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22.03.2017

Die Tschechische Republik im Gründerfieber

Von der Uni in den Chefsessel / Wegen geringer Marktgröße denken viele Start-ups von Anfang an global / Von Gerit Schulze

Prag (GTAI) - In Tschechien gibt es bereits über 500 Start-ups. Die jungen, schnell wachsenden Technologiefirmen setzen meist von Anfang an auf globale Märkte. Sie finden immer mehr private Geldgeber, die in die Neugründungen investieren. Von tschechischem Risikokapital profitieren inzwischen sogar deutsche Unternehmen. Besonders die Hauptstadt Prag zieht junge Firmen an. Aber auch Brno entwickelt sich als Start-up-Magnet.

Wenn Cedric Maloux über Prag spricht, gerät er ins Schwärmen und lobt die strategische Lage zwischen Berlin und Wien, die hohe Lebensqualität und die geringen Kosten für den laufenden Betrieb. Maloux ist Geschäftsführer von StartupYard, dem größten Seed Accelerator im Land. Seine Firma hilft jungen Unternehmensgründern mit Kapital, Büroräumen, Kontakten und Beratung beim Sprung auf den Markt.

Prag entwickelt sich zu einem führenden Zentrum für innovative Start-ups in Mittelosteuropa. Rund 300 solcher dynamischen Jungunternehmen sollen bereits in der Moldaustadt residieren. Hier finden sie Kapitalgeber und beste Infrastruktur. Neben StartupYard gibt es eine Reihe weiterer Starterzentren, Inkubatoren und Co-Working-Flächen für junge Firmen. Sie heißen Prague Startup Centre, TechSquare, Node5 oder Creative Dock, das inzwischen sogar eine Filiale in München eröffnet hat. Selbst das New Yorker Innovationslabor Hatchery hat einen Ableger in Prag gegründet. Ebenso der Wiener Co-Working-Spezialist Impact Hub.

Europas Satellitensystem Galileo hat seinen Sitz in Prag und unterstützt hier im ersten Kosmos-Inkubator Mitteleuropas Start-ups im Bereich Weltraumforschung. Und Skoda Auto baut seit Herbst 2016 eine eigene Start-up-Einheit in Prag auf, um Apps und andere IT-Innovationen für Autos entwickeln zu lassen.

Doch das Gründungsfieber hat auch andere Universitätsstädte des Landes erfasst. Anders als noch vor zehn Jahren streben Studierende zwischen Pilsen und Ostrava nicht unbedingt eine Managerkarriere in großen Firmen an, sondern wollen oft ihr eigener Chef sein. Rund 550 Start-ups hat das Prager Aspen Institute landesweit ausfindig gemacht. Bei einer Untersuchung kam 2016 heraus: Der durchschnittliche Gründer in Tschechien hat einen Universitätsabschluss, ist männlich und um die 30 Jahre alt. Etwa 60% der Umfrageteilnehmer kommen aus Prag. Daneben entwickelt sich vor allem Brno zum Geheimtipp; 15% der Start-ups haben in der südmährischen Metropole ihren Sitz, vor allem dank der guten Universitäten und des Innovationszentrums JIC.

IT-Infrastruktur im Fokus

Beim Blick auf die Produktpalette der tschechischen Wachstumsunternehmen fällt der starke technische und digitale Fokus auf. Ein Großteil der Start-ups bietet die Auslagerung von Software und IT-Infrastruktur an (Software as a Service, SaaS), Webservices, mobile Softwaredienste oder Cloud-Technologien. Aktuelle Industriethemen wie Nano- und Biotechnologie, neue Werkstoffe oder Photonik spielen nur eine Nebenrolle.

Zwei Drittel der Start-ups haben ein innovatives neues Produkt entwickelt. Der Rest imitiert vorhandene Ideen oder adaptiert diese. Beispiele sind die Taxi-App Liftago, die sich an Uber orientiert, oder der Lieferservice damejidlo.cz. Jede dritte Jungfirma verfügt bereits über eigene Patente oder eingetragene Handelsmarken.

"Die Start-up-Szene in Tschechien wird immer lebhafter", beobachtet Philip Staehelin, Managing Partner bei Roland Berger, der selbst als Investor und Mentor für Start-up-Projekte im Land tätig war. "Doch die Unternehmer sind noch mit zu vielen administrativen Hürden in der Startphase konfrontiert." Dadurch könnten sich die Existenzgründer häufig nicht auf ihre Kernaufgabe konzentrieren - den Aufbau eines Unternehmens mit nachhaltigem Geschäftsmodell. Das schrecke potenzielle Gründer ab, glaubt Staehelin. Helfen würden nach seiner Meinung Steuersparmodelle für Start-up-Investoren (Business Angels), neue Beschäftigungsformen, bei denen für die Arbeitgeber weniger Sozialabgaben anfallen, oder direkte Subventionen der Sozialabgaben für Start-ups.

StartupYard-Geschäftsführer Maloux würde sich noch über eine neue Rechtsperson freuen, die moderner und flexibler auf die Bedürfnisse der Start-ups zugeschnitten wäre. "Sie sollte so ähnlich konstruiert sein wie die Limited Company im Vereinigten Königreich." Derzeit sei es schwierig, für Risikoinvestoren in tschechische GmbHs (s.r.o.) Wandelanleihen zu kreieren oder Aktienoptionen für Beschäftigte.

Family and Friends als Kapitalgeber

Laut der Aspen-Studie bringen drei Viertel der tschechischen Start-ups ihre Projekte zunächst mit Eigenkapital auf den Weg. Jede achte Firma hat auf die berühmten drei F zurückgegriffen (friends, family, fools). Bankkredite, Venture Capital Fonds oder öffentliche Förderung spielen in der Startphase kaum eine Rolle. Für die künftige Entwicklung jedoch kommen sie selten an externen Finanzierungsquellen vorbei.

"Die größte Hürde ist die Seed-Phase", sagt Unternehmensberater Staehelin. "Besonders die ganz jungen Start-ups haben Probleme beim Kapitalzugang, weil das Netzwerk der Business Angels kaum entwickelt ist." Zudem seien tschechische Investoren grundsätzlich risikoscheuer als in den USA oder in Westeuropa.

In die Bresche springen könnte der Staat. Das Industrie- und Handelsministerium hat einen Nationalen Investmentfonds NIF gegründet, der sich ab 2017 als Co-Investor an jungen Firmen in der Seed-Phase beteiligen soll. Im Blick hat das Ministerium vor allem Ausgründungen von Forschungsprojekten etwa im Bereich Life Sciences oder Nanotechnologie.

Außerdem steigen große tschechische Investitionsgesellschaften und Konzerne in die Förderung innovativer Geschäftsideen ein. Eigene Risikokapitalfonds haben zum Beispiel CEZ (Inven Capital), J&T (J&T Ventures), KKCG (Springtide Ventures) und Finep (Finep Innovation) gegründet. Erfolgreiche einheimische Unternehmen wie der Onlineshop Alza, Y Soft oder Avast investieren ihre Gewinne in vielversprechende Neugründungen.

Deutsche Firmen profitieren von tschechischen Risikokapitalfonds

Davon profitieren inzwischen sogar deutsche Start-ups wie Price f(x) aus dem oberbayerischen Pfaffenhofen. Die Softwareschmiede optimiert Einkaufs- und Verkaufspreise und war zuvor vergeblich im Silicon Valley auf Kapitalsuche. Ende 2016 dann haben sich der tschechische Fonds Credo Ventures und Avast-Gründer Eduard Kucera bei der deutschen Firma eingekauft, weil Price f(x) die komplette Entwicklung in Prag betreibt.

Der Blick über die Landesgrenze ist für tschechische Start-ups völlig normal. Schon 17% von ihnen haben ein Büro oder eine Niederlassung im Ausland gegründet; weitere 45% planen das für die Zukunft. Die USA, das Vereinigte Königreich und Deutschland sind dabei die beliebtesten Ziele.

Eine frühzeitige Internationalisierungsstrategie liegt wegen des kleinen Heimatmarktes nahe, meint auch StartupYard-Geschäftsführer Maloux: "Venture-Investoren wollen ein weltweit skalierbares Geschäft ab dem ersten Tag. Sie vergeben keinen Bonus, wenn Ideen erstmal auf dem lokalen Markt getestet werden", so Maloux. "Darum wachsen unsere Start-ups schneller und aggressiver, weil sie häufig sofort global denken."

Das bestätigt Radek Sysel, einer von zwei Gründern von Easycon in Brno. Das Start-up entwickelt smarte Geräte zum Messen des Energieverbrauchs. "Der kleine tschechische Heimatmarkt ist unser wichtigster Antrieb, besonders hart zu arbeiten und ins Ausland zu expandieren."

Das gilt aber nicht für alle Gründer im Land, weiß Berater Philip Staehelin. "Für viele Start-ups ist der tschechische und slowakische Markt gerade groß genug, um dafür einen Businessplan zu entwickeln." Bei der Aspen-Umfrage gaben fast 40% aller Start-up-Gründer an, dass Tschechien der primäre Absatzmarkt für sie sei. Easycon-Chef Sysel räumt jedoch ein, dass die Konkurrenz zuhause "ziemlich heftig" sei. "Es gibt so viele Technologiefirmen, dass wir wirklich gut sein müssen, um Kunden zu gewinnen." Die Kundenakquise sei jedenfalls schwieriger als die Suche nach Investoren und Geldgebern.

(S.Z.)

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Tschechische Republik Finanzierung, allgemein, Kleine und mittlere Unternehmen (KMU)

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