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06.03.2018

Indiens Megacity Delhi breitet sich weiter aus

Ausbau der Transportinfrastruktur hat Priorität / Luft zum Atmen wird knapp / Von Thomas Hundt

New Delhi (GTAI) - Delhi wächst über seine Grenzen hinaus. Die Stadt expandiert in ihrer Peripherie und wird 2030 laut Prognosen mit 36 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Metropole der Welt sein. Die Umweltprobleme nehmen stetig zu. Insbesondere die Luftverschmutzung macht der Region zu schaffen. Öffentliche Stellen investieren unter anderem in die Verkehrsinfrastruktur. Sie planen den Umstieg auf Elektroautos und bauen weitere U-Bahnen.

Die Hauptstadt Delhi ist das politische Zentrum Indiens und nach Mumbai der zweitgrößte Wirtschaftshub des Subkontinents. Die historisch gewachsene Weltstadt wurde in den letzten Jahrhunderten mehrfach erweitert und neu strukturiert. Die Altstadt und die 1931 fertiggestellte Hauptstadt New Delhi bilden den Kern. New Delhi gehört zu neun Distrikten der Stadt Delhi mit 11,0 Millionen Einwohnern (letzter Zensus 2011). Diese ist wiederum Teil des eigenständigen Unionsterritoriums National Capital Territory of Delhi (16,8 Millionen Einwohner), das im Westen an den Bundesstaat Haryana und im Osten an Uttar Pradesh grenzt.

Basisdaten Delhi

Indikator
Einwohner (Unionsterritorium 2011 in Mio.) 16,8
Fläche (qkm) 1.483
BIP/pro Kopf im Finanzjahr 2016/17 (US$) 5.175
Bevölkerungsdichte (Einwohner/qkm) 12.860
Anteil der Haushalte mit Zugang zu Elektrizität k.A.
Elektrizitätsverbrauch pro Kopf 2013/14 (kWh) 1.561
Länge des Metronetzes 2017 (km) 231
Abfall (Tonnen pro Tag, Schätzung) 14.100
Anteil der Haushalte mit Zugang zu Trinkwasser 2013/14 (Prozent) 83
Wasserverbrauch pro Kopf 2013/14 (Liter/Tag) 190

Quellen: Delhi Economic Survey 2016/17, Central Electricity Authority of India, Delhi Metro Rail Corporation, Delhi Jal Board, National Green Tribunal New Delhi

Die Stadtentwicklungsbehörde Delhi Development Authority (DDA) hat 2007 einen Masterplan vorgestellt und möchte Delhi bis 2021 zu einer Metropole von Weltklasse entwickeln. Der Plan beschreibt Entwicklungszonen, Infrastrukturpläne und Flächennutzungen. Massive Investitionen in die Infrastruktur sind notwendig. Fachleute mahnen, dass dafür die Boden- und Grundstücksrechte reformiert werden müssen. Die Kommunen sollten mehr Verantwortung und Unabhängigkeit erhalten. Die Bürokratie sei zu entschlacken, um mehr private Infrastrukturinvestitionen zu mobilisieren.

Für fundierte Analysen und Planungen fehlen allerdings entsprechende Daten. Viele Einwohner sind nicht gemeldet und arbeiten in informellen Sektoren. Strom und Wasser werden illegal angezapft, Müll und Abwässer gesetzeswidrig entsorgt.

Delhi wächst in der Breite

Die Metropole breitet sich in alle Richtungen aus. Weder Gebirge, noch Gewässer stehen ihrer Expansion entgegen. Teure Hochhäuser und Wolkenkratzer sind nicht notwendig, dafür entstehen am Rand zahlreiche neue Wohn- und Gewerbegebiete. Delhi wächst auch mit weit entfernten Distrikten wirtschaftlich zusammen, deshalb wurde 1985 eine übergeordnete Planungsstelle National Capital Region Planning Board (http://ncrpb.nic.in) geschaffen. Der Board koordiniert die Pläne und Projekte der Hauptstadtregion National Capital Region (NCR), welche die doppelte Fläche der Metropolregion Berlin-Brandenburg umfasst und mit 46 Millionen Einwohnern (Stand 2011) sogar acht Mal so stark bevölkert ist.

Die Vereinten Nationen fassten Delhi 2016 mit seinen direkten Nachbarstädten Ghaziabad, Noida, Faridabad und Gurgaon zu einer 26,5 Millionen Einwohner Megacity zusammen und prognostizieren bis 2030 einen Zuwachs um 10 Millionen Einwohner auf rund 36 Millionen. Delhi wird dann nur noch knapp hinter Tokio die zweitgrößte Megacity der Welt sein.

Mehr Straßen, weniger Autos, stärkerer öffentlicher Nahverkehr

Sieben Schnellstraßen laufen auf Delhi zu. Das Straßenbauministerium hat im September 2017 ein Programm mit Investitionen in Höhe von 5,2 Milliarden US-Dollar angekündigt, um Delhi besser mit dem Umland zu verbinden. Die nationale Behörde National Highways Authority (NHAI) baut und plant Expressways, Ringstraßen und Überführungen, um Staupunkte zu entlasten.

Die Koordination der Aktivitäten fällt schwer. Für den Straßenbau und deren Instandhaltung sind neben der NHAI, Tiefbauämter (Public Works Department), die Stadtverwaltung (Municipal Corporations of Delhi), der Stadtrat (New Delhi Municipal Council), ein Rat des Verteidigungsministeriums (Delhi Cantonment Board) und die Entwicklungsbehörde (Delhi Development Authority) zuständig.

Der Absatz von Kraftfahrzeugen (Kfz) boomt. In den letzten vier Jahren wurden 1,6 Millionen Motorräder und 656.000 Personenkraftwagen (Pkw) neu zugelassen. Mitte 2017 waren bereits 6,6 Millionen Motorräder und 3,2 Millionen Pkw auf Delhis Straßen unterwegs. Damit der Bestand nicht zu schnell zulegt, möchte die Verwaltung Dieselfahrzeuge aus der Stadt verbannen, die älter als zehn Jahre sind. Der Chiefminister von Delhi schlägt darüber hinaus vor, dass mehr als 15 Jahre alte Kfz verschrottet werden.

Pläne für Elektromobilität werden gerade erarbeitet. Das Ministerium für erneuerbare Energien strebt an, dass in Indien ab 2030 nur noch Elektroautos verkauft und produziert werden. Pilotprojekte starten. Der nationale Think Tank NITI Aayog (National Institution for Transforming India) hat Ende 2017 angekündigt, 135 Ladestationen im Großraum Delhi errichten zu wollen.

Das U-Bahnnetz liegt in einer Hand und entlastet den Nahverkehr erheblich. Die staatliche Gesellschaft Delhi Metro Rail Corporation (DMRC) betreibt Metrolinien mit einer Erstreckung von 231 Kilometern (km). Bis Ende 2018 will die Gesellschaft weitere 119 km in Betrieb nehmen. Damit wird der Großraum Delhi über das weltweit viertgrößte Metronetz verfügen. Eine vierte Ausbauphase sieht nochmals 104 km an neuen Strecken vor.

Luftverschmutzung belastet die Bürger enorm

Die Weltgesundheitsorganisation stufte 2016 die Luftverschmutzung in Delhi im Vergleich zu 3.000 Städten als die elfstärkste ein. Die Feinstaubbelastung lag 2016 im Schnitt bei 260 (PM10 in Mikrogramm pro Kubikmeter Wert) und übertraf den national erlaubten Wert von 60 um mehr als das Vierfache. Im November 2017 mussten Schulen schließen, weil sich der stärkste Smog seit 17 Jahren über der Region ausbreitete.

Eine Arbeitsgruppe der Regierung entwarf daraufhin im Dezember 2017 einen Zwölf-Punkte-Aktionsplan. Dazu zählt eine Mechanisierung der Landwirtschaft in den umliegenden Bundesstaaten, um das Abbrennen von Stoppelfeldern zu verhindern. Der Plan fordert Investitionen in die Überwachung und Kontrolle von Verursachern der Luftverschmutzung wie Kraftwerke und Ziegelleien. Die verschiedenen Stadtverwaltungen sollen Maßnahmen gegen die Müllverbrennung und für mehr Recycling einleiten sowie mehr Straßenreinigungsmaschinen anschaffen.

Der Delhi Jal Board ist für die Versorgung mit Trinkwasser und die Behandlung der Abwässer verantwortlich. Das Trinkwasser wird hauptsächlich aus Flüssen wie dem Yamuna entnommen, die dringend rehabilitiert werden müssen. Außerdem sinken die Grundwasserspiegel. Die Behörde will zunächst die enormen Verluste bei der Verteilung des Trinkwassers und dessen Kontamination reduzieren. Der Delhi Jal Board verfügt über 32 Kläranlagen mit einer Gesamtkapazität von 2,76 Kubikmeter pro Tag, die bis 2020 um ein Viertel erhöht werden soll. Die Klärwerke werden allerdings nicht vollständig genutzt, weil Zuleitungen verstopfen. Sie werden gelegentlich ausgebessert.

Ausgewählte Großprojekte in Delhi
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mrd. US$) Projektstand Anmerkung
Delhi Metro Phase 4 8 Genehmigung durch Stadt Delhi im Januar 2017, Vorbereitungsphase Verlängerung von drei und Neubau von drei Linien (insgesamt 109 km, http://www.delhimetrorail.com)
New Delhi India International Convention and Expo Centre 4 Bauauftrag für erste Phase im Dezember 2017 an L&T Construction (Indien), Ausschreibung der Betreibergesellschaft 230.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, Hotels und Gewerbeflächen, Auftraggeber ist eine Zweckgesellschaft des Bundes
Flughafen Jewar in Noida bei Delhi 3 Machbarkeitsstudie und Gründung der Betreibergesellschaft bis Mitte 2018, Baustart Ende 2018 Bau in vier Phasen, Kapazität 30 Mio. bis 50 Mio. Passagiere
Township Vasant Kunj Extension 1,8 Genehmigung des Kabinetts 2018 erwartet 12.000 Wohnungen, Gewerbeimmobilien auf einer Fläche von 80 Hektar, Baufirma National Building Construction Corporation

*) Umrechnung anhand des Wechselkurses 1 US-Dollar = 65 indische Rupien

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Dieser Artikel ist relevant für:

Indien Umweltschutz, Entsorgung, Klimaschutz, allgemein, Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Urbanisierung, Stadtentwicklung

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