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10.05.2018

Elektromobilität Polen: Die Ambitionen sind groß

Bushersteller geben Rhythmus vor / Von Michal Wozniak (April 2018)

Berlin (GTAI) - Die Regierung in Warschau will unbedingt ein "polnisches" Elektroauto. Dessen Entwicklung schreitet voran, dürfte aber am Auto-Geschmack im Land vorbeigehen. Dafür sind Elektrobusse von heimischen Herstellern auch auf Exportmärkten sehr beliebt. Ebenso werden Batteriewerke und andere Zulieferer im Ausland ihre Kunden suchen. Leichte Nutzfahrzeuge mit Elektroantrieb müssen sich im Land an der Weichsel erst noch beweisen.

Der polnische Entwicklungsplan für Elektromobilität ist ehrgeizig: Bis 2025 sollen 1 Million Elektrofahrzeuge über heimische Straßen fahren. Um das Vorhaben zu unterstützen, gründeten die vier staatlichen Energiekonzerne Enea, Energa, PGE und Tauron das Gemeinschaftsunternehmen ElectroMobility Poland (EMP). Sein Ziel es, dass ein Drittel der 1 Million Elektroautos aus polnischer Produktion stammt oder zumindest polnische Teile enthält. Darum schrieb EMP Ende 2017 einen Wettbewerb für die Erarbeitung von Prototypen der Kategorie L7e (bis 400 Kilogramm Trockengewicht ohne Batterien und 15 Kilowatt Leistung) aus.

Etwa 200 Unternehmen haben sich angemeldet. Projektleiter soll der staatliche Erdölkonzern Lotos werden, ein erster Prototyp 2019 fertig sein. Für die Serienproduktion ist zudem ein Fahrzeug- und ein Batteriewerk geplant. Kapazitäten oder Bautermine wollte der zuständige Staatssekretär im Premierministeramt, Piotr Naimski, nicht nennen. "Zurzeit laufen Konsultationen über mögliche Standorte", verriet er im April 2018 lediglich.

Bushersteller weltweit im Geschäft

Wesentlich weiter fortgeschritten bei der Elektrifizierung sind polnische Bushersteller. Sie hoffen, sich ein großes Stück vom europäischen Auftragskuchen herauszuschneiden: 2030 sollen bereits 6.000 bis 7.000 Elektrobusse jährlich bestellt werden. Solaris Bus & Coach, aktuell auf der Suche nach Investoren, bietet solche Produkte seit 2011 an. Die gesammelten Erfahrungen brachen der zweiten Generation des Urbino Electric auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) Nutzfahrzeuge in Hannover die Auszeichnung "Bus des Jahres 2017" ein. Die Elektrobusse mit dem Dackel sind mittlerweile in neun europäischen Ländern im Einsatz, in fünf weiteren wurden Aufträge gewonnen. Dank einer Kooperation mit dem indischen Hersteller JBM, bei der Solaris Antriebsstränge liefert, soll nun auch der Subkontinent erschlossen werden.

Zu den großen Herstellern in Polen gehört der schwedische Volvo-Konzern. "Unser Werk in Wroclaw ist das europäische Zentrum von Volvo Buses. Wir haben hier bereits große Mittel investiert und werden das auch weiter tun. Alle unsere Busse mit elektrischem Antrieb werden ausschließlich hier gebaut", unterstreicht Firmenchef Hakan Agnevall im Gespräch mit der Tageszeitung Rzeczpospolita.

Träume aus Wasserstoff

Mit einem Auftrag über vier Elektrobusse von der deutschen Ebe Europa wagt Autosan die ersten Schritte im Ausland. Die zur Polnischen Rüstungsgruppe (Polska Grupa Zbrojeniowa) gehörende Marke will schon 2019 zweistellige Exportverkäufe verbuchen. "Wir bereiten in diesem Jahr auch einen ersten wasserstoffbetriebenen Prototypen vor. Die Brennstoffzellen wird die kanadische Firma Ballard zuliefern", fügt Firmenchef Michal Stachura hinzu.

Interesse an dieser Technologie meldet auch Ursus an. Dazu unterzeichnete die Firma ein Abkommen zur Entwicklung von Brennstoffzellen mit dem größten polnischen Chemiekonzern Grupa Azoty. Mittelfristig steht aber der Ausbau bestehender Kapazitäten im Vordergrund: "In diesem Jahr werden wir Aufträge über 100 Fahrzeuge realisieren können. 2019 werden sich unsere Kapazitäten verdoppeln", verspricht Verkaufs- und Marketingchef Waldemar Ruminski.

Kleines Fahrzeug, großer Nutzen?

Ursus arbeitet außerdem an einem batterieelektrischen Lieferwagen. "Unser Wagen wurde mit einem revolutionären Ladesystem ausgestattet, das binnen 15 Minuten den Akku auf 90 Prozent aufladen kann. Eine volle Ladung ermöglicht 150 Kilometer Reichweite", preist der Hersteller sein Produkt an. Noch 2018 sollen die ersten Elvi genannten Kleintransporter zu den Kunden rollen.

Bis zu doppelt so weit kommt der e-VAN des Posener Start-ups Play Holding. Das dank Verbundwerkstoffen nur etwa 600 Kilogramm schwere Nutzfahrzeug soll bis zu 1 Tonne schwere und zwei Europaletten große Ladungen aufnehmen können. Anfang 2018 wurde bereits ein Fahrgestell-Prototyp getestet, die Karosserie soll bis Sommer entwickelt werden. Danach sollen 20 bis 30 Testfahrzeuge an die Polnische Post geliefert werden. Im Post- und Kurierbereich sieht die Firma auch die Zielgruppe des mindestens 20.000 Euro teuren Transporters. In der Entwicklung befindet sich daneben ein selbstfahrendes Fahrzeug für Taxi-Dienste: "Uns wurde bereits Interesse an einem solchen Wagen bekundet", erklärte Przemyslaw Rozmyslowicz, ein Vertreter der Play Holding, gegenüber der Informationsagentur Newseria.

Für größere Lasten ausgelegt sind Produkte des neuen Volkswagen-Werkes in Wrzesnia (Wreschen). Die Schwestermodelle Volkswagen e-Crafter und MAN eTGE sollen dort ab Juli 2018 von den Bändern rollen. Sie können 950 bis 1.700 Kilogramm Ladung bis zu 160 Kilometer weit befördern.

Steigende Akku-Kapazitäten

An Batterieknappheit werden die Ambitionen in Polen ansässiger Fahrzeughersteller offenbar nicht scheitern. Mehrere Batteriehersteller sind bereits im Land ansässig und wollen ihre Kapazitäten ausbauen.

Solaris und Ursus Bus kaufen Batterien für ihre Fahrzeuge bei Impact Clean Energy ein. Der in der Nähe der Hauptstadt beheimatete Zulieferer hat ein modulares Batteriesystem für Busse entwickelt. Laut Firmen-Vize Ireneusz Konarski soll die 2017 erreichte Produktionskapazität von 25 Megawattstunden nun verfünffacht werden.

Wichtige Investitionsprojekte in der Kfz-Industrie im Bereich Elektromobilität in Polen (Auswahl; Investitionssumme in Mio. Euro)
Akteur/Projekt Investitions-summe Projektstand Anmerkungen
LG Chem 300 Fertigstellung bis Ende 2018 Bau einer Batteriefabrik in Kobierzyce
Fonds für Niedrigemissions-Transport 60 (pro Jahr) Finanzierung noch nicht festgelegt Staatlicher Fonds, verwaltet vom Nationalen Fonds für Umweltschutz und Wasserwirtschaft (NFOSiGW; http://www.nfosigw.gov.pl) zur Unterstützung des Aufbaus einer Ladeinfrastruktur, der Hersteller und ÖPNV-Betreibern

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

Autosan wurde Kunde bei BMZ Poland. Die Tochterfirma der bayrischen BMZ Group produziert in Gliwice (Gleiwitz) Lithium-Ionen-Batterien (Li-Ion) unter anderem für Elektrobusse, -fahrräder und -scooter. Nachdem im September 2017 ein neues Werk eröffnet wurde, soll bis Ende 2019 eine 15.000 Quadratmeter große Lager- und Montagehalle entstehen.

Bereits 2018 wird eine große Autobatteriefabrik im niederschlesischen Kobierzyce (Koberwitz) ihre Arbeit aufnehmen. Die koreanische LG Chem möchte dort 100.000 "hocheffiziente Elektroautobatterien" pro Jahr herstellen und ein Forschungszentrum eröffnen.

Kleinere Brötchen bäckt der chinesische Zulieferer Capchem. Der Chemiekonzern will etwa 50 Millionen Euro in ein neues Werk in Wroclaw (Breslau) investieren. Ab 2021 sollen dort jährlich 40.000 Tonnen Elektrolyt für Li-Ion-Batterien sowie jeweils 5.000 Tonnen N-Methyl-2-pyrrolidon (NMP) und Wärmeleitpaste produziert werden.

Neue Ideen für Speichertechnik

Zur Entwicklung eigener Batterietechnik wurde Ende Februar 2018 das Polnische Konsortium für Elektrochemische Energiespeicherung (Polskie Konsorcjum Elektrochemicznego Magazynowania Energii; PolStorEn) gegründet. Die vom Energieministerium unterstützte Zusammenarbeit von zurzeit sieben Hochschulen aus Krakow (Krakau), Poznan (Posen) und Warschau soll zur Entwicklung von zwei bis drei Produktionslinien-Prototypen für Batteriezellen der nächsten Generation führen. "Uns geht es um das Bündeln der Kräfte von Forschungseinrichtungen und Unternehmen. Im Idealfall würde die Industrie ihre Bedürfnisse formulieren und die Arbeiten finanzieren. Es geht um knapp 5 Millionen Euro pro Jahr", so Prof. Wladyslaw Wieczorek von dem Warschauer Polytechnikum gegenüber der Rzeczpospolita.

Inländische Produktion von Elektrofahrzeugen und Komponenten
Hersteller (Internetadresse) Produktportfolio Anmerkungen
Govecs (http://govecsgroup.com) Motorroller Münchener Firma produziert in Wroclaw, u.a. Neuauflage des DDR-Kultrollers Schwalbe mit Bosch-Antriebstechnik
Medcom (http://medcom.com.pl) Antriebstechnik für Elektrobusse; Ladetechnik Beliefert Solaris; führt eigene Projekte in den USA durch; baut Kapazitäten um 75% aus
SKB DriveTech (http://skbdrivetech.pl) Antriebsachsen mit Nabenmotoren

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

Mehr zum Kraftfahrzeugmarkt in Polen finden Sie in unserer Reihe "Branche kompakt Kfz-Industrie" unter: http://www.gtai.de/brk-kfz-polen

Mehr zu Entwicklungen auf den globalen Märkten für Elektrostraßenfahrzeuge finden Sie unter: http://www.gtai.de/elektromobilitaet

Mehr zu Polen finden Sie unter: http://www.gtai.de/Polen

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Straßenfahrzeuge, allgemein, Öffentlicher-Personen-Nahverkehr (ÖPNV), Elektromobilität

Kontakt

Michal Wozniak

‎+49 30 200 099 266

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

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