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27.07.2017

Frischer Wind in Argentinien

Energiedefizit soll gedeckt werden / Anteil der Erneuerbaren steigt / Von Carl Moses

Buenos Aires (GTAI) - Argentinien bietet die besten natürlichen Voraussetzungen für Energieerzeugung. Trotzdem ist das Land in der vergangenen Dekade vom Exporteur zum Nettoimporteur von Energie geworden. Schuld waren falsch gesetzte Anreize für Investoren und Verbraucher sowie fehlende Finanzierung. Heute sind die Rahmenbedingungen attraktiver. Dazu gehören eine Anpassung der staatlich regulierten Preise und die Erschließung neuer Finanzierungsquellen auch unter stärkerer Beteiligung privater Investoren.

Bis 2025 müssen in Argentinien rund 21 Gigawatt (GW) an zusätzlicher Stromerzeugungskapazität ans Netz gehen, um die jährlich etwa um 4% wachsende Stromnachfrage zu decken. Investitionen von 35 Mrd. US$ sind dafür erforderlich. Argentinien will dabei vor allem die günstigen Voraussetzungen für die Nutzung erneuerbarer Energien (EE) endlich nutzen. Das Land gehört zu den Standorten mit den besten Sonnenstrahlungswerten und den höchsten Kapazitätsfaktoren in der Windkraft. Auch bei Biotreibstoffen ist Argentinien weltweit unter den führenden Anbietern. Bislang spielten die Erneuerbaren dennoch eine Nebenrolle. Das wird sich jetzt ändern.

Kickstart für die Erneuerbaren

Fast die Hälfte der neuen Kapazitäten soll aus erneuerbaren Energien (ohne große Wasserkraftwerke) kommen (10 GW Zubau bis 2025). Damit soll ihr Anteil an der Stromversorgung von 1,9% (2015) bis 2025 auf 20,0% steigen, wie es das Ende 2015 mit einem großen politischen Konsens reformierte Gesetz Nr. 26.190 über erneuerbare Energien fordert. Das EE-Gesetz gewährt dazu Steuervorteile und andere Anreize.

Argentiniens Ziele für den Ausbau der Energieerzeugung
Energiequelle Installierte Kapazität 2015 (in GW) Installierte Kapazität 2025 (in GW)
Erneuerbare Energien 0,66 10,66
Wärme 21,12 29,12
Atomkraft 1,32 1,42
Wasser 9,90 12,90
Gesamt 33,00 54,10

Quelle: Argentinisches Ministerium für Energie und Bergbau MINEM

Bei den ersten staatlichen Ausschreibungen für den Ankauf von Strom aus erneuerbaren Energien (Programm Renovar 1 und 1,5) wurden im Herbst 2016 private Investitionen von 4 Mrd. US$ für 2.400 Megawatt (MW) neue Stromerzeugungskapazitäten vereinbart. Die Investoren boten für langfristige Lieferverträge (PPA) über 20 Jahre mit der staatlichen Strommarkt-Verwaltungsgesellschaft Cammessa überraschend niedrige Strompreise: durchschnittlich 56,25 US$ je Megawattstunde (MWh) für insgesamt 1.473 MW aus Wind sowie 57,04 US$ (Minimum) je MWh für 916 MW Sonnenstrom. Bei der ersten Ausschreibung dominierten chinesische Anbieter, die aufgrund einer besonders günstigen Finanzierung die niedrigsten Kosten je MWh anbieten konnten.

Investitionen in Wärme- und Wasserkraft

Die künftigen Zahlungen werden durch einen staatlichen Fonds (Foder) und zusätzliche Bürgschaften der Weltbank garantiert. PPA unter Privaten, die ohne entsprechende Garantien auskommen müssen, sind schwieriger zu finanzieren. Zudem ist noch nicht klar, zu welchem Preis Cammessa den angekauften Strom an Großabnehmer weiterveräußern wird. Damit fehlt bisher ein Referenzpreis für PPA unter privaten Erzeugern und Großabnehmern. Ein Gesetz zur Regelung dezentraler Energieerzeugung ist in Vorbereitung. Eine neue Ausschreibungsrunde für staatliche Energiekäufe aus erneuerbarer Erzeugung soll schon bald erfolgen.

Um die Grundversorgung mit Strom sicherzustellen, sollen bis 2025 zwischen 5 und 7 MW aus der Installation von zusätzlichen Wärmekraftwerken bereitgestellt werden (geplante Investitionen 4,0 Mrd. bis 5,4 Mrd. US$). Ein weiterer Schwerpunkt ist der Bau von großen Wasserkraftwerken, die bis 2025 rund 3 GW an neuer Kapazität liefern sollen (Gesamtinvestitionen: 10 Mrd. US$). Argentinien verhandelt zudem über den Bau von neuen Atomkraftwerken mit chinesischen und russischen Partnern. Für den Ausbau des Hochspannungsleitungsnetzes (500 Kilovolt) sieht die Regierung in den nächsten Jahren einen Investitionsbedarf von 5 Mrd. US$, der durch Public-Private-Partnership-Projekte gedeckt werden soll.

Energieeffizienz wird wichtig

Der Energieeffizienz wurde in Argentinien bislang wenig Bedeutung beigemessen, da die Strom- und Gaspreise seit 2002 weitgehend eingefroren waren und auf ein extrem niedriges Niveau heruntersubventioniert wurden. Dies ändert sich nun. Um die hohen Defizite im Staatshaushalt und im Außenhandel mit Energieträgern einzudämmen sowie Anreize für einen wirtschaftlichen Umgang mit den knappen Energieressourcen zu schaffen, hat die Macri-Regierung die Tarife für Strom und Gas drastisch angehoben. Allerdings decken die Tarife noch immer nicht die Kosten, die Strompreise für einen Privathaushalt stiegen von 1 auf etwa 4 Eurocent je Kilowattstunde (kwh). Weitere Erhöhungen sind angekündigt.

Nach der Anpassung der Energiepreise an ein realistisches Niveau dürfte die Nachfrage nach Energiespartechnik rasch und kräftig steigen. Beim Bau neuer Bürogebäude, die bereits zu etwa drei Vierteln nach der Norm LEED zertifiziert werden, sind hohe Anforderungen an die Energieeffizienz schon heute Standard. Die Bauwirtschaftskammer Camarco kalkuliert den Bedarf an Investitionen in die Energieeffizienz für den Zeitraum von 2016 bis 2025 auf rund 30 Mrd. Euro.

Hoffnungsträger Schiefergas

Argentinien verfügt nach Schätzung der US-amerikanischen Energiebehörde EIA über die zweitgrößten Schiefergasvorkommen weltweit - nach China, aber noch vor den USA, die mit ihrem Schiefergasboom in den vergangenen zehn Jahren den Energiemarkt revolutioniert haben. Allein in dem argentinischen Fördergebiet Vaca Muerta sollen Ressourcen lagern, die nahezu der Hälfte der gesamten Schiefergasvorkommen der Vereinigten Staaten entsprechen. Bei Schieferöl rangiert Argentinien weltweit an vierter Stelle. Ausländische Konzerne wie Chevron, Shell, Total, Dow, Exxon Mobile und die BASF-Tochter Wintershall sind bereits in dem Gebiet tätig, meist in Partnerschaften mit dem staatlich kontrollierten argentinischen Ölkonzern YPF.

Die Kosten des Fracking sind in Argentinien bisher noch deutlich höher als in den USA. Um Investitionen dennoch lohnend zu machen, garantiert die Regierung den Förderunternehmen Abnahmepreise, die weit über dem Niveau des US-amerikanischen Marktes liegen, aber in etwa dem durchschnittlichen Preis der argentinischen Gasimporte entsprechen. Erklärtes Ziel ist, in einigen Jahren wieder unabhängig von Energieimporten zu werden.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Argentinien finden Sie unter http://www.gtai.de/argentinien.

(C.M.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Argentinien Energie, Wasser, Wärme, allgemein, Strom-/ Energieerzeugung, Solar, Strom-, Energieerzeugung, allgemein, Strom-/ Energieerzeugung, Wind, Strom-/ Energieerzeugung, Wasserkraft, Strom-/ Energieerzeugung, Kernkraft, Strom-/ Energieerzeugung, Bioenergie, alternative Energien

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