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03.06.2015

Japans Diskussion um zukünftigen Energiemix geht weiter

Erneuerbare Energien sollen einen größeren Anteil erhalten / Kernkraftambitionen bleiben / Von Michael Sauermost

Tokio (gtai) - Japan diskutiert hitzig über den idealen Energiemix für den Inselstaat im Jahr 2030. Die Kernkraft dürfte wieder eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Kosten sowie erforderliche CO2-Reduzierungsvorgaben werden als Argumente genannt. Unverändert bleiben die Ziele für erneuerbare Energien, die mehr als ein Fünftel der Stromversorgung sicherstellen sollen. Die Liberalisierung des Stromsektors dürfte die Nachfrage nach Ausrüstungen in diesem Bereich erhöhen. (Kontaktanschriften)

Trotz der Widerstände von Seiten der Bevölkerung und Umweltorganisationen zieht die Regierung in Erwägung, im Jahr 2030 wieder einen Anteil von etwa einem Fünftel der Stromversorgung durch Atomkraft sicherzustellen. Offiziell gab ein Expertenteam unter der Federführung des Ministry of Economy, Trade and Industry (METI) eine Zielvorgabe von 20 bis 22% am zukünftigen Energiemix bekannt. Dazu müssten etwa ein Dutzend der stillgelegten Kraftwerke wieder mobilisiert werden. Unter Beachtung der neuen Sicherheitsvorschriften ist dies möglich.

Der Anteil des durch erneuerbare Energien erzeugten Stroms soll sich in diesem Zeitraum auf eine Größenordnung von etwa 22 bis 24% mehr als verdoppeln. Die Solarenergie erhält in der für 2030 anvisierten Aufteilung 7,0%; knapp weniger als Wasserkraft mit 8,8 bis 9,2%. Unter den erneuerbaren Energien finden ferner Biomasse mit 4,6%, Windenergie mit 1,7% sowie Geothermie mit 1,0 bis 1,1% Berücksichtigung. Die fossilen Energielieferanten Erdöl und Erdgas könnten auf Anteile von jeweils über einem Viertel der gesamten Stromversorgung kommen.

Treibhausgasargumente für Kernkraft

Das METI geht davon aus, dass der angestrebte Energiemix die Treibhausgasemissionen Japans bis 2030 im Vergleich zu 2013 um 21,9% reduzieren könnte. Es sind sogar bis zu 26% im Gespräch. Für diese Zielmarke spielt das Festhalten an der Kernkraft eine entscheidende Rolle. Kritiker monieren, dass an Stelle von 2013 ein viel früheres Datum als Referenzgröße genommen werden sollte, wie dies auch in anderen Industrienationen praktiziert wird.

Ursprünglich hatte sich Japan darauf eingelassen, bis zu 80% der Treibhausgasemissionen von 2005 bis 2050 zu kappen. Vor der Dreifachkatastrophe von Fukushima hatte die japanische Regierung den Plan gehabt, den Kernkraftanteil im Energiemix von rund 29% im Fiskaljahr 2010 (1.4. bis 31.3.) auf 54% im Jahr 2030 zu erhöhen. Die damalige Zielvorgabe für "Renewables" belief sich allerdings ebenfalls schon auf über 20%. Die geplanten Atomkraftanteile sollten mit einer Reduzierung in den Segmenten Erdöl und Erdgas einhergehen.

Durch die Katastrophe im Jahr 2011 verschwand diese Zielvorgabe allerdings von der Agenda - nachdem von Atomkraft wieder verstärkt auf Kohle und Erdgas umgesattelt werden musste. Investitionen in neue Kohlekraftwerke werden wieder getätigt, auch wenn dabei umweltfreundlichere Technologien zum Einsatz kommen sollen. Diese Entwicklung ließ die Treibhausgasemissionen im Jahr 2013 um 1,2% gegenüber dem Vorjahr steigen.

Erneuerbare Energien unvorteilhaft in der Kostenbilanz

Der Kostenfaktor spreche ebenfalls klar für eine weitere Nutzung der Atomkraft, kalkuliert das METI. Eine Energieexpertengruppe des Ministeriums hatte in einer Studie errechnet, dass im Jahr 2030 eine Kilowattstunde Atomstrom für durchschnittlich 10,1 Yen (rund 0,08 Euro; 1 Euro = circa 129 Yen) erzeugt werden könne. Bei Kohle (12,9 Yen), Erdgas (13,4 Yen), Solarenergie (16,4 Yen), Windkraft (33,1 Yen), Geothermie (16,8 Yen) und Wasserkraft (27,1 Yen) lägen die Kilowattstundenkosten deutlich höher.

Bei diesem Kalkül seien die notwendigen Kosten der Kernkraftwerke für die künftig einzuhaltenden schärferen Sicherheitsstandards mit eingerechnet, heißt es. Im Durchschnitt veranschlagte das METI für erforderliche Sicherheitsmaßnahmen etwas mehr als 60 Mrd. Yen pro Anlage. Unberücksichtigt blieben jedoch weiterhin die Kosten für den erforderlichen Abbau, wird kritisiert. Bei den erneuerbaren Energien ist dagegen zu beachten, dass es sich um Durchschnittswerte handelt, und die tatsächlich entstehenden Kosten maßgeblich von der Projektgröße abhängen.

Kritiker bemängeln überdies, dass die Regierung einen landesweiten Stromverbrauch von 981 Mrd. kWh als Referenzgröße für 2030 zu Grunde lege. Dabei blieben ein zukünftig steigendes Energiebewusstsein der Bevölkerung und die Verwendung energieeffizienterer Geräte und Produktionsanlagen unberücksichtigt. Tatsächlich könnten Energieeinsparungen in den kommenden Jahren zu einem Stromverbrauch in der Größenordnung von etwa 700 Mrd. kWh führen.

Liberalisierung des Energiemarktes geplant

Wie das METI berichtet, haben immer mehr Unternehmen, die ursprünglich nicht dem Versorgungsbereich angehörten, begonnen, sich im Stromsektor zu registrieren. Auslöser dafür ist die bevorstehende Liberalisierung des Energiemarktes. Ab 2016 können neue Stromversorger für private und gewerbliche Kunden zugelassen werden. Für das Jahr 2014 meldete das Ministerium 468 Neuregistrierungen - mehr als zweieinhalb Mal so viele wie noch im Vorjahr. Einer Untersuchung des Marktforschungsinstituts Tokyo Shoko Research zufolge, handelt es sich dabei zur Hälfte um Produzenten im Ausrüstungssegment. Ein Großteil davon seien kleinere Firmen beziehungsweise Zulieferer aus dem Bereich der Solarenergie.

Generell ist im Bereich der "Renewables" eine Diversifizierung zu beobachten. Die Energiemarktöffnung erweitert die Geschäftsmöglichkeiten beträchtlich. Beispielsweise plant das Unternehmen Hitachi Zosen den Verkauf von durch Müllverbrennungsanlagen generierten Strom an verschiedene lokale Regierungsbezirke. Die Verbrauchsgenossenschaft Co-op Sapporo will ab dem Fiskaljahr 2016 in das Geschäft mit "grünem Strom" einsteigen.

Allerdings bleibt der Verkauf von umweltfreundlichem Strom in Japan weiterhin schwierig, nicht zuletzt auf Grund der hohen Durchleitungsgebühren, die für Privathaushalte rund 40% der Stromrechnung ausmachen können. Die großen Stromversorger wie Tepco beginnen, ihren Geschäftsbereich für erneuerbare Energien als separate Einheit zu organisieren.

Zukunftstechnologien sollen "Erneuerbare" fit machen

Problemlösungen im Bereich der Stromübertragung dürften im Zuge der Liberalisierung gefragt sein. Vor diesem Hintergrund einigte sich das schweizerische Unternehmen ABB mit Hitachi zum Jahresende 2014 auf eine technologische Partnerschaft. Gemeinsam sollen vor Ort Energieverteilungssysteme vertrieben werden. Dabei geht es unter anderem um die HGÜ-Anbindung (Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung) von erneuerbaren Energien.

Was das Problem der schwankenden Energieversorgung durch erneuerbare Energien angeht, wird fleißig an Zukunftslösungen gearbeitet. Beispielsweise öffnete das National Institute of Advanced Industrial Science and Technology (AIST) im Jahr 2014 das Fukushima Renewable Energy Institute. In einem Industriepark in der Provinz Fukushima werden neue Möglichkeiten der Fluktuationsbekämpfung bei der Solar- und Windstromerzeugung über Brennstoffzellen erforscht. Überschüssige Energie soll durch ein Elektrolyseverfahren für die Erzeugung von Wasserstoff verwendet und dann in Flüssigform zwischengelagert werden.

Weitere Fortschritte werden von Unternehmen im Bereich der drahtlosen Energieübertragung in Angriff genommen. Über neue Erfolge berichtet das Unternehmen Mitsubishi Heavy Industries (MHI) nach einer Testphase in einer Anlage der Kobe Shipyard and Machinery Works. Im Gegensatz zu der bislang meist verwendeten induktiven elektromagnetischen Übertragung will MHI mit Hilfe von Mikrowellen den Abstand zwischen Energiesender und -empfänger vergrößern. Diese kostenträchtigen Problemlösungen könnten sich allerdings erst in ferner Zukunft nachhaltig auf die effizientere Nutzung erneuerbarer Energien auswirken.

Kontaktanschriften

Japan Photovoltaic Energy Association (JPEA)

Shinbashi I-N Bldg., 2-12-17, Shinbashi, Minato-ku

Tokyo 105-0004, Japan

Tel.: 00813 / 62 68 85 44; Fax: -62 68 85 66

Internet: http://www.jpea.gr.jp

The Japan Wind Power Association (JWPA)

Kamichi Bldg 3F, 3-15-3, Nishishinbashi, Minato-ku

Tokyo 105-0003

Tel.: 00813 / 57 33 22 88

Internet: http://jwpa.jp/index_e.html

NEW ENERGY FOUNDATION

Sumitomo Fudosan Higashi-Ikebukuro Bldg.,

2-13-3, Higashiikebukuro,Toshima-ku

Tokyo 170-0013

Tel.: 00813 / 68 10 03 60; Fax: -39 82 51 01

Internet: http://www.nef.or.jp

New Energy and Industrial Technology Development Organization (NEDO)

Internet: http://www.nedo.go.jp/english/

(S.M.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Japan Strom-, Energieerzeugung, allgemein, Stromübertragung und -verteilung

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