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18.05.2018

Elektromobilität Polen: Ladeinfrastruktur wird ausgebaut

Trotz kleinem Elektroautomarkt wollen viele in das Ladenetz investieren / Von Michal Wozniak

Berlin (GTAI) - Polen hat 550 öffentliche Ladepunkte für Elektrofahrzeuge. Damit gehört das Land im Hinblick auf die Ladeinfrastruktur zu den europäischen Schlusslichtern. Die Regierung will bis zum Ende des Jahrzehnts ein komplettes Netzwerk aufgebaut sehen. Zurzeit entfallen auf jeden Ladepunkt lediglich drei Fahrzeuge, was deren Wirtschaftlichkeit beeinträchtigt. Deswegen sind die meisten Betreiber vor allem im Pilotprojekt-Modus. (Kontaktadressen)

Laut der Europäischen Beobachtungsstelle für alternative Kraftstoffe (EAFO) konnten Nutzer von Plug-in-Fahrzeugen in Polen Ende 2017 an 552 öffentlich zugänglichen Ladepunkten ihre Akkus anschließen. Beim wesentlich kleineren Nachbarn Tschechien war es nahezu ein Viertel mehr, in Deutschland über 25.200.

Die polnische Regierung will dabei helfen, den Rückstand aufzuholen. Im Anfang 2018 verabschiedeten Elektromobilitätsgesetz schrieb sie fest, dass bis 2020 mindestens 6.000 Standardlader und 400 Schnellladestationen allgemein zugänglich sein sollen. "Das Elektromobilitätsgesetz unterstützt die Schaffung einer sogenannten Basisinfrastruktur. Sie wird das Laden von Elektroautos in den 32 größten Agglomerationen in Polen ermöglichen", erklärte Piotr Zaremba, Leiter von ElectroMobility Poland, gegenüber dem auf die Kfz-Branche spezialisierten Marktforschungsinstitut Samar. ElectroMobility Poland ist ein Gemeinschaftsunternehmen der vier staatlichen Energiekonzerne Tauron, Enea, Energa und PGE zur Förderung der Elektromobilität.

Die Regierung hofft, dass sich vornehmlich private Investoren engagieren. "Erst 2019 und 2020, falls ihr Interesse zu gering ausfällt, werden durch eine administrative Entscheidung die Betreiber von Stromverteilnetzen auf den Plan gerufen", ergänzt Zaremba. Ab 2025 müssen dann gegebenenfalls auch lokale Selbstverwaltungen für die nötige Ergänzung der Ladeinfrastruktur sorgen.

Neues Gesetz sorgt auch für Ärger

Als Ansporn werden unter anderem niedrigere Anschlusskosten in Aussicht gestellt. Allerdings gilt dies nur für Ladestationen, die direkt an das Stromverteilungsnetz angeschlossen werden. Binnen zwölf Monaten nach Inkrafttreten des Gesetzes sollen alle Ladestationen, die Strom indirekt beziehen, abgeschaltet werden. "Wir werden 25 unserer 32 Ladestationen schließen müssen", moniert Rafal Czyzewski, Vorstandsvorsitzender von Greenway Infrastructure Poland. Laut Presseberichten ist bereits eine entsprechende Gesetzesnovelle geplant, um das zu verhindern.

Greenway ist derzeit der größte Betreiber von allgemein zugänglicher Ladeinfrastruktur für Elektroautos. Das Unternehmen gab Mitte April 2018 bekannt, 1.250 angemeldete Kunden zu haben, womit das Unternehmen 75 Prozent aller in Polen registrierter Elektroautos speisen würde. Greenway hat auch einen einheitlichen Ladetarif eingeführt, der ausschließlich nach verbrauchter Strommenge abgerechnet wird: Ab Mai 2018 kostet eine Kilowattstunde an Ladern mit bis zu 22 Kilowatt Leistung umgerechnet etwa 0,28 Euro. Besonders Eilige können auch an solchen mit bis zu 50 Kilowatt zapfen, müssen dafür aber pro Kilowattstunde etwa 0,45 Euro zahlen. Haushaltsstrom wird zum Vergleich laut den neuesten verfügbaren Daten von Eurostat mit 0,13 Euro je Kilowattstunde berechnet.

Und täglich grüßt eine neues Ladenetzvorhaben

Greenway baut sein Netzwerk weiter aus. Bis Ende 2018 sollen 60 neue Ladestationen entstehen, ein Jahr später bereits 200 verfügbar sein. Geplant ist, einen Teil der Ladestationen mit Energiespeichern auszustatten, um eine konstante Ladeleistung zu gewährleisten. Zudem schließt das Unternehmen nicht aus, in Zukunft auch Solarpanels einzubauen. An der Nord-Süd-Autobahn A1 sind 2019 auch zehn Ladestationen mit bis zu 350 Kilowatt Leistung und jeweils drei Anschlüssen vorgesehen. Das Investitionsvolumen beziffert Firmenchef Czyzewski auf knapp 6 Millionen Euro, wovon 60 Prozent aus Mitteln der Europäischen Union (EU) finanziert werden sollen.

Ab Sommer 2018 will der größte polnische Erdölkonzern PKN Orlen im Rahmen eines ersten Pilotprojektes 23 Ladestationen mit teils 50 und teils 100 Kilowatt Leistung an seinen Tankstellen installieren. Jede Station soll über drei bis vier Ladepunkte verfügen. Die Technik wird von mehreren Anbietern stammen. Der Konkurrent Grupa Lotos hat bereits 50 Standorte an den Autobahnen A1 und A2 ausgewählt, an denen etwa 1 Million Euro in den Bau von 50-Kilowatt-Ladestationen fließen soll.

Wichtige Investitionsprojekte im Bereich der Lade- und Netzinfrastruktur in Polen (Auswahl; Investitionssumme in Mio. Euro)
Akteur/Projekt Investitions-summe Projektstand Anmerkungen
Allego (http://www.allego.eu) k.A. EU-Zuschuss i.H. von 29 Mio. Euro bewilligt am 25.4.18 Projekt Mega-E; 322 Ladestationen mit 350 kW in 20 EU-Ländern bis 2025, darunter Polen
PKN Orlen (http://www.orlen.pl) k.A. Erste Ausschreibung ist in der Auswertung; weitere werden 2018 und 2019 folgen Bis zu 150 Ladestationen mit 50 oder 100 kW an den Tankstellen des Konzerns; Anschlüsse: CHAdeMO, CCS, Typ 2
Grupa Lotos (http://www.lotos.pl) 1 Erste Ausschreibung ist in der Auswertung; weitere werden 2018 und 2019 folgen Bis zu 50 Ladestationen mit 50 kW entlang der Autobahnen A1 und A2
PGE (http://www.gkpge.pl) 0,7 In Vorbereitung Pilotprojekt zur Entwicklung einer Car-to-Grid-Anlage verbunden mit Straßenbeleuchtung; Zusammenarbeit mit dem Polytechnikum in Lublin

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

Interesse am Aufbau einer Ladeinfrastruktur in Polen zeigt auch der größte Flüssigkraftstoffimporteur Unimot. Ende März 2018 unterschrieb die Firma eine Absichtserklärung über eine Zusammenarbeit mit dem chinesischen Technologielieferanten Wanbang Charge Equipment (Star Charge). Laut Firmenchef Maciej Szozda will Unimot die chinesischen Produkte nicht nur in Polen installieren, sondern in ganz Europa vertreiben. "Wir haben auch Interesse am Kauf der Softwarelizenz für die Ladenetzverwaltung sowie für die mobile App für Endkunden", fügt er hinzu.

Das Gemeinschaftsunternehmen Ionity von BMW, Daimler, Ford und Volkswagen plant, im Rahmen seines Bauvorhabens für 400 Schnellladestationen (High Power Charging, HPC) in 18 Ländern auch in Polen zu investieren. Der erste nach dem Combined Charging System aufgebaute Punkt soll ab 2020 betriebsbereit sein und wie alle anderen an einer Shell-Tankstelle stehen.

Ausweitung der E-Mobilität verlangt Netzausbau

Die Zukunftspläne der Ladenetzbetreiber werden allerdings von der unsicheren Nachfragesituation gehemmt. Laut EAFO entfielen Ende 2017 auf jeden Ladepunkt in Polen drei Elektrofahrzeuge. "In der Dreistadt laden wir durchschnittlich zwei Fahrzeuge wöchentlich", berichtete Marcin Jastrzebski, damaliger Vorsitzender des Erdölkonzerns Lotos, Mitte November 2017. Die Verkaufszahlen von Elektroautos nehmen zwar im dreistelligen Prozentbereich zu. Ihre landesweite Verbreitung bleibt angesichts der hohen Kaufpreise und der verfügbaren Budgets mittelfristig ungewiss.

Greenway-Chef Czyzewski benennt noch eine andere, vielleicht sogar größere Barriere: "Das Stromnetz wurde vor Jahrzehnten geplant." Die Netze wurden nicht dafür geschaffen, dass plötzlich ein Pool von mehreren Tausend Elektroauto-Besitzern gleichzeitig seine Batterien auflädt. "Deswegen werden für die steigenden Zulassungen von Elektrofahrzeugen Modernisierungen der Stromnetze an ganzen Straßenzügen und Siedlungen sowie von Trafostationen zwingend nötig sein", sagt er. Immerhin will der Übertragungsnetzbetreiber Polskie Sieci Energetyczne (PSE) im Rahmen seines zehnjährigen Investitionsplanes bis 2027 über 3 Milliarden Euro in das 400-Kilovolt-Basisnetz investieren. Aus Analysen des Konzerns geht hervor, dass das Verteilungsnetz für eine Million Elektroautos ausreichend sei.

Die Mittel- und Niederspannungsnetze bleiben aber Anliegen der fünf Stromanbieter. Diese dürften wegen zahlreicher Vorhaben im Bereich der Erzeugung nur in begrenztem Maße in den Ausbau der Netze investieren. Selbst tausende Elektroautos, die nachts an der heimischen Wallbox aufgeladen werden, sollten kein Problem darstellen. Aber zum Beispiel Elektrobusse, die tagsüber beim Nachladen an Haltestellen in kürzester Zeit große Strommengen abrufen, könnten zu Überlastungen führen. Laut dem Vorsitzenden von ElectroMobility Poland, Zaremba, gibt es dabei zum teuren Netzausbau nur eine Alternative: "Lokale Energiespeicher, die in kürzester Zeit viel Energie abgeben können, ohne das Netz zu belasten".

Mehr zu Entwicklungen auf den globalen Märkten für Elektrostraßenfahrzeuge finden Sie unter: http://www.gtai.de/elektromobilitaet

Mehr zu Polen finden Sie unter: http://www.gtai.de/Polen

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Tauron http://www.tauron.pl Staatlich kontrollierter Stromanbieter; Mitglied von ElectroMobility Poland
Enea http://www.enea.pl Staatlich kontrollierter Stromanbieter; Mitglied von ElectroMobility Poland
Energa http://www.energa.pl Staatlich kontrollierter Stromanbieter; Mitglied von ElectroMobility Poland
Greenway Infrastructure Poland http://www.greenwaypolska.pl Betreiber von Schnellladestationen
Unimot http://www.unimot.pl Betreiber der Avia-Tankstellen

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Stromerzeugungs- und -verteilungstechnik, Elektromobilität