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16.10.2015

Immer mehr Menschen und Firmen in Russland insolvent

Neues Insolvenzverfahren in Kraft getreten / Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - Die Wirtschaftskrise in Russland hat die Privathaushalte erreicht. Ein neues Gesetz soll nun Privatinsolvenzen ermöglichen. Bei knapp 500.000 Menschen könnte dieser Insolvenzmechanismus greifen. Auch bei Unternehmen sind die Insolvenzen im 1. Halbjahr 2015 stark gestiegen. Selbst namhafte Unternehmen schieben riesige Schuldenberge vor sich her. Russlands Banken legen Kredite nur sehr zögerlich heraus, syndizierte Kredite aus dem Ausland gibt es praktisch nicht mehr. (Kontaktanschrift)

Seit Anfang Oktober 2015 haben es Banken in Russland leichter, ihre Außenstände einzutreiben. Sie können ihre Schuldner in die Privatinsolvenz zwingen, wenn diese mehr als drei Monate lang einen Schuldenberg von einer halben Million Rubel (Rbl; knapp 7.150 Euro; 1 Euro = 69,96 Rbl; EZB-Wechselkurs vom 7.10.15) vor sich herschieben. Oder präziser: Wenn sie ihren Verpflichtungen aus Konsumenten-, Automobil- oder etwa Hypothekenkrediten nicht nachkommen und das Zahlungsziel schon drei Monate lang verfehlt haben. Ein entsprechendes Gesetz ist am 1.10.15 in Kraft getreten. Aber nicht nur Banken können die Insolvenz beantragen, sondern auch die russische Steuerbehörde oder die Schuldner selbst. Sie sollen damit einen geregelten Schnitt und einen Neustart machen dürfen - unter der Aufsicht eines Finanzverwalters.

Vor der Insolvenz gibt es allerdings noch drei Heilungsmöglichkeiten: Zum ersten die Streckung der Schulden. Zum zweiten die Konfiszierung von Vermögen. Zum dritten eine gütliche Einigung zwischen Gläubiger und Schuldner. Gelingt dies alles nicht, kommt es zur Privatinsolvenz und ein Finanzverwalter übernimmt. Eine Art Vormund, der das bestehende Vermögen verwaltet. Und dafür entlohnt wird - auf Kosten des Schuldners. Allerdings: Bis aufs letzte Hemd darf der Schuldner nicht ausgezogen werden. Im wahrsten Sinne des Wortes: Denn Kleidung und Schuhe sind unantastbar. Genauso wie selbst genutztes Wohneigentum - sofern es nicht Gegenstand eines Hypothekendarlehens war. Was aber durchaus versteigert werden kann: weitere Immobilien, Fahrzeuge, Wertsachen wie etwa Schmuck oder teure Uhren.

Eine halbe Million Menschen betroffen

Wie nötig das neue Gesetz ist, verrät der Vizechef der russischen Zentralbank, Wassili Posdyschew. Bei 400.000 bis 500.000 russischen Bürgern könnte der neue Insolvenzmechanismus greifen. Dem Nationalen Büro für Kredithistorie (NBKI) zufolge trifft dies auf 460.000 Menschen zu. Beachtlich: Die Zahl hat sich von Dezember 2014 bis heute um die Hälfte erhöht. Damals wären noch 300.000 russische Bürger unter die neue Insolvenzrichtlinie gefallen. NBKI-Chef Alexander Wikulin will die Lage jedoch nicht dramatisieren. Für das russische Bankensystem sei das alles noch verkraftbar, sagt er.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn das Gesetz berührt nur Privatpersonen, die mindestens 500.000 Rbl Schulden über mindestens drei Monate nicht zurückzahlen. Allein im Konsumentenkreditbereich waren im Juli 2015 über 12,5 Mio. Verbraucherkredite überfällig. Das sind die Schulden von 7,5 Millionen Russen. Davon wiederum zahlen 5,2 Mio. schon seit mehr als drei Monaten ihre Kreditraten nicht mehr zurück. Und dabei haben im 1. Halbjahr 2015 etwa 11% weniger Menschen einen Verbraucherkredit erhalten als noch vor einem Jahr.

Die Wirtschaft hat indes längst gegengesteuert. So wurden im 1. Halbjahr 2015 nur noch 280.485 Hypothekenkredite für insgesamt 461 Mrd. Rbl vergeben. Damit sank die Anzahl der herausgelegten Kredite um 37%, das wertmäßige Volumen um 40%. Hypothekenkredite werden zu einem jährlichen Zinssatz von circa 14% vergeben.

Anzahl möglicher Privatinsolvenzen nach Regionen *)
Region Anzahl möglicher Privatinsolvenzen
Stadt Moskau 24.000
Region Moskau 19.800
Swerdlowsker Gebiet 17.100
Krasnodarski Krai 16.600
Republik Baschkortostan 16.600
Stadt Sankt Petersburg 15.700
Gebiet Rostow 14.300
Gebiet Tscheljabinsk 14.300
Republik Tatarstan 13.800
Krasnojarski Krai 11.500

*) Stichtag 1.9.15

Quelle: NBKI, zitiert in Wedomosti

Zahlungsmoral bei Unternehmen sinkt drastisch

Und die Zahlungsmoral russischer Unternehmen? War auch schon einmal besser. Das Volumen überfälliger Verbindlichkeiten ist zum Ende des Monats Juli 2015 auf 2.302 Mrd. Rbl angestiegen. Das war ein Drittel mehr als noch Ende Juli 2014. Ganz besonders schlimm ist die Lage in der verarbeitenden Industrie. Dort waren Ende Juli 2015 Kredite im Wert von 934 Mrd. Rbl überfällig - fast 60% mehr als noch vor einem Jahr. Insgesamt waren damit über 6,6% aller Kredite überfällig.

Überfällige Verbindlichkeiten russischer Unternehmen nach Branchen
Branche Überfällige Verbindlichkeiten zum 31.7.15 (in Mrd. Rbl) Veränderung 31.7.15/31.7.14 (in %)
Wirtschaftsunternehmen insgesamt, davon 2.301,9 30,8
.Land- und Forstwirtschaft 23,4 -6,7
.Abbau von Rohstoffen 199,9 12,5
.Verarbeitende Industrie 933,7 59,3
.Produktion und Verteilung von Energie, Gas, Wasser 402,3 -0,7
.Bauwesen 77,6 -0,2
.Groß- und Einzelhandel 474,0 43,5
.Transport und Netze 77,4 17,2
.Immobiliendienstleistungen, Vermietung 90,2 21,4

Quelle: NBKI, zitiert in Wedomosti

In etlichen Fällen müssen sich Gläubiger wohl damit abfinden, dass sie ihr Geld nicht wiedersehen werden. In den ersten neun Monaten 2015 ist die Anzahl der Unternehmensinsolvenzen um 8% auf 11.183 gestiegen. Aber auch das sei nur ein unwesentliches Wachstum, heißt es bei der Handels- und Industriekammer der Russischen Föderation. Offizielle Insolvenzen lassen sich in Russland über die Seite http://bankrot.fedresurs.ru/Default.aspx recherchieren.

Russlands Kreditinstitute hadern derweil mit neuen Krediten. Sberbank, Russlands größte Bank, hat über Monate hinweg das Kreditportfolio gekürzt, um im Juli und August 2015 wieder etwas mehr Geld an Unternehmen zu verleihen. Der Markt hatte das bereits als Trendwende verstanden. Im September allerdings verharrten die Neukredite wieder auf demselben Niveau wie vor einem Jahr. Laut russischer Zentralbank ist das Volumen von Firmenkrediten in den ersten acht Monaten um 7,7% gestiegen. Dafür konnten sich russische Konzerne im Ausland kaum noch mit syndizierten Krediten eindecken - eine Folge der Finanzsanktionen gegen Russland.

Namhafte Konzerne in Zahlungsschwierigkeiten

Es sind aber nicht nur kleine Firmen, die unter der Wirtschaftskrise in Russland leiden. So steht etwa der Bergbau- und Metallurgiekonzern Metschel seit langem in den Schlagzeilen. Das Unternehmen sitzt auf einem gigantischen Schuldenberg: Ende Juni 2015 waren es knapp 7 Mrd. US$. Das waren 2% mehr als zum Ende des 1. Quartals 2015. Viele Gläubiger erstreiten sich Rückzahlungen vor Gericht. Metschel hatte sich für mehrere Investitionsprojekte im In- und Ausland mit milliardenschweren Krediten eingedeckt. Doch die Metallpreise sind im Keller und damit die Gewinnaussichten für das Unternehmen.

Definitiv am Ende ist dagegen die bankrotte Airline Transaero. Sie wird zurzeit mit staatlicher Unterstützung abgewickelt. Einen Teil der Flugzeuge dürfte die staatliche Gesellschaft Aeroflot übernehmen. Schlagzeilen macht auch die Baugesellschaft SU-155. Das Bauministerium sucht nach einem geeigneten Unternehmen, der den angeschlagenen Konzern übernehmen könnte. Recherchen von Germany Trade & Invest zufolge haben viele der 30.000 Mitarbeiter über Monate hinweg kein Gehalt bekommen. Das Schlimme: Mehr als 27.000 Menschen haben bei SU-155 Wohnungen bestellt. Und dafür vorab bezahlt. Ob sie sich jemals ihren Traum von den eigenen vier Wänden werden erfüllen können?

Kontaktanschriften:

Nazionalnoje bjuro kreditnich istori (NBKI) (Nationales Büro für Kredithistorie)

Ul. Bolschaja Nikitskaja 24/1, str. 5, pod.3, Moskau

Tel.: 007 495/221 78-37, Fax: -37 125

E-Mail: KDrobyshev@nbki.ru (Pressestelle); Internet: http://www.nbki.ru

(H.B.)

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Russland Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Insolvenzrecht

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