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18.05.2015

Bevölkerungswachstum fordert die Metropole Kairo heraus

Mobilität und Versorgung der Einwohner eine Mammutaufgabe / Regierung treibt Pläne für neue Hauptstadt in Ägypten voran / Von Oliver Idem

Kairo (gtai) - Die ägyptische Hauptstadt Kairo ist sehr dicht besiedelt. Eine Herausforderung ist die bezahlbare Versorgung der Einwohner mit der benötigten Infrastruktur. Letztere muss aber ebenfalls finanziert werden, was zum Beispiel beim Ausbau der Metro ausländische Unterstützung erfordert. Der geplante Bau einer neuen Hauptstadt für 45 Mrd. US$ soll zügig umgesetzt werden. Für das Großprojekt vorgesehene Investitionen in moderne Technologie bieten Chancen für deutsche Unternehmen. (Internetadressen)

Im Großraum Kairo dürften derzeit etwa 20 Mio. Menschen leben. Eine genaue Zahl ist wegen der vielen informellen Siedlungen und Slums und des Ausfransens der Stadt ins Umland kaum zu ermitteln. Bereits heute ist die Versorgung all dieser Menschen mit Wasser und Strom sowie die Sicherstellung ihrer Mobilität eine große Herausforderung. Hinzu kommt ein verhältnismäßig hohes Bevölkerungswachstum, das diese Anforderungen in der Zukunft noch vergrößern wird.

Den World Urbanization Prospects von 2014 zufolge sollen 2030 rund 24,5 Mio. Menschen in Kairo leben. Heiraten und Geburten befeuern schon jetzt die Wohnungsnachfrage, wobei gerade bei bezahlbarem Wohnraum Knappheit herrscht. Mittels mehrerer Programme engagiert sich der Staat im sozialen Wohnungsbau des Landes, während private Immobilienentwickler häufig auf die wesentlich margenträchtigeren Spitzensegmente der Nachfrage abzielen.

Kairo ist einerseits geprägt von einem extrem dicht besiedelten Stadtzentrum mit vielfachem Erneuerungsbedarf bei Gebäuden und der Infrastruktur, andererseits durch teils entlegene Vorstädte mit deutlich mehr Flächenverbrauch und moderner Ausstattung. Große Einkaufszentren und Bürogebäude entstehen aus Platzgründen vor allem am Stadtrand. "Grüne Lungen" wie der populäre 30 ha große Al-Azhar-Park sind selten, wie auch insgesamt Grünflächen Mangelware in der Stadt sind.

Als umfassendes Entwicklungskonzept wurde 2009 von der General Authority for Physical Planning die Cairo 2050 Vision vorgelegt. Kernpunkte waren die Erneuerung der Infrastruktur, die Verbesserung von informellen und Armensiedlungen sowie die Verlagerung von umweltschädlichen Aktivitäten aus der Kernstadt heraus. Zudem identifizierte der Plan das Problem komplexer Entscheidungs- und Planungsstrukturen bei der Realisierung von Entwicklungsvorhaben. In den politischen Veränderungen der Folgejahre blieb die Umsetzung der Vision 2050 auf der Strecke. Ein aktueller und konkreter Ansatz vom März 2015 ist der Bau einer neuen Hauptstadt östlich von Kairo, der auf der Wirtschaftskonferenz EEDC präsentiert wurde. In verkehrsgünstiger Lage soll für 45 Mrd. US$ auf insgesamt 700 qkm ein neuer Regierungssitz entstehen.

Bau einer neuen Hauptstadt soll Kairo entlasten

Die Vorstellungen umfassen ein Verwaltungsdistrikt sowie 1,1 Mio. Wohneinheiten. Das erforderliche Land stellt die Regierung zur Verfügung und will die Pläne als Public-private Partnership zusammen mit Investoren aus der Golfregion realisieren. Für das noch namenlose Projekt ist moderne Technologie unter anderem in den Bereichen Verkehr, Wasser und Abwasser eingeplant. Erneuerbare Energien sind als wichtiges Element der Energieversorgung vorgesehen. Wenn diese Pläne auch nur ansatzweise realisiert werden, entsteht eine Fülle von Geschäftschancen in der Gestaltung und Umsetzung sowie dem Betrieb und der Wartung neuer Einrichtungen. Dass auf dem Reißbrett mit Technologie auf der Höhe der Zeit geplant wird, spricht für gute Aussichten für deutsche Anbieter.

Durch die Größe des Vorhabens rechnen Immobilienentwickler beispielsweise damit, dass die neue Hauptstadt rund 600 Gesundheitseinrichtungen sowie 2.000 Schulen und andere Bildungsstätten benötigen wird. Die Bauzeit wird etwa fünf bis sieben Jahre betragen. Angebunden werden soll die Stadt unter anderem durch einen großen Flughafen und einen Hochgeschwindigkeitszug. Zentrales Finanzierungsinstrument soll ein privater Immobilienfonds werden. Bis September 2015 ist bereits ein Abschluss der Verträge vorgesehen. Meinungen zu dem Großprojekt reichen von Zustimmung zu einer Entlastung der Stadt Kairo und Optimismus bezüglich der Finanzierbarkeit über mehrere Jahre Bauzeit bis hin zu Vergleichen mit gescheiterten früheren Plänen. Nicht zuletzt stellt sich die Frage, wie sich das "alte Kairo" weiterentwickeln würde, wenn wesentliche Akteure aus Verwaltung und Wirtschaft an einen neuen Standort ziehen.

Basisdaten Kairo *)
Indikator Jahr
Einwohner (Mio.) 9,28 1.1.15
Fläche (gesamtes Gouvernorat Kairo in qkm) 3.085 1.7.14
BIP/Kopf (landesweit in Euro) 2.462 Finanzjahr 1.7.13 bis 30.6.14
Bevölkerungsdichte (Einwohner/qkm in Kairo) 48.235 1.7.14
Grünfläche pro Kopf (qm/Einwohner in Kairo) 1 2011
Anteil der Haushalte mit Zugang zu Elektrizität (landesweit in %) 99,0 2014
Elektrizitätsverbrauch pro Kopf (kWh/Einwohner/Jahr) 1.002 Finanzjahr 1.7.12 bis 30.6.13
Abfall pro Einwohner (kg/Einwohner/Jahr in Kairo) 334 2013
Anteil der Bevölkerung mit Zugang zu Trinkwasser (landesweit in %) 90% 2015
Anteil der Bevölkerung mit Anschluss an das Abwassernetz (landesweit in %) 50% (circa 80% in den Städten und 12% auf dem Land) 2015

*) die Zahlen weichen in verschiedenen Statistiken teilweise deutlich voneinander ab

Quellen: Statistikamt CAPMAS; Ministry of Finance; Berechnungen und Recherchen von Germany Trade & Invest

Verkehrswege sind chronisch überlastet

In Kairo herrscht an den meisten Werktagen fast durchgängig rush-hour. Morgens sind Berufspendler, Schüler und Studenten unterwegs, mittags nach dem Unterricht erneut Schüler und später schließt sich bis in den Abend hinein erneut der Berufsverkehr an. Insbesondere wichtige große Verbindungsachsen und Brücken sind chronisch verstopft. Ampeln existieren kaum und die Fahrer bahnen sich dort ihren Weg, wo sich Lücken auftun. Eine Studie der Weltbank bezifferte 2014 die Kosten des Kairoer Verkehrs auf 6,5 Mrd. US$ und attestierte unter anderem einen Mangel an Verkehrsmanagement, Parkraum und Fußgängerüberwegen. Bis 2030 sollen die Kosten bis auf 14,6 Mrd. US$ hochschnellen. Diese Zahl hat die Weltbank anhand von Zeitverlusten, Kosten von Verspätungen und Gesundheitskosten errechnet. Neben Stau und Luftverschmutzung ist die hohe Anzahl von Unfällen gerade mit Fußgängern ein weiteres großes Problem in der Stadt. Jährlich sollen etwa 1.000 Menschen bei Verkehrsunfällen zu Tode kommen und circa 4.000 verletzt werden.

Eine wichtige Lebensader für den Verkehr in Kairo ist die Metro. Die Untergrundbahn mit ihren derzeit drei Linien befördert täglich mehr als 3 Mio. Menschen. Aus sozialen Gründen wird der Fahrpreis stark subventioniert. Spekulationen über kostendeckende Preise reichen bis zum Neunfachen des derzeitigen Wertes. Die Unterfinanzierung macht den benötigten weiteren Ausbau schwierig. Meistens sind Fremdfinanzierungen etwa aus Japan oder Frankreich unerlässlich, um die Pläne umsetzen zu können. Derzeit wird die Linie 3 ausgebaut, während die Planungen für die Linie 4 voranschreiten und bereits für eine fünfte und sechste Strecke Studien erstellt werden. Arbeiten fanden in den vergangenen Jahren auch am veralteten Tram-System statt. Zudem verkehren in Kairo zahlreiche Buslinien und Minibusse verschiedener Betreiber, die stark genutzt werden.

Kairo bei Wasser und Abwasser überdurchschnittlich gut versorgt

Ägypten ist ein Land mit knappen Wasserressourcen und einem steigenden Verbrauch. Im Water and Sanitation Index belegte das Land 2014 mit Position 50 unter 178 Ländern einen Platz im oberen Drittel. Die Versorgung mit Trinkwasser ist in Kairo im Vergleich zu anderen afrikanischen Großstädten gut ausgebaut. Dabei hängt die Qualität stark von der des Nilwassers als wichtigster Trinkwasserquelle ab. Problematisch ist die hohe Anzahl von Leckagen in den Leitungen, die bei 30 bis 40% liegen soll.

In den vergangenen Jahren wurden weitere Haushalte an das Abwassernetz angeschlossen und Bleirohre durch solche aus anderen Materialien ersetzt. Kairo ist auch im Hinblick auf Kläranlagen verglichen mit anderen Landesteilen gut versorgt. Dennoch fließen aus manchen Slums der Stadt Abwässer ungeklärt in den Nil und verschmutzen ihn. Landesweit fallen jährlich etwa 7,5 Mrd. cbm Abwasser an, wovon nur rund ein Drittel behandelt wird. Wasserwirtschaftliche Projekte bieten auch Anknüpfungspunkte für deutsche Unternehmen. Im Großraum Kairo steht für 800 Mio. US$ der Ausbau der Kläranlage Abu Rawash an. Anfang April lief das Bieterverfahren für den Hauptvertrag. Die Greater Cairo Water Company (http://www.gcwc.com.eg) informiert auf ihrer Internetseite unter "Tenders" beziehungsweise "Projects" über geplante, laufende und abgeschlossene Vorhaben in englischer Sprache.

Ein Beispiel für das Engagement deutscher Firmen in Form von Dienstleistungen im Abwassersektor ist Dorsch Consult. Das Unternehmen plante und überwachte 1980 den Bau der Kläranlage Helwan und plante 2006 die Erweiterung der vor allem Industrieabwässer behandelnden Einrichtung. Gemeinsam mit einem französischen und zwei ägyptischen Partnern überwachte Dorsch Consult zudem eine Ausbaustufe der Kairoer Kläranlage Gabal el-Asfar.

Im Hinblick auf die Nachfrage nach Produkten sieht die AHK Ägypten beste Exportchancen für technisch hochwertige Turbinen, Armaturen, Pumpen und Steuerungen. Bedarf besteht demnach auch bei Pumpen, Formstücken und Ventilen, im Bereich der Wasserversorgung beim grabenlosen Rohrverbau, bei Lecksuchgeräten, Wasseruhren, der Steuerung von Netzen und dem Auskleiden von Rohren. Für eine erfolgreiche Teilnahme an nationalen Ausschreibungen ist eine Vertretung vor Ort unabdingbar. Konkurrenzbedingter Preisdruck kann zur Anpassung von Technologien zwingen. Erwartet wird, dass Ersatzteile in Ägypten erhältlich sind und ein zuverlässiger After-Sales-Service besteht.

"Zabaleen"-Abfallsammler von hoher Bedeutung für die Stadt

Eingesammelter Abfall landet in Ägypten mehrheitlich auf Deponien, wofür genügend Wüstenflächen vorhanden sind. Der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zufolge werden landesweit jedoch nur etwa 60% der Abfälle eingesammelt und davon weniger als 20% fachgerecht deponiert oder wiederverwertet. Die regionalen Unterschiede sind dabei erheblich. Aus der Sicht der GIZ ist der Abfallsektor in Ägypten deutlich unterfinanziert bei einem gleichzeitig hohen Bedarf an nachhaltigen Technologien und Dienstleistungen. Der rechtliche Rahmen sei nicht ausreichend, ebenso wie die strategische Planung. Zudem sei die Zuteilung von Verantwortlichkeiten und Aufgaben unklar. In Kairo fielen 2012 circa 15 Mio. t feste Siedlungsabfälle an. Dass wahrscheinlich mehr als die Hälfte der Bevölkerung Kairos in informellen Siedlungen lebt, erschwert auch die Organisation der Abfallentsorgung. Eine wichtige Rolle spielen die Zabaleen, die Abfälle sammeln, sortieren und verwerten. Dabei erreichen sie eine weit überdurchschnittliche Recyclingquote, die bei etwa 85% liegen soll.

Ausgewählte Projekte
Projektbezeichnung Investitionssumme (in Mio. US$) Projektstand Anmerkung
Cairo Metro Network - Linie 4 3.000 Studie Träger: National Authority for Tunnels
Cairo Metro Network - Linie 6 2.500 Studie Träger: National Authority for Tunnels
Städtebauprojekt New Giza 1.800 Durchführung Träger: New Giza for Real Estate Development Company
Cairo Metro Network - Linie 5 1.500 Studie Träger: National Authority for Tunnels
Kombikraftwerk Giza North 1.050 Durchführung Träger: Cairo Electricity Production Company
Ausbau Kläranlage Abu Rawash 800 Bieterverfahren für den Hauptvertrag Träger: Ministry of Housing, Utilities, and Urban Development
Kraftwerksausbau 6th of October City 432 Durchführung Träger: Cairo Electricity Production Company

Quelle: MEED Projects, April 2015

Internetadressen:

National Authority for Tunnels

Internet: http://www.nat.org.eg

New Giza for Real Estate Development Company

Internet: http://www.newgiza.com

Cairo Electricity Production Company (CEPC)

Internet: http://www.cairoepc.com

Ministry of Housing, Utilities and Urban Development

Internet: http://www.moh.gov.eg

(O.I.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Ägypten Bauwirtschaft, allgemein, Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Kraftwerksbau, Deponie und Abfallaufbereitungsbau, Gewerbebau, Wasser-, Hafenbau, Wohnungsbau, Wasserversorgung, -gewinnung, Bewässerung, Öffentlicher-Personen-Nahverkehr (ÖPNV)

Kontakt

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‎+49 228 24 993 278

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