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18.05.2018

Irans Neue Städte wachsen nur langsam

"Zweite Generation" in Planung / Kooperation mit Deutschland / Von Robert Espey

Teheran (GTAI) - Das rasante Bevölkerungswachstum in den iranischen Großstädten hat zu einer massiven Überlastung der Infrastruktur sowie zu stark gestiegenen Wohnungspreisen geführt, dies gilt insbesondere für die Hauptstadtregion. Der Bau Neuer Städte am Rande der Metropolen soll den Druck vermindern. Die ambitionierten Pläne konnten aber bislang nur sehr begrenzt realisiert werden. So leben im Großraum Teheran von geschätzten 14 bis 16 Millionen Menschen derzeit nur 2 bis 3 Prozent in vier Neuen Städten.

In Iran wurde zur Entlastung der Ballungsräume in den 1990er Jahren mit dem Bau von Satellitenstädten (New Towns) begonnen. Mittlerweite gibt es 17 Neue Städte (in unterschiedlichen Entwicklungsphasen) der sogenannten "ersten Generation". Die "zweite Generation" besteht aus 13 weiteren Neuen Städten. Nach Angaben der zuständigen, staatlichen "New Towns Development Company" soll eine der Neuen Städte der "zweiten Generation" (Amir Kabir in der Nähe von Arak) bereits im Bau sein.

Der Planung zufolge sollen in den 17 bereits existierenden beziehungsweise teilweise fertiggestellten Neuen Städten letztlich 4,2 Millionen Menschen leben. Aktuell dürfte die Wohnbevölkerung bei 0,8 Millionen liegen, gemäß Zensus waren es 2016 rund 766.000 (2004: 321.000). In den 13 Neuen Städten der "zweiten Generation" wird eine Bevölkerung von 1,2 Millionen angestrebt, zunächst gilt aber für eine 1. Phase eine Zielgröße von 350.000.

Iran: Existierende Neue Städte (erste Bauphasen fertiggestellt oder begonnen)
Name Provinz Großraum Fläche (in qkm) Geplante Bevölkerung Bevölkerung 2016
Andishe Teheran Teheran 13,9 130.000 116.000
Pardis Teheran Teheran 41,7 450.000 73.400
Parand Teheran Teheran 34,2 483.000 97.500
Hashtgerd Alborz Teheran 44,0 675.000 42.100
Golbahar Khorasan Razavi Mashhad 27,0 420.000 36.900
Binalood Khorasan Razavi Mashhad 30,3 135.000 4.700
Baharestan Esfahan Esfahan 41,1 320.000 79.000
Foolad Shahr Esfahan Esfahan 31,1 320.000 88.400
Majlesi Esfahan Esfahan 11,7 140.000 9.400
Sahand East Azarbaijan Tabriz 15,5 150.000 82.500
Mohajeran Markazi Arak 11,8 60.000 20.300
Amir Kabir *) Markazi Arak 1,6 100.000 0
Sadra Fars Shiraz 25,5 340.000 91.900
Shirin Shahr Khouzestan Ahwaz 10,1 75.000 330
Ramin Khouzestan Ahwaz 6,0 63.000 0
Ali Shahr Bushehr Bushehr 10,0 100.000 23.200
Alavi Hormuzgan Bandar Abbas 10,0 100.000 174
Ramshahr Sistan and Baluchestan Zabol k.A. 60.000 k.A.

*) gehört zur "zweiten Generation" Neuer Städte

Quellen: New Towns Development Company, Ministry of Roads and Urban Development

Alle Neuen Städte haben sich deutlich langsamer entwickelt als geplant. Die staatlichen Finanzierungen standen nicht im notwendigen Umfang zur Verfügung und durch private Investoren konnte der Kapitalbedarf nicht gedeckt werden. Als besonders problematisch erwiesen sich die auch in Neuen Städten durchgeführten Großprojekte eines Wohnungsbauprogramms für einkommensschwache Bevölkerungsschichten (Mehr Housing Program). Das Programm wurde unter Präsident Mahmoud Ahmadinejad (2005 bis 2013) ins Leben gerufen.

Wohnungsbauprogramm mit Mängeln

Das "Mehr Housing Program" startete 2007 mit dem Ziel, innerhalb von fünf Jahren zwei Millionen Wohnungen für die unteren Einkommensgruppen zu schaffen. Der Staat förderte das Programm durch die Bereitstellung von kostenlosem Bauland sowie durch zinsgünstige Kredite und die Finanzierung notwendiger Infrastrukturmaßnahmen.

Das Wohnungsbauprogramm geriet aber unter anderem aufgrund einer hohen Belastung des Staatshaushaltes ins Stocken. Bei Amtsantritt von Präsident Rouhani (August 2013) waren erst eine Million Wohnungen fertiggestellt. Zwischenzeitlich dürfte der Bau von 1,9 Millionen Einheiten ganz oder zumindest weitgehend abgeschlossen sein. Die Rouhani-Regierung hatte angekündigt, dass "Mehr"-Programm bis Ende 2017/18 (iranisches Jahr; 21.3. bis 20.3.) zu beenden. Nach Angaben der zuständigen National Land and Housing Organization standen im Herbst 2017 rund 55.000 Wohnungen des "Mehr"-Programms kurz vor der Übergabe, bei 85.000 nicht fertiggestellter Wohneinheiten war unklar, wie weiter verfahren werden soll.

In den Neuen Städten sollte das Wohnungsbauprogramm insgesamt 400.000 Wohneinheiten schaffen. Mittlerweile dürfte der Bau von etwa 300.000 Einheiten abgeschlossen oder nahezu abgeschlossen sein. Die "Mehr" Projekte (zumeist große Wohnblocks) zeichnen sich häufig durch eine triste Architektur und minderwertige Bauqualität aus.

Ein großer Teil der "Mehr" Projekte entfällt auf die Neuen Städte im Großraum der Hauptstadt. So sollen in der Neuen Stadt Pardis (30 Kilometer östlich von Teheran) letztlich rund 82.500 "Mehr" Wohneinheiten entstehen. Davon waren Mitte 2016 nur etwa 12.000 Wohneinheiten bezugsfertig, weitere 35.000 weitgehend fertig.

In der Neuen Stadt Parand (40 Kilometer südlich von Teheran) ist die Situation ähnlich. Viele der bezugsfertigen Wohnungen werden in Parand nicht genutzt, weil notwendige Versorgungseinrichtungen (Geschäfte, Schulen, Freizeitangebote etc.) fehlen oder noch nicht fertiggestellt sind. Zudem würde das Pendeln zwischen der Wohnung und einem Arbeitsplatz in Teheran Stunden dauern. Eine Anbindung an das Teheraner Metro-System ist zwar im Bau, aber der Fertigstellungstermin noch offen.

Projekte für private Investoren

Zur Weiterentwicklung der Neuen Städte will Iran mehr privates in- und ausländisches Kapital mobilisieren. Investoren werden vor allem gesucht zum Bau von Gewerbeflächen für den Einzelhandel (Shopping Malls etc.), Büros und andere Dienstleistungen. Die "New Towns Development Company" hat für alle existierenden Neuen Städte entsprechende Investitionsvorschläge erarbeitet. Auch die Errichtung von Krankenhäusern steht auf der Wunschliste.

Für Pardis werden Investoren zum Bau einer 20 Kilometer langen Schienenstrecke nach Teheran gesucht. Ebenfalls Schienenverbindung sind für die Neuen Städte Golbahar (Raum Mashhad; Streckenlänge: 45 Kilometer), Baharestan (Esfahan; 15 Kilometer), Foolad Shahr (Esfahan; 25 Kilometer), Sahand (Tabriz; 20 Kilometer) und Sadra (Shiraz; 13 Kilometer) geplant.

Mit dem süd-koreanischen Unternehmen Daelim wurde im Herbst 2015 eine Absichtserklärung über eine Investition in Höhe von umgerechnet 900 Millionen Euro zum Bau von Wohnungen in der 50 Kilometer südöstlich von Teheran geplanten Neuen Stadt Kharazmi (35.000 Einwohner) unterzeichnet. Der aktuelle Projektstand ist aber unklar.

Deutsches Engagement auch bei Planung der "zweiten Generation"

Die mit 44 Quadratkilometern und einer geplanten Bevölkerung von 675.000 größte Neue Stadt ist Hashtgerd (65 Kilometer westlich von Teheran), aktuell liegt allerdings die Bevölkerung bei unter 50.000. Mit dem Bau wurde Mitte der 1990er Jahre begonnen. Hastgerd war Gegenstand eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten mehrjährigen Forschungsprogramms zur "nachhaltigen Entwicklung der Megastädte von morgen" unter Leitung der TU Berlin (Projektende: 2014). Partner auf iranischer Seite waren das "Building and Housing Research Center" und die "New Towns Development Company". Neben Planungs- und Designarbeiten wurde im Rahmen des Programms ein Musterhaus mit 16 Wohneinheiten erstellt.

Iran: Geplante Neue Städte der "zweiten Generation" (noch nicht im Bau)
Name Provinz Großraum Fläche (in qkm) Geplante Bevölkerung Geplante Bevölkerung 1. Phase
Koshk Hormuzgan Bandar Abbas 20,0 300.000 40.000
Siraf Bushehr Bushehr 15,0 120.000 40.000
Pars Bushehr Bushehr 5,0 30.000 30.000
Tabnak Fars Shiraz 10,0 60.000 30.000
Hora Hamedan Hamedan 11,3 120.000 30.000
Tosan 1) Mazandaran -- 1,5 10.000 10.000
Eyvanaki Semnan Semnan 20,0 50.000 20.000
Ferdos Semnan Shahmirzad 3,0 10.000 10.000
Kharazmi Teheran Teheran 6,0 35.000 35.000
Makran Hormuzgan Jask 20,0 100.000 30.000
Samangan Kerman Sirjan 16,5 90.000 30.000
Tis 2) Sistan and Baluchestan Chahbahar, Makran Coast 40,0 150.000 30.000

1) Projekt wird derzeit nicht mehr aktiv verfolgt, eventuell ganz aufgegeben; 2) gehörte ursprünglich zur "ersten Generation"

Quellen: New Towns Development Company, Ministry of Roads and Urban Development

Anfang 2017 haben das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und die "New Towns Development Company" eine Absichtserklärung über eine Kooperation bei Planung und Realisierung der "zweiten Generation" Neuer Städte unterzeichnet. Die "zweite Generation" soll verstärkt ökologische Aspekte berücksichtigen. Zudem wird die Schaffung von "Smart Cities" angestrebt, dies gilt auch für die schon bestehenden Neuen Städte. Der Planung zufolge wird bei der "zweiten Generation" nicht mehr nur die Bereitstellung von Wohnraum im Fokus stehen. Vielmehr sollen die zukünftigen Neuen Städte als Dienstleistungsstädte konzipiert werden. Für einige Neue Städte sind Freizeit und Tourismus als Schwerpunkte vorgesehen.

Dieser Artikel ist relevant für:

Iran Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Wohnungsbau, Urbanisierung, Stadtentwicklung

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