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22.07.2016

Brexit-Folgen für Bulgariens Wirtschaft verkraftbar

Wichtigen Nachbarländern bleibt EU-Perspektive erhalten / Von Christian Overhoff

Bonn (GTAI) - Ein Brexit dürfte Bulgariens Wirtschaftsdynamik etwas bremsen. Insgesamt werden die direkten Folgen aber nicht allzu schmerzhaft. Rund 2,5% der Exporte fließen in das Vereinigte Königreich. Diese Ausfuhren werden bei anhaltender Schwäche des Pfund Sterlings zurückgehen. Deutschland und Frankreich unterstützen weiter die Region - und damit für Bulgarien wichtige Partner und Projekte. Die Beitrittsperspektive der Westbalkanstaaten bleibe erhalten.

Die bulgarische Exportwirtschaft muss bei anhaltender Schwäche des britischen Pfund Sterlings mit geringeren Ausfuhren in das Vereinigte Königreich rechnen. Nach dem Brexit brach dessen Währung um rund 10% ein. Die Insel ist mit 1,15 Mrd. BGN (etwa 588 Mio. Euro, fester Wechselkurs: 1,9558 Lewa (BGN) = 1 Euro) hinter Belgien der siebtgrößte Markt. Dies entsprach 2015 einem Exportanteil von 2,5%, so das nationale Statistikamt NSI.

Bulgarien exportiert hauptsächlich Produkte des verarbeitenden Gewerbes in das Vereinigte Königreich, allen voran Textilien und Bekleidung gefolgt von Maschinen und chemischen Erzeugnissen. Letztere beinhalten für rund 46 Mio. Euro pharmazeutische Artikel. Unter den sogenannten verschiedenen Waren dominieren Möbel mit rund 61 Mio. Euro.

Eine weitere Einnahmequelle für Bulgarien bilden britische Touristen, die mit rund 250.000 Besuchern jährlich an zehnter Stelle der Top 10 der etwa 9.300.000 Gäste in Bulgarien stehen. Viele Hoteliers haben ihre Verträge mit den Reiseveranstaltern zu alten Pfund-Kursen abgeschlossen und nur wenige haben sich gegen Wechselkursschwankungen abgesichert, sagte der Leiter des Instituts für Analysen und Bewertung des Tourismus Rumen Draganov Ende Juni gegenüber dem Nachrichtenportal Flagman. Allerdings werde im Gegenzug ein deutlicher Anstieg der Besucherzahl aus dem Vereinigten Königreich erwartet, da Bulgarien trotz eines schwächeren Pfunds ein günstiges Urlaubsziel für Briten bleibe.

Aufenthalt von 65.000 Bulgaren in Großbritannien ungewiss

Viele Bulgaren müssen sich um ihren Verbleib im Vereinigten Königreich Sorgen machen: Etwa 65.000 Landsleute arbeiten laut Portal balkaninsight.com dort. Angesichts eines Fachkräftemangels und einer relativ moderaten Arbeitslosigkeit in Bulgarien dürfte eine Rückkehr dieser Arbeitskräfte für das Land verkraftbar oder sogar vorteilhaft sein. Die Arbeitslosenquote sank im Mai 2016 von 10,0 auf 7,3% gegenüber dem Vorjahr, so das europäische Statistikamt Eurostat. In der EU28 lag die Arbeitslosenquote bei 8,6%.

Exportschwäche dämpft Wachstumsaussichten

Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) geht in seiner Prognose von Ende Juni davon aus, dass das bulgarische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im laufenden Jahr um 2,9 und im kommenden Jahr um 3,0% wachsen wird. Die Wirtschaft des Landes hat laut Statistikamt (NSI) im 1. Quartal 2016 bereits mit 2,9% BIP-Zuwachs gegenüber dem Vergleichszeitraum 2015 vorgelegt.

Weniger optimistisch, dies aber bereits vor dem Brexit, ist die EU-Kommission, die im Frühjahr für 2016 einen Zuwachs von 2,0% prognostizierte. Der Dämpfer gegenüber 2015 (+3,0%) folgt einem schwächeren Exportwachstum bei rückläufiger Investitionstätigkeit, die ein anziehender Konsum nur zum Teil ausgleicht (siehe auch "Wirtschaftstrends Jahresmitte 2016 - Bulgarien" von GTAI).

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Unsicherheit über weitere Entwicklung

Die direkten Auswirkungen des Brexit auf die mittel-, ost- und südosteuropäischen Länder sind begrenzt. Indirekte Effekte auf die gesamte europäische Wirtschaft könnten jedoch beträchtlich sein, warnt etwa das Wiener Institut (WIIW).

Alle Prognosen stehen jedoch unter Vorbehalt, da die weiteren Folgen des Brexit-Referendums abzuwarten sind. Die britische Regierung muss nun über die Einreichung des formellen Austrittsgesuchs entscheiden. Dann werden Austrittsverhandlungen mit den EU-Institutionen eingeleitet. Bis zum Abschluss dieser Verhandlungen bleiben alle Rechte und Pflichten für das Vereinige Königreich bestehen.

Alleine diese Unsicherheit könnte Europa und damit auch Bulgarien Wachstum kosten. Die Investmentbank Goldman Sachs zum Beispiel erwartete Ende Juni eine durchschnittliche Zunahme der Wirtschaftskraft in der Eurozone um 1,25% für die nächsten zwei Jahre. In der vorherigen Prognose ging sie noch von 1,50%. Die EU-Kommission rechnete in ihrer Frühjahrsprognose von Mai 2016 mit 1,6% Zuwachs für dieses und mit 1,8% für kommendes Jahr. Zahlen nach dem Brexit liegen von der EU noch nicht vor.

Deutschland und Frankreich halten an Integrationspolitik für die Region fest

Einige Experten befürchten weniger Reformdruck seitens der EU auf Bulgarien und eine Verlangsamung der Integration neuer Länder in die Union sowie geringere Fortschritte bei europäischen Infrastrukturprojekten - insbesondere im Bereich Verkehr und Energiewirtschaft. "Europa wird sich mit dem Brexit beschäftigen und dies wird den Reformdruck in Bulgarien senken", sagte etwa Simeon Djankov, Ex-Finanzminister und Professor an der London School of Economics, der bulgarischen Zeitschrift Kapital.

Solchen Befürchtungen traten jüngst mehrere EU-Mitglieder entgegen: Das Brexit-Referendum wird nach Angaben von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Francois Hollande nichts an der EU-Beitrittsperspektive der Balkanstaaten ändern. "Das hatten die Länder befürchtet", sagte Merkel am 4.7.16 in Paris auf der Westbalkan-Konferenz. "Deshalb war für die Länder heute ganz wichtig, dass wir alle betont haben, [...] dass die Beitrittsperspektive der Staaten des westlichen Balkans erhalten bleibt. Es hat sich mit der Entscheidung Großbritanniens nichts geändert." Ähnlich äußerten sich Hollande und der kroatische Ministerpräsident Tihomir Oreskovic.

Weitere Informationen zum Austrittsverfahren, zu den Auswirkungen auf deutsche Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger sowie zur weiteren Zusammenarbeit der EU mit dem Vereinigten Königreich stellt das deutsche Bundesministerium für Wirtschaft und Energie auf seinem Internetauftritt bereit:

http://www.bmwi.de/DE/Themen/Europa/brexit,did=771554.html

Zudem ist die Broschüre "Nach dem Brexit: Informationen für Unternehmen" (http://www.bmwi.de/DE/Mediathek/publikationen,did=772588.html) erschienen.

Pressestatement von Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Westbalkan-Konferenz:

https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Mitschrift/Pressekonferenzen/2016/07/2016-07-04-merkel-westbalkankonferenz.html

Bulgariens wichtigste Exportwaren in das Vereinigte Königreich 2015
Kombinierte Nomenklatur (KN) Wert in Mio. Euro Veränderung 2015/14 (in %)
Spinnstoffe und Waren daraus (50 bis 63) 100,7 0,3
Maschinen, Apparate, mechanische Geräte und elektrotechnische Waren, Teile davon; Fernsehbild- und Tonaufzeichnungsgeräte oder Tonwiedergabegeräte, Teile und Zubehör für diese Geräte (84 bis 85) 85,4 20,5
Erzeugnisse der chemischen Industrie und verwandter Industrien (28 bis 38) 68,5 20,6
Verschiedene Waren (94 bis 96) 66,5 20,0
Unedle Metalle und Waren daraus (72 bis 83) 59,8 7,8
Waren pflanzlichen Ursprungs (6 bis 14) 43,5 72,8
Waren aus Steinen, Gips, Zement, Asbest, Glimmer oder ähnlichen Stoffen; keramische Waren; Glas und Glaswaren (68 bis 70) 41,9 19,9
Kunststoffe und Waren daraus; Kautschuk und Waren daraus (39 bis 40) 27,6 17,8
Waren der Lebensmittelindustrie; Getränke, alkoholhaltige Flüssigkeiten und Essig; Tabak (16 bis 24) 24,0 4,7
Mineralische Stoffe (25 bis 27) 23,0 1) 11903,2 2)

1) davon 17,9 Mio. Euro Erdöl; 2) Hintergrund für den explosionsartigen Anstieg des Exports dieser Produkte ist eine Aufrüstung der Raffinerie von Lukoil Neftochim. Das Werk des russischen Konzerns in Burgos wurde zuletzt für 1,5 Mrd. US$ modernisiert.

Quelle: Nationales Statistikamt NSI

(C.O.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Bulgarien Export, Wirtschaftsbeziehungen zur EU, Konjunktur, allgemein

Kontakt

Christian Overhoff

‎+49 (0)228 24 993-321

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

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