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09.10.2018

Energieeffizientes Bauen trifft in China auf Widerstände

Politische Vorgaben lassen sich ohne Fachkräfte kaum umsetzen / Von Stefanie Schmitt

Beijing (GTAI) - Chinas Bauten sollen energieeffizienter werden. Das Einsparpotenzial ist hoch. Doch bislang scheitern viele gut gemeinte Ansätze an der Baustellen-Wirklichkeit.

Je nach Studie und Berechnungsgrundlage entfällt etwa ein Fünftel bis ein Drittel der chinesischen Primärenergienachfrage auf Gebäude. Jedes Jahr kommen etwa 1 Million bis 1,5 Millionen Quadratmeter Wohnfläche hinzu. Laut Econet Monitor werden pro Quadratmeter etwa das Vierfache an Heiz- oder Kühlenergie benötigt wie im europäischen Durchschnitt. Das Einsparpotential ist enorm. Das sieht auch die Regierung so: Im aktuellen Fünfjahresplan (2016 bis 2020) soll der Energieverbrauch pro erzeugter Einheit Bruttoinlandsprodukt um 15 Prozent reduziert werden.

Um dies zu erreichen, zielt das Ministry of Housing and Urban-Rural Development (MoHURD) in seinem Fünfjahresplan zur Energieeffizienz im Bausektor und der Entwicklung Grünen Bauens (2016 bis 2020) auf eine Steigerung der Energieeffizienz neuer städtischer Gebäude bis 2020 um 20 Prozent gegenüber 2015. Mindestens die Hälfte der neuen städtischen Gebäude soll bis 2020 nach dem chinesischen Drei-Sterne-Evaluierungssystem als "grün" zertifiziert sein.

Bis dahin ist zwar noch ein weiter Weg, allerdings gibt es gewisse Fortschritte. Ende 2017 besaßen laut MoHURD 10.927 Projekte mit insgesamt über einer Milliarde Quadratmeter Baufläche das begehrte Zertifikat (Ende 2016: 7.235 Projekte; über 800.000 Millionen Quadratmeter).

Hightech-Projekte versus Massenbau

Darüber hinaus sollen bis 2020 mehr als 10 Millionen Quadratmeter an Demonstrationsprojekten für Ultra-Niedrigenergiehäuser und Fast-Null-Energiehäuser fertiggestellt sein. In der Praxis kam die Entwicklung von Passivhäusern bislang nur selten über vereinzelte Pilotprojekte wie das Landsea Bruck Passive House in Changxing hinaus. Dieses war als erstes Gebäude in China 2015 mit dem Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) ausgezeichnet worden. Mittlerweile besitzen bereits 14 Objekte den DGNB-Standard oder sind vorzertifiziert.

Für Plus-Energie-Häuser gibt es bislang zwei Pilothäuser. Eines davon, das "C-House" in Shandong, eine Kooperation der TU Braunschweig und der Nanjing Southeast University, gewann beim Solar Decathlon China im August 2018 den zweiten Platz.

Deutlich verbreiteter als der schwer zu kalkulierende und anspruchsvollere DGNB-Standard ist der amerikanische LEED-Standard. Nach jüngsten CBRE-Zahlen gab es bis Ende 2017 rund 48 Millionen Quadratmeter LEED-zertifizierte Projekte in 54 chinesischen Städten. Damit steht China hinter den USA an Rang zwei. Viele Bauentwickler nutzen den LEED-Standard als Vermarktungshilfe für ihre Projekte.

Was auf den ersten Blick erfreulich aussieht, erweist sich auf den zweiten jedoch als zwiespältig. Denn nicht selten seien die Zertifikate "das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt würden" - zumal die Bauten aufgrund unzureichender Wartung oder unzulänglicher Materialien nicht lange so energieeffizient bleiben. Darüber hinaus gibt es sogar gute Gründe, warum sich derartige Hightech-Bauten bislang in China in der Masse nicht durchsetzen konnten - oder überhaupt völlig fehl am Platze sind.

China braucht besser ausgebildete Bauarbeiter

Denn häufig mangelt es nicht am Geld oder am Willen des Bauherrn, sondern an der mangelnden Ausführung durch die im Regelfall nur unzureichend ausgebildeten Arbeiter vor Ort. In der Praxis lassen sich derzeit mit einfacheren Verfahren (wie besseren Fenstern, sofern fachgerecht eingebaut) kostengünstigere Ergebnisse erreichen, die überdies zu erheblichen energietechnischen Verbesserungen führen.

Lokale Experten für energieeffizientes Bauen bemängeln zuvorderst, dass es in ganz China keine Schule für die Ausbildung von Baufacharbeitern gibt. "Daran scheitert alles", so Erk Schaffarczyk von Purple Leaf Co. "Denn es fehlt die notwendige Sensibilität für die heiklen Punkte: Kältebrücken, Luftdichtigkeit und Wärmeisolierung." Die Diskussionen um Passiv- oder gar Aktivhäuser führten zu nichts, weil zum Beispiel kein chinesischer Bauarbeiter gelernt habe, Vakuumpaneele korrekt zu verbauen. Das Ergebnis sei, dass selbst wenn die richtigen, teuren und mit vielen chemischen Zusatzstoffen aufgerüsteten Grundmaterialien beschafft wurden, die Häuser in der Realität eben doch nicht funktionierten.

Im Grunde, heißt es, könnten mit den bereits heute im Bau eingesetzten Materialien Häuser errichtet werden, die etwa ein Drittel weniger Energie verbrauchten, wenn die Arbeiter fundiert ausgebildet wären. "Es geht um ganz banales handwerkliches Wissen und Können," so Schaffarczyk und führt fort. "Und darum, dass nur in Ausnahmefällen eine kompetente, unbestechliche Bauleitung vorhanden ist, die den Bau von Anfang bis Ende in jedem Schritt verantwortlich überwacht und bereit ist, viel Geld für Vorrichtungen auszugeben, die man nicht sieht: schallisolierte Wasser- und Abwasserleitungen, Lüftungen, Heizungssysteme, Fußbodenkühlung, IT etc."

Weitere Informationen zum chinesischen Bausektor finden Sie in der Branchenanalyse Bauwirtschaft unter: http://www.gtai.de/MKT201811148006 Lesen Sie zudem mehr zu den Chancen und Herausforderungen im chinesischen Markt für Architekturdienstleistungen in unserer Studie: http://www.gtai.de/PUB201805028000

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in China können Sie unter http://www.gtai.de/china abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

China Bauwirtschaft, allgemein, Energieeinsparung

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