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14.09.2017

Israels Raumfahrtindustrie setzt auf Wachstum und Kooperation

Stärkere zivile Nutzung angestrebt / Chancen für deutsche Unternehmen / Von Wladimir Struminski

Jerusalem (GTAI) - Die israelische Raumfahrtindustrie ist, trotz ihrer überschaubaren Größe, aktiv und technologisch fortgeschritten. Sie ist kooperationsorientiert, so dass sich auch deutschen Forschungs- und Geschäftspartnern Chancen zum Engagement bieten können. Gleichzeitig will die Branche in den kommenden Jahren expandieren, wobei eine stärkere Betonung ziviler Verwendungen angestrebt wird. Unterdessen arbeitet die Regierung an neuen Plänen, um die Raumfahrtbranche besser zu fördern.

Innerhalb von nur elf Monaten hat die israelische Raumfahrtindustrie einen zwar nicht selbstverschuldeten, aber deshalb nicht weniger schmerzhaften Rückschlag ebenso wie einen beachtlichen Erfolg erzielt. Anfang September 2016 war der vom israelischen Luft- und Raumfahrtkonzern Israel Aerospace Industries (IAI) gebaute Kommunikationssatellit AMOS 6 im kalifornischen Cape Canaveral bei einer Explosion der Trägerrakete zerstört worden. Anfang August 2017 konnten die Israelis dann erleichtert aufatmen: Eine Trägerrakete der Firma Arianespace brachte gleich zwei von der IAI gebauten Satelliten erfolgreich in die Erdumlaufbahn. Bei den beiden künstlichen Erdtrabanten handelt es sich um den Erderkundungssatelliten Venus und um den Erdbeobachtungssatelliten OPTSAT-3000.

Das Venus-Projekt, das gemeinsam von der israelischen Raumfahragentur (Israel Space Agency - ISA) und dem französischen Centre National d'Etudes Spatiales durchgeführt wird, soll an weltweit verstreuten Standorten zur Floraforschung und zum Umweltschutz beitragen. Der Satellit ist mit einer multispektralen Kamera ausgestattet, die gleichzeitig auf zwölf verschiedenen Wellenlängen Aufnahmen macht. Zugleich dient Venus der Erprobung eines israelischen Elektroantriebssystems. Ferner handelt es sich um den ersten von der ISA in Auftrag gegebenen Satelliten. OPTSAT-3000 wiederum wurde im Rahmen eines israelisch-italienischen Regierungsabkommens für das italienische Verteidigungsministerium gebaut. Die IAI hat dabei sowohl den Satelliten als auch Bodenkontrollsysteme hergestellt.

Israel Aerospace führt die Branche an

Die IAI ist der wichtigste Akteur der israelischen Raumfahrtindustrie und agiert auch als Integrator von Raumfahrtprojekten. Allerdings sind in der israelischen Raumfahrtindustrie, wie der Generaldirektor der israelischen Raumfahrtagentur, Avi Blasberger, gegenüber der GTAI erklärte, mehrere Dutzend Unternehmen tätig. Diese Zahl umfasst sowohl Hersteller von Hardware und Software für die Flüge als auch Hersteller von Bodenkontrollstationen.

Unter anderem waren am Bau von Venus zwei israelische Elektronik- und Wehrtechnikkonzerne - Rafael und Elbit - beteiligt. Es gibt aber auch andere Beispiele. So hat die israelische Firma StemRad Strahlungsschutzwesten entwickelt. Diese sollen 2018 bei einer Mondumrundung durch das Raumschiff Orion an Testpuppen erprobt und möglicherweise bei der ersten bemannten Marsmission der NASA in den dreißiger Jahren zum Einsatz kommen.

Die Prüfung der Schutzwesten findet im Rahmen einer Vereinbarung zwischen der ISA und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) statt. Das DLR ist im Rahmen des Orion-Projekts für die Erforschung der Effekte der Strahlung im tiefen Weltraum auf den menschlichen Körper zuständig. In einem anderen Fall werden israelische Gammastrahlendetektoren in ein Röntgenteleskop-Projekt der NASA integriert und könnten, so die Planung, ab 2022 auf der Internationalen Raumstation zur Anwendung kommen.

Kooperationsprojekte im Prüfungsstadium

Israels Raumfahrtbranche setzt auf internationale Zusammenarbeit sowohl auf Regierungsebene als auch auf privatwirtschaftlicher Basis. Im zwischenstaatlichen Bereich prüft Israel gegenwärtig, so Blasberger, mit Italien den Bau und Einsatz eines hyperspektralen Sensorsatelliten. Das Projekt befinde sich im Stadium der Durchführbarkeitsstudien. Weitere gemeinsame Projekte, die allerdings noch nicht öffentlich gemacht werden könnten, würden mit deutschen und französischen Partnern besprochen.

Ein besonderes Merkmal der israelischen Raumfahrtbranche ist die Tatsache, dass die israelische Raumfahrtagentur über keine eigenen Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen verfügt, sondern Forschung und Entwicklung durch Unternehmen und Hochschulen fördert. Mit diesen, so Blasberger, können auch ausländische Partner zusammenarbeiten.

Indessen spielt die ISA trotz mangelnder Eigenforschung eine entscheidende Rolle für die Entwicklung der israelischen Raumfahrtbranche. Zum einen geschieht das durch Koordination, zum anderen durch Förderung - und hierbei hofft die Agentur auf eine erhebliche Aufstockung ihres Haushalts. Im Jahr 2017 liegt der Etat der ISA bei 70 Millionen Neue Schekel (NIS), also rund 19 Millionen US-Dollar (US$). Für 2018 sind 80 Millionen NIS vorgesehen. Allerdings sind sich maßgebliche Stellen einig, dass das viel zu wenig ist.

Eine nach dem Verlust von AMOS 6 eingesetzte Expertenkommission verlangte im Dezember 2016 die unverzügliche, kurzfristige Aufstockung des Etats auf 110 Millionen NIS. Für die längere Frist wäre eine weitaus kräftigere Aufstockung des ISA-Haushalts erforderlich. Eine vom ehemaligen Staatspräsidenten Shimon Peres eingesetzte Kommission ermittelte einen Etatbedarf der ISA von 300 Millionen NIS - (rund 85 Millionen US$). Damit, so der ISA-Vorsitzende Yitzhak Ben Israel bei einer Parlamentsanhörung im Dezember 2016, könnte ein Wachstum der Raumfahrtindustrie von 3 bis 5 Prozent pro Jahr sichergestellt werden. Ihrerseits bereitet die Regierung einen Beschluss zu besserer Förderung der Raumfahrtindustrie vor.

Eine Expansion der Förderung und damit auch der Produktion würde der israelischen Raumfahrtindustrie nicht zuletzt Größenvorteile bescheren. Unter anderem könnten israelische Telekommunikationssatelliten billiger und damit wettbewerbsfähiger werden. Dies ist von großer Bedeutung, weil sich die Branche die besten Wachstumsaussichten auf dem Markt für die zivile Raumfahrt ausrechnet.

Mehrere Wege zu deutsch-israelischer Kooperation

Deutschen Unternehmen stehen mehrere Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit israelischen Partnern zur Verfügung. Im Rahmen deutsch-israelischer Regierungskooperation hänge der Zugang deutscher Unternehmen zu gemeinsamen Projekten, so ISA-Generaldirektor Blasberger, nicht von der israelischen Seite, sondern von den beteiligten deutschen Stellen ab. Darüber hinaus können auch privatwirtschaftliche Kooperationen vereinbart werden. Ebenfalls möglich sind Kooperationen zwischen israelischen und deutschen Partnern im Rahmen europäischer Programme, wie Horizon 2020, an denen Israel teilnimmt.

Schließlich sind ausländische Investitionen in israelische Firmen eine weitere Möglichkeit. Die bisher größte geplante ausländische Investition in die israelische Raumfahrtbranche war die Übernahme des Telekommunikationssatellitenbetreibers Spacecom durch die chinesische Beijing Xinwei Technology für 285 Millionen US$. Allerdings war die 2016 vereinbarte Übernahme an einen erfolgreichen Start von AMOS 6 geknüpft. Nach dem Verlust von Amos 6 zog sich der chinesische Käufer von der Transaktion denn auch zurück. Im August 2017 erklärte Spacecom jedoch, eine Anzahl anderer Unternehmen hätte bereits Interesse an der Übernahme der Firma oder an einer Fusion mit ihr bekundet.

(S.T.)

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