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03.04.2017

Iran meldet starkes Wirtschaftswachstum

Offizielle Daten aber umstritten / Steigende Arbeitslosigkeit / Rouhani will zweite Amtszeit / Von Robert Espey

Teheran (GTAI) - Präsident Rouhani wurde 2013 vor allem gewählt, weil er wirtschaftlichen Aufschwung versprach. Die von der Statistikbehörde und der Zentralbank veröffentlichen Daten zeigen zwar ein immer kräftigeres Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Für die meisten Wähler ist jedoch die Entwicklung des Arbeitsmarktes der wichtigste Maßstab zur Bewertung der Wirtschaftslage. Hier kann Rouhani aber keine positive Bilanz vorweisen. Die Arbeitslosigkeit steigt und eine Trendwende zeichnet sich noch nicht ab.

Nach revidierten Angaben des iranischen Statistikamtes wurde 2015/16 (iranisches Jahr 1394: 21.3.15 bis 20.3.16) ein reales BIP-Plus (Bruttoinlandsprodukt) von mageren 0,7% erreicht. Aber für das jetzt zu Ende gegangene Jahr 2016/17 meldet die Behörde eine kontinuierliche Beschleunigung des BIP-Wachstums. Für die ersten drei Quartale 2016/17 (21.3. bis 20.12.2016) wird gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum der BIP-Anstieg mit 7,2% angegeben, ohne den Ölsektor sollen es immerhin noch 5,0% gewesen sein.

Die Zentralbank hat ihre eigene Statistik mit einem von der Statistikbehörde abweichenden Basisjahr. Das Statistikamt kalkuliert das reale BIP-Wachstum zu konstanten Preisen von 1997/98 (1376), die Zentralbank wählt als Basisjahr 2004/05 (1383). Für die Neunmonatsperiode 2016/17 kommt die Zentralbank auf einen realen BIP-Zuwachs von insgesamt 11,9%, ohne den Ölsektor auf 1,9%. Die Zentralbank hat allerdings zuletzt für 2014/15 detaillierte BIP-Daten veröffentlicht.

In den Zentralbank-Publikationen sind ab 2015/16 gar keine BIP-Zahlen zu finden und in Presseerklärungen werden nur wenige Daten genannt. Der Zentralbank zufolge hat der Öl- und Gassektor in den ersten drei Quartalen 2016/17 real um 65,4% zugelegt, für die Landwirtschaft werden 4,2%, für die verarbeitende Industrie 5,8%, für den Bergbau (ohne Öl und Gas) 0,2% und für den Dienstleistungssektor 2,4% angegeben, die Baubranche ist um 17,1% geschrumpft. Die Statistikbehörde weist abweichende Zuwächse aus: Öl- und Gassektor 85,4%, Landwirtschaft 5,7%, Bergbau (ohne Öl und Gas) -4,1%, verarbeitende Industrie 4,6%, Dienstleistungen 5,4% und die Baubranche -11,0%.

Das starke Wachstum im Ölsektor (Produktionsanstieg auf fast 4 Mio. bpd), ein Plus in der Landwirtschaft aufgrund einer guten Weizenernte und die weitere Talfahrt in der Baubranche werden allgemein als nachvollziehbar bezeichnet. Aber die realen Zuwächse in der verarbeitenden Industrie und im Dienstleistungssektor sind unter Beobachtern umstritten.

Iran: Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts nach Sektoren 2012/13 bis 2016/17 (reale Veränderungen gegenüber Vorjahr in %, zu konstanten Preisen von 1997/98) 1)
Sektoren 2012/13 (1391) 2013/14 (1392) 2014/15 (1393) 2015/16 (1394) 2016/17 (1395) 2)
Alle Sektoren -5,0 -1,8 1,9 0,7 7,2
Alle Sektoren, ohne Öl- und Gasförderung -2,7 -1,5 1,8 0,7 5,0
Landwirtschaft u. Fischerei 3,4 3,5 5,5 5,3 5,7
Bergbau )ohne Öl und Gas) 9,6 5,9 2,8 -3,3 -4,1
Öl- und Gasförderung -47,2 -9,1 4,8 3,6 85,4
Verarbeitende Industrie -10,5 -1,7 7,6 -0,3 4,6
Bauwirtschaft -13,8 -5,3 -16,1 -13,1 -11,0
Dienstleistungen 0,2 -1,6 0,5 0,2 5,4

1) jeweils iranische Jahre : 21.3. bis 20.3.; 2) ersten drei Quartale im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum

Quelle: Statistical Center of Iran (SCI)

Industrieentwicklung uneinheitlich

Viele Industriesparten zeigen gegenwärtig kaum oder kein Wachstum, so Wirtschaftsvertreter. Eine Liste des Industrieministeriums mit Produktionsdaten zu ausgewählten Erzeugnissen weist jedoch für die ersten zehn Monate 2016/17 (21.3.16 bis 20.01.17) teilweise ordentliche Zuwächse aus.

Zu den Industriebranchen mit deutlicher Aufwärtstendenz gehört die Automobilbranche. Die Zahl der gefertigten Pkw stieg im Zehnmonatszeitraum gegenüber der entsprechenden Vorjahrsperiode um 41% auf 1,01 Mio. Fahrzeuge an. Auch in anderen Fahrzeugkategorien gab es hohe Zuwächse: kleine Lkw (+13% auf 63.900 Einheiten), Busse und Minibusse (+33% auf 1.472) sowie mittlere und schwere Lkw (+22% auf 10.213). Für das Gesamtjahr 2016/17 werden insgesamt 1,3 Mio. Fahrzeuge erwartet, dies würde einem Plus von etwa 30% entsprechen. Das Wachstum im Kfz-Sektor hat auch der Zulieferindustrie kräftige Impulse gegeben, so erhöhte sich die Reifenproduktion um 14% auf 183.800 t.

Positiv hat sich 2016/17 auch die Petrochemie entwickelt, kein Wachstum gab es hingegen in der Pharmaindustrie. Der Ausstoß der 53 petrochemischen Werke des Landes dürfte 2016/17 um etwa 7% auf 49 Mio. t gestiegen sein, die Produktion erhöhte sich 2015/16 nur um 2,5% auf 45,6 Mio. t.

Prognosen für 2016/17 kalkulierten mit schwachem Nicht-Öl-Sektor

Die meisten BIP-Prognosen für 2016/17 lagen zwischen 4 und 5%. Deutlich optimistischer zeigte sich die im Februar 2017 veröffentlichte Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF). Nach Abschluss der "Article IV Mission"-Gespräche im Dezember 2016 prognostizierte die IWF-Delegationsleiterin, Catriona Purfield, für 2016/17 ein BIP-Plus von 6,6%, aber nur noch 3,3% für 2017/18. Die im Oktober 2016 veröffentlichte IWF-Herbstprognose lag bei 4,5% für 2016/17 und 4,1% für 2017/18.

Die aktuelle IWF Prognose veranschlagt für 2016/17 das reale Wachstum des Ölsektors mit 52,2% (2015/16: 6,4%) und den Zuwachs der Nicht-Öl-Wirtschaft mit nur 0,8% (-2,7%). Für 2017/18 geht der IWF (wie die meisten Analysten) davon aus, dass Iran seine Ölförderung nicht weiter oder nur noch wenig erhöhen kann. Der IWF erwartet 2017/18 ein Plus im Ölsektor von 2,6% und von 3,4% in der Nicht-Öl-Wirtschaft.

Wachstum, trotzdem muss Rouhani um Wiederwahl bangen

Das 2016/17 erzielte BIP-Wachstum entspricht den Prognosen beziehungsweise (je nach Quelle) übertrifft die Erwartungen deutlich. Aber ein Großteil der iranischen Bevölkerung sieht die Wirtschaft noch nicht auf einem guten Weg, so die Einschätzung vieler Beobachter. Dies könnte Rouhani bei der Präsidentschaftswahl am 19. Mai Stimmen kosten.

Revolutionsführer Ayatollah Seyyed Ali Khamenei und das konservative Lager kritisieren, die wirtschaftlichen Verhältnisse der Bevölkerungsmehrheit hätten sich bislang nicht spürbar verbessert. Khamenei lobt zwar die Rouhani-Regierung für ihre Bemühungen um einen wirtschaftlichen Aufschwung, hält aber die ergriffenen Maßnahmen für unzureichend. Er fordert eine konsequentere Umsetzung des Konzepts der "Resistance Economy", die auf wirtschaftliche Entwicklung bei möglichst geringer Abhängigkeit vom Ausland zielt.

Die dem Revolutionsführer nahestehende, führende konservative Zeitung Kayhan spricht von einem Wirtschaftswachstum "auf dem Papier". Wenn man die von der Regierung veröffentlichten Zahlen mit der wirtschaftlichen Realität vergleiche, sei der Widerspruch erkennbar. Ein anderes konservatives Blatt schreibt, von positiven Ergebnissen des Atomvertrages sei noch nichts zu spüren. Die Regierung weist die Kritik als unsachlich zurück.

Arbeitslosigkeit bleibt zentrales Thema

Nicht das BIP-Wachstum, sondern die gestiegene Arbeitslosigkeit und die Einkommensentwicklung der privaten Haushalte werden den offiziell erst Ende April beginnenden, kurzen Wahlkampf bestimmen. Angesichts des kontinuierlich starken Wachstums der Erwerbsbevölkerung ist eine Verbesserung der Arbeitsmarktlage nur bei einer kräftigen und nachhaltigen Konjunkturbelebung in allen wichtigen Wirtschaftszweigen möglich.

Gemäß den Mitte März veröffentlichten Berechnungen des Statistikamtes ist die durchschnittliche Arbeitslosenquote 2016/17 gegenüber dem Vorjahr um 1,4 Prozent-Punkte auf 12,4% gestiegen. Die Zahl der Arbeitslosen wird mit durchschnittlich 3,2 Mio. angegeben. In der Altersgruppe von 15 bis 29 kam es zu einer Verschlechterung der Arbeitslosenquote von 23,3 auf 25,9%.

Der Anteil der Unterbeschäftigten an den Erwerbstätigen lag im Sommer 2016 bei 9,5%, dies entsprach 2,2 Mio. Personen. Nach Meinung vieler Beobachter zeichnet die offizielle Statistik nur ein unvollständiges Bild der kritischen Arbeitsmarktlage. Schätzungen sprechen von bis zu 10 Millionen Arbeitssuchenden und Unterbeschäftigten.

(R.E.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Iran Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Arbeitsmarkt / Löhne / Ausbildung, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Konjunktur, allgemein

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