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17.05.2018

Kaufkraft und Konsum - Russland

Steigende Vergabe von Verbraucherkrediten belebt den Einzelhandel / Von Hans-Jürgen Wittmann (April 2018)

Moskau (GTAI) - Russische Verbraucher geben wieder mehr Geld aus. Günstigere makroökonomische Rahmenbedingungen und das verbesserte Konsumklima sorgen für eine steigende Nachfrage im Einzelhandel. Viele Russen schätzen ihre materielle Situation etwas besser ein als im Vorjahr und tätigen aufgeschobene Anschaffungen. Zur Finanzierung werden verstärkt Kredite aufgenommen. Der Preis bleibt das entscheidende Kaufkriterium. Einzelhändler bieten Sonderangebote, Schlussverkäufe und Finanzierungsmodelle an.

Kaufkraft: Verfügbare Einkommen stabilisieren sich

Die Realeinkommen werden 2018 um etwa 2,3 Prozent steigen, schätzt das Wirtschaftsministerium. Arbeitsminister Maxim Topilin rechnet gar mit einem Plus von etwa vier Prozent - das wäre der größte Zuwachs seit vier Jahren. Auch die verfügbaren realen Geldeinkommen könnten erstmals seit dem Ende der Krise wieder zulegen. Für Lohnerhöhungen stehen zusätzliche Mittel von 1,5 Milliarden Euro im föderalen Haushalt bereit. Die Regionen erhalten weitere 3 Milliarden Euro.

Nach Angaben des Föderalen Statistikdienstes Rosstat betrug 2017 das durchschnittliche Einkommen pro Kopf 31.475 Rubel (etwa 477 Euro, 1 Rubel = 0,015 Euro), ein Plus von 2,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Jedoch sanken im gleichen Zeitraum die verfügbaren realen Geldeinkommen um 1,7 Prozent. Jeder sechste Beschäftigte kann nicht von seiner Hände Arbeit leben. Das Analysezentrum der russischen Regierung ermittelte, dass zwölf Millionen Arbeitnehmer ihr Dasein unterhalb des Existenzminimums fristen.

Dank erfüllter Versprechen aus der Präsidentschaftswahl steigen seit dem 4. Quartal 2017 vor allem bei Staatsbediensteten sowie Beschäftigten im Gesundheits- und Bildungssektor die Gehälter. Die Lohnerhöhungen sollen Impulse für den Konsum setzen.

Indikatoren zur Kaufkraft in Russland
Indikator Jahr 2017
Verfügbares Einkommen (in Prozent) -1,7
Sparquote (in Prozent vom verfügbaren Einkommen) 9,3*
Verbraucherpreise (Veränderung zum Vorjahr in Prozent) 2,5
Devisenkurs Rubel/Euro (Jahresdurchschnitt) 1/0,015
Einwohner (in Millionen) 146,8

*) Angabe für das 3. Quartal 2017

Quellen: Föderaler Statistikdienst Rosstat, Recherchen von Germany Trade & Invest

Konsumausgaben: Kunden achten auf Sonderangebote und Rabatte

Der Einzelhandel kann sich 2018 voraussichtlich über ein Umsatzplus von etwa 2,9 Prozent freuen, schätzt das Wirtschaftsministerium. Schon 2017 war die Inlandsnachfrage ein wichtiger Wachstumstreiber für das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das real um 1,5 Prozent zulegte. Der Umsatz im russischen Einzelhandel verzeichnete im vergangenen Jahr ein Plus von 1,2 Prozent auf 452,1 Milliarden Euro. Die Ausgaben für importierte Waren stiegen um 2,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der stabilere Rubelkurs machte Einfuhren wieder erschwinglicher.

Die Rahmenbedingungen für neue Anschaffungen sind günstig wie nie: Die Inflation ist mit 2,4 Prozent im 1. Quartal 2018 im Vergleich zu den Vorjahren historisch niedrig. Ziel der russischen Zentralbank für 2018 ist eine Inflation von maximal vier Prozent. Den Leitzins senkte die Zentralbank auf - für russische Verhältnisse geringe - 7,25 Prozent. Aufgrund der Auswirkungen der US-Sanktionen vom 6. April 2018 sind vorerst keine weiteren Zinsschritte bis 15. Juni 2018 geplant.

Entwicklung der monatlichen Konsumausgaben pro Kopf (in Euro) 1)
Ausgaben pro Kopf 2) Veränderung (in %) 3)
2014 194,8 6,7
2015 195,9 0,6
2016 214,2 9,3
3. Quartal 2017 270,5 4,8

1) laufende Preise;

2) EZB-Durchschnittswechselkurse 2014: 1 Euro = 50,95 Rubel, 2015: 1 Euro = 68,07 Rubel, 2016: 1 Euro = 74,14 Rubel, 3. Quartal 2017: 1 Euro = 64,99 Rubel;

3) gegenüber Vorjahr

Quellen: Föderaler Statistikdienst Rosstat, Recherchen von Germany Trade & Invest

Die Nachfrage nach Lebensmitteln blieb 2017 stabil. Hohe Zuwachsraten verzeichneten Kindernahrung mit 7,8 Prozent und Getränke mit 2,5 Prozent. Auch bei Convenience-Food stieg der Absatz. Konditoreiwaren erfreuen sich größerer Beliebtheit. Der kalte Sommer trieb viele Russen statt auf die Datsche in Restaurants und Cafes, die sich über 2,5 Prozent mehr Umsatz freuten. Auch Fastfood findet vor allem unter der jüngeren Generation immer größeren Anklang.

Der Markt für Mode feierte 2017 erstmals nach der Krise leichte Zuwächse. Nach Angaben der Fashion Consulting Group legte der Umsatz im preisgünstigen Massensegment um etwa 1 Prozent und im hochpreisigen Segment um etwa 3 Prozent zu. Vor allem Sport- und Freizeitkleidung sowie Street Ware für Jugendliche waren gefragt. Den Kauf von Bekleidung planen Russen mittlerweile im Voraus. Spontankäufe sind eher die Ausnahme. Dagegen steigt die Zahl der Schnäppchenjäger bei Schlussverkäufen. Der Absatz von Schuhen stieg 2017 in der Menge um 21,4 Prozent auf 330 Millionen Paar und im Wert um 30,7 Prozent auf 20,7 Milliarden Euro. Das mittlere und das Hochpreissegment verzeichneten gute Zuwächse.

Russische Kunden leisten sich wieder Annehmlichkeiten des nicht alltäglichen Bedarfs. Im Jahr 2017 legten die Verkäufe von Haushaltstechnik und Elektronik um 5 Prozent zu. Besonders begehrt waren Mobiltelefone. Nach Angaben des Elektronikeinzelhändlers MVideo gingen 2017 etwa 28 Millionen Smartphones im Gesamtwert von 5,7 Milliarden Euro über die Ladentheken. Das entspricht einem wertmäßigen Zuwachs von 15 Prozent und einem mengenmäßigen Plus von 5 Prozent. Möglich machen dies attraktive Finanzierungsangebote seitens der Einzelhändler. Für 2018 ist ein weiterer Anstieg der Verkäufe zu erwarten.

Russische Autohändler feierten 2017 das Ende der Absatzkrise. Die Verkäufe legten um 11,9 Prozent auf knapp 1,6 Millionen neue Pkw und leichte Nutzfahrzeuge zu. Zu Jahresbeginn 2018 setzt sich dieser Trend fort. Die Überalterung des Fuhrparks und günstige Finanzierungsmöglichkeiten dank der staatlichen Absatzförderprogramme sind entscheidende Kaufargumente. Doch im Zuge der Anhebung der Entsorgungsabgabe auf Kfz ist in 2018 mit steigenden Preisen für Neuwagen zu rechnen. Das könnte sich im Jahresverlauf negativ auf die Absatzzahlen auswirken.

Reiseanbieter konnten sich 2017 über steigende Zahlen freuen. Sowohl der Inlands- als auch der Auslandstourismus legten zu. Einen wichtigen Beitrag leistete die Senkung der Ticketpreise vieler Fluggesellschaften. Inlandsflüge wurden durchschnittlich 7,5 Prozent, Auslandsflüge sogar 12,3 Prozent günstiger angeboten als 2016.

Struktur der Konsumausgaben pro Kopf im Jahr 2016
Ausgaben pro Monat pro Kopf in Euro 1) Anteil (in %)
Nahrungsmittel 75,7 32,3
Kleidung und Schuhe 19,7 9,2
Wohnraum, Energie und Wasser 24,2 11,3
Möbel, Haushaltsgeräte 12,6 5,9
Medizinische Versorgung 7,9 3,6
Verkehr 28,5 13,3
Telekommunikation 6,8 3,3
Kultur, Freizeit 14,4 6,7
Bildung 1,7 0,8
Gastronomie, Hotels 7,5 3,5
Sonstige Konsumausgaben 15,2 7,0

1) Durchschnittswechselkurs 2016: 1 Euro = 74,14 Rubel

Quellen: Föderaler Statistikdienst Rosstat, Recherchen von Germany Trade & Invest

Konsumverhalten: Verbraucher konsumieren auf Kredit

Viele russische Verbraucher sind müde vom krisenbedingten Konsumverzicht der letzten Jahre und holen aufgeschobene Anschaffungen nach. Dabei bleibt der Preis das Kaufkriterium Nummer eins. Nach Angaben des Forschungsinstituts Romir war 2017 jeder dritte Kunde auf der Suche nach Sonderangeboten. Einzelhändler bieten attraktive Finanzierungsmodelle, Rabattaktionen und Schlussverkäufe an. Aber: Russische Verbraucher konsumieren verstärkt auf Pump. Im Jahr 2017 stieg die Vergabe von Verbraucherkrediten um 20,9 Prozent auf 15,2 Millionen.

Die Sparquote ging 2017 um drei Prozentpunkte auf 8,1 Prozent zurück. Zwischen August und Dezember 2017 sank nach Angaben der Agentur InFom der Anteil der Russen mit Sparguthaben von 39 auf 31 Prozent, während der von Personen ohne Rücklagen von 59 auf 67 Prozent stieg. Etwa 15 Prozent der Russen müssen drei Kredite, 9 Prozent sogar vier oder mehr Kredite gleichzeitig bedienen. Vor allem in strukturschwachen Regionen steigt die Verschuldung rapide an. Nicht nur Immobilien, Autos oder Smartphones werden mittels Kredit finanziert, sondern auch alltägliche Gebrauchsgegenstände wie Schuhe.

Starke Zuwachsraten verzeichnet der Onlinehandel. Nach Angaben des Verbands der Internethändler (AKIT) stiegen die Verkäufe 2017 um etwa 20 Prozent auf 16,6 Milliarden Euro. Neben Gebrauchsgütern wie Kleidung und Schuhen werden auch Haushaltsgeräte, Elektronik und Reisen online bestellt. Daneben dürften die Verkäufe von Schmuck zulegen, da der Internethandel mit Juwelierwaren im Sommer 2018 legalisiert werden soll. Nach Angaben von AKIT bestellten Kunden 2017 Schmuck für etwa 85 Millionen Euro online, eine Steigerung um das Dreifache im Vergleich zu 2016.

Der grenzüberschreitende Onlinehandel blüht ebenfalls. Im Jahr 2017 wurden über 300 Millionen Sendungen nach Russland verschickt; das entspricht einem Marktanteil von etwa 30 Prozent. Die Mitgliedsstaaten der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) einigten sich im Februar 2018 darauf, die derzeitige Zollfreigrenze von 31 Kilogramm und 1.000 Euro ab 1. Januar 2019 auf 500 Euro zu senken und ab 1. Januar 2020 auf 200 Euro zu reduzieren. Dies könnte Auswirkungen auf Bestellungen höherpreisiger Waren aus Europa, nicht jedoch aus China haben. Nach Angaben von AKIT beträgt der durchschnittliche Bestellwert einer Sendung aus China 14 Euro.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkung
Rosstat http://www.gks.ru Föderaler Statistikdienst
Analysezentrum der Regierung der Russischen Föderation ac.gov.ru Staatliches Analysezentrum
GfK Russia http://www.gfk.com/ru Marktforschungsinstitut
Euromonitor International http://www.euromonitor.com/russia Marktforschungsinstitut

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Konsum / Konsumentenverhalten

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