markt zu bringen.

Der Föderale Antimonopoldienst (FAS) plant zudem, das Register ausländischer Hersteller von lebensnotwendigen Arzneimittel zu überarbeiten. Produzenten aus Staaten mit hohem Preisniveau sollen durch Anbieter aus preisgünstigeren Ländern ersetzt werden. Einige internationale Pharmahersteller könnten dann den Markt verlassen, was möglicherweise zu Monopolbildung und steigenden Preisen führt.

Andererseits sollen ab 1. Januar 2018 die Preise für 197 lebenswichtige Medikamente, die weniger als 50 Rubel kosten, um bis zu 15 Prozent angehoben werden. Mit dieser ungewöhnlichen Maßnahme sollen die Hersteller davon abgehalten werden, ihre Billigprodukte vom Markt zu nehmen. Denn einige davon können noch nicht durch einheimische Präparate ersetzt werden.

In manchen russischen Regionen herrscht auch de facto ein Preisdirigismus. Dort bestimmen die Behörden, für welche Medikamente Erstattungen bezahlt werden und für welche nicht. Das kann zu einer indirekten Bevorzugung einheimischer Hersteller führen.

Eurasische Wirtschaftsunion schafft gemeinsamen Pharmamarkt

Am 6. Mai 2017 ist der gemeinsame Markt für Arzneimittel und Medizinprodukte der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) in Kraft getreten. Medikamente unterliegen einer Registrierungspflicht. Die Mitgliedsstaaten erkennen neben der nationalen nunmehr auch EAWU-Registrierungen an. Eine mehrfache Registrierung in den einzelnen Mitgliedsstaaten ist nicht mehr notwendig. Damit können die Präparate zollfrei auf dem Gebiet der Wirtschaftsunion transportiert werden. Dies erspart den Herstellern Zeit und Kosten. Für die Registrierung ist in Russland die Aufsichtsbehörde Roszdravnadzor (http://www.roszdravnadzor.ru) zuständig.

Bis zum 31. Dezember 2020 gelten noch Übergangsfristen. Die Hersteller können wählen, ob sie ihre Produkte nach nationalen oder nach EAWU-Vorgaben registrieren lassen. Ab 1. Januar 2021 gilt ein einheitliches Verfahren. Da die EAWU-Registrierung noch neu ist, fahren Hersteller gut damit, wenn sie sich in der Anfangsphase noch für die nationalen Verfahren entscheiden. Bis zum 31. Dezember 2025 müssen alle Arzneimittel, die in einem der Mitgliedsstaaten registriert wurden, nach den Regeln der EAWU erfasst sein. Medikamente, die bis dato nur nationalen Vorgaben entsprechen, bedürfen einer erneuten Registrierung.

(HJW)

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Russland Arzneimittel, Diagnostika

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Edda Wolf

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