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11.06.2018

Frankreich will Vorreiterrolle bei autonomem Fahren einnehmen

Regierung fördert Tests mit selbstfahrenden Autos / Von Peter Buerstedde

Paris (GTAI) - Frankreich will die Rahmenbedingungen für autonomes Fahren verbessern. Dazu hat die Regierung im Mai 2018 ein Strategiepapier vorgestellt. Ab 2019 sollen Experimente mit vollautonomen Fahrzeugen leichter möglich sein. Noch im Juni 2018 will die Regierung einen Aufruf für entsprechende Tests starten und diese mit bis zu 40 Millionen Euro fördern. (Kontaktadressen)

Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte in einer Rede zum Thema künstliche Intelligenz (KI) Ende März 2018 die Bedeutung der autonomen Mobilität für die französische Autoindustrie hervorgehoben. Bisher habe das Land Schwierigkeiten, sich unter den führenden Akteuren bei Entwicklung und Tests von autonomen Fahrzeugen zu positionieren. Frankreich habe die Technologieführerschaft in der Automobilindustrie in den 80er Jahren weitgehend an Deutschland verloren und möchte diese zurückgewinnen.

Nach den am 14. Mai 2018 vorgestellten Plänen will die Regierung bis 2019 die gesetzlichen Vorgaben für Tests im Bereich des autonomen Fahrens bis zur Autonomiestufe 5 (fahrerloses Fahren) nach der Skala des internationalen Verbandes der Automobilingenieure SAE (Society of Automotive Engineers) vereinfachen. Bisher waren derartige Versuche nicht nur aufgrund technischer Herausforderungen sondern auch aufgrund regulatorischer und haftungstechnischer Hürden kaum umsetzbar. Die Experimente sollen im Gesetz zur Unternehmensförderung (Loi Pacte) geregelt werden, das noch im Juni vorgestellt und vor Jahresende verabschiedet werden soll.

Ab 2020 ist dann eine Zulassung für Fahrzeuge mit Autonomiestufe 3 (hochautomatisiert) und ab 2022 mit Autonomiestufe 4 (vollautomatisiert) geplant. Parallel dazu sollen gemeinsam mit den nationalen Akteuren des Sektors Fragen zur Haftung bei Unfällen und zum Datenschutz gelöst, sowie die Straßenverkehrsordnung angepasst werden.

International strebt die Regierung eine Harmonisierung und Weiterentwicklung des Regelwerks für autonomes Fahren an. Derzeit behindert zum Beispiel die Wiener Straßenverkehrskonvention eine Zulassung vollautonomer Fahrzeuge. Die französische Regierung will aber auch auf technischem Niveau die Zusammenarbeit ausbauen. "Wir haben eine französische Strategie. Aber sie muss sehr schnell eine deutsch-französische und eine europäische werden", sagte Macron im März. Deutschland und Frankreich haben 2017 zwischen Metz und Merzig eine erste grenzüberschreitende Teststrecke von 70 Kilometern ausgewiesen.

Umfangreiche Fördermittel für autonome Mobilität

Die französische Regierung will nicht nur die Rahmenbedingungen verbessern, sondern der Automobilindustrie auch direkt unter die Arme greifen. Am 22. Mai 2018 hat sie mit Herstellern und Zulieferern einen Fahrplan vereinbart, der Fördermaßnahmen für autonomes Fahren und für die Bereiche Elektromobilität, Ausbildung und für die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie vorsieht. Noch im Juni 2018 plant die Regierung einen Projektaufruf, um mit 40 Millionen Euro Versuche im Bereich autonome Mobilität zu fördern. Insgesamt sollen damit Vorhaben im Wert von 200 Millionen Euro angestoßen werden. Für die Entwicklung neuer Batterietechnologien und Bordsysteme sind separate Fördermittel vorgesehen.

Zudem wird bis Ende 2020 ein Testprogramm für die Kommunikation zwischen Fahrzeugen und Infrastruktur durchgeführt, um Standards zu entwickeln, die dann im Infrastrukturausbau angewendet werden können. Die Regierung erlaubt seit Anfang 2018 5G-Pilotprojekte in neun Städten, aber auch andere maßgeblich in Frankreich entwickelte Übertragungstechnologien wie Sigfox oder LoRa sind denkbar. PSA etwa forscht hier zusammen mit dem Telekomausrüster Ericsson und dem Netzbetreiber Orange am Einsatz von 5G in Fahrzeugen. Die Regierung möchte bis Ende 2020 auch Studien zu neuen Mobilitätsformen in Partnerschaft mit den verschiedenen Gebietskörperschaften in Auftrag geben.

Genehmigungen für Testfahrten mit teilautonomen Fahrzeugen

Frankreich verfolgt das Thema autonomes Fahren schon seit Jahren. Bereits 2014 wurde eine erste staatliche Strategie entwickelt. Von Ende 2014 bis April 2018 sind Ausnahmegenehmigungen für 41 Versuche mit teilautonomen Fahrzeugen erteilt worden, 26 für Pkw und 15 für Kleinbusse für den öffentlichen Verkehr. Diese betrafen die Autonomiestufen 2 (teilautomatisiert), 3 und zuletzt 4. Die Fahrzeuge haben nach Regierungsangaben etwa 200.000 Testkilometer ohne Unfall absolviert.

Das Ergebnis nimmt sich gegenüber den zurückgelegten Teststrecken US-amerikanischer Entwickler autonomen Fahrens wie Waymo mit über 1 Millionen Kilometer bescheiden aus. Aber Frankreich kann bei der Entwicklung der Technologien, die für autonomes Fahren benötigt werden, strategische Kompetenzen in die Waagschale werfen. Die Softwarebranche gilt als sehr innovativ besonders in der Analyse großer Datenmengen (Big Data) sowie bei der damit verbundenen künstlichen Intelligenz (KI) und im Bereich Simulationstechnik. Zudem verfügt Frankreich über starke Akteure im Automobilsektor, die etwa wie Renault (in Allianz mit Nissan) stark in der Elektromobilität sind oder der Zulieferer Valeo, spezialisiert auf Entwicklung von Fahrerassistenzsystemen und von Innovationen für den Fahrzeuginnenraum.

Das US-amerikanische Marktforschungsunternehmen Navigant nennt in einer Anfang 2018 erstellten Rangliste führender Firmen in der Entwicklung des autonomen Fahrens unter den Top-10 die französischen Hersteller Renault-Nissan und PSA. Auch Valeo und der Kleinbusentwickler Navya, ebenfalls aus Frankreich, werden als wichtige Akteure gelistet. Seit einigen Jahren bereits testen Renault, PSA und Valeo autonome Fahrzeuge im Straßenverkehr und kooperieren dabei auch mit Telekomfirmen und Autobahnbetreibern.

Simulationsanlage testet Fahrbetrieb

Bis 2022 will Renault 15 teilautonome Fahrzeuge in den Markt einführen, darunter auch den Kleinbus EZ-GO. Der Autohersteller testet seit 2017 den "Symbioz", Prototyp eines autonomen Fahrzeugs und hat unter anderem 25 Millionen Euro in eine Simulationsanlage gesteckt, die Fahrsituationen nachstellt, um die Steuersysteme für den Einsatz im realen Straßenverkehr zu testen. Renault, PSA und Orange arbeiten bereits seit 2014 im Projekt Scoop gemeinsam an der Kommunikation zwischen Fahrzeugen untereinander sowie zwischen Fahrzeugen und der Infrastruktur. Bis Ende 2018 sollen 3.000 Autos mit Modems ausgestattet sein und Informationen austauschen können.

Andere Akteure setzen gleich auf vollautonome Fahrzeuge. Navya aus Lyon und Easymile aus Toulouse entwickeln autonome Kleinbusse (E-Shuttles). Diese sind nicht nur in verschiedenen französischen Städten sondern weltweit im Einsatz. Die Experimente haben sich in den letzten Jahren zunächst von abgesperrten Strecken auf die öffentlichen Straßennetze ausgeweitet. 2018 haben in Frankreich erste Versuche mit fahrerlosen Autos begonnen. Navya hat im Januar 2018 seine autonomen Personentransporter (Autonom Cab) publikumswirksam auf der Messe CES in Las Vegas Dienst tun lassen.

Der Kleinbus EZ10 von Easymile wird im bayrischen Bad Birnbach eingesetzt. Im September 2017 hatte Continental eine Minderheitsbeteiligung an Easymile erworben. Seit April verfügt die Startup- Firma auch über ein Büro in Berlin.

Weitere Informationen zu Frankreich finden Sie unter http://www.gtai.de/frankreich

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
AHK Frankreich http://frankreich.ahk.de Berät beim Markteinstieg in Frankreich
Ministère de la Transition écologique et solidaire https://www.ecologique-solidaire.gouv.fr/quelle-strategie-developpement-du-vehicule-autonome-en-france Seite des Ministeriums mit Dokumenten zur Regierungsstrategie bezüglich autonomen Fahrens
Navya https://navya.tech Hersteller von E-Shuttlen
EasyMile http://www.easymile.com Hersteller von E-Shuttlen

Dieser Artikel ist relevant für:

Frankreich Straßenfahrzeuge, allgemein, Straßenverkehr, Elektromobilität

Karl-Heinz Dahm Karl-Heinz Dahm | © GTAI

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‎+49 228 24 993 274

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