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12.07.2018

Erfolgreicher Strukturwandel in Tschechiens Kohlerevier

Region Ostrava setzt auf Automotive und innovative Startups / Von Gerit Schulze

Prag (GTAI) - Stahl und Kohle waren jahrzehntelang die Markenzeichen von Ostrava. Doch Tschechiens östlichste Großstadt erfindet sich von Grund auf neu. Heute fördert die Region Mährisch-Schlesien Zukunftsbranchen, die Investoren kommen häufig aus der Automobilindustrie und dem IT-Sektor. Um das industrielle Erbe abzuschütteln, gibt es noch viel zu tun: Schadstoffemissionen müssen gesenkt, Bergleute und Stahlarbeiter umgeschult und die Infrastruktur ausgebaut werden.

Die Montanindustrie prägte zwei Jahrhunderte lang die Wirtschaftsstruktur Ostravas. Inzwischen sind die meisten Gruben geschlossen, die Hochöfen stillgelegt, und die Region entwickelt sich zu einem der attraktivsten Investitionsstandorte in Tschechien.

Laut der Studie "European Territorial Trends" schaffen nur zehn Wirtschaftsräume der EU bis 2060 ein Wachstum von mehr als 2 Prozent pro Jahr. Mährisch-Schlesien ist einer davon. Beim Ranking "fDi European Cities and Regions of the Future" landete Ostrava unter Europas mittelgroßen Städten (bis 750.000 Einwohner) auf Platz 6 in der Kategorie "FDI Strategy". Das Gremium der Financial Times prämiert damit die erfolgreichsten Strategien zur Anwerbung ausländischer Direktinvestitionen.

Beim nationalen Ranking "Mesto pro byznys" (Stadt mit dem besten Geschäftsumfeld) erreichte Ostrava 2018 den Spitzenplatz. Die Jury lobte den informativen Webauftritt, die kundenfreundlichen Öffnungszeiten der Behörden, die schnelle Reaktionszeit der Verwaltung auf konkrete Firmenanfragen und den hohen Anteil kleiner und mittelständischer Unternehmen in der Stadt.

Wie gut die Start-up-Szene funktioniert, lässt sich in den Gründerzentren beobachten. Im Mährisch-Schlesischen Innovationszentrum MSIC sind derzeit knapp 70 Unternehmen untergekommen. Voll ausgebucht ist der Business Inkubator der Technischen Universität VSB. Aktuell haben dort 25 Firmen ein Domizil gefunden, vor allem aus dem Informationstechnologiesektor (IT).

Karbonbauteile für deutsche Rennwagen

Auch der deutsche Autozulieferer Brebeck setzt auf Kooperation mit der Hochschule. Das Unternehmen produziert in Senov bei Ostrava Leichtbauteile für die Motorsportindustrie, bevorzugt aus Karbon. "Einzelne Arbeitsaufträge wie Ultraschallprüfungen vergeben wir an die Universität", sagt Firmengründer Thomas Brebeck. Außerdem unterstützt er Studierende bei der Konstruktion von Rennwagen. "Auf diese Weise begeistern wir die jungen Leute für Karbonwerkstoffe und gewinnen neue Talente für unseren Betrieb", so Brebeck.

Sein Unternehmen war 2017 zur besten Firma im Bezirk Mährisch-Schlesien gekürt worden. Der gelernte Kunststoffformgeber aus Niederbayern hatte den Betrieb 2011 mit zwei Mitarbeitern gegründet. Inzwischen hat Brebeck Composite 70 Beschäftigte und erzielt Jahresumsätze von über 5 Millionen Euro. Namhafte Kunden wie die Rennsportteams von Audi, BMW oder Porsche lassen in Senov Leichtbauteile fertigen.

Von den Standortbedingungen in der Region schwärmt Firmenchef Brebeck. "Die Leute hier wollen und können richtig gut arbeiten, vor allem die jüngeren." Die Kostenstruktur sei sehr günstig, Löhne und Strom deutlich billiger als in Deutschland. Allerdings passiert es hin und wieder, dass der örtliche Stromversorger die Verbindung kappt, was bei der energieintensiven Produktion zum Problem werden kann. "Außerdem ist es bei bestimmten Positionen schwer, Fachkräfte zu finden, zum Beispiel Qualitätsmanager." berichtet Brebeck.

Nicht jeder Investor ist willkommen

Der Personalmangel könnte sich weiter verschärfen, denn Ostravas Gewerbegebiete sind voll, neue Investoren drängen in die Region. "Früher wollten wir so viele Arbeitsplätze wie möglich schaffen, um den Entlassenen der Schwerindustrie neue Perspektiven zu bieten", sagt Vaclav Palicka, Leiter der Abteilung für strategische Entwicklung im Rathaus. "Heute suchen wir uns die Investoren aus und achten darauf, dass möglichst viel Wertschöpfung entsteht." Ein chinesisches Unternehmen, das eine Reifenfabrik in der Region plante, wurde sogar abgelehnt.

Ein Schlüssel zum wirtschaftlichen Aufschwung von Ostrava war die Einrichtung von strategischen Industriezonen. Die erste entstand ab 2004 im Stadtteil Hrabova. Heute sind dort bekannte Unternehmen wie Brembo, SungWoo, Henniges Automotive, Rossignol oder ABB Robotics angesiedelt.

Am Flughafen Ostrava-Mosnov entsteht ein multimodales Logistikzentrum mit 240.000 Quadratmetern Lager- und Produktionsfläche. Seit Anfang 2018 läuft dort die zweite Bauphase für einen Eisenbahn-Frachtknoten. "Dort wollen wir die Verkehrsströme aus Straßen-, Eisenbahn- und Lufttransporten kombinieren", sagt Ostravas Entwicklungschef Palicka.

Logistiksektor ist eine der Wachstumsbranchen

Der Transport- und Logistiksektor gehört zu den Wachstumsbranchen in Mährisch-Schlesien. Das liegt auch am Boom der Fahrzeugindustrie in der Region. Mit Hyundai im Gewerbegebiet Nosovice, Kia im nahe gelegenen Zilina (Slowakei) sowie Opel im polnischen Gleiwitz gibt es im Umkreis von hundert Kilometern gleich drei große Autofabriken.

Das lockt die Zulieferer an. Laut Mährisch-Schlesischem Automobilcluster sind rund hundert Komponentenhersteller in der Region aktiv. Allein Continental und Brose haben mehrere Tausend Jobs geschaffen. Cluster-Direktor Ladislav Glogar erklärt, dass die Unternehmen neben der Produktion auch massiv ihre Forschungsaktivitäten ausbauen und Beschäftigte für Konstruktionsbüros suchen.

Neben der Automobilindustrie soll der IT-Sektor zu einer Wachstumsbranche in Ostrava werden. Die Stadt ist nach Prag und Brno der drittwichtigste Standort für zentrale Dienstleistungszentren großer Unternehmen (Shared Service Centers, SSC). Schon 26 internationale Konzerne betreiben solche IT-Hubs in der Stadt. Sie beschäftigen über 7.000 Menschen und werden angelockt von günstigen Büromieten und der großen Zahl von Hochschulabsolventen.

Richtig große Datenmengen verarbeiten kann in Ostrava das Nationale Supercomputerzentrum IT4Innovations mit den beiden leistungsstärksten Rechnern des Landes. "Ostrava wurde als Standort gewählt, um die wirtschaftliche Diversifizierung der Region voranzubringen, und weil es bei uns viel Expertise auf dem Gebiet der angewandten Mathematik gibt", erklärt Branislav Jansik, Servicedirektor des Rechenzentrums.

Auf den Computern laufen derzeit 150 Projekte. "Hier werden verschiedene Prozesse berechnet, um zum Beispiel Vorhersagen über Materialeigenschaften, Verkehrsflüsse oder über Erdbeben treffen zu können", so Experte Jansik. Auch deutsche Forschungseinrichtungen nutzen die Rechenleistung in Ostrava.

Weniger Feinstaub als in der Prager Luft

Die Hightech-Einrichtung auf dem Unicampus zeigt, wie erfolgreich die Region ihre industrielle Vergangenheit abschüttelt. Das gilt auch für die Luftverschmutzung, einst das Markenzeichen Mährisch-Schlesiens. Allerdings haben die Industriebetriebe in den vergangenen Jahren viel investiert, um Emissionen zu senken. Tatsächlich gehört die Region nicht mehr zu den größten Luftverschmutzern des Landes. Die Feinstaubbelastung in Prag ist doppelt so hoch; bei Stickstoffoxiden liegt der Bezirk Usti nad Labem weit vorn. Nur bei Kohlenstoffmonoxid kommt die Region Ostrava auf die höchsten Werte im Land.

Doch auch das soll sich ändern. Zusätzlich zum nationalen Programm zum Austausch von Heizkesseln vergibt die Stadt Ostrava extra Fördermittel an Hausbesitzer. Der örtliche Nahverkehr soll bis 2023 zu 95 Prozent emissionsfrei fahren. Der kommunale Fuhrpark und die städtische Polizei werden schrittweise auf Elektroautos umgestellt. "Rund um die Stadt haben wir einen Grüngürtel geschaffen und im Stadtgebiet fast eine halbe Million Bäume und Sträucher gepflanzt", sagt Ostravas Entwicklungschef Palicka.

Prag und Ostrava im Vergleich (2017)
Kennziffer Ostrava Prag
Einwohner 322.000 1.295.000
Arbeitslosenquote 6,9 2,3
Zahl der wirtschaftlich aktiven Unternehmen 40.540 334.347
Unternehmensgründungen 3.227 28.620
Zahl der Touristen 250.500 7.652.700
Zahl der Studierenden 21.000 124.000
Büromiete je qm und Monat in Euro 13,50 20,50
Durchschnittslohn 26.700 *) 37.300
Straftaten pro 1.000 Einwohner (2016) 34,7 *) 39,2

*) Region Mährisch-Schlesien

Quellen: Tschechisches Statistikamt; Ministerium für Arbeit und Soziales; Bildungsministerium; CBRE; Tschechische Nationalbank; Recherchen und Berechnungen von Germany Trade & Invest

Mehr zum Land finden Sie unter http://www.gtai.de/tschechische-republik.

Dieser Artikel ist relevant für:

Tschechische Republik Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Regionalstruktur

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