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23.04.2018

Aserbaidschans Hauptstadt Baku hat Nachholbedarf bei der Infrastruktur

Viele Projekte im Wohnungsbau und im Nahverkehr / Schwierige Wirtschaftslage und Bankenkrise dämpfen Investitionen / Von Dr. Uwe Strohbach

Baku (GTAI) - Das große Ballungsgebiet Aserbaidschans, Baku, befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Die expandierende Region muss kräftig in den Wohnungsbau, die Transport- und Versorgungsinfrastruktur sowie das Abfallmanagement investieren. Eine klamme Staatskasse aufgrund des Einbruchs der Weltmarktpreise für Öl und Gas erschwert die Umsetzung vieler Projekte. Dennoch gibt es für Firmen aus dem Ausland eine Fülle von Geschäftschancen. Know-how und leistungsfähige Ausrüstungen sind gefragt. (Kontaktadressen)

Der Großraum Baku erstreckt sich über rund 2.820 Quadratkilometer. Dort leben auf 3,3 Prozent der Landesfläche offiziell 2,8 Millionen und inoffiziell 3,5 bis 3,8 Millionen Menschen. Das heißt: etwa jeder dritte Einwohner des Landes ist in der Region dauerhaft oder vorübergehend sesshaft. Die Region steht heute für vier Fünftel des Bruttoinlandsproduktes. Im Jahr 2030 werden dort voraussichtlich weit mehr als 4,0 Millionen Menschen leben. Immer mehr Einwohner aus ländlichen Regionen und kleinen Städten zieht es in das Ballungsgebiet.

Die in den vergangenen Jahren reichlich ins Land geflossenen Petrodollar sind zu einem Großteil in Prestigeobjekte der Regierung geflossen. Extravagante Hotel-, Büro- und Kulturbauten, Einkaufszentren und ein für viel Geld errichtetes olympisches Dorf blieben ohne wirkliche Synergieeffekte für die sozio-ökonomische Entwicklung der Region Baku. Vernachlässigte Investitionen in den innerstädtischen und regionalen Transport, die Abfallwirtschaft, die infrastrukturelle Erschließung neuer Siedlungen und die Modernisierung alter Wohngebiete rächen sich heute. Viele angestaute Probleme in der urbanen Infrastruktur bedürfen einer dringenden Lösung.

Das Baugeschehen im Großraum Baku ist stark von öffentlichen Investitionen abhängig. Infolge der stark gesunkenen Preise für den Export von Öl und Gas sowie der drastischen Währungsabwertung stehen heute weit weniger Mittel für Stadtentwicklungsprojekte zur Verfügung. Die Akquise privater Gelder für die Umsetzung solcher Vorhaben ist aufgrund der geringen Investitionsattraktivität des gesamten Nicht-Öl-Sektors Aserbaidschans schwierig.

Für prioritäre Projekte stellt die Regierung jedoch weiterhin Gelder bereit. Hinzu kommen finanzielle Hilfen internationaler Gelder. Deshalb gibt es für ausländische Unternehmen weiterhin interessante Geschäftschancen beim Ausbau der städtischen Infrastruktur.

Ambitionierte Pläne für den Wohnungsbau

Im vorbereiteten Entwicklungsplan und im Entwurf der Territorialplanung für den Großraum Baku sowie im Generalplan für den Ausbau der Stadt Sumgait sind die Umrisse für den künftigen Ausbau der Region skizziert. So sollen sich der Wohnungsfonds bis zum Jahr 2035 auf 97,8 Millionen Quadratmeter verdoppeln und die Wohnfläche pro Einwohner um 25 Prozent auf 25 Quadratmeter erhöhen (gegenüber heute). Vorgesehen ist der Abriss von mehreren Zehntausend Häusern, da diese entweder baufällig sind oder neuen Straßen und Objekten weichen müssen.

Ein erheblicher Teil der neuen Wohnungen wird mit Unterstützung der Staatlichen Agentur für Wohnungsbau errichtet. Die Preise für die Wohneinheiten sind nach Angaben der Agentur im Vergleich zu den üblichen Marktkonditionen um 20 bis 25 Prozent günstiger. Die ersten größeren Siedlungen entstehen an den Standorten Yasamal und Hövsan. Die neuen Wohnviertel sollen auch mit zahlreichen Kindergärten, Schulen und medizinischen Objekten ausgestattet werden. Außerdem soll der öffentliche Nahverkehr (Metro, Straßenbahn, Bus) ausgebaut werden.

Investitionsträchtige Vorhaben im Transportsektor

Aufgrund der zunehmenden Urbanisierung im Ballungsgebiet besteht für die Modernisierung und den Ausbau der lokalen Transportinfrastruktur ein besonders großer Handlungsbedarf. Der in den Jahren 1990 bis 2017 kräftig gestiegene motorisierte Individualverkehr (Verzehnfachung der Pkw-Dichte auf fast 300 Wagen pro 1.000 Einwohner allein in der Hauptstadt Baku) hat erhebliche negative Auswirkungen auf die Lebensqualität der Bevölkerung (Staus, Luftverschmutzung und Lärmbelästigung).

Die aktuellen sowie mittel- und langfristigen Projekte im öffentlichen Nahverkehr konzentrieren sich auf die Modernisierung und Optimierung des Busverkehrs unter der Regie der Ende 2015 gegründeten staatlichen Transportagentur Baku, die Erneuerung und Ausweitung des regionalen Bahnverkehrs sowie den massiven Ausbau des Metronetzes. Die Länge und die Anzahl der Stationen des U-Bahn-Netzes sollen sich gegenüber dem heutigen Niveau auf 76 Stationen und 119 Kilometer verdreifachen. Für 2018 plant die Metro Investitionen von 30 Millionen US$ (Ist 2017: 22 Millionen US$). Im Vorjahr nutzten 229 Millionen Fahrgästen die Züge.

Basisdaten Hauptstadt Baku
Indikator 2016
Einwohner (1.1.2017; Mio.) 2,25 (inoffiziell: bis zu 3,0)
Fläche (qkm) 2.150
BIP/Kopf (US$)
Bevölkerungsdichte (Einwohner/qkm) 1.049
Anteil der Haushalte mit Zugang zu Elektrizität(in %) 100,0
Elektrizitätsverbrauch pro Haushalt (kWh/Jahr) etwa 4.500
ÖPNV
.Anzahl der Buslinien 157
.Anzahl der täglich eingesetzten Busse über 2.000
.Länge des Metronetzes (km) 36,7
Eingesammelte Haushaltsabfälle (in 1.000 cbm) 3.574,1
Anteil der Bevölkerung mit Zugang zu einer kontinuierlichen Trinkwasserversorgung (in %) 83 (inoffiziell: etwa 70)
Wasserverbrauch pro Kopf (Liter/Tag) 202

Quellen: Staatliches Komitee für Statistik, Recherchen und Berechnungen von Germany Trade and Invest

Mehr Aktivitäten im Abfallmanagement geplant

In der Abfallwirtschaft ist auch noch viel zu tun. Bis zu sieben Prozent des städtischen Territoriums nehmen offizielle und wilde Deponien ein. Nur etwa ein Sechstel des auf 1,2 Millionen Tonnen geschätzten Aufkommens an Haushaltsabfällen wird einer Mülltrennung zugeführt oder verbrannt. Die Aktivitäten der 2009 gegründeten Aktiengesellschaft für kommunales Abfallmanagement (Tamiz Shahar ASC / Clean City JSC), ein von der Weltbank maßgeblich finanziertes Projekt zur Modernisierung der Abfallwirtschaft im Großraum Baku, und die Implementierung neuer gesetzlicher Regelungen für die Müllentsorgung trugen bisher nur punktuell zu einer Verbesserung des lokalen Abfallmanagements bei.

Doch es gibt Hoffnung. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) gewährt ein Darlehen von 39 Millionen US$ für das Einsammeln, Sortieren und Verwerten von Haushaltsabfällen im Großraum Baku. Tamiz Shahar ist gegenwärtig auf der Suche nach Partnern für die Umsetzung des Projekts und nach interessierten Firmen, die sich im Gewerbegebiet Balakhani Industrial Park ansiedeln wollen. Der Ende 2011 gegründete und jetzt (um 1,3 Hektar) auf 8,3 Hektar erweiterte Park soll sich zu einem leistungsfähigen Standort für die Reycycling- und umweltfreundliche Industrie in Aserbaidschan entwickeln. Investoren kommen hier in den Genuss steuerlicher Vergünstigungen und anderer Präferenzen.

Baku bewirbt sich um Weltausstellung EXPO 2025

Die Stadt Baku hat sich mit dem Motto "Entwicklung des Humankapitals. Aufbau einer besseren Zukunft" als Gastgeber für die Ausrichtung der Expo 2025 (10. Mai bis 10. November) beworben. Die Entscheidung für einen der drei Kandidaten (Jekaterinburg, Russland; Osaka, Japan; Baku, Aserbaidschan) wird am 15. November 2018 fallen. Sollte Baku den Zuschlag erhalten, will die aserbaidschanische Regierung auf einem etwa 250 Hektar großen, unbebauten Gelände östlich des Stadtzentrums und südlich des Flughafens einen modernen Ausstellungskomplex und ein Expo-Dorf (mit 1.500 Zimmern) errichten. Die zentralen Planer rechnen auf der EXPO mit bis zu 18 Millionen Besuchern, darunter acht Millionen aus dem Ausland. Weitere Informationen über das Projekt sind unter der Internetadresse http://www.bakuexpo2015.com abrufbar.

Ausgewählte Großprojekte in Baku
Projektbezeichnung Investitionen (Mio. US$) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Baku White City (neue Stadtteile auf 221 ha Altindustrieflächen für 50.000 Einwohner und 48.000 geplante Arbeitsplätze, soziale und andere Objekte mehrere Milliarden Realisierung: Ende 2011 bis mindestens 2020/21 Baku White City Project (http://www.bwc.az), in- und ausländische Investoren
Pilotprojekt - Bau von 254 Hochhäusern inklusive soziale Objekte in neun Stadtvierteln für die Umsiedlung von 50.000 Personen aus baufälligen Häusern; Abriss von 1.094 alten Wohnhäusern (893.000 qm) mehrere Milliarden Realisierung: 2017 bis 2021 State Housing Construction Agency / MIDA LLC (http://www.mida.gov.az), Kooperationspartner: mehrere Dutzend Baufirmen (Bauausführung)
Ausbau der U-Bahn von 25 auf 73 Stationen und 37 km auf 119 km, Modernisierung bestehender Stationen mindestens 6.000 bis 8.000 Realisierung bis 2032 geplant, voraussichtlich aber bis etwa 2040 Baki Metropoliteni QSC(http://www.metro.gov.az)
Ausbau des Seehafens Aljat (Erhöhung der jährlichen Umschlagkapazität von 15 Mio. t Fracht inklusive 100.000 Container auf bis zu 25 Mio. t und 500.000 Container) k.A. Projekt in der Vorbereitungsphase Baku International Sea Trade Baku (http://www.portofbaku.com), Projektdokumentation: Royal Haskoning (Niederlande)
Projektierung und Bau einer Stadtbahn (Vorortbahn) mit 23 Stationen inklusive Modernisierung der Ringbahn Baku-Sumgait-Baku, später auch Anbindung an den Flughafen 60 (1. Projektphase) Realisierung: 2018 bis 2019/20 Azerbaijan Railways CJSC (http://www.ady.az, http://www.railway.gov.az)

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Kontaktadressen

Behörde/Unternehmen Internetadresse Anmerkung
AHK Aserbaidschan http://www.ahk-baku.de Anlaufstelle für deutsche Unternehmen
Azerbaijan Export and Investment Promotion Foundation (Azpromo) http://www.azpromo.az Zentraler Export- und Investitionsförderer
State Committee for Urban Planning and Architecture http://www.arxkom.gov.az Kontaktpartner für den Entwicklungsplan Großraum Baku
Union of Architects of Azerbaijan http://www.uaa.az Verband der Architekten Aserbaidschans
Tamiz Shahar JSC / Balakhani Industrial Park http://www.tamizshahar.az, http://www.bsp.az Staatliche Gesellschaft für kommunales Abfallmanagement, Gewerbepark für Recycling und grüne Energie

Dieser Artikel ist relevant für:

Aserbaidschan Abfallentsorgung, Recycling, Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Hochbau, Urbanisierung, Stadtentwicklung

Kontakt

Katrin Kossorz

‎+49 228 24 993 268

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

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