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29.06.2015

Energieeffizientes Bauen in der EU

Mehr als 30 Prozent aller Bauaktivitäten in der EU beziehen sich auf die Modernisierung und Erhaltung von Gebäuden / Von Elfi Schreiber

Bonn (gtai) - In der gesamten Europäischen Union steigen die Anforderungen an den Wohnungs- und Gewerbebau, insbesondere im Hinblick auf energieeffizientes Bauen und Sanierungen in diesem Bereich. Für Europas Handwerker ergeben sich dadurch neue Geschäftschancen. Dabei sind deutsche Handwerker gut gerüstet. Die Umsetzung der EU-Energieeffizienzrichtlinie sorgt für eine nachhaltige Nachfrage (aus "markets International", Ausgabe April 2015).

Die Konjunkturerholung setzt sich seit 2013 in den meisten Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) fort. Dennoch ist der Anteil der Bauwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt der EU weiter gesunken. Letzterer lag mit Bauinvestitionen im Umfang von 1.162 Mrd. Euro bei 8,8%. Der Abbau der Haushaltsdefizite und die Konsolidierung der überschuldeten Staatshaushalte seit 2009 gingen häufig zulasten des Baus nicht öffentlicher Wohngebäude und von Infrastrukturvorhaben. Auch heute noch zeigen lediglich der Wohnungsbau und die Modernisierung und Erhaltung von Gebäuden erste Wachstumstendenzen.

Bedeutung von energieeffizientem Bauen steigt in der EU

Die Bedeutung von energieeffizienten Baumaßnahmen dürfte sich weiter erhöhen. Die Gründe dafür: die nur begrenzt erweiterbare Baufläche in Europa, die seit 2005 stetig steigenden Energiepreise und die nun beginnende Umsetzung der EU-Energieeffizienzrichtlinie. Denn inzwischen sind in nahezu allen EU-Staaten Gesetze zur Umsetzung der Richtlinie verabschiedet worden. Bereits 2013 bezogen sich rund 30 Prozent der Aktivitäten des Bausektors in der EU auf die Modernisierung und Erhaltung von Gebäuden.

Für zusätzliche Impulse wird das Bevölkerungswachstum in der EU sorgen. Nach den jüngsten Prognosen sollen 2050 insgesamt 526 Mio. Menschen in der Europäischen Union leben, heute sind es gerade einmal 507 Mio. Einwohner. Dem muss die Bauwirtschaft begegnen.

Besondere Chancen bestehen dabei durch die Größe und die erwartete Dynamik der Bauinvestitionen neben Deutschland im Vereinigten Königreich. In den skandinavischen Ländern, Österreich, Belgien, Polen und der Tschechischen Republik, die allesamt eine solide Haushaltslage, einen über dem EU-Durchschnitt liegenden Anteil der Bauwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt und Fachkräftemangel in Handwerksberufen aufweisen, werden auch sehr gute Geschäftschancen gesehen.

Doch auch andere EU-Länder können durch die hohe Kaufkraft ihrer Bevölkerung und die unmittelbare Nachbarschaft zu Deutschland interessant sein. Die Erhöhung der Energieeffizienz im Gebäudebau ist in allen EU-Ländern ein zentrales Thema.

Chancen für Handwerker

Diese Entwicklungen bieten deutschen Handwerkern die Chance, mehr im Ausland zu agieren. Dabei kann das deutsche Handwerk auf spezifisches Know-how in einzelnen Sparten zurückgreifen. "Die besondere Expertise der deutschen Handwerker in Fragen der Energieeffizienz ist in ihrer guten Ausbildung begründet: drei Jahre Fachausbildung, berufliche Praxis, dazu häufig die anspruchsvolle Meisterausbildung und ergänzende Weiterbildungen bis hin zum Gebäudeenergieberater. Damit sind die Handwerker in den effizienzrelevanten Bereichen - von der Gebäudehülle bis zur technischen Anlage - ausgewiesene Experten ihres Fachs", so Dr. Alexander Barthel, Chefvolkswirt im Zentralverband des Deutschen Handwerks.

So unterschiedlich die Altersstruktur der bestehenden Wohngebäude in den einzelnen EU-Ländern ist, so verschieden sind auch die staatlichen Förderprogramme, um Modernisierungsmaßnahmen und Wohnungsbau mit energetischen Maßnahmen im Interesse der Gesellschaft und des Immobilieneigentümers zu verbinden. In der Regel gibt es dafür mehrere Möglichkeiten. Besonders anspruchsvoll ist dabei das Thema Denkmalschutz. Oftmals sind Architekten oder auch Energiezertifizierer ein wichtiger Ausgangspunkt für das Engagement im Ausland. "So war der Einstieg für unser Engagement in Österreich eine Anfrage des Wiener Architekturbüros Wehdorn", sagt Hubert Labisch, Restaurator im Schreinerhandwerk aus dem bayrischen Unterpleichfeld. "Inzwischen sind dem weitere Aufträge gefolgt." Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie unterstützt deutsche Firmen im Rahmen der Exportinitiative Energieeffizienz.

Energieeffizienzrichtlinie: Die Ziele

Die Energieeffizienzrichtlinie 2012/27/EU der Europäischen Union legt verbindliche Maßnahmen für die Mitgliedstaaten fest, mit denen diese ihre Energieeffizienz erhöhen sollen. In Artikel 4 der Richtlinie sind die Zielstellungen für den Gebäudebau geregelt.

Zielstellungen
Ausrichtung des Neubaus nach energetischen und ökologischen Kriterien durch spezielle Anreize
Verwendung ökologisch vorteilhafter Baumaterialien zur Erhöhung der Energieeffizienz
Förderung umfassender Sanierungen durch energetische und ökologische Mindeststandards
Anreize für die Verwendung von klimaschonender Haustechnik
Einsatz CO2-ärmerer bzw. erneuerbarer Energieträger
Energieberatung durch qualifizierte Experten
Energieaudits (für große Unternehmen alle vier Jahre Pflicht)
Vorgaben für Modernisierungen im öffentlichen Sektor
Bedeutende Einsparungen für alle Verbraucher

Quelle: EU-Kommission, siehe auch http://ec.europa.eu/energy/en/topics/energy-efficiency

Überblick: Die wichtigsten Zertifikate

Zertifizierung spielt sowohl für den Neubau als auch bei der Modernisierung eine große Rolle, um von den staatlichen Fördermöglichkeiten Gebrauch zu machen. Energieberater bieten dabei Privatbesitzern wie auch Unternehmen zusätzlichen Rat.

Überblick über die Verbreitung entscheidender Zertifizierungssysteme *) in der EU
Zertifizierungssystem Entwickler Anzahl der EU-Länder mit Zertifizierungssystem
LEED US Green Building Council 22, vor allem im Vereinigten Königreich
BREEAM BRE VK 22, vor allem in den Niederlanden
DGNB System Deutsche Ständige Baurat 9, vor allem in Deutschland
Passivhaus Deutschland 20, vor allem in Deutschland
HQE Association pour la Haute Qualité Environmental 4, vor allem in Frankreich

*) häufig auf das Gebäude unter verschiedenen Kriterien als Ganzes gerichtet, Energieeffizienz ist nur ein Teil davon

Quelle: Marktstudie der Europäischen Kommission

Energieeffizienz: Potenzieller Bedarf

Europaweit ist das Potenzial für Energieeffizienz im Gebäudebau unterschiedlich. Die Altersstruktur der Gebäude sowie die Anzahl geplanter Neubauten divergieren von Land zu Land. Staatliche Förderprogramme unterstützen die nachhaltige Umsetzung von Modernisierungsmaßnahmen und energetischem Wohnungsbau. Für Italien ist eine Gesamtliste der Förderprogramme auf der Internetseite http://tinyurl.com/nklvquv zu finden. In Tschechien können sich Bau- und Handwerksfirmen für das Programm Nova Zelena Usporam auf der Webseite http://www.novazelenausporam.cz akkreditieren. Ebenso müssen dort Materialien und Technologien für energieeffizientes Bauen registriert werden, um für eine Förderung infrage zu kommen.

Altersstruktur der Wohngebäude in ausgewählten EU-Ländern
Land Baujahr vor 1990 (in %) Baujahr nach 1990 (in %)
Belgien 85 15
Dänemark 85 15
Deutschland 83 17
Finnland 73 27
Frankreich 76 24
Italien 85 15
Niederlande 78 22
Österreich 75 25
Polen 78 22
Schweden 88 12
Slowakei 80 20
Tschechische Republik 74 26
Vereinigtes Königreich 86 14

Quellen: Nationale Statistische Ämter, Eurostat sowie Recherchen Germany Trade & Invest

Wohnungsfertigstellungen 1) 2013 bis 2017 in ausgewählten EU-Ländern (in 1.000 Wohneinheiten)
Land 2013 2015 2) 2017 2) Veränderung 2017/13 (in %)
Belgien 42,3 40,6 40,9 -3,3
Dänemark 13,5 12,0 14,0 3,7
Deutschland 188,4 235,0 260,0 38,0
Finnland 30,6 26,5 26,5 -13,4
Frankreich 320,0 280,0 310,0 -3,1
Italien 118,6 84,2 80,4 -32,3
Niederlande 51,2 46,0 60,0 17,2
Österreich 40,8 43,9 43,5 6,6
Polen 145,4 158,0 163,0 12,1
Schweden 25,2 37,7 37,9 50,5
Slowakei 15,1 15,4 16,8 11,3
Tschechische Republik 25,2 22,9 22,5 -10,7
Vereinigtes Königreich 130,0 163,0 176,0 +35,4

1) fertiggestellte Wohnungen in neu errichteten Wohngebäuden (Ein-, Zwei- sowie Mehrfamiliengebäude); 2) Prognose

Quelle: Euroconstruct, Stand November 2014

Interview "Den Grenzraum nutzen"

Rechtsanwältin Stephanie Bargfrede von der Handwerkskammer Köln empfiehlt den Start ins Exportgeschäft in Anrainerstaaten.

Der Startschuss für die Mittelstandsinitiative BeNeLux des Arbeitskreises Europa des Westdeutschen Handwerkskammertages wurde 2013 in der Handwerkskammer zu Köln gegeben. Warum noch eine Beneluxinitiative?

Die Mittelstandsinitiative BeNeLux-NRW soll die bestehenden engen Wirtschaftsbeziehungen zwischen NRW und seinen Nachbarländern für kleine und mittlere Betriebe besser nutzbar machen. In der durch ihre Wirtschaftskraft und Vielfalt geprägten Region liegen auch für Handwerksunternehmen enorme Potenziale, die nur gemeinsam ausgeschöpft werden können. Die Initiative, die von der NRW-Landesregierung mitgetragen wird, bündelt die vielfältigen Maßnahmen zur Belebung der grenzüberschreitenden Aktivitäten. Wir erhoffen uns, dass sich die exzellente Zusammenarbeit im direkten Grenzraum auf die Gesamtregion ausbreiten wird.

Was sind die besonderen Herausforderungen und Chancen für das Handwerk in Bezug auf diese Länder?

Wir müssen uns besser aufeinander einstellen, um kulturelle Unterschiede, Mentalitätsfragen und Sprachhemmnisse zu überwinden. Auf eine Tätigkeit im Beneluxraum muss man sich gut vorbereiten. Andere Geschäftsgepflogenheiten, andere technische Vorschriften, andere Entscheidungsprozesse innerhalb der Unternehmen - hierauf muss geachtet werden. Das gilt übrigens in beide Richtungen. Das NRW-Handwerk hat auf dem Beneluxmarkt große Chancen im Bereich Renovierung und Sanierung im Gebäudebestand. Dazu gehören Denkmalpflege, energetische Gebäudesanierung und altersgerechtes Wohnen. Umgekehrt lädt die gute Baukonjunktur bei uns zur Zusammenarbeit mit Unternehmen aus dem Beneluxraum ein. Weiteres Zukunftsthema ist die Gesundheitswirtschaft.

Gibt es gemeinsame Aktivitäten von deutschen Architekten und Handwerkern in Bezug auf diese Märkte?

Die gemeinsamen Aktivitäten betreffen vor allem die zuvor genannten Baubereiche mit Fokus auf das Privat- und Firmenkundengeschäft. Auf Initiative der Kammern und der Fachverbände wurden deutsche oder deutschsprachige bauleitende Architekten identifiziert, die im Beneluxraum bereits erfolgreich tätig sind und die ihren anspruchsvollen Kunden überzeugende Handwerkerleistungen aus Deutschland anbieten. Alle Beteiligten profitieren von der Qualität, der Schnelligkeit und dem Preis der Gesamtleistung. Das Konzept funktioniert in Ballungsräumen, aber auch in ländlich geprägten Regionen.

Welche Dienstleistungen bieten die NRW-Handwerkskammern in diesem Zusammenhang an? Kann davon auch ein Handwerksunternehmen aus einer anderen Region Gebrauch machen?

Unsere Außenwirtschaftsberaterinnen und -berater begleiten unsere Mitgliedsbetriebe individuell beim Einstieg in die Nachbarmärkte. Ländermerkblätter, Studien und Marktinformationen von Germany Trade & Invest spielen dabei eine wichtige unterstützende Rolle. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Projektarbeit als Fachpartner für Markterschließungsmaßnahmen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie und des Landes NRW, die Handwerksunternehmen aus dem gesamten Bundesgebiet offenstehen.

Quelle: "markets - Das Magazin für Märkte und Chancen", Ausgabe 2/2015 (01.04.2015). Das Heft kann kostenfrei abonniert werden. Abo-Bestellmöglichkeit unter http://www.gtai.de/markets oder markets@gtai.de.

Zusatzinformationen

Wertvolle Hinweise zum Thema Energieeffizienz im Gebäudebau finden Handwerker unter http://www.gtai.de/handwerk. Dort finden Sie auch Informationen zu Förderprogrammen der Länder zum Thema Energieeffizienz sowie auch Hinweise zu notwendigen Registrierungen und Zertifizierungen sowohl für Handwerksfirmen als auch Materialien und Technologien.

In Kooperation mit Bayern Handwerk International und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks hat Germany Trade & Invest eine Studie zum Markt für Denkmalpflege in Österreich erstellt: "Denkmalpflege in Österreich", Bestell-Nr. 19382, Internet: http://www.gtai.de/oesterreich

Auswahl der wichtigsten Baumessen in Europa
Land Messe Internetadresse
Deutschland Bau München http://www.bau-muenchen.com
Belgien Batibouw Brüssel http://www.batibouw.be
Niederlande Bouwbeurs Utrecht http://www.bouwbeurs.nl
Frankreich Batimat Paris http://www.Batimat.com
Österreich Bauen + Energie Wien http://www.bauen-energie.at
Österreich Bauen + Wohnen Salzburg http://www.bauen-wohnen.co.at
Tschechische Republik IBF Brno http://www.bvv.cz/ibf
Slowakei Coneco Bratislava http://www.incheba.sk
Dänemark Byggeri Fredericia http://www.messec.dk
Schweden Nordbygg Stockholm http://www.stockholmsmassan.se
Finnland Fin Build http://www.messukeskus.com/Sites1/FinnBuild/en
Italien Klimahouse Toskana http://www.klimahouse-toscana.it
Italien SAIE http://www.saie.bolognafiere.it
Italien Klimahouse Bozen http://www.klimahouse.it
Polen Budma Poznan (Posen) http://www.budma.pl/de

Quelle: Recherchen Germany Trade & Invest

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie unterstützt Anbieter von Produkten, Systemen und Dienstleistungen im Bereich der Energieeffizienz durch aktionsübergreifende Infrastruktur sowie Informationen zu wichtigen Handlungsfeldern http://www.bmwi.de/DE/Themen/Energie/energieeffizienz.html.

Ausgewählte Veranstaltungen zum Thema Energieeffizienz Gebäudebau 2015
Termin Zielland Art der Veranstaltung
14.9.15 Bosnien Herzegowina und Kroatien Informationsveranstaltung *)
5. bis 9.10.15 Frankreich AHK-Geschäftsreise
12. bis 16.10.15 Baltikum (Estland, Lettland, Litauen) AHK-Geschäftsreise
12. bis 16.10.15 Baltikum (Estland, Lettland, Litauen) AHK-Geschäftsreise

*) findet in Deutschland statt

Quelle: Exportinitiative Energieeffizienz

Kontaktanschrift:

Geschäftsstelle Exportinitiative Energieeffizienz

im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

Scharnhorststraße 34-37, 10115 Berlin

Tel.: 030 18615-6300/-6301/-6306

E-Mail: kontakt@efficiency-from-germany.info; Internet: http://www.efficiency-from-germany.info

(E.S.)

Dieser Artikel ist relevant für:

EU Energieeinsparung, Hochbau

Kontakt

Ingeborg Kozel

‎+49 (0)228 24 993-365

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

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