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06.02.2015

Bulgariens Softwareindustrie auf Kurs

Zunehmende Auslandsorientierung/ Breites Leistungsspektrum/ Von Michael Marks

Sofia (gtai) - Die Softwareindustrie gehört zu den besonders dynamischen Wirtschaftszweigen Bulgariens. Die Wertschöpfung ist hoch, das Wachstum schnell. Die Firmen erweitern ihre Produktpalette und expandieren verstärkt ins Ausland. Im Inland gibt es hochqualifizierte Spezialisten. Es machen sich jedoch Kapazitätsengpässe bemerkbar, die es zu bewältigen gilt. So soll dem Fachkräftemangel durch beschleunigte Ausstellung der "blauen Karte" für ausländische Softwareexperten begegnet werden. (Kontaktanschrift)

Die Softwareindustrie gehörte im Jahr 2014 zu den bulgarischen Wirtschaftszweigen mit der schnellsten Entwicklung. Das Umsatzwachstum wird laut Softwareverband BASSCOM auf 15% veranschlagt nach einem Plus von 11% im Jahr zuvor. Die Einnahmen beliefen sich 2014 auf 1.373 Mio. Lewa (702 Mio. Euro, fester Wechselkurs: 1 Euro = 1,9558 Lewa) nach 1.198 Mio. Lewa im Jahr davor. Das entsprach einem Anteil von 1,7% am Bruttoinlandsprodukt (BIP) beziehungsweise 1,5%. Im Jahr 2010 waren es nur 1,1%, und 2005 nicht einmal 0,6% gewesen. Über 60% der Einnahmen der Softwareunternehmen stammen aus dem Export von Hightech-Produkten und -Dienstleistungen. Traditionell wird am meisten in die USA, nach Kanada und in die EU exportiert.

Immer mehr Unternehmen streben mit selbst entwickelten Softwareprodukten auf globale Märkte. Die Firmen sind wettbewerbsfähig und machen weitere Fortschritte. Der bulgarische Softwaremarkt entwickelt sich besonders im Segment Verkauf und Implementierung von spezialisierten Systemen für Geschäftsprozesse (ERP - Enterprise Resource Planning, CRM - Customer Relationship Management). In diesem Bereich hat es einige Veränderungen gegeben. So wurden Branchenunternehmen durch größere europäische Firmen mit Erfahrung in Verkauf und Implementierung von ERP-Systemen akquiriert.

Andererseits begeben sich Unternehmen, die bislang mit Beratung und Auswahl von Lieferanten für Managementsysteme befasst sind, in neue Geschäftsfelder und Märkte wie zum Beispiel als Systemintegratoren. Dies hat zur Herausbildung neuer Marken und zum wachsenden Wettbewerb geführt. Der Fokus der Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren klar von der Ausführung von Aktivitäten mit niedrigeren Ansprüchen wie "Codierung" in Richtung Beteiligung an allen Phasen der modernen Softwareindustrie verschoben, von der Analyse, über Design, Architektur, Implementierung, Qualitätskontrolle bis hin zu Wartung und Entwicklung.

Branche zuversichtlich

Der Großteil der Unternehmen ist für das Jahr 2015 optimistisch gestimmt. So erwarten laut BASSCOM 40% der Firmen einen Umsatzzuwachs um 25%, weitere 27% von 10%, 16% eine Stagnation und 11% einen Anstieg um 50%. Nur wenige Unternehmen gehen von einer negativen Geschäftsentwicklung aus.

Die Softwareindustrie ist der größte Technologiearbeitgeber des Landes mit Blick auf die gezahlten Gesamtlöhne, noch vor der Telekommunikation und Call Centern. Sie gehört zu den Branchen mit der höchsten Wertschöpfung. Die gezahlten Löhne sind vier Mal so hoch wie der bulgarische Durchschnitt. Im Jahr 2014 betrug das monatliche Durchschnittsentgelt (Löhne plus Boni) brutto 3.510 Lewa (+5% zum Vorjahr). 2013 lag es bei 3.330 Lewa (+10%). Das monatliche Bruttoanfangsgehalt liegt durchschnittlich bei 1.500 Lewa. Mit einer zehnjährigen Erfahrung bewegen sich die Gehälter auf dem Niveau wie für Softwarefachleute in Zentral- und Westeuropa. Das Interesse junger Menschen an der Fachrichtung sinkt allerdings.

In der Branche waren 2014 rund 17.000 Personen beschäftigt (+10% gegenüber dem Vorjahr). Im Jahr 2005 waren es gerade 5.000 Mitarbeiter. IT-Fachleute machen 80% der Beschäftigten in der Softwarebranche aus, davon sind ein Drittel Frauen. Über 90% der Jobs sind von jungen Menschen unter 35 Jahre besetzt.

Fachkräftemangel begegnen

Die größte Herausforderung für die Branche bildet der Fachkräftemangel. Unternehmen werden immer häufiger mit der Knappheit an IT-Fachleuten konfrontiert. Dabei steigt die Zahl neuer offener Stellen konstant. Um Positionen zum Beispiel für Softwarearchitekten und -entwickler oder IT-Berater zu besetzen, benötigen die Firmen bisweilen über zehn Wochen.

Eine Möglichkeit zur Lösung des Problems des Fachkräftemangels bildet die Erteilung von sogenannten "blue cards" für ausländische (außerhalb der EU) IT-Spezialisten in Bulgarien. So könnte das Land schneller ein Regionalzentrum für die Entwicklung der Branche werden. Dazu hat die IT-Branche ein Treffen mit Wirtschaftsminister Bozhidar Lukarski organisiert. Die Ausstellung der blauen Karten nimmt in Bulgarien sechs bis neun Monate in Anspruch. Im vergangenen Jahr wurden gerade zwei Karten ausgestellt.

BASSCOM hält weitere Reformen im Hinblick auf das Bildungssystem für erforderlich. So soll ein neues Schulfach ("Denken, Systeme, Kreativität, Design-Informatik") das alte "Informationstechnik" ablösen. Ferner soll das Projekt Beruf "Programmierer" für alle Schüler der Klassen neun bis zwölf realisiert werden. Gefordert wird ein nationales Programm zur Umschulung auf Berufe mit hoher Wertschöpfung. Für Diplome soll eine Englischprüfung nach internationalen Testverfahren Voraussetzung werden.

Immer mehr Unternehmen gründen zudem eigene Akademien für die Ausbildung von IT-Fachleuten. Eine der ersten ist die Software-Akademie der Firma Telerik. Sie bietet für 14 Monate Softwareausbildung für Studenten, angehende Softwareingenieure und Fachleute, die eine Umschulung suchen. Fast 97% der Absolventen arbeiten in der Softwareindustrie.

Die Gefahr, dass Softwareunternehmen aufgrund der Tendenz zu steigenden Löhnen und wegen des Fachkräftemangels Bulgarien verlassen könnten, gilt als gering. Die Vorteile des Landes liegen in der Qualität der Leistung und der Fachleute, die den ganzen Zyklus der Softwareproduktion abdecken.

Wettbewerbsverzerrungen abbauen

Die IT-Branche verlangt eine Änderung des Gesetzes zur Förderung ausländischer Investitionen. Derzeit bietet das Gesetz einige Vorteile für ausländische Firmen, wodurch die Konkurrenzfähigkeit der bulgarischen IT-Unternehmen sinkt. Als Beispiel können IT-Firmen aus der Ukraine angeführt werden, die in Bulgarien eine Zertifizierung als Investor der Klasse A bekommen haben und damit das Recht auf Rückerstattung der Kosten für die Sozialversicherung. Das bedeutet in der Praxis eine Kostensenkung um 18% und verringert die Konkurrenzfähigkeit bulgarischer Firmen.

Immer mehr bulgarische IT-Firmen eröffnen Niederlassungen im Ausland, darunter in Europa, den USA und im Nahen Osten. Eine Studie zeigt, dass über 80% der IT-Firmen bereit sind, 30% ihres Investitionsbudgets zwecks Entwicklung außerhalb Bulgariens zu verwenden.

Ein solches Unternehmen ist ScaleFocus. In den nächsten drei bis fünf Jahren plant die Firma eine Personalerhöhung um über 500 Mitarbeiter. Die ersten 30 bis 40 neuen Mitarbeiter werden in den nächsten Monaten in der Niederlassung in Plovdiv eingestellt. Sie sollen für Projekte vor allem mit US-amerikanischen Kunden zuständig sein. Ein erstes internationales Büro wurde Ende 2013 in London eröffnet. Ein zweites soll in Kürze in Deutschland folgen.

Zwei in der Branche international bekannten bulgarischen Experten, Dejan Vitanov und Petar Dobrev, beabsichtigen, einen Multiplayer für Mobilgeräte zu entwickeln. Das von ihnen gegründete Start-up Chobolabs erhielt eine Anschubfinanzierung in Höhe von 1,3 Mio. US$. Zu Investoren gehören unter anderem der Risikofonds Innovation Endeavors des Ex-Geschäftsführers von Google, Erik Schmitt, und einer der ersten Business Angels bei Facebook, Maurice Werdegar.

Kontaktanschrift:

BASSCOM (Bulgarian Association of Software Companies)

Bulgarischer Verband der Softwareunternehmen

Kontaktperson: Stamen Kotchkov

E-Mail: office@basscom.org; Internet: http://www.basscom.org

(M.M.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Bulgarien Software / EDV-Dienstleistungen

Kontakt

Christian Overhoff

‎+49 228 24 993 321

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