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01.04.2015

Erneuerbare Energien in Polen erhalten klare Förderregeln

Umstellung auf Auktionssystem / Einspeisetarif für Mikroanlagen / Von Simon Bujanowski

Bonn (gtai) - Das lang erwartete Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien in Polen ist endlich verabschiedet worden. Das bisherige System der grünen Zertifikate wird durch ein Auktionsmodell ersetzt. Die Regierung legt zukünftig die Quoten und damit die geförderte Menge an erneuerbaren Energien fest. Bis 2020 sollen regenerative Quellen rund 13 TWh mehr Strom pro Jahr erzeugen als heute. Zudem werden Mikroanlagen gezielt gefördert - allerdings nur bis zu einer bestimmten Grenze. (Internetadressen)

Investoren und private Betreiber von Anlagen, die mit erneuerbaren Energien (EE) betrieben werden, können sich in Polen über eine Neuregelung der staatlichen Förderung freuen. Diese bringt Klarheit in das Fördersystem, nachdem zuvor diverse Entwürfe diskutiert und mehrfach verändert wurden. Das Parlament in Warschau beschloss die neuen Regelungen im Februar 2015, nach der Unterschrift von Staatspräsident Komorowski Anfang März kann es nun im April in Kraft treten. Ziel ist es, bis 2020 einen Anteil von 15% erneuerbarer Energien am gesamten Energieverbrauch des Landes zu erreichen.

Wichtigste Veränderung ist der Übergang vom bisherigen Zertifikatesystem zu einem Auktionsmodell für EE. Zukünftig werden pro Jahr feste Kapazitäten an erneuerbaren Energien ausgeschrieben, für die der jeweils günstigste Anbieter den Zuschlag erhält. Anschließend erhält er über einen Zeitraum von 15 Jahren nach Beginn der Energieproduktion einen festen Abnahmepreis für den produzierten Strom. Die Lieferung muss dabei spätestens nach 48 Monaten beginnen; bei Photovoltaik sogar schon nach 24 Monaten, bei Offshore-Windanlagen - die es bislang in Polen gar nicht gibt - dagegen erst nach 72 Monaten.

Zeitrahmen der Umsetzung der neuen Regelungen
Möglichkeit der Präqualifikation von Projekten ab 1.5.15
Bekanntgabe von Menge und Wert der ersten Auktion durch den Ministerrat bis 31.5.15
Bekanntgabe von Menge und Wert der ersten Auktion für Anlagen <1 MW durch den Wirtschaftsminister bis 15.6.15
Einrichtung der Verrechnungsstelle für Erneuerbare Energien, Operator Rozliczen Energii Odnawialnej S.A. (OREO) 1.10.15
Bekanntgabe der Referenzpreise durch den Wirtschaftsminister bis 31.12.15
Inkrafttreten der neuen Förderbestimmungen 1.1.2016
Veröffentlichung der ersten Auktion bis Ende des 1. Quartals 2016

Quelle: Dreberis

Die Ausschreibung erfolgt zukünftig mindestens einmal pro Jahr durch das Energieregulierungsamt URE (Urzad Regulacji Energetyki, http://www.ure.gov.pl). Festgelegt werden im Vorfeld Referenzpreise und Menge. Eine Besonderheit ist die mögliche Begrenzung für Technologien, die weniger als 4.000 Volllaststunden pro Jahr bieten - also in erster Linie Wind- und Solarenergie. Damit soll sowohl Systemstabilität beibehalten als auch anderen Energieträgern überhaupt eine Chance gegeben werden, die bei einer reinen Kostenbetrachtung im Nachteil sind. Abgesehen von dieser Einschränkung erfolgt der Zuschlag ausschließlich auf Basis des Preises.

Angepeilt werden insgesamt etwa 13,2 TWh mehr an erzeugter Energie aus EE bis 2020. Hiervon sollen rund 7,3 TWh aus Quellen stammen, die weniger als 4.000 Volllaststunden pro Jahr ermöglichen. Die Auktionen trennen sich nach Anlagen mit über und unter 1 MW Leistung sowie nach neuen Anlagen und Bestandsanlagen. Als Letztere werden Anlagen gelten, die bis einschließlich 31.12.15 in Betrieb genommen werden. Ihre Betreiber können wählen, ob sie weiterhin Zertifikate beziehen oder sich an den Auktionen beteiligen wollen. Bestehende Anlagen können allerdings weiterhin das bisherige System der Zertifikate nutzen, das grundsätzlich unbefristet weiter läuft. Laut Einschätzung der Beratungsfirma Dreberis ist mit den ersten Auktionen im Jahr 2016 zu rechnen.

Potenzielle Betreiber müssen bereits im Vorfeld der Auktionen mehrere Voraussetzungen erfüllen. Hierzu gehören ein Nachweis aus dem Flächennutzungsplan über die Bebauungsbedingungen am geplanten Standort, ein Netzanschlussvertrag, eine Baugenehmigung, ein Zeit- und Finanzierungsplan sowie eine Bankgarantie oder Kaution. Nicht ganz so hoch sind die Hürden bei Offshore-Projekten. Stephan Wegert, Berater bei Dreberis, begründet dies mit den Risiken der Projektentwicklung, die für die Betreiber einer Offshore-Anlage kalkulierbar bleiben müssen.

Polnischer Energiemix wird grüner

Der Ausbau der EE entwickelte sich auch 2014 trotz der ungeklärten gesetzlichen Lage weiter dynamisch. Die installierte Leistung in MW stieg um knapp ein Zehntel, die erzeugte Energie aus regenerativen Quellen sogar um über 20%. Bis 2020 soll die durch erneuerbare Energien erzeugte Menge an Strom in Polen auf 32,4 TWh steigen. Im Jahr 2014 lag dieser Wert bei rund 19,8 TWh. Laut EU-Vorgaben muss Polen bis 2020 einen Anteil von 19,1% EE an der verbrauchten Elektrizität erreichen.

Erneuerbare Energien: Installierte Leistung in Polen nach Energieträgern (in MW)
2009 2010 2011 2012 2013 2014
Wind onshore 725 1.180 1.617 2.497 3.390 3.834
Biomasse 253 356 410 821 987 1.008
Wasserkraft 945 937 951 966 970 977
Biogas 71 83 88 131 162 189
Photovoltaik 0 0 1 1 2 21
Gesamt 1.993 2.556 3.067 4.416 5.511 6.026

Quelle: Dreberis nach URE

Vor allem der Anteil der Windenergie dürfte sich weiter erhöhen. Laut Dreberis geht der Übertragungsnetzbetreiber PSE-Operator in der Netzplanung davon aus, dass sich die installierte Gesamtleistung noch im laufenden Jahr 2015 auf 4.533 MW erhöht, um im Folgenden weiter mit rund 1 GW pro Jahr zu steigen (5.541 MW bis Dezember 2016, 6.549 MW bis Dezember 2017).

Erneuerbare Energien: Erzeugung in Polen nach Energieträgern (in GWh)

2009 2010 2011 2012 2013 2014
Wind onshore 1.045 1.823 3.127 4.599 5.923 7.677
Ko-Feuerung 4.282 5.243 6.000 6.364 3.853 4.736
Biomasse 601 636 1.055 1.618 3.596 4.428
Wasserkraft 2.376 2.922 2.317 2.032 2.436 2.180
Biogas 301 364 431 529 609 770
Photovoltaik 0 0 0 1 1 7
Gesamt 8.604 10.988 12.929 15.143 16.417 19.798

Quelle: Dreberis nach URE, ARE

Derzeit dominiert in Polen die Stromerzeugung durch Kohlekraft. Einen umfassenden Überblick über die polnische Energiesituation finden Sie unter dem folgenden Link: "Kohlestrom und Atomenergie bilden die polnische Energiewende", http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/maerkte,did=1008776.html.

Kontakte in Polen können zum Beispiel über Messen geknüpft werden. Weitere Informationen hierzu finden Sie hier: "Polnische Messen bieten Foren für Erneuerbare Energien", http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/maerkte,did=1171332.html.

Förderung für Mikroanlagen - aber nur bis 800 MW

Das neue Gesetz fördert erstmals auch private Kleinstanlagen, zum Beispiel Solaranlagen auf Hausdächern oder in Gärten. Private Betreiber von Mikroanlagen, die sogenannten Prosumenten, erhalten zukünftig einen festen Preis für den Strom, den sie in das allgemeine Netz einspeisen. Die Regelung gilt für neu errichtete Anlagen bis maximal 10 kW Leistung. Noch unklar ist die Frage, ob die bisherige Investitionsförderung für den Bau von Mikroanlagen und die neue Förderung über Garantiepreise miteinander kombinierbar sein werden.

Experten rechnen damit, dass in Polen rund 200.000 Mikroanlagen entstehen könnten. Zum Vergleich: Derzeit gibt es laut Gazeta Wyborcza in ganz Polen nur 576 Mikroanlagen, die Strom für den Eigenbedarf herstellen und ihre Überschüsse in das allgemeine Netz einspeisen. Sie erreichen eine Kapazität von immerhin 2,8 MW, hauptsächlich über Solarenergie.

Einspeisevergütung für Mikroanlagen
Energieart Vergütung Vergütung in Euro 3)
Anlagen bis max. 3 kW 1)
.Wasser, Wind, Photovoltaik 0,75 Zl/kWh 0,18 Euro/kWh
Anlagen von 3 kW bis max. 10 kW 2)
.Agrarbiogas 0,70 Zl/kWh 0,17 Euro/kWh
.Deponiegas 0,55 Zl/kWh 0,13 Euro/kWh
.Klärgas 0,45 Zl/kWh 0,11 Euro/kWh
.Wasser, Wind, Photovoltaik 0,65 Zl/kWh 0,16 Euro/kWh

1) Bis zu einer Gesamtkapazität von 300 MW; 2) bis zu einer Gesamtkapazität von 500 MW; 3) eigene Berechnung, 1 Euro = 4,1760 Zloty, Monatsreferenzkurs Februar 2015.

Quellen: Dreberis, Deutsche Bundesbank

Die Gesamtmenge der installierten Leistung von Mikroanlagen wird allerdings begrenzt, um eine unkontrollierte Ausweitung der Erzeugungskapazitäten durch Mikroanlagen zu verhindern. Für Anlagen bis 3 kW liegt die mögliche Gesamtleistung bei 300 MW, Anlagen von 3 bis 10 MW dürfen zusammen maximal 500 MW erreichen. Anlagen, die mit ihrer Erzeugung diese Gesamtkapazität überschreiten, erhalten keine Einspeisevergütung mehr. Potenzielle Prosumenten sollten mit ihrer Investitionsentscheidung also nicht allzu lange zögern.

Zudem gilt die derzeitige Regelung nur bis zum Jahr 2035. Eine Mikroanlage, welche die volle Förderzeit von 15 Jahren ausschöpfen will, muss daher bis 2021 fertiggestellt werden.

Internetadressen:

Energieregulierungsamt (Urzad Regulacji Energetyki)

Verantwortlich für die Umsetzung der Energiepolitik der Regierung sowie die Marktaufsicht

Internet: http://www.ure.gov.pl

Agentur für den Energiemarkt (Agencja Rynku Energii, ARE)

Verantwortlich für die Aufsicht der Implementierung von Energiepolitiken der Regierung sowie Marktbeobachtung

Internet: http://www.are.waw.pl

Nationaler Fonds für Umweltschutz und Wasserwirtschaft (Narodowy Fundusz Ochrony Srodowiska i Gospodarki Wodnej)

Verantwortlich für die Förderung von EE

Internet: http://www.nfosigw.gov.pl

(SIBU)

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Polen alternative Energien

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Marlene Bukowski

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