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13.01.2015

Die Wirtschaft in Estland, Lettland und Litauen wächst trotz des schwierigen internationalen Umfeldes kräftig

Baltische Staaten bleiben unter den dynamischsten EU-Märkten / Von Torsten Pauly

Vilnius (gtai) - Estland, Lettland und Litauen zählen auch 2015 zu den dynamischsten Volkswirtschaften in der Eurozone, trotz der ökonomischen und politischen Unsicherheiten in Russland und der schwachen Konjunktur bei wichtigen EU-Handelspartnern. Nach wie vor profitieren alle baltischen Staaten von der erheblichen Verbesserung ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit im Zuge der Krise um 2009. Zunehmend problematisch sind aber der sich weiter verstärkende Fachkräftemangel und die schnellen Lohnanstiege.

Seit auch Litauen Anfang 2015 den Euro als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt hat, gehören alle drei baltischen Länder der europäischen Währungsunion an. Dies senkt Zinsen und Transaktionskosten, was wichtig ist, da alle drei Staaten äußerst offene Volkswirtschaften sind. Im ersten Dreivierteljahr 2015 hat der Warenexport in Lettland 45%, in Estland 62% und in Litauen 66% des gesamten erwirtschafteten Bruttoinlandsproduktes (BIP) entsprochen. Noch höher waren die Raten beim Import mit 55% in Lettland, 70% in Estland und 71% in Litauen. Ein erheblicher Teil der eingeführten Waren verbleibt aber nicht in den Ländern, sondern geht weiter in andere Staaten.

Baltische Staaten beeindrucken mit robuster Konjunktur und soliden Finanzen

Innerhalb der Eurozone gehören die drei baltischen Märkte auch 2015 zu den Mitgliedern mit dem höchsten Wachstum und der besten öffentlichen Haushaltslage. Dies hat die EU-Kommission im November 2014 prognostiziert. So soll der BIP-Anstieg mit Raten von 2,0 (Estland), 2,9 (Lettland) und 3,1% (Litauen) den Durchschnitt von EU (+1,5) und Euroraum (+1,1%) deutlich übertreffen. Dies erwartet die EU-Kommission.

Zudem ist die Konjunktur in den baltischen Staaten robust, denn nicht nur die Investitionen und der Privatkonsum, sondern auch der Export von Waren und Dienstleistungen werden den Prognosen zufolge 2015 zulegen. Diese Dynamik eröffnet auch deutschen Anbietern zusätzliche Geschäftschancen, denn die Importnachfrage zieht in den baltischen Märkten ebenfalls kräftig an.

Die drei baltischen Staaten zählen ferner zu den wenigen Euro-Ländern, die nach wie vor die Konvergenzkriterien von Maastricht erfüllen. Sowohl die Nettokreditaufnahme als auch die öffentlichen Gesamtverbindlichkeiten liegen vor allem in Estland, aber auch in Lettland und Litauen weit unter den vorgesehenen Raten von 3 sowie 60% des BIP. Keinen geringen Anteil daran haben auch die hohen EU-Fördergelder, welche insbesondere die Investitionsbudgets vor Ort erheblich entlasten. Von 2014 bis 2020 steht für Estland, Lettland und Litauen eine Summe aus Brüssel zur Verfügung, die in allen Ländern jeweils 24% des 2013 erwirtschafteten BIP gleichkommt.

Konjunkturprognosen für 2015 *)
Estland Lettland Litauen Eurozone
Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2,0 2,9 3,1 1,1
Investitionen 2,1 1,9 5,8 1,7
Privatkonsum 3,4 4,0 4,0 1,1
Exporte von Waren und Dienstleistungen 3,4 3,3 5,4 3,9
Importe von Waren und Dienstleistungen 4,1 3,5 6,5 3,9
Leistungsbilanzsaldo (in % des BIP) -3,1 -2,3 -0,4 2,6
Konsumentenpreisindex 1,6 1,8 1,3 0,8
Budgetsaldo (in % des BIP) -0,6 -1,2 -1,4 -2,4
Staatsverschuldung (in % des BIP) 9,6 36,3 41,6 94,8
Gesamtaußenverschuldung (in % des BIP) 86,1 124,2 65,0 k.A.

*) soweit nicht anders angegeben: reale Veränderungsraten in %

Quellen: EU-Kommission, Swedbank

Estland, Lettland und Litauen haben Krise als Chance genutzt

Vor allem aber sind die robuste Konjunktur und Finanzlage in den baltischen Staaten der starken Verbesserung ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit zu verdanken. Dem vorausgegangen war eine sehr starke Wirtschaftskrise, in deren Folge das BIP in Litauen 2009 um 14,8%, in Estland 2008 und 2009 um insgesamt 17,6% und in Lettland von 2008 bis 2010 sogar um zusammen 19,3% eingebrochen war.

Gerade in dieser Zeit haben aber die Wirtschaft und Gesellschaft in allen drei Staaten mit einer beeindruckenden Anpassungsfähigkeit den Grundstein zum seitherigen Aufschwung gelegt. Konsequente private und öffentliche Einsparungen, sinkende Löhne und andere Preisrückgänge haben zusammen mit wieder steigenden Investitionen im Aufschwung dafür gesorgt, dass die Warenausfuhr in Estland zwischen 2010 und 2013 um 97% und in Litauen sogar um 108% gestiegen ist. Auch der lettische Export von Gütern und Dienstleistungen war 2013 um 42% höher als 2010.

Somit haben vor allem Estland und Litauen die Krise um 2009 weit besser überwunden als die meisten anderen EU-Staaten. Trotz der sehr hohen Einbrüche ist die Wirtschaftsleistung 2014 laut Schätzung in Litauen um 0,9 und in Estland um 5,1% höher gewesen als 2008, während sie EU-weit genauso hoch und im Mittel der Eurozone sogar noch um 0,6% niedriger war. In Lettland, das den höchsten Rückgang zu verzeichnen hatte, war der Abstand noch größer, aber auch das mittelbaltische Land wächst seit 2011 dynamischer als die meisten europäischen Märkte.

Überwindung des Konjunktureinbruchs
Reale BIP-Abweichung gegenüber 2008 in % 2013 2014 *) 2015 *)
Estland 3,1 5,1 7,2
Lettland -6,3 -3,9 -1,1
Litauen -1,7 0,9 4,1
Durchschnitt EU-28 -1,3 0,0 1,5
Durchschnitt Eurozone -1,4 -0,6 0,5

*) Prognose der EU-Kommission

Quellen: Eurostat, EU-Kommission

Unsicherheiten in Russland ziehen alle baltischen Märkte in Mitleidenschaft

Auch 2015 bergen die politischen Spannungen um Russland und die dortige Rubel- und Konjunkturschwäche weiterhin erhebliche Gefahren auch für die drei baltischen Länder. Laut einer Studie der Nordea-Bank könnten allein die im August 2014 vom Kreml verhängten Importverbote für EU-Lebensmittel das BIP in Lettland um 0,4, in Estland um 0,5 und in Litauen um 0,8% geringer ausfallen lassen als ohnedem.

Eine anhaltende Wirtschafts- und Währungsschwäche würde sich auch sehr negativ auf den Logistik- und Tourismussektor auswirken. In Lettland und Litauen sind russische Reisende die wichtigsten ausländischen Kunden, und für den estnischen Fremdenverkehr stellen sie nach den inländischen und finnischen Gästen den drittwichtigsten Tourismusmarkt. In allen drei baltischen Ländern ist der Logistiksektor zudem stark vom Transitgeschäft für Russland und andere GUS-Staaten abhängig. Hier stellt auch der Bau des neuen russischen Großhafens Ust-Luga, der 2018 etwa 50 Mio. t mehr als Hamburg umschlagen will, eine erhebliche Herausforderung für alle anderen baltischen Häfen dar.

Fehlende Fachkräfte und steigende Löhne sind Kehrseiten des Aufschwungs

In den baltischen Ländern führt die robuste Konjunkturerholung, die 2010 eingesetzt hat, auch zu einem immer stärkeren Fachkräftemangel, was Expansionsmöglichkeiten für Unternehmen immer mehr einschränkt. Die Folge sind kräftige Lohnsteigerungen, die die in der Krise erzielten Erfolge bei der internationalen Wettbewerbsfähigkeit wieder zu schmälern drohen. Dies gilt insbesondere für die nach wie vor wichtige Verarbeitung von Agrar- und Forsterzeugnissen oder auch die Textilindustrie, wo die Wertschöpfung oft gering ist.

Die baltischen Länder 2014 in Zahlen
Estland Lettland Litauen
Bruttoinlandsprodukt und Verwendung
BIP (in Mio. Euro) 1) 14.379 17.594 27.054
BIP-Wachstum (reale Veränderung gegenüber Vorjahr; in %) 2), dabei 1,9 2,6 2,7
.Privatkonsum (reale Veränderung gegenüber Vorjahr; in %) 2) 3,6 3,6 3,9
.Investitionen (reale Veränderung gegenüber Vorjahr; in %) 2) 2,0 0,5 6,2
.Export von Waren und Dienstleistungen (reale Veränderung gegenüber Vorjahr; in %) 2) 1,5 1,5 -0,2
.Import von Waren und Dienstleistungen (reale Veränderung gegenüber Vorjahr; in %) 2) 2,3 1,4 1,2
Bruttowertschöpfung, Anteile (in %) 1)
Dienstleistungen, darunter 3) 49,1 58,6 51,1
.Handel 12,8 14,1 32,4 4)
.Transport und Lagerwesen 8,0 9,7 32,4 4)
verarbeitende Industrie 16,2 12,4 20,0
Bauwirtschaft 6,9 6,3 7,2
Land- und Forstwirtschaft 3,4 3,7 4,1
Sonstiges 24,4 19,0 17,6
Preise
Produzentenpreisindex (in %) -2,3 5) 0,0 5) -5,8 5)
Konsumentenpreisindex (in %) -0,6 5) 0,9 5) 0,2 5)
Sozialstatistik
Durchschnittseinkommen pro Monat (in Euro) 977 6) 760 7) 681 6)
Durchschnittlicher Lohnzuwachs (Veränderung gegenüber Vorjahreszeitraum; in %) 5,1 8,1 2,0
Arbeitslosenquote (in %) 7,5 6) 8,1 6) 8,8 8)
Außenwirtschaft
Warenexporte (in % des BIP) 1) 62,2 45,2 66,1
Warenexport (in Mio. Euro) 1) 8.940 7.957 17.889
Warenexportanteil EU (in %) 1) 72,0 68,5 55,4
Warenexportanteil Deutschland (in %) 1) 4,9 6,7 7,3
Warenimporte (in % des BIP) 1) 70,4 55,2 71,3
Warenimport (in Mio. Euro) 1) 10.121 9.705 19.281
Warenimportanteil EU (in %) 1) 81,8 80,4 64,5
Warenimportanteil Deutschland (in %) 1) 11,8 11,5 11,0
Leistungsbilanzsaldo (in % des BIP) 2) -2,8 -2,2 0,8
Investitionen
Bestand an ausländischen Direktinvestitionen (in Mio. Euro), darunter 9) 15.888 11.736 11.836
.aus Deutschland (in %) 1,8 5,8 9,3
.Finanzwesen (in %) 26,9 24,8 23,2
.verarbeitendes Gewerbe (in %) 13,4 12,2 22,7
.Immobilienwesen (in %) 16,6 12,6 14,0
.Handel (in %) 14,1 11,3 12,1
.Transport und Lagerwesen (in %) 5,6 3,3 2,3
Verschuldung
Budgetsaldo (in % des BIP) 2) -0,4 -1,1 -1,2
Gesamtaußenverschuldung (in % des BIP) 10) 90,4 130,4 66,5

1) 1. bis 3. Quartal 2014; 2) Schätzung der EU-Kommission; 3) Handel, Gastgewerbe, Transport, IKT, Finanzwesen, Immobilienwesen, sonstige private Dienstleistungen; 4) Handel, Transport, Gastgewerbe; 5) November 2014 gegenüber Jahresfrist; 6) 3. Quartal 2014; 7) September 2014; 8) November 2014; 9) Ende 3. Quartal 2014; 10) Schätzung der Swedbank

Quellen: Nationale Statistikämter, Nationalbanken, Eurostat, EU-Kommission, Swedbank

(P.T.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Estland, Lettland, Litauen Außenwirtschaft, allgemein, Import, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Außenhandel / Struktur, allgemein, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Außenwirtschaftspolitik, allgemein

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