Suche

03.01.2018

China strebt bei Künstlicher Intelligenz an die Weltspitze

Ausländische Firmen folgen Lockruf der Regierung / Sorgen über Datensicherheit und Internetgeschwindigkeit / Von Achim Haug

Bonn (GTAI) - Chinas Technologiekonzerne haben sich zu den größten der Welt aufgeschwungen. Nun wollen sie die nächste Stufe mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) erklimmen - mit Wohlwollen des Staates. Besonders für E-Commerce-, Transport- und Finanzdienstleistungen erwachsen hier neue Möglichkeiten, besseren Service zu bieten. In keinem Land außer den USA wird so viel zu KI-Anwendungen geforscht, wie in China. Auch wenn chinesische Anbieter gefördert werden, können deutsche Firmen Kooperationen schließen.

"Umsetzung zuerst - Regulierung später" - unter diesem bewährten Prinzip nähert sich China auch der Künstlichen Intelligenz. Das Land erhofft sich viel von diesen Technologien und schickt sich an, neben den USA die Weltspitze zu erobern. Im Sommer 2017 hatte der Staatsrat - die chinesische Regierung - den "Next Generation Artificial Intelligence Development Plan" zur Entwicklung der KI vorgelegt. Demzufolge soll China eine weltweit führende Rolle auf dem Gebiet einnehmen. Die Ziele für die heimische Wertschöpfung sind ambitioniert: 2020 soll diese umgerechnet bei rund 23 Milliarden US-Dollar (US$) liegen und 2030 dann circa 150 Milliarden US$ erreichen.

Neue, zukunftsfähige Technologien, die in dem Plan identifiziert werden, sind Robotik, virtuelle Realität, aber auch Anwendungen in der verarbeitenden Industrie, der medizinischen Versorgung, der Stadtentwicklung und der Landwirtschaft. Die Regierung will führende multinationale Unternehmen wie Google und Amazon einladen, im Land zu investieren.

"Diese Pläne haben Zähne" erklärt Kai-Fu Lee in der Financial Times. Der Google und Microsoft Veteran sowie Gründer von Sinovation Ventures gilt als Experte für KI-Entwicklung in China. Er erwartet noch ein schnelleres Wachstum als von der Regierung avisiert. Die strukturellen Vorteile Chinas in der KI benennt Lee deutlich: die große Bevölkerung produziere riesige Datenmengen und stelle auch die Talente. Dazu wären Datenschutzsorgen gering, die Regierung unterstütze den Sektor und es sei eine aggressive Investoren- und Fördererszene entstanden - ihn selbst eingeschlossen.

Forschungsaktivitäten nehmen stetig zu

Auch die Erforschung wird mit Hochdruck vorangetrieben. So verfassten chinesische Autoren 43 Prozent der Beiträge zu den 100 weltweit führenden KI-Journalen im Jahr 2015. EU-Wissenschaftler wurden dadurch 2016 bei Veröffentlichungen zu KI erstmals überholt. Und in jedem der vergangenen drei Jahren gewannen chinesische Entwicklerteams den Wettbewerb "ImageNet", der die Programmierung von Algorithmen für die Bilderkennung zum Ziel hat.

Alle großen Internetkonzerne Chinas haben Labore zur Entwicklung von KI eingerichtet. Das Ministry of Science and Technology hat inzwischen chinesische Firmen für einzelne KI-Bereiche als führend designiert: Suchmaschinenbetreiber Baidu für autonomes Fahren, Tencent für Gesundheit, Alibaba für Smart Cities und iFlyTek für Spracherkennung. Die Regierung erhofft sich zum Beispiel effizientere und sichere Städte, wo KI, Big Data und das Internet der Dinge zusammenfließen. Dazu sollen besonders die Steuerung von Verkehrsflüssen und die Überwachung durch intelligente Kamerasysteme beitragen. Im Dezember 2017 hat auch Google ein KI-Labor in Beijing eröffnet.

Bei der KI geht es darum, eine menschenähnliche Intelligenz nachzubilden, das heißt, ein Computersystem so zu programmieren, dass es eigenständig Probleme bearbeiten kann. KI, oder englisch Artificial Intelligence (AI) findet Anwendung in Social Media-Plattformen, in Videoanalysen zur Sicherheitsüberwachung, im Gesundheitssektor oder selbst in Algorithmen die Sportberichte und Unternehmensanalysen verfassen. Außerdem unterstützt sie Trends wie autonomes Fahren oder Industrie 4.0.

Ausländische Unternehmen mit gemischten Gefühlen

Ausländische Firmen haben großes Interesse, an der Entwicklung zu partizipieren, sie müssen dazu in der Regel mit chinesischen Unternehmen kooperieren. Allerdings wird auch schon die Sorge laut, bei der Geschwindigkeit in China den Anschluss zu verlieren. Zudem ist gerade in der digitalen Wirtschaft das Spielfeld stark zugunsten der lokalen Firmen geneigt, zum Beispiel durch das Blockieren amerikanischer Internetkonzerne wie Google oder Facebook.

Dies bereitet auch deutschen Unternehmen Kopfzerbrechen. Unter den größten Herausforderungen in China listen Firmenvertreter Schwierigkeiten mit dem Internet und die Suche nach qualifiziertem Personal, so die Ergebnisse der Geschäftsklimaumfrage der Deutschen Handelskammern in China im November 2017. Besonders die langsamen Geschwindigkeiten bei grenzüberschreitendem Datenverkehr lähmen integrierte Innovationsprojekte.

Zusätzliche Sorgen bereiten ausländischen Firmen derzeit neue gesetzliche Regelungen zur Cybersicherheit, die im Juni 2017 in Kraft traten. Diese zwingen Firmen in bestimmten Fällen dazu, Daten in China zu speichern, Quellcodes offen zu legen und bestimmte, von der Regierung zugelassene, IT-Hardware zu nutzen.

Erfahren Sie mehr über die Ergebnisse der Umfrage deutscher Unternehmen in China: http://www.gtai.de/MKT201712158015

Deutsche Firmen schließen Partnerschaften

Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) kooperiert mit dem chinesischen Visualisierungstechnologie-Unternehmen 4DAGE. Die Zusammenarbeit erstreckt sich vor allem auf den Bereich der visuellen Künstlichen Intelligenz, so eine Meldung des DFKI von Oktober 2017. Erste gemeinsame Projekte sind im Bereich teilautonomer Roboter und 3D-Scanning angestrebt. 4DAGE investiert damit über 2,1 Millionen Euro in die DFKI-Forschung.

Auch im Bereich autonomes Fahren werden fleißig Partnerschaften geschlossen. Ein Grund ist, dass ausländische Firmen die dafür notwendigen Daten nicht erfassen können, wie die Financial Times berichtet. So dürfen diese nach Industrieberichten nicht die Bild- und GPS-Daten in der nötigen Tiefe in China aufzeichnen. Nur 13 chinesische Firmen haben bislang eine Lizenz für hochauflösende Kartenaufzeichnungen. Für ausländische Autofirmen bleibt daher nur eine Kooperation mit diesen. An der von Baidu für autonomes Fahren eingerichteten Plattform Apollo sind auch namhafte deutsche Unternehmen beteiligt wie Bosch, ZF Friedrichshafen und Continental.

Bosch kooperiert bereits auf verschiedenen Ebenen, darunter auch mit den führenden chinesischen Kartenanbietern Amap, Baidu und NavInfo um Karten für automatisiertes Fahren in China durch Radar- und Videosensoren zu verbessern. Mit Health Link Inc. treibt der Technologiekonzern die vernetzte Mobilität für das Notfallrettungsmanagement voran und mit dem IKT-Ausrüster Huawei testet die Firma den Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen. Bosch-Produkte werden auch auf der Alibaba-Plattform tmall.com angeboten. 2017 wurde eine strategische Allianz vereinbart um die Kooperation mit Alibaba auf Bereiche wie IoT, cloud-computing und KI auszuweiten.

Der Kartendienst Here, der von den Autoherstellern Daimler, BMW und Audi übernommenen wurde, wollte eigentlich in China durchzustarten. Dies wurde nach Bedenken aus den USA gestoppt, Here will aber mit dem chinesischen Unternehmen NavInfo die Entwicklung von digitalen Karten für das autonome Fahren in China vorantreiben. NavInfo ist aus einer Regierungsinitiative vor 20 Jahren hervorgegangen und hat die ersten Navigationssystemkarten in China bereitgestellt.

(H.G.)

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in China können Sie unter http://www.gtai.de/china abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

China Forschung und Entwicklung, Straßenfahrzeuge, allgemein, Robotik und Automation, Digitalisierung

Lisa Flatten Lisa Flatten | © GTAI

Kontakt

Lisa Flatten

‎+49 228 24 993 392

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche